Archiv der Kategorie: Mein Senf

„I Won’t Back Down“ – Tom Petty ist tot.


22179828_10155391539449760_4603470489495573973_o

Learning To Fly„. „Free Fallin‘„. „I Won’t Back Down„. „Into The Great White Open„. „American Girl“ – Wenn man so will, war Thomas Earl „Tom“ Petty der Konsens-Rocker, der – aufrecht, aufrichtig und Zeit seiner seit den Siebzigern andauernden Karriere stets ohne sich zu verstellen – jeden da abzuholen wusste, wo man sich gerade in den eigenen Musikvorlieben tummelte: die Alternative-Rocker, die Indie- wie Grunge-Kids, die sanften Americana-Schwofer, die Heartland-Rock-Puristen, die Redneck-Rowdys, ja selbst die Mal-eben-zufällig-durchs-Radio-Zapper. Mit seiner Begleitband, den Heartbreakers, Ende der Achtzigern auch mit einer Art „Folkrock-Supergroup“, den Traveling Willburys, zu der auch Bob Dylan, George Harrison, Roy Orbison und Jeff Lynne gehörten, bekam er irgendwann jeden unter seinen musikalischen Hut – 80 Millionen verkaufte Tonträger irren nicht.

Bei alledem selten ins Beliebige hinein zu rutschen, ist schon eine Kunst, die man Tom Petty zugute halten muss. Ebenso wie die Tatsache, dass der Mann, der vom US-amerikanischen „Rolling Stone“ auf Rang 91 der „100 größten Musiker“ sowie auf Rang 59 der „100 besten Songwriter aller Zeiten“ gelistet wurde, stets zu den „nicest guys“ im nicht selten haifischbeckengroßen Rock’n’Roll-Zirkus gezählt werden darf – quasi der Dave Grohl, als an Dave Grohl noch gar nicht zu denken war.

Am gestrigen Montag erlitt der Musiker in seinem Haus in Malibu, Kalifornien einen Herzstillstand und verstarb wenig später „im Kreis seiner Familie, Bandkollegen und Freunde“ in einem Krankenhaus in Santa Monica. Petty, der vor wenigen Tagen noch ein Konzert im Hollywood Bowl in Los Angeles gegeben hatte, sei mit 66 Jahren „viel zu früh gestorben“, erklärte die Familie – wer mag das bezweifeln…

Mach’s gut, Tom.

22141019_10209522343605730_4568169743336079357_n

Illustration: Oli Hilbring

Gelungene Nachrufe auf Tom Petty findet man etwa bei den Kollegen von welt.de oder zeit.de. Lesenswert sind auch die Worte von Fleetwood-Mac-Sirene Stevie Nicks, seit langer Zeit eine der engsten Freundinnen Pettys, welche die Sängerin für die „Rolling Stone“-Reihe der „100 größten Musiker“ verfasste.

Und wenn’s all die Gedanken schon nicht hinreichend beschreiben, bleibt immer noch Tom Pettys Musik…

 

 

 

Rock and Roll.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Bei Hitlers brennt noch Licht“ – bedrückende Zeilen von Simon Pearce


brennt noch licht

Simon Pearce ist ein in München lebender deutscher Schauspieler, Synchronsprecher und Comedian – deutscher geht’s kaum, möchte man meinen. Und trotzdem wurde Pearce seiner Hautfarbe wegen bereits seit frühester Kindheit mit Themen wie Rassismus oder Intoleranz konfrontiert, wie er kürzlich auch in einem Interview zu seinem neuen Buch „So viel Weißbier kannst gar ned trinken: Wie ich als Schwarzer in Bayern groß geworden bin“ erzählte. Da mag sich die bayrische Landeshauptstadt noch so weltgewandt geben…

Nicht nur deshalb, sondern der aktuellen Stimmungsschieflage in Deutschland insgesamt wegen verfasste Pearce, der die ganze Sache als Comedian glücklicherweise auch mit einem lachenden Auge zu nehmen weiß, bereits Ende 2016 ein Gedicht mit dem Titel „Bei Hitlers brennt noch Licht“, welches leise, leise, jedoch auf bedrückende Art und Weise an die Lyrik Erich Kästners im Vorfeld des NS-Regimes erinnert…

 

Bei Hitlers brennt noch Licht.
Es ist nie ganz erloschen,
nur eine kurze, ruhige Zeit war’s Fenster fest verschlossen.
Nur ab und zu, ganz schüchtern fast, kaum hörbar, ein Gewisper…
Man nahm’s kaum wahr und dachte sich: „Was soll’s? Da ist noch Licht an.“
Bei Hitlers brennt noch Licht – Jetzt treten sie ans Fenster.
Jetzt sieht man sie, jetzt hört man sie …
das sind keine Gespenster.
Ganz stolz und lautstark steh’n sie da, entzünden und krakeelen.
Und ihre Drohung ist ganz klar: „WIR GEHEN WIEDER WÄHLEN!“
Bei Hitlers brennt noch Licht.
Vernunft wo bist Du? Wo?
Komm‘ raus und hilf … und schalt‘ es aus.
… sonst brennt es lichterloh.

 

 

Natürlich sind Themen wie Rassismus, Intoleranz, beschränktes Denken und Dummheit kein explizit bajuwarisches Problem. Im Gegenteil: sieht man sich die vorerst amtlichen Wahlergebnisse an, so wird die AfD in meiner alten sächsischen Heimat mit besorgniserregenden 27 Prozent stärkste Kraft.

*hust*

Ich entschuldige mich nun bereits im Voraus für mein Fehlen an Contenance, aber: Geht’s noch?!? Ich verstehe ja, dass ihr – sorry, aber das kommt von Herzen – Trottel und Vollpfosten, die ihr „der Merkel“ eins auswischen wollt, nun eure Chance gekommen saht, aber hat sich auch nur ein Drittel von euch Wutsparlämpchen einmal das total verquere Wahlprogramm der AfD durchgelesen? Mal ehrlich (und: ja, euch bleibt in diesem Fall meine Polemik nicht erspart): verstehendes Lesen – funktioniert das überhaupt bei euch? Ja? Hm… Ihr wolltet doch mit euren vier zu zwei Kreuzen geformten Strichen bestimmt nur „ein Zeichen setzen“, habe ich recht? Wenn demnächst wieder irgendwelche Flüchtlingsheime brennen oder stramme Hinterlandskameraden mit ihren blank polierten Köpfchen zum Fackelumzug ansetzen, dann war das „ja alles nicht so gewollt“, stimmt’s? Natürlich, ist schon klar – es ging ja bei dieser Wahl um Frisuren, Drei-Tage-Bärte, um stylische, Vertrauen erweckende Schwarz-weiß-Bilder und Urlaubsfotos. „Wohlfühl-Mutti“. „Protest-AfD“. Um einen „Denkzettel“

Und obwohl ich weiß, dass dies am Ende in vielen Fällen die Falschen treffen würde, und mir mein Herz bei im Grunde pauschalen Aufforderungen wie dieser blutet, so bitte ich doch all jene, die in den nächsten vier Jahren einen Trip in so schöne, eigentlich in vielfacher Hinsicht lohnenswerte Städte wie Leipzig oder Dresden planen oder geplant haben: Bitte seht davon ab. Nehmt euch meinetwegen Berlin oder Hamburg, meinetwegen auch Köln oder Stuttgart oder welche deutsche Stadt auch immer vor. Lasst Sachsen mal rechts liegen. Die Menschen da scheinen aktuell ganz andere Problemchen zu haben und mit einem Ausländeranteil von sage und schreibe knapp vier Prozent bereits überfordert zu sein. Wer sich Brett-vorm-Kopf-Maximen wie „Fremde sind gut, solange sie Fremde bleiben“ schon so zu Herzen nimmt, der verdient es leider nicht anders, als für die kommenden vier Jahre mit all den Gaulands, Petrys, von Storchs, Weidels oder Höckes in seiner eigenen braunen Gesinnungssoße zu schmoren. Soll sich doch einer wie Alexander Gauland „unser Volk“ und „unser Land“ unweit der polnisch-tschechischen Grenze zurück holen (das hat ja schließlich vor knapp 80 Jahren schon einmal so prima funktioniert) und im sächsischen Hinterland, gemeinsam mit all jenen Gestrigen, die meinen, „auf der Strecke geblieben“ zu sein, seinen Stolz auf deutsche Soldaten und aufs „deutsche Vaterland“ ausleben. Ganz ehrlich: Haltet den Boykottieren den Spiegel vor und lasst sie ihre häßliche Schaum-vorm-Mund-Fratze einmal selbst zu Gesicht bekommen. Bastelt Schilder auf denen steht: „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei AfD-Wählern!“ – auch das war ja anno dazumal ein Ding von all jenen, von denen sich die AfD-Spitze – wohl aus guten Gründen – nicht klar distanzieren möchte.

Ich schreibe hier klar und entschieden, dass die AfD für mich lediglich einen Haufen von hasserfüllten, gestrigen, profilierungsgeilen Möchtegern-Politikern darstellt. Dass keiner von ihnen „dumm“ ist und der Großteil einen Doktortitel inne zu haben scheint, macht die ganze Sache keineswegs besser (ob sich hier Querverweise zu zweifelhaften „Persönlichkeiten“ wie Hermann Göring oder Joseph Goebbels, darf jeder gern selbst entscheiden). Auch Äußerungen seitens Herrn Gaulands am gestrigen Wahlabend, dass man in den kommenden vier Jahren die amtierende Bundeskanzlerin „jagen“ wolle, verbieten sich – da lasse sich weder Opas stattliche 78 Lenze noch die Euphorie des Wahlergebnisses als Entschuldigung gelten. In einer Demokratie, die die AfD ja im Wahlkampf mehrfach vehement auch für sich eingefordert hat, „jagt“ man keine Menschen – weder metaphorisch, noch verbal, noch politisch, noch sonstwie. Punkt.

Sollten irgendwem meine – freilich recht deutlichen – Zeilen nicht ins Gemüt passen, so würde ich mich freuen, wenn er, sie oder es diesem Blog fortan fern bleibt. Man gestehe mir die Wut zu, die manch einer dieser „Protest-Wähler“ beim Setzen seiner zwei Kreuzchen hatte – auch wenn ich, das gebe ich an dieser Stelle Frank und frei zu, nach langer und reichlicher Überlegung nicht gewählt habe. Die Wege stehen euch freilich frei: Entzieht diesem Blog euer „Like“, löscht ihn aus eurer Lesezeichenliste, „entfreundet“ mich gern auf Facebook (falls ihr mich da persönlich drin haben solltet). Oder – und das muss ein Mensch in einer Demokratie ab können – sucht das konstruktive Gespräch mit mir.

Noch einmal, in aller Deutlichkeit: Die AfD steht für mich vor allem für drei Dinge: gestrige Gedanken, verachtenswerten Populismus und Hass. Und gerade Hass – beziehungsweise negative Gefühle gegenüber alles und jedem – bringt keinen von uns voran, sondern Politiker wie Gauland, Weidel und Co. zunächst einmal nur in den Bundestag (wo sie sich in den kommenden vier Jahren – so bleibt zu hoffen – parteiintern aufreiben werden). Vor vielen Jahren wurde schon einmal „Protest“ gewählt und Hass geerntet. Und obwohl ich fest daran glaube, dass sich Geschichte wiederholt, so hoffe ich doch, dass es dieses Mal nicht so sein wird…

Peace. Over and out.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Soul Of America“ – Charles Bradley ist tot.


img1443466885192-168-1-108

„It took 62 years for somebody to find me, but I thank God. Some people never get found…“

Der Mann war mit einer der größten Soul-Stimmen unserer Zeit gesegnet, und um ein Haar hätte kaum jemand Notiz davon genommen. Doch das Schicksal, sein Schicksal, wollte es am Ende anders…

„I didn’t know who James Brown really was but I wanted to go see. When they called James Brown on stage, I’ll never forget they had this purple light and yellow light – my two favorite colors. And when they introduced him, he came flying on the stage on one leg and I said, What in the hell is this?“

1401x788-cb-1_byshayan-asgharnia_remedialmediallc

Viele Jahre lang spielte der 1948 in Gainesville, Florida geborene Charles Bradley nur im Hintergrund, arbeitete vor seiner zwar späten, jedoch absolut verdienten Musikkarriere als Küchenchef in einer Psychiatrie. Unter dem Namen „Black Velvet“ spielte der Mann, dem der große James Brown als offensichtliches Idol diente, lange Zeit in einer – Sie ahnen es bereits – James-Brown-Tribute-Show in Brooklyn mit. Dort wurde Bradley vom Retro-Soul-Label Daptone Records entdeckt, konnte schließlich 2002 seine erste Single „Take It As It Come“ und einige Zeit später, im Jahr 2011, sein gefeiertes Debütalbum „No Time For Dreaming“ veröffentlichen. Selbiges erlaubte dem Sänger, auf ausgedehnte Tournee zu gehen. Der Film „Charles Bradley: Soul Of America“ (2012, von ANEWFRIEND bereits hier vorgestellt) dokumentiert die wundersame Geschichte Bradleys sowie dessen erste große Konzertreihe und machte ihn endgültig berühmt.

In den Jahren darauf brachte Charles Bradley, dem durch dessen energetische, inbrünstige Performances der Beiname „Screaming Eagle of Soul“ verliehen wurde, mit seiner Begleittruppe, der Menahan Street Band, die ebenfalls von Kritikern wie vom Publikum gefeierten Nachfolgealben „Victim Of Love“ (2013) und „Changes“ (2016) auf den Markt und spielte auch Konzerte in Europa, wie etwa beim Roskilde Festival in Dänemark, dem Jazz Fest Wien oder dem Cactus Festival im belgischen Brügge im vergangenen Jahr (wo ich ihn live erleben durfte).

Im September hatte der Musiker alle  angesetzten Konzerte seiner Tour gestrichen, als bei ihm Krebs in der Leber nachgewiesen wurde. Zuvor hatte er erfolgreich eine Magenkrebserkrankung überstanden, fühlte sich aber in den letzten Monaten äußerst schwach. „Ich liebe euch alle, ihr habt meine Träume wahr werden lassen“, teilte Bradley damals seinen Fans mit und gab sich optimistisch, was seine Genesung angeht. „Wenn ich wieder da bin, dann werde ich wieder stark sein, mit Gottes Liebe. Wenn Gott es will, kehre ich bald wieder zurück.“

Dieser Wunsch sollte sich jedoch leider nicht erfüllen. Charles Bradley starb heute im Alter von 68 Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Kreise seiner Familie und Freunde sowie einiger Musiker, mit denen er in den letzten Jahren zusammengearbeitet hatte, und wird fortan, gemeinsam mit seinem großen Idol, dem „Godfather of Soul“ James Brown, die Wände im Soul-Himmel erbeben lassen.

Mehr Seele in den Soul legen konnte keiner – und das ist das wohl größte Kompliment, dass man einem beinahe übersehenen Talent wie ihm machen durfte…

Mach’s gut, Mr. Charles Bradley.

 

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Der „deutsche Steve Albini“ – Guido Lucas ist tot.


348af36de5

Ein herber Verlust für die hiesige Indie-Szene: Guido Lucas, Besitzer des Blubox Tonstudios in Troisdorf, Mitte der Neunziger Gründer des Indie-Labels bluNoise Records und vor allem selbst auch Musiker aus Leidenschaft, ist überraschend im Alter von 53 Jahren gestorben.

Lucas hatte unter anderem Platten von Blackmail, Muff Potter, Donots, Urlaub in Polen, Thomas D, Union Youth oder Harmful produziert und selbst von 2000 bis 2008 als Bassist bei den Indierockern Scumbucket sowie bei Ken, Genepool und weiteren Truppen wie Les Hommes Qui Wear Espandrillos gespielt. Seiner direkten, nicht selten knochentrockenen Produktion wegen wurde der Rheinländer, den man gut an seinem breiten Schnauzer und der altmodischen Hornbrille erkennen konnte, nicht selten als „deutscher Steve Albini“ bezeichnet, sein Zögling Kurt Ebelhäuser (Blackmail, Scumbucket) nannte ihn einst ehrfürchtig den „deutschen Indie-Pabst“.

Zu den Umständen wurde zunächst nichts bekannt, Lucas‘ Tod scheint aber selbst für enge Freunde und langjährige Weggefährten, die die Nachricht in den sozialen Medien verbreiteten, völlig unerwartet gekommen zu sein.

Mach’s gut, Guido.

 

Ein kurzes Videoportät über Guido Lucas aus dem Jahr 2013 könnt ihr euch hier anschauen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zitat des Tages


moby quote

(gefunden bei Facebook)

 

Moby bringt das, was in der vergangenen Nacht (mitteleuropäischer Zeit) – passenderweise in einer Arena in Las Vegas, dem „Disney Land für Erwachsene“ – wortwörtlich über die Boxbühne gegangen ist, wieder einmal herrlich charmant auf den Punkt.

Obwohl der „Millarden-Kampf“ zwischen Floyd Mayweather jr. und Conor McGregor bereits im Vorfeld nur am Rande etwas mit dem Boxsport als solchem zu tun hatte. Der eine (Mayweather) ist im Grunde ein Zeit seiner Karriere ungeschlagener, sich nun jedoch – eigentlich – im Ruhestand befindlicher Weltergewichtsboxer, der andere (McGregor) abseits dieses „Money Fights“ Mixed-Martial-Arts-Käfigkämpfer. Großmäuler mit Hang zur medialen Bling-Bling-Dekandenz sind sie beide. Und da sich der Mensch nicht erst seit dem „alten Rom“ an solchen Showkämpfen zwischen zwei ebenso selbstgerechten wie selbstverliebten „Gladiatoren“ erfreut und die Verpackung schon immer wichtiger als der schnöde Inhalt war (siehe auch Donald Trump etc. pp.), nahmen sowohl der US-Amerikaner als auch der Ire die Gelegenheit, noch einmal so richtig Kasse zu machen, an (die Börse belief sich, abseits des recht uninteressanten Ausgangs, auf schlappe etwa 300 Millionen Dollar für Mayweather und etwa 100 Millionen für McGregor) und stiegen für einen Showkampf im den Boxring, der mit dem Boxsport als solchem in etwa so viel zu tun hat wie ein Pornofilm mit echter Liebe. Dass beide Kontrahenten gewiefte Medienprofis sind, die sich im Vorfeld bei jedweder Gelegenheit die Beleidigungs- und Drohgebärdenbälle zuspielten? Gehört zur Cockfight-Show. Wer mag es ihnen bei diesen schnell verdienten Summen verdenken – it’s all about the money, money, money

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Who cares if one more light goes out?“ – Chester Bennington ist tot.


20155992_1355622131221434_7019139219057796853_n

Foto: gefunden bei Facebook

„In cards and flowers on your window
Your friends all plead for you to stay
Sometimes beginnings aren’t so simple
Sometimes goodbye’s the only way…“

(aus „Shadow Of The Day“ von Linkin Park)

 

Chester Bennington ist tot. Uff. Durchschnaufen.

Eine Nachricht wie diese trifft einen – zumindest als rock-affinen Musikhörer – doch recht unvorbereitet. Wie schon der Tod von Chris Cornell im Mai (diese Hiobsbotschaft traf mich persönlich freilich noch um Einiges heftiger). Und: Klar, nachdem in den letzten Jahren bereits Größen wie David Bowie, Lemmy Kilmister, Scott Weiland, Leonard Cohen oder Prince den Orbit dieser (Musik)Welt verlassen haben, rechnet man von nun an mit so ziemlich jeder Schlagzeile (obwohl hier natürlich nichts herauf beschworen werden soll): „Paul McCartney ist nun bei John und George.“, „Mick Jagger – Herzinfarkt bei Gruppengroupieorgie“, „Keef – Halswirbelbruch beim erneuten besoffenen Palmensturz“. Aber: Chester Bennington? Der Linkin-Park-Fronter? Kann doch wohl nur eine dieser digitalen News-Enten sein? Ein Hoax? Ist es leider nicht.

„Der Sänger der US-Rockband Linkin Park, Chester Bennington, ist im Alter von 41 Jahren gestorben. Möglicherweise handele es sich um einen Suizid, sagte der zuständige Rechtsmediziner Brian Elias am Donnerstag in Los Angeles. Bennington wurde den Angaben zufolge tot in seinem Haus bei Los Angeles gefunden,“ wie die „Welt“ nüchtern über etwas Tragisches, etwas Trauriges berichtet.

Auch der gestrige Tag mag wohl eine gewisse Symbolik haben, schließlich hätte am gestrigen 20. Juli Chris Cornell, mit dem Bennington eine innige Freundschaft verband (so war Bennington etwa der Patenonkel von Cornells Sohn Christopher-Nicholas) und dessen Tod den Linkin-Park-Frontmann tief traf, seinen 53. Geburtstag gefeiert. Perfider Fakt? Nun es gäbe da noch mehr: So gab Bennington auf Chris Cornells Beerdigung eine bewegende Version des Leonard-Cohen-Evergreens „Hallelujah“ zum Besten, ein Song, welcher bekanntlich durch die Variante des 1997 auf tragische Weise ertrunkenen Jeff Buckley zum Welthit wurde. Und: Chester Bennington war für kurze Zeit, zwischen 2013 und 2015 sowie für eine EP und einige Konzerte, Frontmann der Stone Temple Pilots, deren eigentlicher Sänger Scott Weiland im Dezember 2015 das Zeitliche segnete. Gossip? Klar. Tragisch, alles? Sowas von.

Doch was verbindet mich selbst mit Chester Bennington? Nun, zunächst einmal nicht viel. Linkin Park waren, seit ihrem Durchbruch mit dem Debütalbum „Hybrid Theory“ im Jahr 2000, irgendwie eine Band, die immer da war. Für mich selbst waren die sechs Kalifornier mit ihrem NuMetal-Sound zwar nur mäßig interessant (der Musikstil war durch Vorgänger-Bands wie KoRn oder Limp Bizkit schon damals bis zum letzten Endgegner durchgespielt). Ein alter Freund erinnerte mich heute via Facebook an eine Begebenheit bei „Rock im Park“ 2003, als Linkin Park ihren Auftritt absagen mussten und stattdessen Placebo deren Headliner-Platz einnahmen (was uns damals sehr entgegen kam). Trotz alledem muss man neidlos anerkennen, dass Linkin Park zumindest bis zum 2007 erschienenen dritten Album „Minutes To Midnight“ den ein oder anderen feinen Hookline-Song zustande gebracht haben: „Crawling„, „In The End„, „Breaking The Habit„, „Numb„, „What I’ve Done“ – bei der bloßen Nennung des Titels habe ich auch heute noch den Refrain und Chester Bennigtons Stimme im Ohr. Chapeau allein dafür.

Außerdem verliert die Rockwelt mit Chester Bennington (erneut) eine ihrer kräftigsten und charismatischen Stimmen sowie einen – so ist’s zumindest allerorts zu lesen – bodenständigen Typen frei von jeglichen überzogenen Rockstar-Allüren eines Axl Rose, einen, der sich für Fans und soziale Projekte stark machte und auch sonst immer ein offenes Ohr für alle und jeden hatte (jaja, typisches Nachrufs-Blah-Blah – aber lest doch selbst, was Fans zu sagen haben). Von daher: kein schlechtes Wort von mir an dieser Stelle. Verurteilen kann und will ich Benningtons Entscheidung – so einsam und über für seine ihn Liebenden diese auch sein mag – nicht.

 

 

„Should’ve stayed, were there signs, I ignored?
Can I help you, not to hurt, anymore?
We saw brilliance, when the world, was asleep
There are things that we can have, but can’t keep…“

(aus „One More Light“ von Linkin Park)

Ebenfalls via Facebook durfte ich heute eine Diskussion mit einer alten Freundin führen, welche Folgendes – if I may quote? – schrieb: „Kann es sein, dass sich das gesamte Netz in Schockstarre und Trauer befindet und ich die Einzige bin, die das einfach nur scheiße findet? Wie kann man als Vater von 6 Kindern so derb egoistisch sein und sich erhängen? Bei Depressionen gibt es ne Menge Anlaufstellen und Therapien, die einem helfen können. Aber sich so feige aus dem Leben und der Verantwortung zu verpissen, is das Allerletzte. Tja, ‚in the end it doesn’t even matter‘ schätz ich mal.“ 

Was ich mich – und sie – darauf fragte: Steht es uns – als Außenstehende, die Bennington nicht im Entferntesten kannten – überhaupt zu, über ihn und den Entschluss, sein Leben zu beenden, zu urteilen? Klar, wie ebenjene Freundin ebenfalls schrieb: „So ein blöder Brief oder sonstige unpersönliche Verabschiedung nach einem Selbstmord lässt einen nur so völlig ungeliebt zurück. Wenn man mit der Familie drüber sprechen würde, dass man solche Gedanken hat, sich vorab irgendwie zu verabschieden, niemanden im Glauben zu lassen, dass er es nicht wert wäre, für ihn weiterzuleben. Klingt vielleicht krass, aber so eine Ehrlichkeit hätten die Familien verdient. Nicht den Schock, eine Leiche im eigenen Heim vorzufinden.“ Schon richtig, aber wie ich bereits im meinem Nachruf auf Chris Cornell im Mai schrieb (und beide mutmaßlichen Freitode scheinen ja ganz ähnlich gelagert zu sein): Man kann niemandem hinter die Fassade schauen. Vordergründig mögen sowohl Chris Cornell als auch Chester Bennington erfolgreiche, von Fans überall auf dem Erdball umjubelte Rockstars mit Vorbildfunktion sowie treu sorgende, liebevolle verheiratete Familienväter (Cornell dreifach, Bennington gar sechsfach) gewesen sein. Tief im Inneren hatten jedoch beide – nebst der beinahe obligatorischen schwierigen Kindheit (im Fall von Bennington verbunden mit elterlicher Vernachlässigung und Kindesmissbrauch) – seit vielen, vielen Jahren mit Depressionen und den damit oft einher gehenden Alkohol-, Medikamenten- und Drogenproblemen zu kämpfen (und redeten auch offen darüber). Wem an dieser Stelle das „Rockstar-Klischee“ vom „ach so sensiblen Kunstschaffenden“ zum Hals heraus hängen mag, der wechsle lieber nie ins Schlager-Fach…

Umso wichtiger finde ich selbst es (wie übrigens auch Guano-Apes-Frontfrau Sandra Nasic in ihrem für spiegel.de verfassten Nachruf auf Bennington), dass den Topoi „Depression“ und „Suizid“ mehr Gesprächsbereitschaft und weniger Scheu entgegen gebracht wird. Denn wenn wir ehrlich sind, so haben wir alle – du, ich, die Frau an der Kasse von Aldi, der Hedgefonds-Manager an der Frankfurter Börse und der Rockstar, dem du noch gestern aus dem Publikumsgraben heraus Handküsse zugeworfen hast – eine helle und eine dunkle Seite. Ying und Yang. Gut und böse. Dass ich beide Seiten kenne, habe ich unlängst hier geschrieben… Wir alle sollten uns ein kleines Stückweit zur Aufgabe machen, ebenjenen zu helfen, deren dunkle Seiten, deren Dämonen die Überhand zu erlangen drohen (so sie es denn zulassen). Sagt diesen Menschen (wie auch allen anderen, völlig unabhängig davon), wie sehr sie euch am Herzen liegen, wie wichtig sie sind, wie sehr sie geliebt werden. Depression mag eine Krankheit sein, die sich wohl kaum einer selbst ausgesucht hat. Doch ansteckend ist sie nicht. Kein von Depressionen Betroffener erwartet von euch, dass ihr ihn/sie zu einhundert Prozent versteht oder entschlüsselt. Ist müsst einfach nur da sein. Also: fahrt mal eure Ellenbogen rein und die Herzen aus! Tut’s für euch. Tut’s für den anderen, die andere. Tut’s fürs Karma.

Wer selbst mit Problemen dieser Art zu kämpfen hat, der sollte nicht schweigen. Redet darüber. Schreibt darüber. Oder wendet euch an diese Stellen:

https://suicidepreventionlifeline.org/

https://www.suizidprophylaxe.de/

http://frans-hilft.de/

 

Inschallah. Namaste.

In Liebe und

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: