Archiv der Kategorie: Klassiker des Tages

Song des Tages: The Smiths – „The Queen Is Dead“


Foto: IAN TILTON/CAMERA PRESS/REDUX

70 Jahre und 214 Tage – und damit länger als jeder britische Monarch vor ihr – hatte sie den Thron inne und die Krone auf ihrem Haupt. Während dieser Zeit sah sie Staatsoberhäupter kommen und gehen (unter anderem allein 14 britische Premierminister), erlebte Kriege und Krisen. Sie empfing zahlreiche Staatsgäste und Künstler*innen, wie etwa seinerzeit die Beatles, im Buckingham Palace, war als Monarchin jedoch nie gänzlich weltfremd, sondern lobte zum Beispiel – um beim Pop zu bleiben – Bob Geldof für „Live Aid“ und sein soziales Engagement. Am gestrigen 8. September 2022 ist Königin Elisabeth II. mit 96 Jahren auf ihrem Landsitz im schottischen Balmoral Castle gestorben. Aufgrund ihres hohen Alters zwar erwartbar, aber dennoch ein Moment der Zeitgeschichte, schließlich hat jede(r) von uns bislang nur diese eine britische Regentin erlebt.

Dass die Queen abseits aller Sympathiewerte unter ihren „Untertanen“ durchaus polarisierte und speziell in der britischen Popwelt nicht alle Fans eines im Grunde überaus gestrigen Konzeptes wie dem der Erbmonarchie waren, beweisen Dutzende von berühmt-berüchtigten Songs, welche die Königin zum Inhalt haben: natürlich das ebenso spöttisch-nihilistische wie immergrüne „God Save The Queen“ der Sex Pistols (seinerzeit wegen „eklatanter Geschmacklosigkeit“ von der BBC boykottiert), Primal Screams „Insect Royalty“ (welches andeutet, dass in Großbritannien blaues Blut mehr zählt als Leistung), „Repeat“ von den Manic Street Preachers (bei welchem die selbsterklärten Kommunisten um James Dean Bradfield auf ihrem 1992er Debütalbum „Generation Terrorists“ zu deutlichem Punk-Vibe eine klare Ansage machten: „Repeat after me: ‘Fuck queen and country!’”) oder „Storm The Palace“ von Catatonia (Cerys Matthews und ihre walisische Alternative-Rock-meets-Britpop-Truppe hatten in diesem Song recht genaue Vorstellungen, was sich aus dem Buckingham Palace sonst noch so machen ließe, und was die Leute, die dort leben, stattdessen tun sollten: „Storm the palace, storm the palace / Turn it into a bar, make ‚em work at Spar“). Meinetwegen ließe sich auch das knappe „Her Majesty“ der Beatles, welches damals das „Abbey Road“-Medley abschloss, in diese Liste einreihen, wenngleich die Queen dort zu beschwingter Melodie deutlich besser rüberkam: „Her Majesty is a pretty nice girl / But she doesn’t have a lot to say“.

Das wohlmöglich hämischste – und am direktesten titulierte – Lied in dieser frei erweiterbaren Auflistung stammt von Steven Patrick Morrissey und seiner Ex-Band The Smiths: „The Queen Is Dead“, anno 1986 der Opener des dritten – und wohlmöglich besten – Albums der Band aus dem britischen Manchester. Schon damals bewies vor allem der Smiths-Frontmann, dass er mit seinen überaus polemischen Ansichten nicht hinterm Berg halten wollte und sich im Laufe der Jahre zu einem dandy’esken Wutbürger, zum engstirnigen, vollumfänglichen Arschloch mausern sollte – wenngleich es auch andere Meinungen geben mag. Der Titel des Songs (welchen ABAY 2016 für ein eigenes Stück voll bitterer Enttäuschung über den Brexit aufgriffen) ist – allen fehlenden Sympathien für Morrissey zum Trotz – heute dennoch Programm, denn mit dem Tod der bisherigen Monarchin ändert sich nicht nur der Titel der britischen Nationalhymne zu „God Save The King“, es geht mit dem zweiten „elisabethanischen Zeitalter“ auch eine aus vielerlei Gründen bemerkenswerte Epoche zu Ende…

„Oh, take me back to dear old Blighty
Put me on the train for London Town
Take me anywhere
Drop me anywhere
In Liverpool, Leeds or Birmingham
But I don’t care
I should like to see…

I don’t bless them

Farewell to this land’s cheerless marshes
Hemmed in like a boar between archers
Her very Lowness with her head in a sling
I’m truly sorry but it sounds like a wonderful thing
I say, ‚Charles don’t you ever crave
To appear on the front of the Daily Mail
Dressed in your mother’s bridal veil?‘
(Oh, oh-oh, oh)

And so I checked all the registered historical facts
And I was shocked into shame to discover
How I’m the 18th pale descendant
Of some old queen or other
Oh has the world changed, or have I changed?
Oh has the world changed, or have I changed?
Some nine year old tough who peddles drugs
I swear to God, I swear I never even knew what drugs were
(Oh, oh-oh, oh)

So I broke into the Palace
With a sponge and a rusty spanner
She said, ‚Eh, I know you, and you cannot sing‘
I said, ‚That’s nothing, you should hear me play piano‘
We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
But when you are tied to your mother’s apron
No-one talks about castration
(Oh, oh-oh)

We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
Like love and law and poverty, oh, oh
(These are the things that kill me)
We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
But the rain that flattens my hair, oh
(These are the things that kill me)
All their lies about makeup and long hair, are still there

Past the pub that saps your body
And the church who’ll snatch your money
The Queen is dead, boys
And it’s so lonely on a limb
Pass the pub that wrecks your body
And the church, all they want is your money
The Queen is dead, boys
And it’s so lonely on a limb

Life is very long, when you’re lonely…“

Rock and Roll.

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Kate Bushs „Running Up That Hill“ – Dank „Stranger Things“ ein viraler Charthit


Die Macher der Netflix-SciFi-Mystery-Serie „Stranger Things“ haben einem der Achtziger-Pophits von Kate Bush unlängst zu neuem Glanz verholfen. Und andersherum. Viele sehen darin eine reine Marketingmasche. Doch selbst wenn – es gibt allerlei gute Gründe, warum ein Song wie „Running Up That Hill“ noch immer funktioniert…

Fest steht: Die Achtziger sind zurück – und das nicht nur wegen dem in jenem Jahrzehnt angesiedelten Streaming-Serien-Hit. Teenager tragen wieder Batik-Shirts und Pastell-Töne. Leider – qualitativ war jene Dekade bekanntlich nicht die beste – wird das Revival auch in der Musik deutlich: Zu den beliebtesten Liedern auf TikTok gehört unter anderem gerade ein Cover von Madonnas „Like A Prayer“ (vorher ging ein Hype-Raunen um den 1977er-Fleetwood Mac-Hit „Dreams“ durch die digitale Plattform). Hinter dem überraschenden Neu-Erfolg von „Running Up That Hill“ bleibt jedoch selbst der Ciccone-Evergreen zurück, denn Kate Bushs Song aus dem Jahr 1985 wurde durch die neue Staffel von „Stranger Things“ nicht nur wieder in die Charts katapultiert, er ist heute sogar weitaus erfolgreicher als damals.

So schaffte es die ursprünglich auf Bushs fünftem Album „Hounds Of Love“ erschienene Nummer nun zum ersten Mal in die Top 5 der US-Charts, erklomm danach erstmals die Spitze der UK-Charts und führte auch die Single-Spitzenränge in Australien, Norwegen, Österreich oder der Schweiz an – schnell erreichte Streaming-Quoten machen so etwas heutzutage eben im Nu möglich. Dennoch ist der Erfolg in vielfacher Hinsicht bahnbrechend, schließlich liegen stolze 44 Jahre zwischen Kate Bushs erster UK-No. 1, „Wuthering Heights“ im Jahr 1978, und nun eben „Running Up That Hill“ 2022. „Dem Lied wurde neues Leben eingehaucht“, schrieb die britische Musikerin als Reaktion auf die unverhofften Erfolge, die ihr als alleinige Songschreiberin und Produzentin des Stücks mehr als zwei Millionen US-Dollar in die Kassen spülten, auf ihrer Website – und meint damit wohlmöglich auch ein bisschen sich selbst. „Ich bin überwältigt von dem Ausmaß an Zuneigung und Unterstützung, die der Song erfährt.“ Dies alles passiere „sehr schnell, als würde es von einer Art Urgewalt vorangetrieben“. Dabei ist der Kult um die mittlerweile 63-jährige Musik-Ikone, deren jüngstes Album „50 Words For Snow“ 2011 erschien, auch sonst ungebrochen. So treffen sich australische Fans etwa im Juli im „klassischen“ Kate-Bush-Outfit – rotes Kleid, roter Gürtel –, um zu ihrem Song „Wuthering Heights“ zu tanzen. Anno 2013 kamen zu einem ähnlichen Flashmob-Event 300 Leute, in diesem Jahr werden’s wohl ungleich mehr werden.

Interessant daran ist außerdem weniger, dass die Achtzigerjahre-Ästhetik mit all ihren verquer-grellbunten Alleinstellungsmerkmalen noch so gut funktioniert, als warum das Musikjournalisten in Zusammenhang mit einer Netflix-Serie so (ver)ärgert. Kristoffer Cornils etwa erregt sich im „Deutschlandfunk“ über zynisches Cross-Marketing und dass die Musikauswahl immer mehr Marketingzwecken angepasst werde. Während „Cicero“ gar ein „Armutszeugnis für den Zeitgeist“ ausstellt, sieht auch der „Spiegel“ den Song in der Serie „verramscht“. Das Stück selbst sei zwar „große Kunst“, füge der Ästhetik der Serie aber nichts hinzu, sondern reihe sich einfach in die seit vier Staffeln bestens bekannte Achtzigerjahre-Kulisse ein, schreibt Oliver Kaever: ein reines „Marketingtool auf einem riesigen Berg von Merchandise“.

Fakt ist, dass wir uns – auch abseits von Filmen und Serien – längst an Produktplatzierungen gewöhnt haben – egal, ob bestimmte Cornflakes-Packungen, Saftsorten oder Bierflaschen werbeschleichend im Bild herumstehen, der Hauptdarsteller rein zufällig und bestens ausgeleuchtet ins neueste Modell eines großen Autoherstellers steigt oder Influencer sich zu Beginn ihrer Videos ganz offen bei ihren Sponsoren bedanken. Doch mit Musik ist es – oder war es zumindest – anders, Musik ist persönlich. In „Running Up That Hill“ etwa geht es um eine Trennung, die von Bush schmerzlich-schön beschrieben wird: „Gibt es so viel Hass für jene, die wir lieben? Sag mir, wir zählen beide, oder nicht?“ Zeilen, die zu den ohrwurmigen Keyboard-Tönen bestenfalls direkt ins gefühlige Mark treffen und sich durch das Schlagzeug direkt ins Herz trommeln. Zeilen, die vielleicht anstrebende Musikjournalisten einmal bewegt haben, als sie Teenager waren und der Song gerade rauskam – damals, vor satten 37 Lenzen.

Denn der größte Aufreger scheint zu sein, dass auch hier das angestrebte Cross-Marketing der „Stranger Things“-Macher bestens funktioniert (was ja wiederum kein vollumfänglich neues Prinzip ist). Kate Bush, die ein Fan des soeben mit Staffel vier (wohlmöglich) zuende gegangenen Netflix-Serien-Hits sein soll, freute sich öffentlich nicht nur über den Erfolg ihrer Kunst, sondern auch auf den finalen zweiten Teil der vierten Staffel. Was ist daran so ärgerlich? Vielleicht, dass der Streaming-Milliardenkonzern Netflix, in Verkörperung der Serien-Macher Matt und Ross Duffer, ein Kunstwerk auf seine Funktionalität als schlichtes Marketingmittel beschränkt. Das Lied greift nicht länger nach unserer Seele, sondern nun – oh Schande, oh Kapitalismus! – nach unserem Geldbeutel! Ganz ähnlich erging es übrigens unlängst Nirvanas „Something In The Way“, als das Stück der US-Grunge-Heroen in der neuesten Fledermaus-Irgendwie-Antisuperhelden-Verfilmung „The Batman“ Verwendung fand. Ob sich Kurt Cobain 28 Jahre nach seinem Ableben deshalb mißmutig tobend im Grabe gewälzt hat? Dürfte immerhin anzunehmen sein…

Aber tut das Stück das wirklich, nach unserem schnöden Mammon greifen? Schließlich spielt „Stranger Things“ nunmal in den Achtzigern und „Running Up That Hill“ ist ein ikonischer Popsong dieser Zeit. Zudem passt selbst der Songtext, in welchem es um Trotz im Angesicht der Verzweiflung geht, in die Handlung: „Es tut mir nicht weh… Ich werde die Straße hochlaufen, den Hügel hochlaufen, das Gebäude hochlaufen. Wenn ich nur könnte…“. (Achtung Spoiler: In der Serie hört Max Mayfield, das starke, unabhängige Skater-Mädchen mit dem aggressiven Stiefbruder, immer wieder diesen Song, während sie sich durch die Unterwelt kämpft.) Und wie anziehend der Song ist, zeigten in der mehr oder minder jüngeren Vergangenheit Coverversionen von Placebo (im typischen Alternative-Rock-Outfit), der Elastic Band (im Disco-Fummel) oder Georgia (im kontemporären Pop-Outfit). Ja, es berührt die Jugend auch heute noch, wenngleich mithilfe anderer, neuzeitlicher Inspirationsquellen. Das Lied ist eben ein Klassiker. Und das Grundprinzip von Klassikern ist doch stets, dass sie verdammt zeitlos sind – 37 Jahre, „Stranger Things“, Netflix und die unsäglichen Achtziger hin oder her.

Und falls irgendjemand zum runden Abschluss noch einen interessanten Fun Fact haben mag: Dieses kleine Revival-Hoch passiert Kate Bush mit „Running Up That Hill“ in der Tat keineswegs zum ersten Mal. Nachdem ein Remix des Songs bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London verwendet worden war, kletterte die Britin schon einmal wieder zurück in die Charts – wenn man so mag wohl nur ein weiterer Beweis dafür, wie zeitlos das Stück durch die Jahre wandelt…

Und was passiert, wenn 1.600 Fremde ein paar Drinks nehmen und dann lernen, „Running Up That Hill“ in dreistimmiger Harmonie zu singen? Nun, dreht gern die Lautstärke auf, nehmt euch was Kühles für die Kehle und findet es heraus, denn die kreativen Köpfe des australischen Kneipenchor-Pojektes Pub Choir haben genau das ausprobiert:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Zella Day – „Seven Nation Army“


Es gibt Gitarrenriffs, die jeder mitsingen kann. Im Schlaf. Erst recht in bierseliger Laune. Welche Musiker dahinter stehen und wie der entsprechende Song eigentlich heißt, ist den meisten dabei sogar oft verdammt egal. „Smoke On The Water“ von Deep Purple etwa, „Paranoid“ von Black Sabbath sicherlich, „Back In Black“ von AC/DC wohlmöglich, „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana ohne jeden Zweifel – und eben „Seven Nation Army“ von The White Stripes. Letzterer mittlerweile vor allem dank seiner Verbindung zum tumben Volksunterhaltungssport Fußball. Doch nicht so schnell, alles auf Anfang…

Januar 2002, The White Stripes waren gerade auf Tour in Australien. Der Soundcheck vor ihrer Show in Melbourne wurde unerwartet zu einem entscheidenen Moment in der Karriere des Duos. Jack White spielte zum ersten Mal die berühmten sieben Noten des Riffs von „Seven Nation Army“. Der Gitarrist und Bandkopf zeigte es Ben Swank, seines Zeichens Crew-Mitglied und Angestellter bei seiner Plattenfirma Third Man Records, der lediglich ein knappes „It’s OK“ darauf erwiderte. Ganz in Ordnung, Chef, aber irgendwie auch nichts Besonderes…

Nun, so kann man sich irren.

Jack White hoffte zu Beginn der 2000er, in der Zukunft einmal den Titelsong zu einem James-Bond-Film schreiben zu dürfen. Aus diesem Grund fasste er zunächst den Entschluss, das Gitarren-Thema aus Melbourne für ebenjenen Zweck aufzubewahren – eine Idee, die er schnell wieder über den Haufen warf, denn zu unwahrscheinlich erschien ihm dieses Szenario. Und dieses Mal war er es selbst, der sich irrte, schließlich durfte White etwas später tatsächlich den ersehnten Bond-Titelsong schreiben – und wohlmöglich ist das 2008 mit Alicia Keys veröffentlichte „Another Way To Die“ (für den Film „Ein Quantum Trost“) der vielleicht beste Bond-Titeltrack der jüngeren Geschichte…

Aber zurück zum eigentlichen Thema.

Also wurde daraus dann doch ein Song für The White Stripes und nicht für den Spezialagenten seiner Majestät im Vereinten Königreich. Zumindest geografisch rückten Jack und Meg White dabei nicht allzu weit von 007 ab, denn „Elephant“, das vierte, 2003 erschienene Album des Duos aus Detroit, Michigan, wurde in den Toe Rag Studios in London aufgenommen. Und „Seven Nation Army“ wurde von den beiden zum Opener des Albums erkoren.

Auch das Dahinter ist im Grunde recht schnell abgehandelt. So liegt etwa der Name des Liedes bis heute darin begründet, dass Jack White die Wörter „Salvation Army“, zu deutsch Heilsarmee, als Kind nicht richtig aussprach. Kurzerhand machte er „Seven Nation Army“ daraus. Ursprünglich nur als Arbeitstitel gedacht, avancierten die Wörter schließlich zum tatsächlichen Namen des Liedes, welcher sich inhaltlich mit Kleinstadt-Gossip auseinandersetzt. Jack Whites eigene Erfahrungen, insbesondere im Zusammenhang mit seiner Berühmtheit, bilden das Fundament des Textes.

Und das Klangliche? Nun, einem wichtigen Motto blieben The White Stripes auch auf „Elephant“ treu: keine Bass-Gitarren, Ladies und Bluesmänner! Den Sound des ikonischen Riffs von „Seven Nation Army“ erschuf Jack White mithilfe einer halbakustischen E-Gitarre aus den 1950ern, das Ausgangssignal wurde durch ein Effekt-Pedal namens Whammy der Firma Digitech um eine Oktave herunter transponiert. Ausreichend Fachsimpelei?

Dennoch waren anfangs nicht alle Parteien von dem späteren Evergreen begeistert. Neben Ben Swank musste Jack White auch die Vertreter seiner Partner-Plattenfirmen XL und V2 davon überzeugen, dass „Seven Nation Army“ ein großartiger Song war. Großartig genug sogar, um ihn zur ersten Single-Auskopplung des neuen Albums zu machen. Im Gegensatz zum Band-Frontmann erschien „There’s No Room For You Here“ den Label-Mitarbeitern als geeignetere Wahl – doch White blieb stur und hatte schließlich Erfolg.

Im Oktober 2003 begann dann die „ganze Sache mit dem Fußball“. Der belgische Club FC Brügge spielte in der Champions-League-Gruppenphase auswärts gegen eines der damals besten Teams der Welt: den AC Mailand. Milan hatte im Mai desselben Jahres die UEFA Champions League gewonnen und ging daher als haushoher Favorit in das Match im heimischen San Siro.

Vor dem Spiel vertrieben sich die mitgereisten Fans aus Belgien die Zeit in einer Bar in der Mailänder Innenstadt. Zwischen den Unterhaltungen über die sichere Niederlage gegen den italienischen Giganten, dem feuchtfröhlichen Klirren von Biergläsern und dem nervösen Rücken von Stühlen ertönte plötzlich ein äußerst prägnantes Gitarren-Riff, das sich selbst die betrunkensten Brügge-Fans merken konnten. „Seven Nation Army“ von The White Stripes nahm seinen Lauf – gemeinsam mit dem kleinen Fußball-Wunder am selben Abend, denn in der 33. Minute erzielte Andrés Mendoza das Siegtor für Brügge. Und die in die italienische Modemetropole mitgereisten Fans? Flippten selbstredend aus. Voller Euphorie erinnerten sie sich an die eingängige Melodie, die sie am Mittag gehört hatten (wenngleich auch nicht an den dazugehörigen Text), und grölten ausgelassen ein lautes „Oh…oh-OH-oh oh OHH OHH!“. Verbunden mit der seligen Sieg-Erinnerung nahmen die Anhänger des FC Brügge das Lied mit zurück nach Belgien und etablierten es fortan im eigenen Stadion.

Ein paar Jahre darauf, im Februar 2006, spielte der FC Brügge erneut gegen ein italienisches Team, nun aber zu Hause gegen den AS Rom im kleinen Bruder der Champions League, dem UEFA Cup (welcher sich heute „UEFA Europa League“ schimpft). Zwar verlor Brügge jenes Spiel mit 1-2, doch dies tat der Popularität von „Seven Nation Army“ als Fußball-Song keinen Abbruch – ganz im Gegenteil: Nun fanden auch die Anhänger der Roma Gefallen an dem leicht memorablen Mitgröhl-Riff des Songs und machten ihn sich zu eigen.

Die italienische Fußball-Legende Francesco Totti (785 Spiele mit 307 Toren in 24 Jahren als Profi beim AS Rom) kommentierte das Geschehen auf den Rängen gegenüber einer niederländischen Zeitung mit den Worten: „Ich hatte den Song noch nie gehört, bevor wir in Brügge aufs Feld gelaufen sind. Seitdem kann ich den ‚PO-PO-PO-PO-PO-POO-POO-Song‘ nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Es hat sich fantastisch angehört und die Zuschauer mochten es sofort. Danach habe ich mir schnell ein Album der Band besorgt…“

Gemeinsam mit Totti und den Fans des AS Rom gelangte „Seven Nation Army“ wieder zurück nach Italien. Bei der Weltmeisterschaft im Sommer 2006 wurde das Lied so etwas wie die inoffizielle Hymne der Azzurri auf dem Weg zum Titel in Deutschland. Die Funktionäre der UEFA bemerkten den Trend und machten den White-Stripes-Song zur offiziellen Einlauf-Musik der Mannschaften während der Europameisterschaft 2008. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten es alle mitbekommen – ob sie nun wollten oder nicht. „Seven Nation Army“ verselbstständigte sich, fernab vom US-amerikanischen Detroit, und wurde zum Mannschaften wie Fanszenen übergreifenden, veritablen Fußball-Hit.

Jack White selbst freute sich über die Geschichte, die vor nunmehr zwanzig Jahren in Melbourne begann (und irgendwie auch die White Stripes überlebte, welche 2011 ihr Bandende bekannt gaben). Als er auf die Adaption seines Hits durch die italienischen Fußball-Fans angesprochen wurde, unter denen „Seven Nation Army“ als der „PO-PO-PO-PO-Song“ bekannt ist, sagte er: „Ich fühle mich geehrt, dass die Italiener den Song zu einem der ihren gemacht haben. Nichts ist schöner in der Musik als die Annahme einer Melodie durch Menschen, die ihr erlauben, den Pantheon der Folk-Musik zu betreten. Als Songwriter ist so etwas unmöglich zu planen. Besonders in modernen Zeiten. Ich liebe es, dass die meisten Leuten überhaupt nicht wissen, wo die Melodie herkommt, wenn sie sie singen. Das ist Folk-Musik.“

Manchmal nimmt ein Song eben ungewöhnliche Wege…

Womit wir nun auch bei der Künstlerin von ANEWFRIENDs heutigem „Song des Tages“ wären. Bereits 2012 nahm Zella Day eine Coverversion des White-Stripes-Klassikers auf. Dennoch sollte es nahezu eine weitere Dekade dauern, bis ebenjene Neuinterpretation durch die Verwendung in einem Werbespot eines namenhaften südkoreanischen Elektronikherstellers zu weitreichenderer Bekanntheit gelangte. Im Grunde zu Unrecht, denn die Version der mittlerweile 27-jährigen, aus Pinetop-Lakeside, Arizona stammenden und inzwischen – wie so ziemlich viele – in Los Angeles, Kalifornien beheimateten Indie-Pop-Musikerin kann sich als reduziert-schmissige Ballade durchaus hören lassen. Und das nun auch für all jene, die noch nie ein Fussballstadion von innen (oder im Fernsehen) gesehen haben…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sting – „Russians“ (live)


Bild: Getty Images

„In Europe and America, there’s a growing feeling of hysteria“, so lauten die ersten Zeilen des Songs „Russians“ von Sting. Ursprünglich erschienen 1985 auf dem Album „The Dream Of The Blue Turtles“, erlangt der Titel nun, satte 37 Jahre später, erneut an Relevanz. Auf Instagram performt Sting den Song gemeinsam mit dem Cellisten Ramiro Belgardt und teilt vorab emotionale Worte.

Und obwohl sich manche Dinge – leider, leider – wohl nie ändern, sind die Zeiten heute natürlich andere. So bezog sich der Text von „Russians“ ursprünglich auf den Kalten Krieg, der sich damals vor allem zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion abspielte. Obwohl der Song zu Zeiten seiner Veröffentlichung weltweit in den Top 20 rangierte, habe der 70-jährige britische Musiker ihn, wie er auf Instagram schreibt, in den vielen Jahren seitdem er entstand, kaum gesungen. Der Grund ist nachvollziehbar: „Weil ich nie dachte, dass er wieder relevant werden würde.“

Sein Statement weiter: „Doch nun, in Angesicht der blutigen und bedauerlich-fehlgeleiteten Entscheidung eines Mannes, bei den friedlichen und unbedrohlichen Nachbarn einzumarschieren, ist dieser Song, wieder einmal, ein Plädoyer für unsere gemeinsame Menschlichkeit. Für die mutigen ukrainischen Menschen, die gegen diese brutale Tyrannei kämpfen, und auch für die vielen russischen Menschen, die trotz der Drohung von Festnahmen gegen diese Schandtat demonstrieren.“

In Anlehnung an die letzten Zeilen des damaligen Hits – „We share the same biology, regardless of ideology / But what might save us, me and you / Is if the Russians love their children too“ – schließt Gordon „Sting“ Sumner seine Ansprache auf Social Media mit den eindringlichen Worten „Wir alle lieben unsere Kinder. Stoppt den Krieg.“

Außerdem appelliert er an seine Follower, sich zu engagieren. So teilt der ehemalige Police-Musiker etwa eine Adresse in Polen, an die Menschen Medizin, Kleidung und Lebensmittel senden können, die dann direkt weiter in die Ukraine transportiert werden, um den Menschen in Not zu helfen.

Kaum verwundern dürfte freilich, dass der Post von den Followern positiv aufgenommen wird. Sting, der damals, am 11. September 2001, für einen ähnlich eindringlichen Gänsehautmoment sorgte, als er als einer von wenigen Musikern sein für diesen Tag geplantes Konzert nicht absagte und bei diesem etwa eine besondere Version des Songs „Fragile“ spielte, habe „Worte für jede Situation, persönlich oder politisch“, äußert sich jemand. Auch Dank wird ausgesprochen: „Danke Sting. Nun genauso kraftvoll wie damals“, schreibt ein anderer Fan.

💙 💛

„In Europe and America, there’s a growing feeling of hysteria
Conditioned to respond to all the threats
In the rhetorical speeches of the Soviets
Mr. Krushchev said we will bury you
I don’t subscribe to this point of view
It would be such an ignorant thing to do
If the Russians love their children too

How can I save my little boy from Oppenheimer’s deadly toy
There is no monopoly in common sense
On either side of the political fence
We share the same biology
Regardless of ideology
Believe me when I say to you
I hope the Russians love their children too

There is no historical precedent
To put the words in the mouth of the President
There’s no such thing as a winnable war
It’s a lie we don’t believe anymore
Mr. Reagan says we will protect you
I don’t subscribe to this point of view
Believe me when I say to you
I hope the Russians love their children too

We share the same biology
Regardless of ideology
What might save us, me and you
Is if the Russians love their children too“

Peace.

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Song des Tages: Wir sind Helden – „Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst“


Zwar hat dieses Lied, seinerzeit erschienen auf dem dritten Wir sind Helden-Album „Soundso„, bereits knappe 15 Jahre auf dem musikalischen Buckel, aber: Hey, Songs über den Krieg kommen halt nie so ganz aus der Mode Leider? Ja, leider. Man denke nur an John Lennons Evergreen „Imagine„, Bob Dylans ebenso bittere wie großartige Kriegstreiber-Abrechnung „Masters Of War„, Black Sabbaths „War Pigs“ oder eben Elvis Costellos „(What’s so Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ (auf das Judith Holofernes hier auch textlich verweist).

Glaubt man den weisen Statistikern, so war die Welt seit 1945 lediglich mickrige 26 Tage ohne Krieg – nicht einmal ein ganzer Februar, ohne dass irgendwo auf der Erde irgendwelche hirnverbrannten Idioten gegenseitig versuchen, sich im Auftrag ihrer macht- und geltungsgeilen Führer die Köpfe einzuschlagen. Natürlich haben „wir“ in Europa – der Historie und zwei Weltkriegen zum Trotz (von denen die meisten von uns – Gottseidank und hoffentlich – nur aus Geschichtsbüchern oder Guido-Knopp-Dokumentationen gehört haben) – mit unseren vergleichsweise prall gefüllten Kühlschränken und gemütlichen Couchgarnituren meist gut reden. Natürlich geht nun nicht wenigen von „uns“ ein wenig die sprichwörtliche Düse, wenn (mehr oder weniger) plötzlich ein Despot Raketen vor die europäische Haustür fliegen lässt. Umso dringender sollten wir alle – als mehr oder minder vernunftbegabte, dem Humanismus zugeneigte Menschheit – erkennen, dass wir durch globale Probleme – sei es nun eine weltumspannende Pandemie, Hungersnöte durch ungerechte Güterverteilung, recht hausgemachte Klimakatastrophen oder eben – in jedem Fall! – sinnfreie Kriege – nur gemeinsam durchkommen. Während der fatalistische Nihilist und der optimistische Heilige in mir noch versuchen, sich gegenseitige in ihrer nimmerendenden Debatte zu übertönen, sage ich’s mit den kraftstrotzenden Worten von Edwin Starr: „War, huh, yeah / What is it good for? / Absolutely nothing!“. Denn niemand mag hoffen, dass die Warnung, die Judith Holofernes 2007 in ihrem Stück zu Gehör brachte, Wahrheit wird: „Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst / Du kriegst zurück was du verpennst…“

„Wie weit ist weit genug weg
Wie weit ist weg
wie weit?
Was sind sechzig Jahre?
Ein Wimpernschlag
in der Zeit

Wie lang ist lange vorbei
wie lang wann ist es vorbei
Wie lang ist langweilig lang
wir waren schon lang nicht dabei

Was ist so lustig?
Was ist so lustig an Liebe und Frieden?
Was ist so lustig?

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verdrängst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst

Wie weit ist weit genug weg
Wie weit ist weg?
Na warte

Wie weit ist weit genug weg
Zehn Finger breit
auf der Karte

Wie lang ist lange vorbei
Wie lang wann ist es vorbei
Wie lang ist langweilig langsam
wären wir wieder dabei

Was ist so lustig an Liebe und Frieden?
Was ist so lustig?

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verschenkst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verschenkst

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verpennst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verpennst

Peace.

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Klassiker des Tages: Caesars – „Jerk It Out“


Wer um die Jahrtausendwende jung und wild und frei war und – ganz egal, ob in der Groß- oder Kleinstadt – mal hier, mal da die ein oder andere Indie-Dissen-Tanzwelle geritten hat, der kam an so manchem Gitarrenakkord gewordenen Beinzucker kaum vorbei. „Bohemien Like You“ von den Dandy Warhols etwa. „Mr. Brightside“ von den Killers, natürlich. „Last Nite“ von den Strokes, selbstverständlich. „Are You Gonna Be My Girl“ von Jet, klar. Die „Seven Nation Army“ marschierte, während man dem schönen, scheuen Mädchen auf der anderen Seite des Raums zuflüstern wollte: „I Bet You Look Good On The Dancefloor„. Kinners, das waren Zeiten… Und ein wenig schälen sie sich zurück ins Halbdunkel der eigenen Erinnerung – jedes Mal, wenn heute das in diesen Jahren recht unvermeidliche „Jerk It Out“ so selbstsicher wie anno dazumal seine Ohrwurm-Qualitäten ausspielt…

Im Zuge des damaligen Garagenrock-Hypes um die Nullerjahre herum, der mit den Hives, Mando Diao oder der (International) Noise Conspiracy nicht eben unwesentlich schwedisch geprägt wurde, war es eigentlich kaum zu glauben, dass eine Band wie die Caesars bereits seit 1998 dort, in der Heimat von Wasa-Knäckebrot, Pippi Langstrumpf, Abba und Zlatan Ibrahimovic, unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit Platten veröffentlichte.

Und die Bandgeschichte des Quartetts aus Stockholm begann irgendwie sogar noch viel, viel früher, schließlich kannte Bandgründer César Vidal seinen Gitarristen Joakim „Jocke“ Åhlund, seit er zwei Jahre alt war. 1995 beschließen die beiden Sandkastenfreunde, eine Band zu gründen und benennen sich nach dem berühmten Groß-Casino in Las Vegas, Caesars Palace (obwohl man die ersten musikalischen Gehversuche noch als Twelve Caesars unternimmt). Beeinflusst vom britischen Rock der Sixties, von den Rolling Stones über die Kinks bis David Bowie, beginnen die beiden, zwei andere Bandmitglieder zu rekrutieren: am Bass wird David Lindquist eingestellt, fürs Schlagzeug zunächst Jens Örjenheim, ab 2000 dann Nino Keller.

Über das Indie-Label Dolores Recordings veröffentlichen Caesars Palace noch im selben Jahr ihre erste 3-Track-EP, wenige Monate später folgt ein Mini-Album, dessen Songs mit dem dreckigen Sixties-Garagen-Rock der späteren Werke damals jedoch noch recht wenig zu tun hatten. Doch während der Aufnahmen zum ersten, 1998 erscheinenden Album „Youth Is Wasted On The Young“ kauft sich Gitarrist Jocke Åhlund eine alte Farfisa-Orgel, die den Bandsound ebenso hörbar wie nachhaltig verändert. Caesars Palace beginnen daraufhin an ihren einprägsamen Orgel-Hooklines zu arbeiten (welche wiederum Dennis Lyxzén und seine International Noise Conspiracy ins Gedächtnis rufen) und sorgen bereits mit dem ersten Album für so einige Begeisterungsstürme in ihrem Heimatland.

2000 veröffentlicht die Band den Langspieler „Cherry Kicks“, zwei Jahre darauf folgt „Love For The Streets“. Am Sound verändert sich auf diesen nicht viel – jede Menge jugendlicher Rumpelkammer-Schmackes, gute alte Fuzz-Gitarren und eine munter drauflos schlackernde Farfisa-Orgel. Neu mag hier nichts sein, aber es kracht. Es donnert. Und es rockt. Sturm und Drang für das 21. Jahrhundert. Selbst wenn Caesars Palace darauf pochen, angeblich auch vom Reggae inspiriert worden zu sein, blitzt dieser Einfluss (glücklicherweise) kaum durch. Warum sollte er auch, wenn beide Alben in Schweden vergoldet werden und ihr powerpoppender Indie Rock immer größere Hallen füllt? Trotzdem geht’s wohl noch nicht gänzlich ohne Zubrot. Jocke Åhlund etwa verdient sich selbiges in dieser Zeit als Video-Clip-Regisseur. So gehen zum Beispiel „New Noise“ von Refused und „Reproduction Of Death“ der (International) Noise Conspiracy auf seine K(l)appe.

Als das kleine Label Dolores Recordings, auf dem Caesars Palace bisher ihren kompletten Output vertreiben, vom Major-Riesen Virgin geschluckt wird, entpuppt sich das alsbald als Glücksgriff für das Vierergespann. Zuerst geht ihr Material noch, wie von so ziemlich vielen, im Veröffentlichungswust des Majorlabels unter und ihr Name ist bei Virgin keinem ein Begriff. Als die Band dann aber einen findigen Manager engagiert und dieser im Virgin-Büro die Caesars-Platten vorspielt, ist man dort schnell hellauf begeistert von den Schweden – und muss darüber hinaus etwas peinlich berührt hören, dass sich diese Band mit einigem an Potential bereits in ihrem Rooster befindet.

Also schickt das Label – freilich unter tatkräftiger Unterstützung des gerade wütenden Gragenrock-Retro-Wahns – Caesars Palace mit The Soundtrack of Our Lives über den großen Teich und auf US-Tournee. Und auch dort können sich César Vidal und Co. gut behaupten, was Virgin wiederum dazu veranlasst, im Jahr 2003 weltweit „39 Minutes Of Bliss (In An Otherwise Meaningless World)„, eine Art Best Of aus ihren ersten drei Alben, zu veröffentlichen (welche übrigens just heute ihren runden 18. Geburtstag feiert). Darauf zu hören: Rock’n’Roll aus fünf Jahrzehnten, kurz aufgekocht und mit geradezu ansteckender Spielfreude lässig auf CD gerotzt. Da die Platte dieses Mal auch in den US of A erscheint, bewegt ihr Plattenlabel die vier Schweden jedoch dazu, vorher ihren Namen kürzen, um einem möglichen Rechtsstreit mit dem Casino-Konzern in der Glücksspielstadt aus dem Weg zu gehen. Fortan kennt man die Band nur noch als Caesars.

Doch auch unter (beinahe) neuer Flagge geht der Siegeszug der Skandinavier auch danach recht munter weiter. Bands wie Placebo outen sich als begeisterte Fans und nehmen sie als Support mit auf ihre Deutschland-Tournee. Das dürfte wohl nicht nur, aber vor allem an einem bestimmten Song liegen: der erstmals 2002 erschienenen Single „Jerk It Out“. Diese schummelt sich nach ihrer erneuten Veröffentlichung in die Rotationen vieler internationaler Radiostationen, verschafft der Band einen Top-10-Hit in Großbritannien sowie den Einstieg in die US-Billboard-Charts und wird wenig später in zig Werbespots, Filmen und TV-Serien verwendet. Mehr noch: Der fluffig-flotte Dreiminüter, dessen Text mutmaßlich eine recht juvenile Laisser-faire-Attitüde aus Lecko-mio, Loslassen, Amphetaminen und Selbstbefriedigung beschreibt, wird zum ohrwurmenen Trademark der Caesars – und wohl auch deshalb ein weiteres Mal auf die 2005 folgende Platte „Paper Tigers“ drauf gepackt.

Und obwohl diese, ebenso wenig übrigens wie der 2008er Nachfolger „Strawberry Weed„, mit einer Top-20-Platzierung in der schwedischen Heimat und einer Top-50-Landung im UK der Band, nicht die ganz großen Erfolge einbringt, hatten die Caesars einfach zu viele Qualitäten, zu viele kleine, versteckte Mini-Hits in petto, um im Rückblick als garagenrockende Eintagsfliege zu gelten. Trotzdem ist es schade, dass das Quartett alsbald wieder in der Versenkung des musikalischen Niemandslands verschwindet – abgesehen von ein, zwei einmaligen Comeback-Shows 2017 sowie 2018 beim Stockholmer „Popaganda Festival“ liegen die Caesars seit über einer Dekade auf Eis. Und kann sich’s wohl auch leisten, wenn ihnen dieser eine Song dank zig Werbeeinnahmen ein klein wenig die gelb-blauen Hintern saniert hat…

„Wind me up, put me down
Start me off and watch me go
I’ll be runnin‘ circles around you sooner than you know
A little off center and I’m out of tune

Just kickin‘ this can along the avenue, but I’m alright
Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun

You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
Shut up, hush your mouth
Can’t you hear you talk too loud?

No can’t hear nothin‘ ‚cause I got my head up in the clouds
I bite off anything that I can chew
I’m chasing cars up and down the avenue, but that’s ok

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones

And you jerk it out

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
And you jerk it out, and you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out“

Rock and Roll.

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