Archiv der Kategorie: Konzertreview

Villagers live in der Muziekgieterij, Maastricht, 30. April 2013: von Ängsten, Ufern und Möglichkeiten


Villagers

Schön blöd, wer den 30. April zuhause verbracht hat, immerhin wurden dem potentiell Unternehmungswilligen ausreichend Alternativen geboten: in Amsterdam (oder in jeder anderen holländischen Stadt) hätte man sich unters ausgelassen feiernde Oranje-Fußvolk mischen können, um den alljährlichen „Koninginnendag“ und die Amtsübergabe von Königin Beatrix an ihren Sohn Willem-Alexander feucht-fröhlich zu begießen. In Madrid (oder einer von tausenden Public Viewing-Lokalitäten) durfte man – je nach Sympathie – wahlweise den verdienten (!) Einzug meines BVB ins Finale der diesjährigen Champions League bejubeln oder den schleichenden Niedergang der spanischen Fussballdominanz betrauern – wobei das gestrige Halbfinalrückspiel wohl für Schwarz-gelb in den letzten Minuten noch einmal an unnötiger Dramatik zugelegt haben mag (und sich damit nahtlos in die Riege memorabler Bewegnungen mit Dortmunder Beteiligung in dieser Saison einreiht). Verglichen mit diesen Ereignissen von internationaler Tragweite mag der Auftritt der Villagers in der Maastrichter Muziekgieterij nahezu unscheinbar anmuten. Dabei war dieser höchst formidabel…
Anfangs fällt natürlich die stete Diskrepanz zwischen dem unscheinbaren, schüchtern-nüchternen Bubi-Äußeren von Sänger Conor O’Brien und dessen charismatisch ausstrahlender Bühnenpräsenz in Aug‘ und Ohr. Der aus Irland stammende Singer/Songwriter betritt zunächst allein und nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet die Bühne, und bereits nach den ersten sachten Akkorden von „Cecelia & Her Selfhood“ schweigt das komplette Publikum, lauscht gebannt jeder Zeile, die die Lippen des 29-Jährigen verlässt, und lässt das spärliche Klirren von Gläsern an der angrenzenden Bar beinahe wie Detonationen erscheinen. Nach diesem Stück begibt auch der Rest der mittlerweile – neben Bandleader O’Brien – aus Cormac Curran (Keyboard), James Byrne (Schlagzeug), Tommy McLaughlin (Gitarre) und Danny Snow (Bass) bestehenden Villagers zur ihren Instrumenten, um sich mit einer reduzierten Version von „Nothing Arrived“, zweifellos eines der Highlights des aktuellen, zweiten Villagers-Albums „{Awayland}„, Schritt für Schritt warm zu spielen. Denn, abgesehen einmal vom fragilen Kleinod „My Lighthouse“, nimmt sich die Band bei den folgenden Stücken weitaus weniger zurück und lässt unter anderem das beschwingte „The Pact (I’ll Be Your Fever)“, den Endzeitenabgesang „Judgement Call“, „The Waves“, welches in einer Reduktion weg von der Elektro-Calypso-Albumversion daherkommt (gen Ende jedoch auch live in einer Art musikalischer Kakophonie ausartet), oder die Wiedergeburtsmär „Earthly Pleasure“, bei der O’Brien in Manie zwischen Gesang und wirrer Sprech-Stotterei hin und herspringt, aufs begeistert applaudierende Publikum los. Seine Mitmusiker halten sich dabei effektiv im Hintergrund, während Conor O’Brien an Mikrofon und Akustischer in seinem Element scheint und ohne große Ansagen Song für Song, welche insgesamt das Hauptaugenmerk aufs aktuelle Album „{Awayland}“ legen, jedoch auch die Favoriten des noch von O’Brien größtenteils allein eingespielten Debüts „Becoming A Jackal“ nicht außer Acht lassen, für sich durchlebt, durchleidet, durchbarmt & -fleht – und diese Emotionen beinahe Eins zu Eins ans noch immer bedächtig lauschende Publikum weitergibt. Und diese Stimme, diese Stimme – wen’s kalt lässt, der darf sich gern die Grundeigenschaft „aus Stein“ in den Lebenslauf schreiben! Mit einer erneut manischen Variation von „Ship Of Promises“ beenden die Villagers ihr reguläres Set, bevor O’Brien – zunächt erneut solo und akustisch – für „That Day“ zurückkehrt, die restlichen Musiker bei „In A Newfound Land You Are Free“ wieder dazustossen und das etwa 80-minütige Konzert mit einer famosen Darbietung von „Becoming A Jackal“ zum Abschluss bringen. „So before you take this song as truth / You should wonder what I’m taking from you / How I benefit from you being here / Lending me your ears / While I’m selling you my fears“ – Sollte Herrn O’Brien die Vertonung seiner Ängste auch auf der Bühne immer so fulminant gelingen, so kann man darf nur erwidern: könnte schlimmer sein, gern und jederzeit wieder!
Klar, die Erwartungen, die vor drei Jahren bei Erscheinen des Debüts auf Conor O’Briens schmächtige Schultern gelegt wurden, waren keinesfalls die kleinsten – als die britische Songwriter-Hoffnung wurde er gefeiert, als „neuer Conor Oberst“ ausgerufen (was aufgrund des gleichen Vornamens wie der Bright Eyes-Frontmann und der geteilten Nähe zu tiefen Emotionen naheliegend erscheinen mag, insgesamt jedoch plakativ und lächerlich anmutet)! Doch der Musiker aus Dublin baute sich einen fünfköpfigen Band-Schutzwall um sein Baby namens „Villagers“, legte mit „{Awayland}“ auf Albumlänge die qualitative Messlatte noch eine Stufe höher, und bestätigt auch auf der Konzertbühne jegliche Vorschusslorbeeren. Die Villagers liefern ab, unterhalten mit ihren ausufernden – ja: nicht selten uferlosen! – Kleinoden zwischen Verlangen, Verlust, Vergehen, Neubeginn, Sehnsüchten und Aufbegehren, die zu Hoffnungsschimmern am Horizont in einem Meer aus melacholischen Weltbetrachtungen baden, bei unglaublich gut abgemischter Akustik (was in den ehemaligen Fabrikhallen der Muziekgieterij freilich keine Selbstverständlichkeit darstellt und hier somit einfach erwähnt werden muss!) vortrefflich. Ein feiner Abend, ein feines Konzert – und trotz aller anderen historischen Ereignisse außerhalb war wohl jeder einfach froh, dabei gewesen zu sein…

 

Bebilderte Impressionen gefällig? Die gibt es hier:

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(alle Konzertfotos: ANEWFRIEND)

 

Wer sich vor einem ausdrücklich zu empfehlenden Besuch eines Villagers-Konzerts selbst noch fix ein Bild von den Qualitäten der Band machen möchte, der kann sich hier die 17-minütige „Live at Attica“-Session von Conor O’Brien & Co. zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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Maastricht rockt (wenn auch selten)! – so war das „Bruis at the Docks“…


Bruis At The Docks

Da kandidiert Maastricht doch tatsächlich gemeinsam mit den umliegenden holländischen, belgischen und deutschen Regionen (zusammengefasst unter dem Terminus „Euregio Maas-Rhein“) als Europäische Kulturhauptstadt 2018! Sowas… Denn seien wir einmal ehrlich: was hat das limburgische Städtchen, das sich da so beschaulich im Dreiländereck räkelt, denn kulturell zu bieten? Okay, die etwa eintausendjährige Stadtgeschichte, der von zwei Weltkriegen nahezu verschont gebliebene historische Stadtkern, die vielen Kirchen – all das mag für Touristen recht interessant sein. Okay, die jährlich stattfindenden André Rieu-Festspiele mögen zu ziemlich jedes Rentnerherz höher schlagen lassen, denn immerhin ist der bräsig dauergrinsende Violinist, neben dem Weltklasseschwimmer Pieter van den Hoogenband, der wohl bekannteste Sohn der Stadt. Aber was hat Maastricht denn aus rein musikalischen Gesichtspunkten derzeitig für jemanden unterhalb der Rentenschwelle zu bieten? Genauer: jemandem, der eben nicht dem ansässigen internationalen Studentenmob in die zwei, drei 08/15-Diskotheken der Stadt und Region folgen mag? Gut, da gäbe es sicherlich eine handvoll Jazz-Kneipen, die ab und an zum stilvoll abgehangenen Easy Listening einladen. Aber sonst? Meist tote Hose!

Da ist es doch umso schöner, wenn der nach gehobener gitarrenlastiger Unterhaltung dürstende Musikfreund im Rahmen des derzeitig etwa halbjährlich stattfindenden „Bruis“-Festivals die Gelegenheit bekommt, wenigstens für ein paar Stunden innerhalb Maastrichts seinem „Rausch“ zu frönen, auf mehreren Bühnen Konzert um Konzert mitzunehmen und einige neue Eindrücke zu gewinnen. Und während die letzte Festivalausgabe noch an einem Sommerwochenende draußen unter freiem Himmel stattfand, gab es nun das „Bruis at the Docks“ unterm Fabrikdach sowie im Zelt. Verteilt auf zwei Tage bekamen die Besucher der örtlichen Muziekgieterij in der Timmerfabriek 18 Musikformationen geboten, welche im stündlichen Wechsel das bewusst recht schmucklose Ambiente beschallten. Und da das „Bruis“ nun eben weder das traditions- und namenhafte „Glastonbury“ noch das „Roskilde“ ist, wurden vor allem holländische und belgische Bands eingeladen, sich in diesem Rahmen vorzustellen, und das Line-up um international bekannte Bands wie I Am Kloot, Fidlar oder The Van Jets ergänzt. Dass für mich am Ende eine Band aus dem niederländischen Utrecht das wahre Samstagshighlight war (und somit gar die von mir heiß geliebten I Am Kloot ausstach), dürfte nur für die Gesamtqualität des „Bruis at the Docks“ sprechen…

Doch von Anfang an: mit einem 40-Stunden-Job im Rücken war es mir leider nicht möglich, mit dem Freitag auch den ersten Tag des „Bruis at the Docks“ mitzunehmen. Und da I Am Kloot (ich erwähnte es bereits: seit Jahren heiß geliebt) erst am darauf folgenden Samstag auf den Bühnenbrettern stehen sollten, entschied ich mich für ein relativ entspanntes Eintagesticket. Als wir um etwa 15.30 Uhr an der lediglich einen kurzen Fußmarsch von Maastrichts Stadtzentrum entfernten Timmerfabriek ankamen, war der zweite Festivaltag bereits in vollem Gange. Das erste Konzert-Bier in der Hand, sahen wir dem aus Utrecht stammenden Quartett Mister And Mississippi beim Soundcheck zu. Klingen interessant, die drei jungen Herren und eine Dame? Klingen vielversprechend! Ein Intro mit zwei Mini-Schlagzeugen, vom Geigenbogen gespielter E-Gitarre (Jimmy Page! Sigur Rós!) sowie heftig angeschlagener Akustischer! Mehrstimmiger Harmoniegesang, der mal an die Fleet Foxes gemahnte, oft an die jungen Geschwister von Mumford & Sons, und noch häufiger an die Isländer von Of Monsters And Men! Weiblich-männlicher Wechselgesang, der mich gar an Zeiten erinnerte, als Damien Rice und Lisa Hannigan noch gemeinsam Balsam um Hörerohren strichen (und das ist – aus meiner Tastatur – als großes Kompliment zu verstehen)! Mister And Mississippi – das selbstbetitelte Debütalbum ist seit wenigen Wochen auf dem Markt, den Namen sollte man sich verdammt noch eins merken!

Dass es die darauf folgenden Formationen angesichts dieser Vorlage schwer haben würden, mich noch mehr zu beeindrucken, ist durchaus verständlich. Doch nichtsdestotrotz wurde man als Zuschauer weiterhin glänzend unterhalten. Egal, ob nun von den belgischen Sir Yes Sir, die mit einer höchst affektiert agierenden Rampensau von Frontmann und Melodien à la dEUS zu glänzen wussten, oder dem an die Fleet Foxes oder Grizzly Bear erinnernden, seit 2010 bestehendem Folker-Sextett Dan San (ebenfalls aus Belgien), welches zwar musikalisch in eine ähnlich wohlige Kerbe schlug wie Mister And Mississippi, dabei jedoch etwas weniger Eindruck hinterließ. Dass Headphone (auch aus Belgien!) große Radiohead-Fans sind, dürfte außer Frage stehen. Dass ihre Songs genau dann, wenn sie Thom Yorke & Co. mit dezenten elektronischen Einschüben klanglich nacheifern (stylistisch etwa zwischen „The Bends“ und „Hail To The Thief“), dürfte ebenso klar sein. Denn bei Versuchen, sich mit Songs der zwei bereits erschienen Alben etwa in Richtung der Lederjackenrocker vom Black Rebel Motorcycle Club zu bewegen, wurde es dann doch etwas arg beliebig. A propos beliebig: BRNS aus – ja, ratet mal! – Belgien richteten sich mit zwei kompletten Schlagzeugen, einem massiven Keyboard und einer Gitarre im Halleninneren ein, begannen eindrucksvoll druckvoll, legten funky Beats über in Höhen schwingenden Gesang über Gitarrenfiguren über Elektronikloops, ließen Schlagzeugrhythmen einander doppeln – an den besten Stellen erinnerte all das an eine Fugazi-Ausgabe der Foals, meisten rauschte all das in seiner Hektik einfach nur am Ohr vorbei. Und wurde erst im letzten Song wieder großartig, als die vierköpfige Band noch einmal alles aus sich herausholte. Mein Wunsch: BRNS sollten versuchen, die live zur Schau gestellte Wucht auch auf ihre Alben zu transportieren, denn das aktuelle „Wounded“ klingt dann doch arg enttäuschend austauschbar. A propos beliebig, Teil zwei: The Van Jets sind: gitarrenorientierte Partyunterhaltung mit extrem hohem Fremdschämfaktor, einem albernen Frontmann, einem noch alberneren Bassisten. Langweilig, ereignisarm – zumindest für mich. A propos beliebig, Teil drei: Sungrazer machen mit ihrem Psycheldelic-Stoner Rock bereits seit 2009 die heimischen Niederlande unsicher. Ihr Problem, bei aller technischer Perfektion: sie kommen damit mindestens 15 Jahre zu spät… Und, zu meinem leichten Entsetzen: beliebig, Teil vier: John Bramwell und Band hätten zwar aus I Am Kloots ausgezeichnetem Sechs-Alben-Backkatalog, und damit aus den Vollen schöpfen können, doch irgendwie spielte die aus dem englischen Manchester stammende Gruppe, trotz – zumindest nach Außen – ausgezeichneter Stimmung mit ihren Pubrock-Weltumarmungshymnen tendenziell am beständig quatschenden Publikum vorbei und erreichte nur in wenigen Momenten – wie etwa bei „Hold Back The Night“ oder der Zugabe „Proof“ – wirklich die Hörerherzen. Und, welch‘ Sakrileg: mein persönliches Lieblingsstück „From Your Favourite Sky“ stand zwar auf der Setlist, klang jedoch nur bei Soundcheck kurz an! Da wäre für und von I Am Kloot deutlich mehr drin gewesen… Leider.

Da uns nach über acht Stunden Musik nicht mehr der Sinn nach dem Skateboard-Punkrock von Fidlar stand, traten wir um kurz nach Mitternacht den Heimweg an. Fazit: „Bruis at the Docks“ war eine rundum feine Sache. Und gerade in einer nicht eben als Konzerthochburg verschrieenen Stadt wie Maastricht eine gelungene Abwechslung… Gern wieder!

 

Zum Schluss noch ein Konzerttipp, denn am 30. April legen die zu recht hochgelobten Villagers, die auf ANEWFRIEND mit ihrem zweiten Album „Awayland“ unlängst das „Album der Woche“ ablieferten, einen Tourstop in den Hallen der Maastrichter Timmerfabriek ein. Unbedingt ansehen! Ich bin definitiv dabei.

 

Hier kann man sich den Song „Running“ vom kürzlich erschienenen Mister And Mississippi-Debütalbum anhören und bei Gefallen auch kostenfrei herunterladen…

 

…oder sich einen Sessions-Mitschnitt des Stückes „Northern Sky“ zu Gemüte führen…

 

…und das Video zum I Am Kloot-Song „Hold Back The Night“, welcher ein der wenigen Highlights des leider recht mittelmäßigen Festivalauftritts war, ansehen:

 

 

Natürlich hat ANEWFRIEND auch wieder die ein oder andere optische Festivalimpression für euch parat:

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(alle Fotos: ANEWFRIEND)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Led Zeppelin – Celebration Day (2012)

-erschienen bei Atlantic/Warner Music-

Der 10. Dezember 2007 sollte für den damals 41jährigen Jason Bonham zum, wie er selbst zugibt, „großartigsten Tag meines Lebens“ werden, den er schloss an diesem Tag ein Kapitel, welches sein Vater viele Jahre zuvor begonnen hatte…

Am 4. Dezember 1980 legten Robert Plant, Jimmy Page und John Paul Jones nach einem wahren Seuchenjahr – am 26. Juni wurde Gitarrist Page während eines Konzerts in der Wiener Stadthalle von einem Feuerwerkskörper getroffen, kurz darauf brach der Schlagzeuger bei einem Konzert in Nürnberg auf der Bühne zusammen – eine der größten Rockbands offiziell ad acta: Led Zeppelin. Nach dem Tod ihres Schlagzeugers John „Bonzo“ Bonham im September – er wurde, ganz klassischer Rock n’Roll-Stil, nach einem seiner vielen Alkoholexzesse erstickt am eigenen Erbrochenen tot in seinem Bett in Jimmy Pages Haus in Windsor (England) aufgefunden – sei es ihnen einfach nicht mehr möglich, (ohne ihn) weiterzumachen. Klar, war „Bonzo“ doch nicht selten die Kraft, die Songs wie „Rock And Roll“, „Achilles Last Stand“ oder „Moby Dick“ (man höre sich nur die monströse 20-Minuten-Version auf dem Livealbum „How The West Was Won“ an, welche während einer US-Tournee im Jahr 1972 aufgenommen wurde!) nach vorn trieb und der Band ihre einzigartige Dynamik verlieh. Doch es war nicht allein die Musik, welche der Band bereits frühzeitig einen Eintrag in die Annalen und ‚Hall Of Fames‘ des Rock sicherte, denn in den Siebzigern gab es wohl kaum eine Band, welche eine ähnliche nebulöse Mischung aus Energie und Mystik umwehte – wo immer Led Zeppelin während ihrer Tourneen Halt machten, konnte man sich sicher sein, „sex, drugs and rock n’roll“ in rauen Mengen vorzufinden. Besonders Frontmann und Sänger Robert Plant mit seiner engelsgleichen, wilden Lockenmähne und Gitarrenderwisch Jimmy Page waren als „Rock gewordene Sexgötter“ berühmt-berüchtigt und Schlagzeuger Bonham als unaufhaltsames „Party Animal“ bekannt, der Band und ihrem windigen, jedoch äußerst findigen Manager Peter Grant zog stets eine Entourage aus zwielichtigen Gestalten, gewaltbereiten Bikern und Groupies hinterher (wer mehr dazu erfahren möchte, dem sei Cameron Crowes großartiger, zu nicht eben geringen Teilen autobiographischer Film „Almost Famous“ wärmstens empfohlen). Doch zwölf Jahre und acht Studioalben nach Led Zeppelins Gründung (der Bandname geht einer Musiklegende nach übrigens auf den ebenfalls früh vor die Rockhunde gegangenen legendären The Who-Schlagzeuger Keith Moon zurück, der 1966 gesagt haben soll, eine Band um Page würde „abstürzen wie ein bleiernes Luftschiff“) war plötzlich Schluss mit den Ton gewordenen Exzessen. Die drei Übrig geblieben gingen ihrer Wege und fanden sich lediglich als „Plant, Page and Jones“ im Jahr 1985  – und mit einen gewissen Phil Collins am Schlagzeug! – für einen Auftritt für „Live Aid“ zusammen – ein Gig, der jedoch zum Leidwesen aller qualitativ mächtig in die Hose ging…

Jahrzehntelang schlugen sie danach alle Angebote – und sei es nur für erneut einmalige Aufritte – aus, obwohl es um irrwitzige Summen ging, bei denen wohl selbst Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic auf der Höhe ihrer Kunst die Fussballschuhe für immer an den Nagel gehängt hätten. Klar war man sich alles andere als spinnefeind – Plant und Page etwa spielten 1994 im Rahmen der „MTV Unplugged“-Reihe einige LedZep-Stücke zusammen mit arabischen Musikern oder dem London Metropolitan Orchestra neu ein (zu finden auf „Jimmy Page & Robert Plant No Quarter Unledded„) – und bewies ein ums andere Mal, dass man(n) noch lange nicht bereit für die „Rockerrente“ war (John Paul Jones brachte unlängst zusammen mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme und LedZep-Ultra Dave Grohl die unverschämt rockende Band Them Crooked Vultures an den Start, Robert Plant heimste 2009 fünf Grammys für das gemeinsam mit Alison Krauss veröffentlichte Album „Raising Sand“ ein und veröffentlichte zig Soloalben, Jimmy Page arbeitete mit verschiedensten Musikern von Puff Daddy bis zu den Black Crowes zusammen), aber zusammen auf einer Bühne sollte man für lange Zeit nicht stehen. Schließlich hatte das Trio – wie bereits erwähnt – noch an der 1985 erlebten Live Aid-Blamage zu knabbern und mit den in Ungnade zu Grabe getragenen Queen, Genesis und The Doors ausreichend warnende Negativbeispiele vor Augen und Ohren. Nein, so wollten weder Page noch Jones, und schon gar nicht Plant ihr „Baby“ verabschieden (obwohl es Pläne und konkrete Proben von Bassist Jones und Gitarrist Page mit „Aushilfssängern“ gab)!

Erst der Tod des engen Freundes, Entdeckers und Förderers Ahmet Ertegün, welcher auch das Plattenlabel Atlantic Records gründete, brachte die Musiker wieder zusammen. Man traf, unterhielt und beriet sich, und Robert Plant willigte schließlich ein, für ein einmaliges Konzert wieder als ‚Led Zeppelin‘ eine Bühne zu besteigen. Auch ein neuer Schlagzeuger war schnell gefunden: Jason Bonham, der Sohn des verstorbenen Ur-Schlagzeugers John Bonham, welcher bereits in Bands wie UFO oder Foreigner musikalische Duftmarken hinterlassen und sich einen Namen gemacht hatte. Die Proben in den britischen Shepperton Studios liefen für alle Beteiligten noch besser und flüssiger als erhofft, und auch ein geeigneter Ort für das geplante „Ahmet Ertegün Tribute Concert“ war schnell gefunden: die Londoner O2-Arena. Als man kurz darauf den Konzerttermin offiziell bekannt gab, bewarben sich 20 Millionen (!) Menschen um Tickets – die Band stellte damit verständlicherweise einen neuen und kaum zu überbietenden Weltrekord auf.

Noch unglaublicher ist es jedoch in Zeiten beinahe unbegrenzter digitaler Möglichkeiten, dass es geschlagene fünf Jahre gedauert hat, bis LedZep’s einmaliges Comeback, welches logischerweise zum für alle befriedigenden Triumphmarsch in Rock geriet, nun auch für diejenigen, welche keine der heiß begehrten 20.000 Karten ergattern konnten, zum Nacherleben veröffentlicht wird (Pearl Jam etwa beweisen schon seit vielen Jahren, dass es nicht lange dauert, den Livemittschnitt eines Konzerts auf legalem Wege an den Fan zu bringen). Mitte 2012 kündigten Plant, Page und Jones dann doch für den 16. November das nur allzu Offensichtliche an: mit „Celebration Day“ wird das London-Konzert in auditiver und visueller Form veröffentlicht.

Die erste – und wohl entscheidende – Frage ist: lohnt es sich, drei alten Männern jenseits der Sechzig und dem Sprössling einer Schlagzeuglegende beim gemeinsamen Musizieren zuzusehen (respektive: zuzuhören!)? Darauf kann es nur eine Antwort geben: ja! Allein die 16 Songs starke Setlist spricht Bände und dürfte jeden, der in seinem Leben schon einmal mit der Musik von LedZep in Berührung gekommen ist – und das dürften bei weltweit 300 Millionen verkauften Tonträgern, einem Wert, mit dem sie selbst die Rolling Stones hinter sich lassen, nicht eben wenige sein – ungehört mit der Kennerzunge schnalzen:

Good Times Bad Times

Ramble On

Black Dog

In My Time Of Dying

For Your Life

Trampled Under Foot

Nobody’s Fault But Mine

No Quarter

Since I’ve Been Loving You

Dazed And Confused

Stairway To Heaven

The Song Remains The Same

Misty Mountain Hop

Kashmir 

Whole Lotta Love

Rock And Roll

„Hey Ahmet, we did it!“

(Robert Plant, nach „Stairway To Heaven“)

Hier jagt, eingeleitet von einem kurzen US-TV-Betrag aus den „goldenen Siebziger Jahren“ der Band und dem Song „Good Times Bad Times“ ein Highlight das nächste, die Band ist bestens eingespielt und verzichtet während des zweistündigen Rockmarathons auf ausgiebige Blues- und Rock and Roll-Ausschweifungen, die noch ihre nicht minder mächtigen Konzerte in den Siebziger Jahren bestimmt hatten. Natürlich ist sie Zeit an keinem der drei Gründungsmitglieder spurlos vorüber gegangen. Trotzdem trägt Robert Plant noch immer seine Lockenmähne zur Schau und weiß auch stimmlich an die „guten alten Tage“, als er zu recht als wohl bester Rockmusiksänger der Welt galt, anzuknüpfen (nur eben, wie besonders gut bei „Stariway To Heaven“ zu hören, ein paar Tonlagen tiefer). Trotzdem lässt Jimmy Page noch immer zur Visage des ultracoolen, leicht griesgrämigen englischen Lords Riffs vom Stapel, wie sie schon längst in jeder vertonten Musikenzyklopädie zu finden sind und bearbeitet auch in London seine Gitarre zu „Dazed And Confused“ stilecht mit dem Geigenbogen (eine Technik, die sich unter anderem auch Sigur Rós-Frontmann Jónsi Birgisson von ihm abgeschaut hat). Trotzdem weiß John Paul Jones auch 2007 als in sich ruhende, grundsympathische Rhythmusfraktion zu überzeugen. Und Jason Bonham? Der könnte, bei aller Aufgeregtheit und Anspannung, an diesem Tag – wir erwähnten es eingangs bereits – kaum glücklicher sein. Die Band bringt es im beiliegenden Booklet noch einmal treffend kurz und knapp auf den Punkt: „The energy and the chemistry was absolutely still there“, meint etwas Jones, „We were ready!“, stellt Page fest, während Plant die verstorbenen Freunde, Schlagzeugmaniac „Bonzo“ und Manager Ertegün, als Beweggründe der Reunion herausstellt und Bonham bewegend und ehrlich seine Gedanken zu Papier bringt. Led Zeppelin spielen sich im Laufe des Konzerts in einen wahren Rausch und steht ein ums andere Mal glücklich grinsend im Kreis zusammen, so als ob sie selbst nicht glauben könnten, dass sie nach all den Jahren nun hier zusammen musizieren, um wohl definitive Versionen von nicht eben kleinen Songs wie „No Quarter“ oder „Kashmir“ abzuliefern. Da macht es keinem der 20.000 Anwesenden etwas aus, dass sich die Band beim Großteil der Lieder nah an die Originale hält, denn auch für alle Zuschauer in der Arena geht soeben – nicht selten tränenreich – ein lang gehegter und oft schon nicht mehr für möglich gehaltener Lebenstraum in Erfüllung. „Hey Ahmet, we did it!“, schickt Robert Plant aufrichtig dankbar als Gruß an den Freund, dem die Band so viel zu verdanken hat, gen Himmel. Und ob ihr das getan habt – und wie! Nach mehreren ehrlichen Verbeugungen und den Songs „Whole Lotta Love“ und „Rock And Roll“ als Zugaben ist die vom erfahrenen Konzertfilmveteran Dick Carruthers (u.a. The Killers, Oasis, Aerosmith, Snow Patrol, Take That…) unspektakulär und doch angemessen filmisch eingefangene Show vorüber. Und jeder nicht „Unrockbare“ weiß sofort: hier ist soeben etwas Großes passiert. Hier (respektive: vor fünf Jahren) wurde in der englischen Hauptstadt erneut Musikgeschichte geschrieben und auch die letzten Zweifler mit in den ‚bleiernen Zeppelin‘ geholt. Die Band, welche längst niemandem mehr etwas beweisen muss und es sich selbst doch ein letztes Mal beweisen will, schließt am 10. Dezember 2007 in größtmöglicher Ehrerbietung vor dem eigenen Erbe mit einem finalen Epilog, für dessen Archivierung Blue-Ray und DTS-Soundsysteme scheinbar erfunden wurden und auf dessen Einband der Name in 14 goldenen Buchstaben prangt: „Celebration Day„. Led Zeppelin hätten keinen besseren Namen für ihr Vermächtnis finden können. Das hier ist Pflichtprogramm! Der traurige Rest feiert mit den Atzen und Scooter…

Wer nach diesem live aufgenommenen Monolithen, bei welchem die Blue-Ray-Variante mit zusätzlicher DVD, auf der unter anderem ein Mitschnitt der Proben zum Konzert enthalten ist, empfohlen sei, als Neuling gern etwas tiefer in den Backkatalog von Led Zeppelin eintauchen mag, dem/der sei zum Einstieg – neben der ausgezeichneten Best Of „Mothership“ – auch der zweieinhalbstündige, bereits oben erwähnte, Livezusammenschnitt „How The West Was Won“ sowie die dazugehörige – und ebenfalls ganz fabelhafte – Doppel-DVD-Veröffentlichung von 2003 ans Hörerherz gelegt.

 

Hier zur Einstimmung der kurze Trailer zum Konzertfilm…

 

…und die grandiose Live-Version von „Kashmir“:

 

Rock and Roll.

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Rocks and Rolls and Danish Dynamite? So war das Roskilde Festival 2012!



1971 gegründet und damals noch unter dem Namen SOUND FESTIVAL stattfindend, ruft ein kleiner, verschlafener Ort auf der dänischen Insel Seeland alljährlich Festivaljünger aus Skandinavien, Europa und der ganzen Welt zusammen, um gut eine Woche lang dem Erleben von mehr oder minder lauter, lebensfroher und tanzbarer Musik, dem gemeinsamen – meist feuchtfröhlichen – Feiern sowie dem Beisammensein in Zeltstädten bei Dosenravioli und Campingkocher zu frönen. In besten Zeiten invadierten 115.000 Musikbegeisterte das ländliche, etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Kopenhagen entfernte Roskilde, 2012 waren es, auch den Sicherheitsbestimmungen nach dem tragischen Zwischenfall 2000 geschuldet, bei der 42. Ausgabe immerhin gut 77.000.

Und beim Blick auf das Line-Up überraschen solche Zahlen kaum: Rock in allen Spielarten, Pop, Metal, elektronische Klänge, Bluegrass, Blues, Reggae, Singer/Songwriter… – für praktisch jeden war auch in diesem Jahr etwas dabei. Und wer nicht vorrangig der auftretenden Bands und Künstler wegen da war, der konnte auf dem nicht eben kleinen Gelände dem bunten Treiben der vor allem aus Dänemark kommenden Besucher,  von denen etwa 20% aus dem Ausland anreisten, beiwohnen.

Doch genug zur Historie und zu Allgemeinplätzen. Hier nun das, was mir von Roskilde 2012 in Erinnerung geblieben ist, in Form eines kleinen Festivaltagebuchs:

 

Tag 1 (Dienstag, 3. Juli 2012):

Die Reise beginnt in der sächsischen Provinz uns führt mich und meine zwei Begleiter (zum Ende des Festivals werden wir zu fünft sein, die anderen zwei stoßen später von Schweden aus zu uns) per Road Trip und mit sorgfältig ausgewählter Musik bei durchgängig freien deutschen Autobahnen bis nach Rostock. Da wir weit vor Abfahrt der Fähre zum dänischen Gedser ankommen, bleibt noch Zeit, um der unterbeschäftigten Imbissfrau bei Fischbrötchen, Bulette, Kaffee und Rostocker Pils ein wenig Gesellschaft zu leisten und Trost zu spenden.

Bei untergehender Sonne und mit einer Horde portugiesischer Schüler an Bord laufen wir beinahe pünktlich auf die Ostsee aus und kommen im Dunklen in Gedser an Dänemarks Küste an. Den Weg nach Roskilde zu finden ist nicht schwer: wir müssen einfach nur immer den Hauptstraßen geradeaus folgen. Gegen 23.30 Uhr kommen wir am Festivalgelände Roskildes an, müssen jedoch noch einen kurzen Trip in die „Innenstadt“ der Gemeinde unternehmen, um dänische Kronen für den Autostellplatz zu besorgen. Nachdem dies erledigt und das Auto abgestellt wurde, heißt es, sich die offiziellen Festivalbändchen am Arm festzurren zu lassen und nach einem geeigneten Zeltplatz für die kommenden Tage Ausschau zu halten. Letzteres stellt sich jedoch als Kraftakt von kaum vorstellbarer Schwere heraus, da das Gelände bereits am vergangenen Samstag geöffnet wurde und bereits so ziemlich alle Plätze belegt sind (wie wir später bemerken sollten, hatten wir jedoch damit auch Glück um „Unglück“). So wandern wir also, nach über 12 Stunden Anreise, durch spärlich beleuchtete Zeltstädte und vorbei an bereits allerhand Müll, Alkoholleichen und einer Jugend, die scheinbar den Aufstand des Leichtsinns probt. Am hintersten Eck (das sich bezeichnend „Silent Area“ schimpft) finden wir noch ein wenig Platz, beschließen diesen alsgleich zu besetzen und schaffen unter Aufbietung unserer letzten Kraft- und Wachreserven unser Zeug herbei. Als unsere Zelte aufgestellt und die Heringe im Festivalboden verankert sind, beginnen bereits die ersten Vögel den Anbruch des Festivalmittwochs zu begrüßen. Bei aufgehender Sonne stoßen wir gemeinsam mit dem höchst verdienten ersten Festivalbier an und sinken danach erschöpft in unsere Schlafsäcke.

 

Tag 2 (Mittwoch, 4. Juli 2012):

Der erste komplette Tag in Dänemark steht, auf besonderen Wunsch der „besten Freundin“, und da die „offiziellen“ Konzerte erst am nächsten Tag beginnen (vorher konnte, wer wollte, bereits kleineren dänischen/skandinavischen Bands beim Musizieren auf die Finger schauen), unter dem sonnigen Stern eines Sightseeing-Ausflugs in die dänische Hauptstadt, die mit dem Zug etwa 30 Kilometer oder 50 Minuten Fahrt entfernt liegt. Gegen Mittag kommen wir bei besten Temperaturen dort an, laufen vom Hauptbahnhof aus am beliebten „Tivoli“-Vergnügungspark vorbei durch’s Zentrum bis zur Vor Frelsers Kirke, die wir über eine im 18. Jahrhundert gebaute Wendeltreppe besteigen, um uns in 93 Metern Höhe einen Überblick über die etwa 540.000 Einwohner zählende Stadt zu verschaffen. Danach geht’s weiter nach Christiania, welches quasi das „alternative Zentrum“ Kopenhagens darstellt.  Gibt’s doch überall? Nun, besonders an diesem in einem verlassenen und seit 1971 von Hippies besetzten Militärgelände ist, dass der Stadtteil von den Bewohnern zur (mehr oder minder autarken) Freistadt ernannt wurde. Und „Besonderes“ sieht der Besucher, dem Fotografieren unter Androhung von Gewalt strengstens untersagt ist, auf jeden Fall. Oder zumindest mehr offen und frei angebotene bewusstseinserweiternde Substanzen als sonstwo (und ich wohne in den Niederlanden!). Und in beinahe allen Gassen Christiania strömen einem denn auch dementsprechende Gerüche entgegen… Toll hingegen ist es zu beobachten, dass hier Anzugträger und Rastafari im friedlichen Nachmittagssonnenplausch gemeinsam ihr Entspannungstütchen rauchen…

Nach diesem etwas abseitigen Trip geht’s per Wassertaxi weiter zu der Sehenswürdigkeit Kopenhagens: der „kleinen Meerjungfrau“. Gesehen. Abgehakt. Weiter. Nach dem Rückweg zum Hauptbahnhof geht’s zurück nach Roskilde. Ein schöner, entspannter Tag, um Energie für die nächsten vier kraftraubenden Tage im musikalischen Herzen Dänemarks zu sammeln.

 

Tag 3 (Donnerstag, 5. Juli 2012):

Der erste offizielle Konzerttag beginnt für die Einen von uns (wir sind mittlerweile zu fünft) mit den aus dem heimischen ehemaligen Karl-Marx-Stadt stammenden Kraftklub, für die Anderen mit The Shins. Ich entscheide mich für letztere Band…

Doch alsbald beschleicht mich in der Mitte des Auftritts das Gefühl, dass ich doch besser die Chemnitzer Neo-Sprech-Rock-Hipster hätte wählen sollen, denn irgendwie kommen James Mercer und Band nicht recht aus der Hüfte, was sich auch auf die dementsprechend mäßige Stimmung im Publikum auswirkt. Was soll’s. Dann halt zuhören und im Hinterkopf noch die Planung für die nächsten Tage durchgehen.

Weiter geht’s danach ins Gloria, eins von insgesamt sieben (!) Venues auf dem Festivalgelände, und zusammen mit der Orange Stage (der Hauptbühne) wohl das in seiner Gestaltung und Akustik beste, um dem Songwriter Sam Amidon zu lauschen. Ist nicht aufregend, das Ganze, jedoch sehr, sehr schön…

Auf der eben erwähnten Orange Stage betreten mit Robert Smith und seinen nicht minder gealterten Mitmusikern The Cure die Hauptbühne und werden diese für die nächsten gefühlt 50 Stunden nicht mehr verlassen. Stoisch und beinahe ohne Publikumsinteraktion (doch wer hätte das beim größten Trauerklos des Musikbusiness auch erwartet?) ziehen die Goth-/Wave-Rocker ihr Ding durch, spielen sich – beileibe nicht unvirtuos – durch den gewaltigen Backkatalog, lassen immer mal wieder Evergreens wie „Just Like Heaven“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ mit einfließen, und wandeln gegen Ende gar auf Pink Floyd’schen Soundscape-Spuren. Mammutauftritt einer Band mit großer Spielfreude, und gegen Ende lassen sich Smith’s Lippen sogar das ein oder andere Lächeln entlocken – sensationell. Und die Geduld der Zuschauer wird bereits am ersten Tag geprüft…

Wir jedenfalls halten’s der Langatmigkeit wegen nicht bis zum Ende aus (und dabei ist „Disintegration“ eins meiner All-Time-Fav’s!) und statten Perfume Genius noch einen kurzen Besuch ab. Fazit: armer, schüchterner Kerl, traurige Songs, klagendes Stimmchen. Man reiche ihm einen warmen Kakao!

 

Tag 4 (Freitag, 6. Juli 2012):

Am Morgen werden wir vom Regen geweckt. Unbeugsam öffnen sich die Himmelsschleusen und verwandeln einen Großteil des Festivalgeländes sowie der Zeltstadt in eine müllbedeckte Schlammlandschaft. In unserem hintersten Eck des Zeltplatzes haben wir das Glück, noch Wiese als Untergrund zu haben, welche einen guten Teil der Nässe rasch aufnimmt und uns ein „Absaufen“ erspart. Mein Begleiter und ich (von ihm stammt auch ein guter Teil der Festivalfotos, welche er ANEWFRIEND großzügigerweise zur Verfügung stellte) entschliessen uns, das Festivalkino als trockenen Ort aufzusuchen. Gespielt wird gerade „Play“, ein schwedischer Film mit dänischen Untertiteln, dessen Handlung sich wohl vor allem über die Dialoge erschliesst. Wir sprechen leider keine der beiden Sprachen. Und können uns bei den Stellen, bei welchen das anwesende Publikum lacht, nur ungläubig anschauen. Die Stelle mit dem scheißenden asiatischen Jungen einmal außen vor…

Gegen Nachmittag legt sich der Regen so langsam und ein kurzer Abstecher zu Baroness, welchem im Odeon spielen, steht auf dem Plan. Ordentlich, die Jungs. Ordentlich laut. Werden wohl zurecht (hoch)gelobt. Ich bin angefixt.

Weiter geht’s zu Gossip an die Orange Stage, und da noch Plätze direkt vor Bühne frei sind, entschliessen wir uns für dieses Erlebnis. Und das ist es durchaus: ruckzuck finden wir uns in einem ausgelassen feiernden und tanzenden schwul-lesbischen Moshpit wieder und sehen einen Band, die ordentlich rockt und ganz zu meiner Freude auf einen Großteil der Elektronik- und Synthie-Spielereien der letzten Studioalben verzichtet. Frontwuchtbrumme Beth Ditto gibt die sympathische Rampensau und darf wohl, insofern man bei ihr noch Vergleiche benötigt, als eine barfuss tanzende und Drinks kippende „Adele in Rock“ gesehen werden. Auf ihren Alben mögen Gossip dem Punk abgeschworen haben, jedoch nicht auf der Bühne. Tolle Show, perfekte Festivalband. Und mindestens für „Standing In The Way Of Control“ sollte jeder Indie-DJ Dittos voluminösen Arsch küssen.

Nach einer Verschnaufpause und einem Rundgang entlang der vielen Festivalstände, ein welchem man Snacks, Fast Food, Drinks, Shirts und ähnliches erstehen kann, geht’s zur besten Spielzeit wieder zur Orange Stage, auf welcher der Ex-White Stripe sowie Teilzeit-Raconteur und -Dead Weather Jack White und seine aus sechs (!) bildhübschen (!!) und höchst talentierten (!!!) Damen bestehende Backing Band groß aufspielen. Natürlich, rein stimmlich ist es bei dem aus Detroit, Michigan stammenden Musikvirtuosen nicht weit her, doch hat man sich einmal an sein Organ gewöhnt, erschließt sich sein gleichzeitig vor- und rückwärts gewandter Klangkosmos auf wundersame Weise, an deren beiden Enden White scheinbar mit seiner Gitarre verwachsen scheint. Wie sonst könnte er ihr solch‘ große Klänge entlocken? Der Mann lebt den Blues nicht, nein, er ist Blues! Insgesamt bietet er einen gut zweistündigen Querschnitt durch sein nicht eben geringes Schaffen, sei es anhand von Songs der White Stripes, der Raconteurs oder aus seinem kürzlich veröffentlichten Solodebüt „Blunderbuss„, an dessen Ende das beinahe orgiastische gefeierte (und auch irgendwie unvermeidliche) „Seven Nation Army“ steht. Stadionatmosphäre beim Festival. 60.000 – und du mittendrin. Geil.

Mein Begleiter besteht nach diesem Höhepunkt noch auf einem kurzen Abstecher zu Gentleman & The Evolution. Ich kann Gentleman nicht ausstehen. Dieser Auftritt ändert daran nichts: ein Pothead, der in gefaktem Englisch mit jamaikanischem Einschlag plakativ über das „ach so arme“ Afrika schwadroniert, zur „Love“ aufruft und im hip-rheinischen Köln residiert. In welcher Welt passt das zusammen? Zumindest nicht in meiner. Manche mögen’s. Ich definitiv nicht.

 

Tag 5 (Samstag, 7. Juli 2012):

Tag fünf ohne Dusche stellt mit seinen vielen sehenswerten Konzerten und dementsprechend vielen Überschneidungen den Haupttag des Festivals dar. Die von mir fest eingeplanten Dry The River müssen, der Bündelung von Kräften und mittäglichen Stärkung wegen, flachfallen.

Zuerst werden kurz First Aid Kit bestaunt: schöne, weise Stimmchen haben sie, diese beiden schwedischen Schwestern. Gefällt, ist mir aber zu festivaluntauglich. Weiter also zu Alison Krauss & Union Station (die Stimme der Dame mag dem Einen oder der Anderen eventuell aus dem Film „O Brother Where Art Thou?“ bekannt sein), welche wohlmöglich einen gelungenen Auftritt hinlegen, jedoch auch die erste Gähnphase einläuten. Doch das soll sich mit der nächsten Band schleunigst ändern: die für diesen Festivalsommer wiedervereinigten Refused haben ihr Kommen angekündigt! Und Dennis Lyxzen & Co. bieten eine lautstarke, energetische Show, die sich gewaschen hat, so einige Trommelfelle zum Summen und den Circle Pit vor der Bühne zum Ausrasten bringen! Ich bin wieder gefühlte zehn Jahre jünger und nach „New Noise“ und am Ende des Auftritts glücklich, die Jungs einmal gemeinsam gesehen zu haben. Tolle Frontsau, der Lyxzen, immer wieder.

Zurück an der Orange Stage und zur besten Zeit betritt dann der Highlight-Act der diesjährigen Roskilde-Ausgabe die Bühne: Bruce Springsteen & The E Street Band. Und er bringt ähnlich viele E Street Band-Musiker mit ins orangene Halbrund, wie noch wenige Wochen zuvor im Berliner Olympia-Stadion (ANEWFRIEND berichtete). Unnötig zu erwähnen, dass der Boss auch diesmal eine perfekte Show liefert (die Tracklist könnt ihr hier bestaunen) und für die wohl ausgelassenste große Meute des ganzen Festival sorgt. Als er bei einem Song einen Teil der wenige Stunden zuvor an selber Stelle aufgetretenen The Roots zu sich auf die Bühne holt, teilen sich zeitweise über zwanzig (!) Musiker die wohl musikalischsten Bretter Dänemarks. Nach gut drei (!) Stunden und dem Isley Brothers-Cover „Twist and Shout“ ist Schluss. Drei Stunden! Bei einem Festival! Grandios. Und ich bin völlig fertig. Das zweite Boss-Konzert in meinem Leben, beide innerhalb weniger Woche, beide ähnlich perfekt.

Nach einer Portion Köttbullar als Stärkung nach einem langen Festivaltag und dem lärmig-launigen Aufritt von Sivert Höyem geht’s zurück zum Zeltplatz. Paul Kalkbrenner kann man auch noch in mehreren Kilometern Entfernung an seinen Tellern schrauben hören…

Hier noch ein Mitschnitt vom Auftritt mit The Roots:

 

Tag 6 (Sonntag, 8. Juli 2012):

Unser letzter Festival-Tag steht ganz im Zeichen der nahenden Abreise (die Fähre zurück nach Rostock geht um 2 Uhr nachts), dem Packen, dem Lecken des doppelten Sonnenbrands sowie der durch das tagelange Tragen von Gummistiefeln verursachten Schürfwunden.

Noch einmal werden die müden, matten Festivalbesucherhäupter von einer ordentlichen Sonnenbrise verwöhnt.

Auf dem Plan stehen nur noch die gegen Abend spielenden Alabama Shakes, zu denen wieder leichter Nieselregen einsetzt, sowie Björk (bei der jedoch keiner von uns erwartet, das Ende des Auftritts zu erleben). Und die Erwartungen erfüllt sie denn auch. Die… nun ja… überaus extrovertierte Isländerin betritt mit einem Damenchor und einem DJ, der gut und gern ihr Sohn sein könnte, und gekleidet in ein Kostüm, welches eine Mischung aus Ölpest, Band- und Wattwurm darstellt, die Bühne und erhebt zu eigenartigsten Bewegungen sogleich ihr gewöhnungsbedürftiges Organ. Nein danke. Nicht meins. Unser Gepäck befindet sich eh bereits verstaut im Auto. Wir machen uns auf die Rückreise.

 

Tag 7 (Montag, 9. Juli 2012):

Glücklich, gerockt, erledigt, sonnengebräunt und durch kommen wir gegen Mittag wieder im heimatlichen Sachsen an. Sonne? Scheint.

 

Fazit:

Positiv fällt bei aller Größe (rein gebiets- sowie besuchermäßig) sofort die vergleichsweise gute Organisation ins Auge. Ausreichend Waschplatze, stets bestmöglich entleerte und saubere Dixie-Klos, Personal, welches ein Gros des Mülls bereits während des Festivals versucht aufzusammeln (ein Kampf gegen Windmühlen, der dennoch in Ansätzen unternommen wird), im Ernstfall immer jemand mit orangener Weste in der Nähe. 30.000 freiwillige Helfer sollen sich laut Aussagen gemeldet haben. Spitze! Super außerdem die meist überaus entspannten Ordner vor und um die Bühnen herum, die die Festivalbesucher im Bedarfsfall – und der trat logischerweise sehr oft ein – immer mit einem Becher voll Wasser versorgten und mit ihren freundlichen Mienen sehr zur guten Laune (zumindest war’s bei mir so) beitrugen. Kompliment! Wäre bei deutschen Festivals wohl undenkbar, wo sich teutonisch-strenge Atzen wie die heimlichen Herrscher des Geländes aufspielen.

Auch toll war die – bei aller Feuchtfröhlichkeit – durchweg entspannte Atmosphäre unter den Festivalbesuchern. Kein Stress, nur Chillen und Musik.

Negativ waren definitiv die vielen kleinen, meist asiatischen Pfandbechersammler, die während der Konzerte in einer Tour um die Beine der Festivalbesucher herumschlichen (und das selbst im größten Gedränge!), und bei denen man fürchten müsste, dass sie einem die eigenen Testikel aus der Unterhose klauen, sollten sie eine Pfandmarke darauf entdecken…

Negativ war manchmal auch die (zu?) große Besucherzahl, welche das eine oder andere Konzert aufgrund des großen Andrangs zu einer weniger entspannten Angelegenheit machte, sowie die langen Laufwege. Da beides jedoch wohl von vornherein klar und doch sehr subjektiv empfundene Dinge sind, bleiben diese Sachen außen vor.

Erschreckend waren – vor allem gegen Ende des Festivals – die riesigen Müllberge sowie der elendige Anblick des Hauptteils der Zeltstadt. Da bezahlen doch tatsächlich einige Menschen gut 250 Euro Eintritt, um sich inmitten von Müll, Schlamm, Urin- und Kotgestank eine Woche lang komplett abzuschießen? Industrienationen und ihre Luxusprobleme…

Nichtsdestotrotz war’s toll. Vielen Dank noch einemmal an meine vier Begleiter, ohne euch hätt’s nicht einmal halb so viel Spaß gemacht!

Eine feine Woche, auch wenn ich im nächsten Jahr definitiv ein klein(er)es Festival bevorzugen werden. Tusind tak, Denmark! Tusind tak, Roskilde!

Und da bei aller Mühe, die ich mir bei den Beschreibungen gegeben habe, alle Worte ohne Bilder wenig wert sind, hier noch einige Eindrücke vom diesjährigen Roskilde:

(alle Fotos: ANEWFRIEND + R. Mehnert) 

 

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Rock and Roll.
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Bruce Springsteen & The E Street Band live im Olympiastadion, Berlin, 30. Mai 2012: Gottesdienst in Rock…


Der eigentliche Konzerthöhepunkt kommt ganz zum Schluss, im obligatorischen „Tenth Avenue Freeze Out“: nach der Textzeile „and the big man joined the band“ hält die Band unvermittelt in ihrem Spiel inne und auf der Leinwand werden Bilder des im vorigen Jahr an einem Schlaganfall verstorbenen Saxofonisten Clarence Clemons gezeigt – drei Minuten lang, und begleitet vom euphorischen, respektvollen Beifall des Publikums. Keine Frage, wo immer Clemons jetzt auch weilt, er wird stolz gewesen sein. Auf seinen Freund Bruce. Auf seinen Nachfolger aus eigenem Hause. Und auf seine Band.

Doch von Anfang an. Das Konzert von Bruce Springsteen und der E Street Band stand unter einem guten Stern: das Wetter war gut, da angenehm mild und regenfrei, die Plätze auf der Tribüne gegenüber der Bühne von oberster Güte und Preisklasse (wenn schon, denn schon!), die Stimmung vor der Konzert bestens. Mit gut 20-minütiger Verspätung sah man die schwarzen Vans ins Rund des Berliner Olympiastadions einfahren, hinter der Bühne halten, und schon kurz darauf betrat der „Boss“, vom Beifall des bunt gemischten Publikums, von dem ein Großteil mit ihm gealtert zu sein schien, begleitet, die Bühne und eröffnete sein 28 Songs starkes Set gleich mit einer Live-Premiere: einer Coverversion von „When I Leave Berlin“, einem Lied des britischen Musikers Witz Jones (einen Mitschnitt des Songs findet ihr unten). Doch ans Gehen brauchten weder Band noch Publikum für die nächsten gut drei (!) Stunden einen Gedanken verschwenden. Springsteen hatte, bis auf seine Frau Patti Scialfa, welche laut Aussage „zu Hause die Kinder hüten musste“, alle Mitglieder seiner E Street Band mit in die deutsche Hauptstadt gebracht: die Gitarristen Nils Lofgren und Steve Van Zankt (dieser trug natürlich das obligatorische Bandana über dem lichter werdenden Haupthaar!), Schlagzeuger Max Weinberg, die Geigerin Soozie Tyrell, Charles Giordano für die Tasteninstrumente (der ursprüngliche E Street Band-Pianist Danny Federici verlor 2008 nach 35 gemeinsamen Bandjahren seinen langen Kampf gegen eine Krebserkrankung), Background-Sängerinnen und Trompeten, Trombones – und am Saxofon Jake Clemons, der den „Big Man“, seinen bereits erwähnten Onkel Clarence Clemons, würdig mit Zurückhaltung und Respekt, jedoch ebenso virtuosem Spiel vertrat. Insgesamt 15 Musiker teilten sich an diesem Abend die Bühne.

Dem Einstieg folgten mit Songs wie „We Take Care Of Our Own“, „Wrecking Ball“ (ein Abgesang an das mittlerweile abgerissene Giants Stadium in Springsteens Heimatstadt New Jersey) oder „Jack Of All Trades“ vor allem Stücke aus seinem aktuellen Album, in das immer wieder Live-Favoriten wie „Badlands“, „Youngstown“ – dessen Live-Version mit einem wie entfesselt aufspielenden Lofgren einfach legendär ist – oder „Waiting On A Sunny Day“ eingestreut wurden. Und war der „Boss“ (der seinem Titel im positiven Sinne immer wieder alle Ehre macht) früher vor allem die nach Beifall und Befriedigung des Publikums dürstende Working Class-Rampensau, so scheint er mittlerweile – und spätestens seit dem 2002, kurz nach dem Anschlägen vom 11. September, veröffentlichten Album „The Rising“ – seine neue Rolle gefunden zu haben: er ist Mahner, Tröster, Heiler, bodenständiger Unterhalter, aufrechter Rock-and-Roller, und Anführer seiner musikalischen Familie. Das Tolle ist, dass man ihm all diese Rollen unumwunden abnimmt, das Abklatschen mit dem Publikum, die spontane Tanzeinlage mit der Sanitäterin im Bühnengraben, das Überreichen seines Mikros an einen kleinen Jungen aus dem Publikum zu „Waiting On A Sunny Day“, die Freude über den Refrain-Chor aus dem Rund, das obligatorische spontane Einstreuen von Publikumswünschen („Hungry Heart“, „Save My Love“…) anhand von hochgehaltenen Schildern von Fans in seine Setlist. Das alles ist dieser, in seiner US-amerikanischen Heimat fast gottgleich verehrte Mann, der all der Millionen verkauften Alben zum Trotz stets bodenständig und glaubhaft geblieben ist. Ein ehrlicher Rocker, der laut eigener Aussage seit seinem fünftzehnten Lebensjahr kaum etwas anderes gemacht hat als Songs zu schreiben und Abend für Abend auf der Bühne zu stehen. Und es ist erfreulich, dass die Ausflüge des aktuellen Albums in Hip Hop (!) und Gospel – vor allem den beeindruckenden schwarzen Background-Sängerinnen zum Dank – auch live gut gehen, und Springsteen die Heimatstätte von Hertha BSC zeitweilig gefühlt in ein Prediger-Seminar im US-amerikanischen Süden verwandelt – mit 58.000 Teilnehmern.

Danach folgte ein Marathon aus Evergreens aus seinem bestens gefüllten Backkatalog: „The River“! „Thunder Road“! „Born In The U.S.A.“! „Born To Run“! „Glory Days“! „Dancing In The Dark“! Alles Songs, die viele der Zuschauer an ihre eigene Jugend zu erinnern scheinen und wohl auch deshalb so frenetisch bejubelt werden. Alles Evergreens, die jedoch vor allem live, aufgrund des stets variierten Vortrags von Springsteen und Band, nie dazu kommen, Patina anzusetzen. Bereits wenige Songs vor Konzertende hängt der 62-jährige Bandleader ausgepowert am Mikroständer (man möge es ihm, der während der vergangenen Stunden von einem Bühnenende zu anderen gerannt ist und stets den Kontakt zu Publikum gesucht hat, vergeben), vor der Rock’n’Roll-Nummer „Seven Nights Of Rock“ liegt er nach Luft schnappend am Bühnenrand und muss sich von seinem Freund Van Zandt eine Wasserdusche per Schwamm gefallen lassen.

Nach gut drei Stunden – wobei dieser Abschluss der Deutschland-Tournee noch den kürzesten der drei Gigs darstellte, was jedoch bei der Länge nun wirklich Makulatur ist, dem bereits eingangs erwähnten würdigen Abschluss „Tenth Avenue Freeze Out“ und einer Verbeugung von beiden Seiten ist Schluss. Und alle verlassen zufrieden das Stadion. Der Boss und seine Band, die nun dem 1988er Auftritt in Ost-Berlin (!) eine weitere erinnerungswürdige Konzerterfahrung an die deutsche Hauptstadt haben dürften. Das Publikum, welches sich, ordentlich unterhalten, gerockt und immer noch in Jugenderinnerungen schwelgend, in alle Winde verteilte und das Stadion hinaus in den lauen Maiabend verließ.

Für meinen Vater und mich war es definitiv ein toller, ein besonderer, ein erinnerungswürdiger Konzertabend, sind wir doch beide langjährige Springsteen-Hörer und -Bewunderer. Und wie schieb er mir kürzlich: „Das mit dir zu genießen – einfach das Größte!!“ Recht haste, Vati!

Für so ein Erlebnis fährt man doch gern gut 1.400 Kilometer. Das war Stadionrock von Champions League-Qualität in einem Zweitliga-Stadion, präsentiert von einem Mann, der trotz (oder wegen?) seines Alters – vor allem live – nur immer zeitloser und besser wird. Solche Dinge sind schwer zu beschreiben, solche Dinge muss man einfach erleben. Danke, Bruce. Wir sehen uns in Dänemark.

Hier noch die komplette Setlist des Berlin-Konzerts…

01 – When I Leave Berlin (Soundchecked, Cover von Wizz Jones)
02 – We Take Care Of Our Own
03 – Wrecking Ball
04 – Badlands
05 – Death To My Hometown
06 – My City Of Ruins
07 – Spirit In The Night
08 – Hungry Heart (Request)
09 – Trapped (Request)
10 – Jack Of All Trades
11 – Youngstown
12 – Johnny 99
13 – Working On The Highway
14 – Shackled & Drawn
15 – Waiting On A Sunny Day
16 – Save My Love (Request)
17 – The River
18 – The Rising
19 – Lonesome Day
20 – We Are Alive
21 – Thunder Road

22 – Rocky Ground
23 – Born In The U.S.A.
24 – Born To Run
25 – Glory Days
26 – Seven Nights To Rock
27 – Dancing In The Dark
28 – Tenth Avenue Freeze Out

(Quelle: Germantramps)

…und der Mitschnitt von „When I Leave Berlin“:

 

Rock and Roll.

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Kettcar live im Alten Schlachthof, Dresden, 1. März 2012: Von Kühen und Flüssen, Barry White und Erwartungen


„Das muss am Fluss liegen.“ Ob die gemeinsame Elbsozialisation nun der (einzige) von Bassist Reimer Bustorff ins Feld geworfene Grund für die konstant gute Stimmung während des Kettcar-Gastspiels im Dresdner Alten Schlachthof war, sein einmal dahin gestellt. Mir würden da noch einige mehr einfallen… Aber von Anfang an.

Zehn Jahre ist es nun her, dass die aus Marcus Wiebusch (Gesang, Gitarre), seinem jüngeren Bruder Lars Wiebsuch (Keyboard), Reimer Bustorff (Bass), Erik Langer (Gitarre) und Christian Hake (Schlagzeug, seit 2010 an Bord) bestehende Hamburger Band ihr erstes, viel beachtetes Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ veröffentlicht und dafür mangels Interesse der Majorlabels ihr eigenes Label Grand Hotel Van Cleef gegründet hat (welches, neben Wiebusch und Bustorff, Thees Uhlmann als Co-Chef vorweist). Drei Studio- und ein Live-Album später ist nun vor kurzem „Zwischen den Runden„, welches ANEWFRIEND kürzlich als „Album der Woche“ würdigte, erschienen. Und natürlich haben zehn Jahre auch bei Kettcar einiges verändert. Die eigenen Familien haben sich vergrößert, die Haare sind lichter und die Bäuche fülliger als noch zu Zeiten, als die Jungs in Punk- und Ska-Bands wie …But Alive oder Rantanplan ihre Anfänge machten, aus dem Hobby Musik ist längst ein Full Time Job geworden, das Label läuft Dank einer Menge Enthusiasmus, Engagement und Liebe zum Detail bestens, im Feuilleton und in der Presse findet die Band mittlerweile mit jeder neuen Platte ausreichend Beachtung, das ZDF berichtete kürzlich gar vom Tourstart zum aktuellen Album.

Und auf eben jener Tour machten Kettcar am vergangenen Donnerstagabend Halt im gut gefüllten Dresdner Alten Schlachthof. Die norddeutsche Band Torpus & The Art Directors machten mit ihren an Mumford & Sons erinnernden Songs als Anheizer einen ordentlichen Job, das – offizielle – Debütalbum der Band soll in Kürze erscheinen. Um kurz nach 21 Uhr betraten dann Marcus Wiebusch & Co. die Bühne und eröffneten ihr 21 Lieder starkes und gut 90 Minuten langes Set mit „Rettung“, dem ersten Song ihres aktuellen Albums. Nachfolgend wurden alle Alben, vom Erstling „Du und wieviel von deinen Freunden“ über „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen„, das dezent zynisch gehaltene „Sylt“ bis hin zu „Zwischen den Runden“, berücksichtigt und auch viele Publikumsfavoriten wie „48 Stunden“, „Graceland“, „Balkon gegenüber“, „Ich danke der Academy“ oder eben dem „Mädchen-Song“ (Zitat Marcus Wiebusch) „Balu“ gespielt. Geschickt wurden ruhigere Songs wie das bewegende „Nach Süden“, „In deinen Armen“ oder „Am Tisch“ (in welchem Lars Wiebusch den Album-Gesangspart von Niels Frevert übernahm) ins die Setlist eingebaut und immer wieder zischen kaustischer und elektrischer Gitarre hin- und hergewechselt, ohne das dies den Fluss oder die Stimmung gestört hätte. Kettcar zeigten sich gewohnt spielfreudig und die beiden Vegetarier Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff überrascht, dass die Band während ihrer bundesweiten Tournee in so vielen „Schlachthöfen“ spiele, worauf sie spontan ein „Muh!“ aus dem Publikum ernteten. Während des Konzerts wurden immer mal wieder kurze Anekdoten zu den Songs oder kleine Spitzen hinsichtlich aktueller Plattenkritiken (wonach Wiebusch kürzlich als der „Barry White des Indiepop“ betitelt wurde) geliefert. Nach dem zweiten Zugabenblock und dem Klassiker „Landungsbrücken raus“ wurde das zufriedene Publikum in die milde Märznacht entlassen. „Ich danke der Academy und Standing Ovation.“ Habt ihr euch verdient, Jungs! Es ist schön zu sehen, dass Kettcar voll und ganz „bei sich angekommen“ sind und, ohne auf Erwartungshaltungen oder Sympathiepunkte zu schielen, nach wie vor nach ihrem Gusto agieren. Muss wohl am Fluss liegen…

Die Setlist könnt ihr hier sehen:

Bilder vom Konzert findet ihr unter anderem bei DNN.

Und hier noch einer meiner Favoriten vom aktuellen Album, welcher – wie ihr oben sehen könnt – auch gestern in Dresden gespielt wurde: „Schrilles, buntes Hamburg“.

Rock and Roll.

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