Das Album der Woche


Samia – The Baby (2020)

-erschienen bei Grand Jury/Membran-

Erwachsenwerden ist meist eine recht heikle Angelegenheit. Und freilich machen die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz auch vor zwischen Los Angeles und New York aufgewachsenen Töchtern von Hollywood-Schauspieler*innen keinen Halt. Gut, Samia Finnerty wird es, dank Vater Dan und Mutter Kathy Najimy finanziell abgesichert und mit einem angeborenen Fuß in der Unterhaltungsbranche (zumal ihr Vater als Schauspieler, Comedian und Musiker gleich mehrere kreative Standbeine besitzt), wohl durchaus etwas einfacher gehabt haben als viele ihrer Altersgenossinnen. Dennoch plagt auch sie sich mit klassen- und herkunftsübergreifenden Universalien herum: mit Selbstzweifeln, angeknacksten Herzen und nicht zuletzt einer gesellschaftlich immer noch präsenten Misogynie. All die Dinge eben, vor denen man sich in manch banger Minute so hilflos und verletzlich vorkommt, als wäre man auch mit Anfang Zwanzig noch „The Baby„. Davon singt Samia auf ihrem passend betitelten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum, aber sie jammert nicht. Das wird schon musikalisch deutlich, wenn sie ihre folkigen Singer/Songwriter-Gerüste mit dem ein oder anderen großen Pop-Hook sowie einer warmen Spätsommerstimmung ausstattet. Die Produktion der elf Songs gönnt sich trotz aller Subtilität flexible Texturen und auch die Stimme der mittlerweile 24-Jährigen sprüht voller Leben ­– sie bebt vor den in alle Richtungen schießenden Emotionen, wechselt beständig den Tonfall, flüstert zurückhaltend, schreit theatralisch. Großes Kino, das ihr wohl die guten Gene in die Wiege gelegt haben.

Fotos: Promo / Muriel Margaret

Im Kontrast zu seiner akustischen Vitalität wird „The Baby“ thematisch jedoch von Gevatter Tod umrahmt. So beginnt „Pool“ mit der letzten Sprachnachricht, die Samia von ihrer verstorbenen Großmutter erhielt, ehe die Enkelin selbst vor ihren Bindungsängsten zu kollabieren droht: „Are my legs going to last? / Is it too much to ask?“. Stilistisch ist dieser mysteriöse Ambient-Strudel zwar keineswegs repräsentativ für den Rest der Platte, wohl aber in seiner rohen Intimität, die das Hörerlebnis fast schon voyeuristisch geraten lässt. Und als würde sie hier mitlesen, entblättert sich die Protagonistin im selbstbewussten Indie Pop von „Fit N Full“ wörtlich – auch wenn sich ihr Striptease im Restaurant eher als surreale Kritik am vor allem in der Scheinheiligkeit der „Traumfabrik“ vorherrschenden Fitnesswahn deuten lässt. Etwas unaufgeregter, jedoch kaum weniger catchy groovt das tolle, mit einer Ethereal-Wave-Patina und nonchalanter Unaufgeregtheit ausgestattete „Big Wheel“ um rissige Beziehungen – und beweist dabei auch Samias Sinn für Selbstironie: „God, I’m really gonna blow with all this empathetic shit“. Noch mehr empathischen Scheiß gibt es im unsicheren „Triptych“ und im sexuell expliziten „Limbo Bitch“, das lauwarm trällernde Pop-Stimmchen wie Ariana Grande wohl nur allzu gern auf dem Studiopult liegen gehabt hätten. Und wo wir gerade bei Referenzen sind: Als Ganzes ist „The Baby“ mit einem vergleichbaren Maß an Indie-Pop-Kredibilität ausgestattet wie der 2019er Debütlangspieler der unter ähnlich begünstigten Umständen aufgewachsenen Billie Eilish. Geeint wird Samias kurzweiliger 36-minütiger Ausflug in so unterschiedliche Winkel des jungen Erwachsenenlebens von ihrer stets sympathisch ungefilterten Offenheit, den eingängigen Melodien sowie kleinen Reizpunkten in Form von Synthies oder Bläsern.

Und: „The Baby“ funktioniert auch in seinen getragensten Momenten. Mit sanften Gitarrenanschlägen und einem beständigen Rhythmus bohrt sich etwa „Stellate“ immer tiefer in eine inspiriert bebilderte, gescheiterte Liebe. Das folkig zu subtilen Bläsern gezupfte, fragil-schöne „Does Not Heal“ doppelt metaphorische mit tatsächlichen Wunden, lässt die aufgeschnittene, gelb-violett zusammenwachsende Haut fast plastisch erscheinen. Kurz vor Schluss gönnt sich das Album zwei musikalische Ausreißer – den pluckernden Synthie-Minimalismus von „Winnebago“ und den souligen Piano-Stampfer „Minnesota“ –, ehe im krönenden Americana-Anschluss schließlich alle juvenilen Dämme brechen: Nur von einer Akustischen begleitet erzählt das flehende „Is There Something In The Movies?“ von der 2009 tragisch verstorbenen Schauspielerin Brittany Murphy, einer Freundin der Familie Finnerty, die der kleinen Samia einst ein Stofftier schenkte. „Everyone dies but they shouldn’t die young“, brüllt die Trauernde voller Inbrunst und bringt mit diesem Tribut und Abgesang an die kindliche Unschuld jeden noch so verdorrten Tränenkanal zum Platzen. Manchmal werden die Babies eben auch in den besten Häusern schneller groß, als man es ihnen zutraut.

Selbst in seinen leersten Metern überzeugt „The Baby“ mindestens mit (s)einer kecken Liebenswürdigkeit, deren Beiläufigkeit immer auch etwas Gefällig-schmissiges, wenngleich – soviel Kritik sei erlaubt – kaum wirklich Nachhaltiges transportiert – alles am Ende jedoch Kinderkrankheiten, die auch ohne den entsprechenden Albumtitel keine Probleme darstellen würden, einfach weil das Album lyrisch grundsätzlich universelle Themen behandelt – ein Film wie „Clueless“ (um noch einmal eine verbindende Brücke zu Brittany Murphy zu schlagen) funktionierte Mitte der Neunziger ja schließlich auch durch alle Klassen des Publikums. Samias Coming-of-Age-Talentprobe hat seinerseits genug Qualitäten um noch zu wachsen, genug Charisma, um über zwei Sommer hinaus zu betören und genug Potential, um zukünftig kein Wort mehr über die familiären Background der Urheberin zu verlieren.

(Übrigens hat Samia in der Zwischenzeit veröffentlichungstechnisch bereits mehrfach nachgelegt: So erschien im Juli diesen Jahres die „Scout EP„, deren vier neue Songs sich qualitativ keineswegs hinter denen von „The Baby“ verstecken brauchen. Für Dezember ist mit „Before The Baby“ eine Sammlung von Singles, welche vor dem Langspieldebüt erschienen, abgekündigt, welche man via Bandcamp bereits hören kann. Und dass die Newcomerin bereits so einige Fans unter US-Indie-Musikern hat, beweist das im Januar veröffentlichte „The Baby Reimagined„, auf dem Künstler wie Bartees Strange, Christian Lee Hudson oder Charlie Hickey die Songs des Albums auf ihre Weise neu interpretieren.)

Rock and Roll.

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