Archiv der Kategorie: Mein Senf

Der Mann hinter dem Erfolg von Sigur Rós – Ken Thomas ist tot.


Ken Thomas ist tot. Wie via Facebook bestätigt wurde, verlor der britische Produzent, Toningenieur und Musiker vor wenigen Tagen (s)einen jahrelangen Kampf gegen eine Parkinson-Erkrankung.

Thomas‘ Karriere begann in den renommierten Londoner Trident Studios, wo er unter anderem mit Größen wie Queen und David Bowie zusammenarbeitete. Wenig später verschlug es den Engländer in etwas punkigere Gefilde, er arbeite in den Trident und Advision Studios als Assistent und Tontechniker bei Aufnahmesessions für Bands wie Public Image Ltd, die Buzzcocks, Wire, Alien Sex Fiend oder Rush und komponierte und nahm im Jahr 1980 selbst die Electronic-LP „Beat The Light“ auf. Nachdem er sich in der Punk- und Experimental-Music-Szene einen Namen gemacht hatte, arbeite Ken Thomas anschließend mit der sagenumwobenen isländischen Band The Sugarcubes, bei der damals eine gewisse Björk Guðmundsdóttir am Mikro stand, die später unter ihrem Vornamen die Musikwelt erobern sollte, und wirkte als Tontechniker an deren 1998er Debütalbum „Life’s Too Good“ mit.

Deren Gitarrist Þór Eldon Jónsson wiederum spielte Thomas einige Jahre später „Von“, das Debütwerk einer damals international noch gänzlich unbekannten isländischen Newcomerband namens Sigur Rós, vor. Der Produzent, der sich den Punk von anno dazumal wohl stets bewahrt hatte und stetig auf der Suche nach neuen, frischen Künstlern war, war schnell so angetan von dem (damaligen) Trio um Frontstimme Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, dass er daraufhin Kontakt zur Band aufnahm und für das kommende Album „Ágætis byrjun“ nahezu sämtliche Produktions-, Engineering- und Mixing-Aufgaben übernahm. So ist es wohl auch ihm zu verdanken, dass Sigur Rós mit ebenjenem Werk erstmals über die isländischen Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Auch später fanden die Ambient-Post-Rocker aus Reykjavík und der britische Produzent noch kreativ zusammen, etwa für das kaum weniger erfolgreiche Album „Takk…“ sowie für die Performance-Aufnahmen zum Band-Dokumentarfilm „Heima„. Kaum verwunderlich also, dass Jónsi und Co. jenem Mann, dem sie so viel – eventuell sogar ihre ganze Karriere – verdanken, via Facebook nun zwar schmerzliche, jedoch auch ebenso herzliche Abschiedsworte widmen:

Und auch der Rest von Ken Thomas‚ Produzentenvita kann sich durchaus sehen lassen. So saß der passionierte Schlagzeuger und Live-Sound-Engineering-Spezialist über die Jahre außerdem für eine so vielfältige wie kreativ breit gefächerte Riege hinter den Reglern, angefangen bei den englischen Post-Industrial-Heroen Psychic TV über The Cocteau Twins, The Bongos, Yello, The Damned, Queen Adreena, M83, Gavin Friday, Depeche Mode-Frontmann Dave Gahan bis hin zu den Isländischen Hardcore-Alternative-Rockern Minús.

Einen der – nebst Sigur Rós, freilich – prägendsten Eindrücke hinterließ Thomas jedoch wohl bei den (leider recht kurzlebigen) englischen Indie-Post-Rockern Hope Of The States, deren unter nicht eben untragischen Umständen entstandenes und 2004 erschienenes Debütalbum „The Lost Riots“ er nicht nur als Produzent begleitete. Sänger Sam Herlihy brachte es damals folgendermaßen zum Ausdruck: „In der ersten Woche mit Ken haben wir uns auf diesen Weg eingelassen, auf dem nichts heilig war, was die Ideen zu den Songs anging. Nach dieser ersten Woche hatten wir eine klare Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte, wenn es fertig war. Ken war das siebente Mitglied der Band und wird es immer bleiben. Der Typ ist eine Legende. Wir haben das mit ihm gemacht und haben das alles mit ihm durchgestanden. Er war an unserer Seite; dennoch hat er weder uns geführt noch wir ihn.“

Nun darf sich Kenneth „Ken“ Vaughan Thomas, dessen Sohn Jolyon in seine Fußstapfen trat und ebenfalls als erfolgreicher Produzent (unter anderem für Royal Blood, U2, Kendrick Lamar, Another Sky, Slaves oder Daughter) arbeitet, hinter die Regler und Knöpfe des Aufnahmestudios im Musikhimmel setzen. Mach’s gut, Ken!

Rock and Roll.

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Der „Panikrocker der Nation“ wird 75…


Eigentlich sind für diesen Mann alle, wirklich alle Kränze geflochten. Zig Ehrungen hat er im Laufe seiner langen Karriere bereits bekommen – die branchenüblichen wie den „Echo“, die verfassungspatriotischen wie das Verdienstkreuz… Davon abgesehen, dass er zu deren Hochzeiten nie eine eigenen „Goldenen Otto“ der Bravo in den Händen halten durfte, hat er die formvollendet-maximale Ernte eines verdammt erfolgreichen Musikerlebens einfahren dürfen.

Er wird am heutigen Montag satte 75 Jahre alt – aber was heißt das schon: „alt“? Ihn verbindet etwa mit dem Frankfurter Politiker Daniel Cohn-Bendit, der jüngst das 76. Lebensjahr vollendete, dass gewisse Leute aus ihrer Generation immer noch vermeintlich mehr „Pep“ und „Good Spirit“ in ihren von den Jahren mutmaßlich unübersehbar gegerbten Allerwertesten haben als die ganze ebenso verweichlichte wie beliebig austauschbare timbendzkohafte Nachhut, die niemals in die Schuhe der Älteren hineinpassen (wird). Also auch nicht – schon gar nicht – in die von Udo Lindenberg.

Bezeichnend ist da schon, wer ihn alles für sich beansprucht, sich mit ihm schmücken mag. Obwohl er nicht einmal gebürtiger Hamburger ist, jedoch seit Jahr und Tag am liebsten im berüchtigten Hotel „Atlantic“ wohnt und dort das gleichermaßen coole wie glamouröse Leben liebt, wird „Uns Udo“ so gern wie längst als Hamburger Jung gesehen. Und passend zum heutigen Jubelfest hat Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gleich die nächste Urkunde angekündigt: Ehrenbürger soll Lindenberg werden, sobald es die Pandemielage erlaubt: „Er hat Hamburg geprägt und Hamburg ihn.“

Einem Publikum außerhalb der Jazz- und Rockszene der frühen 1970er-Jahre wurde Lindenberg, seit den Sechzigern schon Underground-Musiker, bekannt, als er es mit einem seiner Lieder seinerzeit sogar in die Deutsche Schlagerparade schaffte: „Hoch im Norden“ sang er; ein verschluffter Rocksong mit melancholischem Grundsound, irgendwie passend zu jener Zeit, als Stadtteile wie Wilhelmsburg oder die Veddel noch nicht Gossenviertel jenseits der Caffé-Latte-Orte waren, sondern eben dies: Orte, in denen auch gelebt wurde. Lindenberg und sein Lied, sie passten zu Filmen wie Hark Bohms „Nordsee ist Mordsee“ oder Roland Klicks „Supermarkt“: Geschichten über junge Menschen, die sich gegen jede Verwahrlosung entscheiden und es doch nicht so recht schaffen.

Foto: Promo / Tine Acke

Lindenberg hat im Übrigen die coole Sprache des gepflegten, schnoddrig-verspulten Kneipenspruchs zur Verallgemeinerung gebracht: „Alles klar / auf der Andrea Doria“, oder, gemünzt auf die politischen Verhältnisse hierzulande: „Bunte Republik Deutschland“. Lindenberg, der Udo, war einer der ersten Künstler aus dem Underground, die für alternative Wahllisten Reklame machten, für die Grünen sowieso, aber schon 1978 für deren Vorläufer der „Bunten Liste/Wehrt Euch“ in Hamburg. In den Achtzigern verspottete er Kanzler Kohl („Oh Helmut, oh wie wohl, mein Sexidol“), schwärmte viel lieber vom „Mädchen aus Ostberlin„, nahm den „Sonderzug nach Pankow“, wetterte gegen das Machtstreben der Amerikaner („Bananenrepublik“) und gegen die bornierte Angst vor den Sowjets („In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm“). 1983 rockte er mit seinem Panikorchester im Ost-Berliner Palast der Republik bei „Rock für den Frieden“ vor einem gleichsam ausgesuchten wie dennoch ehrlich begeisterten FDJ-Publikum, schenkte DDR-Staatschef Erich Honecker vier Jahre später sogar eine Lederjacke. Provokation war Lindenbergs Geschäft, ätzend-bissige Texte eine seiner größten Stärken. Doch bei so viel Popularität wie Charme konnten am Ende nicht einmal die „Oberindianer“ hinter dem Eisernen Vorhang widerstehen…

Klare Sache: Heutzutage ist er längst nicht mehr dissident, wenn auch gegen völkische Schabracken (auch klar). Inzwischen ist er einer fürs ausverkaufte Stadionkonzert, für den Mehrgenerationen-Mainstream und meinetwegen Lieschen und Hans Jedermann. Ein deutsches Kulturgut schlechthin, einer, der gefühlt schon immer da war, den man zum deutschen Weltkulturerbe zählen könnte, gäbe es dieses in persönlicher Form. Dafür auch ausgezeichnet wie kaum ein bundesdeutscher Popmusiker sonst, angebetet und literarisch verewigt von Benjamin von Stuckrad-Barre.

Das war ihm gewiss nicht vorgezeichnet, als Udo Gerhard Lindenberg anno dazumal 1946 im westfälischen Gronau zur Welt kam. Beinahe vergessen ist heute sein Spitzname aus früheren, aus wahnwitzigen Zeiten: „Udo Nervenberg“. So bizarr es klingen mag, genau so nannten sie früher auch den anderen berühmten Udo, den Jürgens (der wiederum war Österreicher, was seiner Popularität hierzulande jedoch keinen Abbruch tat). Auch der trank sich als mitteljunger Mann seine Seele blank und drohte, in Rausch und Ruhm zu ertrinken. Und so sang der übrig gebliebene Udo, der dem Alkohol der alternden Gesundheit zuliebe vor einigen Jahren abgeschworen hat, dem vorausgegangenen traurig hinterher. Als Udo Jürgens 2014 starb, machte Lindenberg seinem Kollegen beim „Echo“ die Aufwartung, zusammen mit Grönemeyer (noch so ein gesamtdeutsches Kulturgut), und interpretierte Jürgens‘ Lied „Ich weiß, was ich will“. Mit solcher Würde, dass man Jürgens‘ Kinder Jenny und John im Publikum staunen und weinen sah: „Udo war ein selbstbestimmter Mann. Das einte uns, dieses Freistilleben, dieses immer auf dem Sprung sein“, sagte Udo L. wenig später. Beide wachten am liebsten allein auf, liebten die freie Damenwahl und waren latent beziehungsunfähig. Lindenbergs Liebe zu seiner aktuellen Freundin, der Fotografin Tine Acke, „ist mehr so ’ne Komplizenschaft mit der Herzensdame. Sie ist nicht meine Spielerfrau, sie steht für sich selber.“

Nicht nur seiner Eigenwilligkeit und Unverwechselbarkeit wegen genießt der Mann mit Hut und Sonnenbrille – so heißt’s zumindest – einen ausgesprochen guten Ruf unter Musikerkolleg*innen, er behandelt alle gleich nett, und die danken es ihm auch, denn in der Entourage von Lindenberg soll es so zugehen wie in einer echt leicht dauerverpäkten WG, in der er Ende der Sechziger-, in den frühen Siebzigerjahren so lebte – alternativ und kommunardig.

Er ist das Personenkult gewordene Panikorchester der Republik (wie man unlängst einmal mehr bei der ProSieben-Show „Free ESC“ erleben durfte), er hat auf seine höchst spezielle Weise dazu beigetragen, dass deutsche Kultur erheblich cooler werden konnte: vor allem als Sänger, als Musiker, als Maler seiner Likörelle, als Inspirator – und als er selbst. Herzlichen Glückwunsch, Udo!

(Sehenswert ist auch die NDR-Dokumentation „Keine Panik und immer mittendrin„…)

Rock and Roll.

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Ein Musiknerd, ein Held – Dirk Siepe ist tot.


Foto: VISIONS / Facebook

Pardon für diese linguistisch durchaus flapsige Äußerung, aber: Manchmal ist die Welt schon ein gewaltiges Arschloch. Sie holt manch Guten zu früh, und lässt uns, den traurig-treudoofen Rest, hier unten mit Pleiten, Pech, Pandemien und einer ganzen Reihe formvollendeter Arschgeigen zurück.

Wie der Tipper dieser Zeilen am Abend eines vornehmlich milden Februartags auf solchen düsterdunklen Fatalismus kommt? Durch die überraschende Nachricht, dass Dirk Siepe „nach längerer, schwerer Krankheit“ verstorben ist. Klar, der Name wird den meisten von euch nun weitaus weniger sagen als etwa David Bowie, Johnny Cash oder – meinetwegen, um bei irgendwie ewig lebenden, andererseits aber dennoch mausetoten Legenden zu bleiben – Frank Sinatra. Für mich war Siepe dennoch ’ne (r)echt große Nummer. Einer, der seit 1994 viele Jahre – erst als Redakteur, später als Chefredakteur und zuletzt als Autor – Teil der Schreiberlinge-Mannschaft der VISIONS war. Und damit auch meinen Musikgeschmack seit der musikalischen Adoleszenz entscheidend mit geprägt hat. Kaum einem Printmedium bin ich schon so lange treu (seit über zwei Jahrzehnten, nahezu alle Ausgaben stehen in beeindruckenden Stapeln – teils zum Leidwesen meiner Eltern – noch an zwei Orten verteilt herum). Durch kein anderes Musikmagazin – sorry, Rolling Stone, sorry Musikexpress – habe ich so viele Herzensbands und Künstler*innen kennenlernen dürfen – und tue dies auch heute gelegentlich noch. Allein schon deshalb war „der Siepe“, wie wir ihn in unserem (schein)elitär-kleinen Musiknerdkreis tief in der sächsischen Provinz damals oft nannten, wie der ältere Kumpel, der einem den geilsten neuen Scheiß aus Musikhausen ans Hörerherz legte, und genau zu wissen schien, worauf man in Kürze derb steil gehen würde, ohne dass man ihn je jemals getroffen hatte. Dass der Mann ein schwarz-gelbes Fussball besaß? Kein Muss, aber dennoch ein dickes Plus für mich (und auch passend, wenn man für ein Musikmagazin aus der Heimatstadt von Borussia Dortmund schreibt). In jedem Fall war es nicht nur für mich – im Rückspiegelblick und gefühlt so lange her – meist eine große Freude, Dirk Siepes mit einem gerüttelt Maß an Passion verfasste Artikel und Reviews lesen zu dürfen, die Leidenschaft, mit der der Mann einem so viele tolle, hierzulande sträflichst unbekannte Bands vor allem aus der Desert-Rock-Szene näher brachte. Wer weiß, wie viele nun wissend nickende Musikhörer weniger Kombos wie Kyuss, die Queens Of The Stone Age, Turbonegro, The Hellacopters oder Gluecifer ohne seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll und ohne sein großes Engagement heute hätten… Kaum vorstellbar, dass eine so fantastische Band wie Mother Tongue ohne „den Siepe“, der sich in den Achtzigern selbst in der Fansize-Szene versuchte (noch so etwas, was uns irgendwie eint), wohlmöglich nie mehr einen Fuss auf bundesdeutschen Boden gesetzt hätte (und auch heute noch viel zu wenigen ein Begriff ist – deshalb: MOTHER TONGUE HÖREN!)…

Natürlich bin auch ich älter (und grauer im Gesicht!) geworden, hat sich mein Fokus ein wenig verschoben. Mein Musikgeschmack mag nun, so viele Jahre später, im Gros ein kitzekleines Bisschen weniger „wild“ ausfallen als noch in jenen Tagen, als ich nach der Schule noch zum Kiosk radelte oder die VISIONS während der Zugfahrt zu Uni verschlang. Freilich waren das – uffjepasst, Grumpy-Old-Man-Modus! – andere Zeiten, so (fast) ohne Internet, ständige Streaming-Verfügbarkeit und schöne neue Reizüberflutung (in welcher auch zu viele hoffnungsvolle Talente vorm eigenen Durchbruch leider wieder ersaufen). Aber es waren gute Zeiten. Und das? Schreibe ich beinahe frei von jeglicher nostalgischer Verklärung, und mit einer dicken, dicken Träne im Anschlag.

Ach, Dirk… Mann Mann Mann, mach’s gut, Dirk Siepe. Wie könnte ich dir je genug danken für all die tolle Musik, die du uns gezeigt hast? Eben: nie. Darum hoffe ich einfach, dass es dir da, wo du nun bist, besser geht. Und dass dir dort eine anständige, amtliche Plattensammlung ganz nach deinem Gusto zur Verfügung steht.

Das letzte Wort möchte ich trotzdem Michael Lohrmann, der als Gründer der VISIONS „den Siepe“ bestens kannte und dem die Zeilen seines ebenso hetzwarmen wie persönlichen Nachrufs wohl tausend Zentner schwer gefallen sein müssen, überlassen:

„IN GEDENKEN AN DIRK

Anfang der 90er Jahre bin ich unter Plattenkritiken in Fanzines regelmäßig über den Namen Dirk Siepe gestolpert. Mit seinem Faible für Punkrock, Alternative und Desert Rock würde er eigentlich perfekt zu VISIONS passen, dachte ich mir dann immer, und als wir dringend jemanden suchten, der in unserem Namen für ein großes Kyuss-Feature nach Amerika fliegt, rief ich ihn kurzentschlossen an. Bereits am nächsten Tag stand Dirk vor mir in der Redaktion, mit seinen Cowboy-Stiefeln und einem halb offenen Hemd unter einer abgeranzten braunen Lederjacke sah er ein bißchen so aus, als wenn er selbst in einer Band spielen würde. Ich glaube, er wirkte anfänglich ein wenig schnöselig auf mich, als wir dann über Musik gefachsimpelt haben (und natürlich über unsere gemeinsame Liebe Borussia Dortmund), war aber schnell klar, dass nur er prädestiniert ist, Josh Homme und Co. für VISIONS in Palm Desert zu besuchen. Die Geschichte, die er anschließend mitbrachte, war stark. Dirk hatte nicht nur viel Ahnung von Musik und die Gabe, auf Augenhöhe einen guten Draht zu den Musikern aufzubauen, er besaß auch die Fähigkeit, sein Wissen und seine Erlebnisse in wortgewandte Texte zu transferieren. Nach diesem Auftakt nach Maß war in jedem Fall klar, dass er ein Teil der VISIONS Familie werden muss. Der Zufall wollte, dass der Posten des Chefredakteurs parallel zu unserem Kennenlernen vakant wurde, rund 27 Jahre später kann ich sagen, dass es eine wunderbare Entscheidung war, Dirk diesen Job anzuvertrauen.

Duffy, um mal seinen Spitznamen zu bemühen, hat VISIONS über Jahre hinweg nachhaltig geprägt – vielleicht war es sogar die beste Phase, die man als Leser als auch als Mitglied der Gang mit diesem Magazin erleben konnte. In einer Zeit, wo an das Internet noch nicht zu denken war und in der Print-Magazine gehörigen Einfluß hatten, war Dirk ein Tastemaker, der den Musikgeschmack von etlichen VISIONS Lesern extrem geprägt hat. Bands wie Kyuss, Gluecifer, Hellacopters, Turbonegro, Mother Tongue, Masters Of Reality oder auch QOTSA, um nur mal die Kirschen auf der Sahne zu nennen, haben Dirk viel zu verdanken, denn er hat ihnen mit seinem Engagement den Weg geebnet. Wie wichtig er für VISIONS und unsere Leser war, belegt alleine eine Szene, die sich bei Rock am Ring in 2001 zugetragen hat. Als die Queens Of The Stone Age um seinen alten Spezi Josh Homme von Dirk an den VISIONS-Stand geholt wurden, wollten die Leute nicht nur Autogramme von der Band, sondern auch von ihm. So saß er dann da neben den Musikern und unterschrieb eine Stunde lang beseelt VISIONS Titelbilder. Das hat mich stolz gemacht. Dirk war das Aushängeschild von VISIONS – das Rock Hard hatte Götz Kühnemund, wir hatten Siepe.

Und, meine Güte, was haben wir gefeiert! Die Musikbranche bietet dafür ja durchaus viele Anlässe und der verklärte Blick zurück sagt mir gerade, dass wir so viel nicht ausgelassen haben, auch wenn Duffy da vielleicht nochmal aus einem anderen Holz geschnitzt war als ich und die meisten anderen. Auch fernab von Festivals, Konzerten oder VISIONS Partys gab es genug Situationen, in denen es ausgelassen war. Alleine der Fußball: Meisterschaften, Pokal-Siege, Derby-Triumphe, aber auch ein Moment der Schmach, als wir im Westfalenstadion 0-1 gegen den VfL Bochum (!) verloren haben, weil Delron Buckley kurz vor Spielende der Meinung war, das Siegtor erzielen zu müssen. Dirk war so abgenervt von einem feiernden Bochumer in der Reihe vor uns, dass er ihm einen fast vollen Becher Bier über den Kopf kippte. Ich fand das irgendwie gerecht, weil mir der Typ auch tierisch auf den Sack ging, getraut hätte ich mich das aber nicht. Als wir später in der Kneipe einen ausgeknobelt haben, war ich immer noch überrascht darüber, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam.

Vielleicht hat der VfL-Fan auch einfach gemerkt, dass Dirk eine gute Seele hatte. Wer ihn kannte, wusste das ganz sicher. Sein großes Herz für Katzen und Hunde deutete darauf hin, aber auch sein ehrenamtliches Engagement für Die Tafel in Dortmund, die er in den letzten Jahren unterstützt hat. Dirk hatte zudem eine melancholische Seite, die es ihm ermöglichte, sehr reflektierte, tiefgehende Gespräche zu führen. So erinnere ich mich an einige Abende, die wir dem Herzschmerz widmeten, ganz frei von Punkrock und Feierei. Eigentlich wollten wir uns bald treffen, es ist bestimmt drei, vier Jahren her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Unsere Kommunikation beschränkte sich in der Zwischenzeit auf sporadische SMS zu Geburtstagen und witzige Frotzeleien zum aktuellen Fußballgeschehen – wir waren nicht im klassischen Sinne befreundet, aber wir hatten nach all den Jahren noch steten Kontakt. Wegen seiner Lungenkrankheit und der für ihn daher besonders heiklen Covid-Situation haben wir ein Treffen vertagt, bis zu dem Zeitpunkt, wo es das Wetter zulässt, dass man sich draußen treffen kann. Jetzt ist das Wetter gut – und Dirk nicht mehr unter uns. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2021 hat er uns für immer verlassen. Und das macht mich extrem traurig.

Danke für alles, Duffy. Du wirst vermisst werden. Und wenn du da oben den Fußballgott triffst, weißt du, was zu tun ist.

Rock and Roll.

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Hanau – Eine Nacht und ihre Folgen…


(via Dressed Like Machines)

Heute jährt sich der rassistische Anschlag von Hanau zum ersten Mal. Am 19. Februar 2020 erschießt ein Rechtsterrorist neun junge Menschen – nur, weil sie keine deutschen Wurzeln hatten: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Namen, hinter denen Menschen und ihre Leben, ihre Lieben und Familien, die von einer Minute zur nächsten aus ihrem Alltag gerissen wurden, standen. Mehr zu ihnen erfährt man hinter diesem Spotify-Beitrag.

Ebenfalls empfehlenswert ist dieser 47-minütige Film in der ARD-Mediathek, in welchem Überlebende und Angehörige berichten, wie sie die Tatnacht und die Monate danach erlebt haben und wie sie sich gegen die Logik des Täters wehren, der sie zu Fremden in ihrer eigenen Heimat machen wollte. Seit jener Februarnacht kämpfen sie um das Andenken der Opfer und um die Aufklärung des Geschehenen.

Ähnlich nachdenklich sollten einen jene Worte stimmen, die Komiker, Kabarettist und Fernsehmoderator Abdelkarim Zemhoute aus gegebenem Anlass via Facebook schrieb:

Keinen Millimeter radikalen Idioten. Keinen Millimeter dem Hass. Für mehr Mitmenschlichkeit. Wehret den Anfängen! In Gedenken an die Opfer. #SayTheirNames

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Instagram)

Es sind erschreckende Szenen, die sich am gestrigen Mittwoch in der US-Hauptstadt abspielten. Szenen, die mindestens zum Kopfschütteln anregen. Weil der Demokrat Joe Biden nachweislich die Präsidentschaftswahlen im vergangenen November gewonnen hat und so einige Trump-Anhänger*innen und Patriotismus-Schwurbler diese Realität weder glauben noch annehmen möchten, brachen sie, aufgewiegelt und aufgefordert durch den Wahlkampfverlierer höchstselbst, in den US-Kongress in Washington, D.C. ein – ein Ereignis, welches man wohl in einer der oft genug von den US of A höchstselbst ins Feld geführten „Bananen-Republiken“ erwarten würde, nicht jedoch in der selbstberufenen „größten Demokratie der Welt“ (was selbst Ex-Präsident George W. Bush zu einem entsetzten „Bananen-Vergleich“ veranlasst). Während sich also der Mob ohne größere Probleme seinen Weg in den US-Kongress bahnte, sah man unvorbereitete, überforderte, aber vor allem vergleichsweise zurückhaltende Sicherheitsleute – und das ausgerechnet in jener Stadt der Vereinigten Staaten mit dem höchsten Pro-Kopf-Aufkommen von Polizisten (rund 2.000 sollen es sein, und jeder von ihnen sei freilich für „terroristische Angriffe“ geschult). Besser sogar: einer von jenen Sicherheitsleuten ließ sich, wie ein Video zeigt, sogar für ein Selfie mit einem Trump-Anhänger gewinnen.

Mehrere Personen des Mobs posierten nach ihrem gewaltsamen Einbruch an den Schreibtischen der Politiker*innen, verwüsteten Büros, entwendeten Rednerpulte. Viele von ihnen, wie etwa der mit freiem Oberkörper und behörnter Fellmütze auftretende rechtsradikale Selbstdarsteller Jake Angeli, trugen dabei rechtsextreme Losungen und Symbole (hier ein Beispiel) oder solche wie die der „QAnon„-Bewegung auf ihrer Kleidung (nebst so einigen Flaggen, freilich). Es sind Geschehnisse, die einem die vermeintliche weiße Vorherrschaft (oder das Aufbäumen verzweifelter weißer Rednecks) und die immer tiefer gehende gesellschaftliche Spaltung in den US of A wohl kaum treffender vor Augen führen könnten – eine bittere Ungerechtigkeit, die auch seit Stunden das Internet beschäftigt (und freilich auch die Nachrichten diesseits des Atlantiks beherrscht). Dass so etwas in Deutschland möglich ist? Wissen wir natürlich aus jedem Geschichtsbuch, und aus jüngerer Vergangenheit spätestens seit August 2020. Was das für die Zukunft bedeutet? Wird sich in ebenjener zeigen.

Alles scheint eben – mittlerweile – denkbar, wenn der tumbe Terror-Mob vorm Banner ihres eigenen vermeintlich „patriotischen“ Irrglaubens willig wüten mag, und der wahre Brandstifter, der spätestens nun allem menschlichen Abschaum Tür und Tor geöffnet hat, (noch) im Weißen Haus sitzt:

Vier Tote soll es geben haben. Und es gehört wohl wenig Fantasie dazu, um zu behaupten: Wäre der Mob nicht mehrheitlich weiß gewesen, so hätte es die Todesfall gut und gern ein zweistelliges Maß erreicht. Das bezweifelt nur derjenige, der das letzte Jahr selig unterm Stein geschlummert hat… Es ist ein wahnwitziges Possen-, ein Trauerspiel – mit überaus offenem Ausgang.

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook / poisoned_martini)

Arscheskälte hin oder her – ANEWFRIEND bedankt sich wenige Tage vor seinem Start ins nun schon zehnte (schon irre, oder?) Blog-Jahr bei allen regelmäßigen wie eher zufälligen Besuchern fürs Lesen, Liken sowie Kommentieren in den vergangenen recht turbulenten Monaten zwischen Stillstand und Weltbewegendem und wünscht euch bereits jetzt einen guten, gesunden Rutsch in 2021! Behaltet – so schwer’s auch in manchem Moment fallen mag – den Kopf frei und stets über Wasser! Gönnt euch und euren Liebsten auch im kommenden Jahr ein maximales Maß an tollen, erinnerungswürdigen Augenblicken, hört öfter mal eine gute Platte (and remember to always, always, always support smaller artitsts and your local record dealer!), lest ab und an ein gutes Buch für Fantasie und Kopfkino, schaut mal wieder ’nen richtig tollen Film für den Gedankenflug! Bleibt euch treu! Und denkt dran: Alles wird gut, nichts ist selbstverständlich. Bevor’s noch rührseliger wird: Danke. ❤️

Rock and Roll.

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