Archiv der Kategorie: Klassiker des Tages

Klassiker des Tages: Caesars – „Jerk It Out“


Wer um die Jahrtausendwende jung und wild und frei war und – ganz egal, ob in der Groß- oder Kleinstadt – mal hier, mal da die ein oder andere Indie-Dissen-Tanzwelle geritten hat, der kam an so manchem Gitarrenakkord gewordenen Beinzucker kaum vorbei. „Bohemien Like You“ von den Dandy Warhols etwa. „Mr. Brightside“ von den Killers, natürlich. „Last Nite“ von den Strokes, selbstverständlich. „Are You Gonna Be My Girl“ von Jet, klar. Die „Seven Nation Army“ marschierte, während man dem schönen, scheuen Mädchen auf der anderen Seite des Raums zuflüstern wollte: „I Bet You Look Good On The Dancefloor„. Kinners, das waren Zeiten… Und ein wenig schälen sie sich zurück ins Halbdunkel der eigenen Erinnerung – jedes Mal, wenn heute das in diesen Jahren recht unvermeidliche „Jerk It Out“ so selbstsicher wie anno dazumal seine Ohrwurm-Qualitäten ausspielt…

Im Zuge des damaligen Garagenrock-Hypes um die Nullerjahre herum, der mit den Hives, Mando Diao oder der (International) Noise Conspiracy nicht eben unwesentlich schwedisch geprägt wurde, war es eigentlich kaum zu glauben, dass eine Band wie die Caesars bereits seit 1998 dort, in der Heimat von Wasa-Knäckebrot, Pippi Langstrumpf, Abba und Zlatan Ibrahimovic, unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit Platten veröffentlichte.

Und die Bandgeschichte des Quartetts aus Stockholm begann irgendwie sogar noch viel, viel früher, schließlich kannte Bandgründer César Vidal seinen Gitarristen Joakim „Jocke“ Åhlund, seit er zwei Jahre alt war. 1995 beschließen die beiden Sandkastenfreunde, eine Band zu gründen und benennen sich nach dem berühmten Groß-Casino in Las Vegas, Caesars Palace (obwohl man die ersten musikalischen Gehversuche noch als Twelve Caesars unternimmt). Beeinflusst vom britischen Rock der Sixties, von den Rolling Stones über die Kinks bis David Bowie, beginnen die beiden, zwei andere Bandmitglieder zu rekrutieren: am Bass wird David Lindquist eingestellt, fürs Schlagzeug zunächst Jens Örjenheim, ab 2000 dann Nino Keller.

Über das Indie-Label Dolores Recordings veröffentlichen Caesars Palace noch im selben Jahr ihre erste 3-Track-EP, wenige Monate später folgt ein Mini-Album, dessen Songs mit dem dreckigen Sixties-Garagen-Rock der späteren Werke damals jedoch noch recht wenig zu tun hatten. Doch während der Aufnahmen zum ersten, 1998 erscheinenden Album „Youth Is Wasted On The Young“ kauft sich Gitarrist Jocke Åhlund eine alte Farfisa-Orgel, die den Bandsound ebenso hörbar wie nachhaltig verändert. Caesars Palace beginnen daraufhin an ihren einprägsamen Orgel-Hooklines zu arbeiten (welche wiederum Dennis Lyxzén und seine International Noise Conspiracy ins Gedächtnis rufen) und sorgen bereits mit dem ersten Album für so einige Begeisterungsstürme in ihrem Heimatland.

2000 veröffentlicht die Band den Langspieler „Cherry Kicks“, zwei Jahre darauf folgt „Love For The Streets“. Am Sound verändert sich auf diesen nicht viel – jede Menge jugendlicher Rumpelkammer-Schmackes, gute alte Fuzz-Gitarren und eine munter drauflos schlackernde Farfisa-Orgel. Neu mag hier nichts sein, aber es kracht. Es donnert. Und es rockt. Sturm und Drang für das 21. Jahrhundert. Selbst wenn Caesars Palace darauf pochen, angeblich auch vom Reggae inspiriert worden zu sein, blitzt dieser Einfluss (glücklicherweise) kaum durch. Warum sollte er auch, wenn beide Alben in Schweden vergoldet werden und ihr powerpoppender Indie Rock immer größere Hallen füllt? Trotzdem geht’s wohl noch nicht gänzlich ohne Zubrot. Jocke Åhlund etwa verdient sich selbiges in dieser Zeit als Video-Clip-Regisseur. So gehen zum Beispiel „New Noise“ von Refused und „Reproduction Of Death“ der (International) Noise Conspiracy auf seine K(l)appe.

Als das kleine Label Dolores Recordings, auf dem Caesars Palace bisher ihren kompletten Output vertreiben, vom Major-Riesen Virgin geschluckt wird, entpuppt sich das alsbald als Glücksgriff für das Vierergespann. Zuerst geht ihr Material noch, wie von so ziemlich vielen, im Veröffentlichungswust des Majorlabels unter und ihr Name ist bei Virgin keinem ein Begriff. Als die Band dann aber einen findigen Manager engagiert und dieser im Virgin-Büro die Caesars-Platten vorspielt, ist man dort schnell hellauf begeistert von den Schweden – und muss darüber hinaus etwas peinlich berührt hören, dass sich diese Band mit einigem an Potential bereits in ihrem Rooster befindet.

Also schickt das Label – freilich unter tatkräftiger Unterstützung des gerade wütenden Gragenrock-Retro-Wahns – Caesars Palace mit The Soundtrack of Our Lives über den großen Teich und auf US-Tournee. Und auch dort können sich César Vidal und Co. gut behaupten, was Virgin wiederum dazu veranlasst, im Jahr 2003 weltweit „39 Minutes Of Bliss (In An Otherwise Meaningless World)„, eine Art Best Of aus ihren ersten drei Alben, zu veröffentlichen (welche übrigens just heute ihren runden 18. Geburtstag feiert). Darauf zu hören: Rock’n’Roll aus fünf Jahrzehnten, kurz aufgekocht und mit geradezu ansteckender Spielfreude lässig auf CD gerotzt. Da die Platte dieses Mal auch in den US of A erscheint, bewegt ihr Plattenlabel die vier Schweden jedoch dazu, vorher ihren Namen kürzen, um einem möglichen Rechtsstreit mit dem Casino-Konzern in der Glücksspielstadt aus dem Weg zu gehen. Fortan kennt man die Band nur noch als Caesars.

Doch auch unter (beinahe) neuer Flagge geht der Siegeszug der Skandinavier auch danach recht munter weiter. Bands wie Placebo outen sich als begeisterte Fans und nehmen sie als Support mit auf ihre Deutschland-Tournee. Das dürfte wohl nicht nur, aber vor allem an einem bestimmten Song liegen: der erstmals 2002 erschienenen Single „Jerk It Out“. Diese schummelt sich nach ihrer erneuten Veröffentlichung in die Rotationen vieler internationaler Radiostationen, verschafft der Band einen Top-10-Hit in Großbritannien sowie den Einstieg in die US-Billboard-Charts und wird wenig später in zig Werbespots, Filmen und TV-Serien verwendet. Mehr noch: Der fluffig-flotte Dreiminüter, dessen Text mutmaßlich eine recht juvenile Laisser-faire-Attitüde aus Lecko-mio, Loslassen, Amphetaminen und Selbstbefriedigung beschreibt, wird zum ohrwurmenen Trademark der Caesars – und wohl auch deshalb ein weiteres Mal auf die 2005 folgende Platte „Paper Tigers“ drauf gepackt.

Und obwohl diese, ebenso wenig übrigens wie der 2008er Nachfolger „Strawberry Weed„, mit einer Top-20-Platzierung in der schwedischen Heimat und einer Top-50-Landung im UK der Band, nicht die ganz großen Erfolge einbringt, hatten die Caesars einfach zu viele Qualitäten, zu viele kleine, versteckte Mini-Hits in petto, um im Rückblick als garagenrockende Eintagsfliege zu gelten. Trotzdem ist es schade, dass das Quartett alsbald wieder in der Versenkung des musikalischen Niemandslands verschwindet – abgesehen von ein, zwei einmaligen Comeback-Shows 2017 sowie 2018 beim Stockholmer „Popaganda Festival“ liegen die Caesars seit über einer Dekade auf Eis. Und kann sich’s wohl auch leisten, wenn ihnen dieser eine Song dank zig Werbeeinnahmen ein klein wenig die gelb-blauen Hintern saniert hat…

„Wind me up, put me down
Start me off and watch me go
I’ll be runnin‘ circles around you sooner than you know
A little off center and I’m out of tune

Just kickin‘ this can along the avenue, but I’m alright
Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun

You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
Shut up, hush your mouth
Can’t you hear you talk too loud?

No can’t hear nothin‘ ‚cause I got my head up in the clouds
I bite off anything that I can chew
I’m chasing cars up and down the avenue, but that’s ok

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones

And you jerk it out

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
And you jerk it out, and you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out“

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Hole – „Gold Dust Woman“


Es gibt die ein oder andere Band, deren Songs – vor allem im retrospektiven Rückspiegel – viel besser dastehen als ihr Ruf es normalerweise erlauben dürfte. Hole etwa.

Woran liegt’s? Nun in diesem Fall ist die Antwort eine recht simpel: Courtney Love, ihres Zeichens bekanntlich Witwe von Grunge-Posterboy Kurt „Nirvana“ Cobain, Gelegenheitsschauspielerin (unter anderem in TV-Serien wie „Sons Of Anarchy“ oder „Empire“), ganz nebenbei Holes Herz, Stimme und Frontfrau sowie – vor allem in den Neunzigern und Nuller-Jahren – um kaum eine plakativ-skandalöse Rockstar-Allüre verlegen (und – Fun Facts, Fun Facts! – Mitbegründerin der legendären US-Punkband Babes In Toyland sowie 1983 für kurze Zeit Sängerin bei Faith No More).

In der Tat sind Hole’sche Alben wie „Live Through This“ (1994) oder „Celebrity Skin“ (1998) verdammt gut gealtert und Songs wie „Violet„, der Titelsong von letzterem Werk oder „Malibu“ (an welchem auch ein gewisser Billy Corgan mitschrieb) noch immer Tanzflächen füllende Smash-Hits für die nostalgische Neunziger-Rock-Party. Für alle Spätgeborenen ist es da fast schade, dass sich das Grunge-Rock-Quartett aus Los Angeles 2002 nach dreizehn (mehr oder minder) gemeinsamen Jahren aufgelöst hat und – von dem recht egalen 2010er Comeback-Werk „Nobody’s Daughter“ mal abgesehen – seit vielen, vielen Jahren um eine Reunion streitet. Denn auch wenn Courtney Love, Melissa Auf der Maur, Eric Erlandson und Patty Schemel kaum mehr an ihre Großtaten abknüpfen werden, so dürfte die Band wohl noch für die ein oder andere tolle Comeback-Show gut sein…

Was man außerdem schnell vergisst: Hole verstanden sich nicht selten hervorragend im Covern von Song-Klassikern. Man lausche etwa ihrer derb rockig hingerotzten Variante des Dylan-Evergreens „It’s All Over Now, Baby Blue“ (erschienen 2000 auf dem Soundtrack von „The Crow: Valvation“). Oder vor allem der Version des Fleetwood Mac’schen Klassikers „Gold Dust Woman“ (vom 1996 erschienenen Soundtrack zu „The Crow – City Of Angels“), bei der nicht nur covermesongs.com befindet, dass Courtney Love und ihren Mitstreitern da eine ganz famose Hommage an den Song vom 1977er Fleetwood-Mac-Überalbum „Rumours“ gelungen ist.

Und auch hier lässt sich eine kleine interessante Anekdote finden: Im Jahr 1997, nicht lange nach der Veröffentlichung des Hole’schen Covers von „Gold Dust Woman“, interviewte Courtney Love Fleetwood Mac-Sirene Stevie Nicks, die ja bekanntlich – sowohl stilistisch als auch musikalisch – eines ihrer größten Vorbilder war, für das SPIN Magazine. Auf die Frage nach dem Song meinte Nicks zunächst, dass der „dust“ Kokain sei, aber der Song von mehr als nur davon handele. Während des Interviews warf Nicks noch mit einem Haufen weiterer potentieller Bedeutungen um sich, bevor sie schließlich zugab: „Weißt du was, Courtney? Ich weiß nicht wirklich, worum es bei ‚Gold Dust Woman‘ geht. Ich weiß, dass es dort [während der Aufnahmen] Kokain gab und dass ich es mir irgendwie als ‚Goldstaub‘ vorgestellt habe. Ich müsste noch einmal in meine Tagebücher schauen und sehen, ob ich etwas über ‚Gold Dust Woman‘ herausfinden kann. Denn ich weiß es nicht wirklich. Es kann sich doch nicht alles um Kokain drehen…“ – durchaus eine Behauptung, zu der deren Interview-Partnerin Courtney Love die ein oder andere Geschichte beitragen könnte. Und wohl auch deshalb hätte sich kaum eine passendere Band „Gold Dust Woman“ vornehmen können…

Rock and Roll.

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„Imagine“ – John Winston Ono Lennon wäre heute 80 geworden…


„Yesterday / All my troubles seemed so far away / Now it looks as though they’re here to stay / Oh, I believe in yesterday…“

In Danny Boyles zwar manchmal etwas plakativer, jedoch dennoch dank sanfter Nostalgie wunderbar unterhaltsamer Musikkomödie „Yesterday“ gibt es eine wunderbare Gänsehaut-Szene, in der ein 78-jähriger John Lennon auftritt. Möglich macht’s die Grundidee des 2019 erschienenen Films, schließlich spielt dieser in einer (Parallel)Welt, in der es die größte Band aller Zeiten, die Beatles, nie gegeben hat. Und Lennon? Der hat ein einfaches Leben als Seemann geführt und genießt nun seine Tage in einer kleinen Hütte am Meer.

Gekonnt – und oft genug gewitzt – stellt Boyles Film die Frage „Was wäre wenn?“. Für die Zuschauer ergibt sich der offensichtliche Reiz daraus, dass sie nunmal wissen, was war, was in dieser unserer Musikwelt passierte. Dass John Lennon am 8. Dezember 1980 von Mark David Chapman erschossen wurde – mit gerade einmal 40 Jahren. Und am heutigen 9. Oktober 2020 stolze 80 Jahre alt geworden wäre.

Doch hätte man sich – ähnlich wie der schottische Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „Slumdoy Millionäre“) – Lennon wirklich als einfachen, bescheidenen englischen Seemann vorstellen können? Den Lennon, dessen zweiter Vorname „Winston“ lautet – nach dem in England als Lichtgestalt verehrten ehemaligen Premierminister Winston Churchill? Wohl kaum, wohl kaum…

Denn zeitlebens war Lennon ein Getriebener. Ein wandelnder Widerspruch. Ein Sinnsuchender, der ausbrechen wollte aus der kleinbürgerlich-britischen Enge, aus der er entstammte. Der von Selbstzweifeln geplagt nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchte. Er war Rebell, Querdenker und Provokateur. Er war Teenie-Idol und Avantgarde-Künstler. In einer Bombennacht 1940 geboren, wurde er später zum Friedensaktivisten, unterstützte jedoch gleichzeitig auch die nordirische Untergrundarmee IRA. Er war auf den Bühnen der Welt zu Hause (die er nie so ganz mochte) und lebte jahrelang als Großstadt-Eremit. Er war gleichsam nachdenklicher Griesgram und ironischer Spaßmacher. 

Schon in der Schule im heimischen Liverpool gab John Winston Lennon oftmals den Klassenclown. Er schrieb sich an der Kunsthochschule ein, fühlte sich jedoch fehl am Platz und seinen Kommilitonen unterlegen. Also gründete er – angefixt von Elvis Presley und dem Rock’n’Roll – mit den Quarrymen seine eigene Band. Zufällig lernte er bald darauf auf einer Party einen gewissen Paul McCartney kennen. Im Rückblick wissen wir: Es war der Beginn der bahnbrechendsten Songwriting-Partnerschaft der Popgeschichte (ein dickes „Sorry“ an Mick Jagger und Keith Richards, aber an diesem Fakt lässt sich nunmal nicht rütteln).

Natürlich ist allein schon Lennons ewiges popmusikalisches Vermächtnis übermächtig. ʺHelp!ʺ, ʺAll You Need Is Love”, „A Hard Day’s Night”, ʺStrawberry Fields Forever”, „Come Together”… – die Liste der von ihm initiierten und komponierten Superhits ist bereits zu Beatles-Zeiten lang.

Doch als sich Lennon mit den Beatles auf dem künstlerischen Höhepunkt befand, verließ er die Gruppe – aus Langeweile, wie er in einem Fernsehinterview einige Jahre später erklärte (über das Wie und Wann und Warum lässt sich freilich auch 50 Jahre danach noch trefflich spekulieren).

Denn zu diesem Zeitpunkt strickte der Rastlose, der meist ein wenig Unberechenbare und Unstete längst wieder an einem anderen John Lennon. Mit seiner neuen Partnerin, der Fluxus-Künstlerin Yoko Ono, nahm er nach dem Ende der Beatles im Jahr 1970 experimentelle Solo-Alben auf. Produzierte Filme. Und veranstaltete Happenings wie die legendären „Bed-ins for Peace„.

Doch bald wurde es ruhiger um Lennon. Sicher, da war die großartig-utopische Friedenshymne „Imagine„. Mit „Instant Karma! (We All Shine On)„, „Working Class Hero“ oder „Jealous Guy“ landete er noch so einige Hits mehr. Doch die musikalische Entwicklung ging immer mehr über ihn hinweg. Der Punk wütete und gröhlte, Disco zappelte und stampfte – einer wie Lennon wirkte da ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Doch anstatt daran zu verzweifeln, zog sich John Lennon schließlich vollständig ins Private zurück. Fast fünf Jahre lang lebte er mit Yoko und dem gemeinsamen, 1975 geborenen Sohn Sean ein Leben als Hausmann in New York City. Erst 1980 meldete er sich mit einem neuen Album zurück. Als die tödlichen Schüsse fielen, war „Double Fantasy“ gerade drei Wochen auf dem Markt.

Inzwischen ist John Lennon genauso lange tot wie er gelebt hat. Doch sein Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn der beschränkt sich nicht allein auf die Tatsache, dass Lennon mit den Beatles quasi die Blaupause für alles geschaffen hat, was wir heute „Popmusik“ nennen.

Und: Es war bezeichnenderweise Lennon, der zum ersten Mal in einem Popsong seine eigene Unzulänglichkeit thematisierte, seine Selbstzweifel und seinen Schmerz in den Fokus stellte. „I’m A Loser“ sang er 1964 – in einer Zeit, in der Popsongs bitteschön von Liebe, Herzschmerz und unbeschwerten Sommertagen zu handeln hatten. John Lennon, der bei seiner Tante Mary aufwuchs, seine Mutter Julia im Alter von 18 Jahren durch einen Autounfall verlor und zu seinem Vater, einem Matrosen, kaum je Kontakt hatte, sei sein ganzes Leben auf der Suche nach Hilfe gewesen, sagte Paul McCartney 2015 in einem Interview mit dem „Rolling Stone„. Einer seiner größten Hits – „Help!“ – bringt diese Tatsache auf den Punkt, eines seiner berührenden Lieder widmete er offenkundig seiner Mutter: „Half of what I say is meaningless / But I say it just to reach you, Julia“.

Lennons Witwe Yoko Ono pflegt den musikalischen Nachlass ihres Mannes bis heute (und just heute erscheint mit „Gimme Some Truth.“ eine neue Retrospektive seiner bekanntesten Solo-Songs, deren größter Anreiz wohl in der klanglichen Neubearbeitung liegt). 1983 stellte sie das letzte geplante Lennon-Album „Milk And Honey“ fertig. Bereits 1981 hatte sie mit „Season Of Glass“ ihr erfolgreichstes eigenes Album veröffentlicht. Auf dem Cover war die blutverschmierte Brille Lennons zu sehen. Nicht wenige Beatles-Fans, die in ihr vorher auch den wahren Grund für die Trennung der „Fab Four“ ausgemacht zu haben glaubten, warfen Ono daraufhin vor, den Mord an ihrem Mann für ihre eigene Zwecke zu missbrauchen.

Dass das Lennon-Erbe auch schwer wiegen kann, zeigt sich bei seinen Söhnen, die ihren berühmten Vater schon allein rein optisch kaum verleugnen können. Beide starteten Musikkarrieren mit zwar überzeugendem, aber dennoch vergleichsweise überschaubarem Erfolg. Julian Lennon, der aus Sohns erster Ehe mit seiner Ex-Frau Cynthia stammt (und übrigens im Evergreen „Hey Jude“ besungen wird), hatte in den Achtzigerjahren einige mittelgroße Hits, der bekannteste wohl „Too Late For Goodbyes“. Sean Lennon wiederum probierte sich in unterschiedlichsten Genres aus, ohne die ganz großen kommerziellen Erfolge zu feiern. Dabei kollaborierte er unter anderem mit Größen wie Thurston Moore, John Zorn, Ryan Adams, Soulfly, Rufus Wainwright oder Lana Del Rey. 2006 formte er mit Les Claypool, dem Bassisten der Funk-Rock-Legende Primus, das bis heute aktive Duo The Claypool Lennon Delirium.

John Lennons Geschichte wird also weitergeschrieben, sicher noch viele Jahre. Seine Songs selbst werden ohnehin Generationen überdauern, sind längst im kulturellen Erbe der Menschheit verwachsen. Vielleicht ist das Paralleluniversum aus dem Film „Yesterday“ also doch keine völlig undenkbare Vision. Der unbekannte Lennon aus dem Film erzählt, dass er ein rundum glückliches Leben geführt habe. Und dass es die Liebe ist, die für ihn immer die wichtigste Rolle gespielt hat. Frei nach dem Motto: „All You Need Is Love“.

You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one…

Happy Birthday zum Achtzigsten, John Lennon. ✌️

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Alexi Murdoch – „All My Days“


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Lang nichts von Alexi Murdoch gehört, oder? Es scheint gefühlt ewig her, dass Songs wie „Orange Sky“ in nahezu jeder TV-Serie liefen, wenn ihre allseits beliebten Protagonisten – bevorzugt mit dem Blick auf die schier unendliche Weite irgendeines Ozeans – gerade mal intensivst übers Leben sinnieren wollten…

500x500Und irgendwie scheint dem britischen Singer/Songwriter die Melancholie ja auch in die Wiege gelegt: Murdochs Vater ist Grieche, seine Mutter hat französische und schottische Vorfahren. Geboren 1973 in London, verbrachte er seine Kindheit in Griechenland, bevor er mit seiner Familie zurück nach Schottland zog. Von der Mutter erbt Alexi Murdoch seine Liebe zum Gesang, die er zunächst im Schulchor auslebt. Daneben versucht sich der Jungmusiker an nahezu jedem Instrument, das er in die Hände bekommt, darunter Klavier und Trompete. Mit 17 findet Murdoch zur Gitarre und schreibt seine ersten Songs. Nach vollendeter Schullaufbahn begibt sich der Nachwuchs-Songwriter in die fernen US of A, um an der Duke University in Durham, North Carolina Philosophie zu studieren – so weit, so unschlüssig. Wohl auch deshalb gelingt es einer Freundin, ihn anschließend nach Los Angeles locken. Doch auch da überlegt Murdoch noch immer, was er denn nun mit seinem Leben anfangen soll. Ganz unverhofft kommt ihm das Schicksal zur Hilfe: „Ein Freund hörte mich während eines Camping-Ausflugs. Er kam in der nächsten Woche zu mir und meinte: ‚Ich würde dich echt gerne managen‘. Ich fragte: ‚Weswegen?‘ – ‚Wegen deiner Musik, Mann!‘ Dieses Gespräch verpasste dem Ganzen einen Kickstart„, erinnert sich der Musiker.

Und in der Tat nimmt seine musikalische Karriere danach so langsam an Fahrt auf. Murdoch bestreitet seine ersten Auftritte in lokalen Clubs. Bei einem dieser Gigs weilt auch der Radio-DJ-Legende Nic Harcourt, Moderator der öffentlich-rechtlichen Kultsendung „Morning Becomes Eclectic„, unter den Zuhörern. Der KCRW-Host findet Gefallen am entspannt-reduzierten Folk-Sound des Newcomers. Bereitwillig händigt ihm Alexi Murdoch ein Demotape aus, das schon bald im Radio zu hören ist. Einen Monat später schickt der Singer/Songwriter sein erstes Live-Set über den Äther.

Angetrieben von dieser prominenten Schützenhilfe wächst die Fangemeinde des Singer/Songwriter-Talents stetig. So findet auch die EP „Four Songs“, die Murdoch 2002 im Alleingang veröffentlicht, eine – vor allem für einen Newcomer – beachtliche Käuferschaft. Und: Das Werk erlangt die Aufmerksamkeit einiger Fernsehmacher, die seinen Song „Orange Sky“ in Serien wie „O.C., California“, „Dr. House“ oder „Prison Break“ oder in Indie-Film-Erfolgen wie „Garden State“ zum Einsatz bringen, was dem Musiker zusätzliche Prominenz verschafft. Er formiert daraufhin eine Begleitband und geht auf ausgedehnte US-Tour. Ebenso bemerkenswert: Trotz zahlreicher Angebote von nicht wenigen Majorlabels entscheidet sich Murdoch dafür, sein erstes Album ebenfalls in Eigenregie zu veröffentlichen. So erscheint „Time Without Consequence“ 2006 in den Vereinigten Staaten und steht drei Jahre später auch in hiesigen Plattenläden.

„A timeless folk-pop record that´s likely to endure…“

(„NPR Music“ über „Time Without Consequence“)

61TYJulac+L._SX355_Die auf dem Debütwerk enthaltenen Songs, die in ihrer inneren Einkehr mal an gleichsam unaufgeregte Wunder-Singer/Songwriter wie etwa Ben Howard, José González oder William Fitzsimmons, mal an große Melancholie-Grübler wie Tim Buckley oder Nick Drake erinnern, rufen wiederum Regisseur Sam Mendes auf den Plan, der Alexi Murdoch daraufhin für die musikalische Untermalung seines 2009 erschienenen Films „Away We Go“ (der allen hier auch wärmstens empfohlen sei) verpflichtet. Einige der Stücke vom Soundtrack zu selbigem Zelluloid-Werk finden dann auch ihren Weg aufs zweite Album „Towards The Sun„, das Murdoch 2009 in einer einzigen Nacht in Vancouver aufnimmt, danach in limitierter Auflage auf seiner Website und auf Konzerten verkauft und erst zwei Jahre später auch offiziell veröffentlicht.

Seitdem ist es – von der ein oder anderen sporadischen Tour (den denen denn freilich auch sein Durchbruchssong zu hören ist) mal abgesehen – jedoch recht still um den Indie-Singer/Songwriter geworden, den es mittlerweile ins kanadische Montreal verschlagen hat – mit einem kleinen Hoffnungsstreif am digitalen Horizont, denn immerhin findet sich via Twitter das enigmatische Versprechen „New music coming 2020“. Man darf gespannt sein, ob der mittlerweile 46-jährige Musiker, dessen Indie-Folk-Songs einst große Gefühlsmomente in so einigen bekannten TV-Serien untermalen durften, noch einmal für Gänsehaut sorgen kann…

 

 

 

„Well I have been searching
All of my days
Many a road, you know
I’ve been walking on
All of my days
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well I have been quietly standing in the shade
All of my days
Watch the sky breaking on the promise that we made
All of this rain
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well, many a night I found myself with no friends standing near
All of my days
I cried aloud
I shook my hands
What am I doing here
All of these days
For I look around me
And my eyes confound me
And it’s just too bright
As the days keep turning into night

Now I see clearly
It’s you I’m looking for
All of my days
So I’ll smile
I know I’ll feel this loneliness no more
All of my days
For I look around me
And it seems you found me
And it’s coming into sight
As the days keep turning into night
As the days keep turning into night
And even breathing feels all right
Yes, even breathing feels all right
Now even breathing feels all right
Yes, even breathing
Feels all right“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pearl Jam – „Jeremy“ (uncensored version)


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Foto: Redferns, Paul Bergen. All rights reserved.

Der erste Freitag im Juni ist in den US of A als „National Gun Violence Awareness Day“ bekannt, und Pearl Jam nutzten den diesjährigen Tag, der auf den 5. Juni fiel, um die unzensierte Version ihres Musikvideos zum bandinternen Setlist-Klassiker „Jeremy“ zu veröffentlichen. Als ebenjenes Video am Freitag publik wurde, war schnell klar: Dass das Original auf Grund von TV-Zensurgesetzen – und obendrein in einer Zeit, als Musikfernsehen noch als relevantestes Medium galt – zuvor verboten worden war, hat(te) durchaus seinen Grund…

R-367600-1246343879Das Musikvideo, bei welchem seinerzeit Mark Pellington Regie führte, wurde erstmals im August 1992, etwa ein Jahr nach dem dazugehörigen Debütalbum „Ten„, veröffentlicht und basiert auf der wahren Geschichte von Jeremy Wade Delle, welcher 1991 im Alter von 15 Jahren Selbstmord vor seinen Klassenkameraden beging, indem er sich im Klassenzimmer erschoss. (Und wer das nicht schon schockierend genug findet, der beschäftige sich einmal mit der kaum weniger tragischen Lebensgeschichte des „Jeremy“-Darstellers Trevor Wilson…)

In der bisher bekannten Version des Musikvideos, welches eine ebenso radikale wie künstlerisch wertvolle Umsetzung des Songtextes von Frontmann Eddie Vedder darstellt, zoomt die Kamera an den Kopf des Jungen heran, sodass nicht zu sehen war, wie er sich die Waffe in den Mund steckt und abdrückt. In der neu veröffentlichten, unzensierten Variante ist jedoch genau dies zu sehen.

„Die Zunahme der Waffengewalt seit dem Debüt von ‚Jeremy‘ ist erschütternd“, teilten Pearl Jam auf Twitter mit. Die seit eh und je sozial engagierte und auch politisch keineswegs um klare Statements verlegene Band aus Seattle, deren jüngstes Album „Gigaton“ am 27. März erschien, verkündete in einem Folge-Tweet außerdem, dass es darüber hinaus auch eine neue Version des bekannten „Choices“-T-Shirts gibt und dass man alle Einnahmen aus dessen Verkauf an Organisationen spenden werde, die sich für die Verhinderung von Waffengewalt einsetzen.

„Wir können Tod durch Schusswaffen verhindern, ob es sich nun um Massen-Erschießungen, Todesfälle aus Verzweiflung, Strafverfolgung oder Umfälle handelt“, betonen die Grunge-Rock-Veternanen.

 

Hier kann man sich die unzensierte Version des Clips zu „Jeremy“ anschauen…

 

…und sich mit der gänsehautwürdigen Variante der legendären „MTV Unplugged“-Show den Rest geben:

 

„At home drawin‘ pictures of mountain tops
With him on top, lemon yellow sun
Arms raised in a ‚V‘

And the dead lay in pools of maroon belowDaddy didn’t give attention
Oh, to the fact that mommy didn’t care

King Jeremy, the wicked
Oh, ruled his world

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today

Clearly, I remember picking on the boy
Seemed a harmless little fuck

Ooh, but we unleashed a lion
Gnashed his teeth and bit the recess lady’s breast
How could I forget? And he hit me with a surprise left
My jaw left hurting
, ooh, dropped wide open

Just like the day, oh, like the day I heard

Daddy didn’t give affection, no
And the boy was something that mommy wouldn’t wear
King Jeremy, the wicked
Oh, ruled his world

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Try to forget this (Try to forget this)
Try to erase this (Try to erase this)
From the blackboard…

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in, spoke in
Jeremy spoke in, spoke in
Jeremy spoke in class today

(Spoke in, spoke in)
(Spoke in, Spoke in, spoke in, spoke in…)
(Spoke in, spoke in)
Ooh oh, oh, oh, oh oh oh, oh oh oh, oh oh oh, oh oh oh oh
Ooh oh, oh (Spoke in…)“

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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(gefunden bei Facebook)

 

„Ich hab‘ geträumt, der Krieg wäre vorbei. Du warst hier, und wir waren frei…“ (aus Ton Steine Scherbens Evergreen „Der Traum ist aus„)

 

Heute wäre der große Rio Reiser, der 1996 viel, viel zu früh verstarb, 70 Jahre alt geworden. Und bleibt natürlich nicht nur an diesem Januartag, und wegen Zeilen wie diesen: unvergessen. (Nicht ohne Grund halten Künstler wie Seligs Jan Plewka – seines Zeichens Deutschlands wohl würdigster Reiser-Erbe – oder unlängst Frederick Lau das anno 1972 auf dem Scherben-Standardwerk „Keine Macht für Niemand“ erschienene Stück mit jeder Menge Herzblut und Überzeugung im Hier und Jetzt. Nicht ohne Grund wird etwa auf laut.de aus heutigem gegebenem Anlass an einen der prägendsten und einflussreichsten deutschsprachigen Musiker erinnert. Nicht ohne Grund findet man etwa hier beim „Weser Kurier“ eine ausführliche Würdigung der zeitlebens zwar keineswegs widerspruchsfreien, jedoch stets aufrecht linken Ton Steine Scherben-Stimme. Und auch wenn man sich das Gesamtwerk von Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius durchaus erarbeiten muss – ich schreibe da aus Erfahrung -, so fehlt einer wie er in der bundesdeutschen Musik- und Kulturlandschaft noch heute…)

 

 

„Ich hab‘ geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei
Und die Morgensonne schien
Es gab keine Angst und nichts zu verlier’n
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tier’n
Das war das Paradies

Der Traum ist aus
Der Traum ist aus
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird

Ich hab‘ geträumt, der Krieg wär vorbei
Du warst hier, und wir waren frei
Und die Morgensonnen schien
Alle Türen waren offen, die Gefängnisse war’n leer
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr
Das war das Paradies

Gibt es ein Land auf der Erde
Wo dieser Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht
Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher:
Dieses Land ist es nicht
Dieses Land ist es nicht

Der Traum ist ein Traum zu dieser Zeit
Doch nicht mehr lange, mach dich bereit
Für den Kampf um’s Paradies
Wir hab’n nichts zu verlier’n außer unser Angst
Es ist uns’re Zukunft, unser Land
Gib‘ mir deine Liebe, gib‘ mir deine Hand“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
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