Das Album der Woche


Shitney Beers – Welcome To Miami (2021)

-erschienen bei Zeitstrafe/Indigo-

Manchmal sollte man sich nicht zu sehr von einem Albumtitel täuschen lassen… Schaut man sich die Promotion-Fotos zu Welcome To Miami“ an, so sieht nicht nur die Künstlerin selbst, sondern auch die Umgebung keineswegs nach dem „Sunshine State“ im Südosten der US of A aus. Wer mit Adleraugen hinschaut, der wird zudem bemerken, dass die Autos, die links und rechts straßenseits stehen, Mannheimer Kennzeichen besitzen. Und in der Kurpfalz ist Maxi Haug, die als Shitney Beers seit 2018 ihre Songs veröffentlicht, tatsächlich zu Hause. Dort hat die Halbkanadierin – wie so einige vor ihr – ein Studium an der Popakademie geschmissen und lieber in Eigenregie vier EPs veröffentlicht – frei nach dem Motto: Fuck off Pop Bizz, let’s go indie! Die daraus bekannten Songs gaben einen ersten Vorgeschmack auf das Talent des Twentysomethings, sind nun jedoch nur zum Teil auf ihrem unlängst erschienenem Debütalbum enthalten, was vor allem im Falle des feinen „I Don’t Like Horses“ durchaus schade ist. Dennoch werden alle Freunde der EPs sofort „ihren“ Sound wiedererkennen, der meist nur aus Gitarre, Gesang und winzigen Klangtupfern weiterer Instrumente besteht. Und wem Shitney Beers bisher noch nicht über dem musikalischen Weg gelaufen ist, darf nun eine Künstlerin für sich entdecken, die auf sehr intelligente Weise mit dem Erwachsenwerden als Frau im 21. Jahrhundert kämpft.

Fotos: Promo / Sebastian Igel

Insofern ist „Welcome To Miami“ doch ein recht passender Titel für diese Platte. Er gemahnt an das schnöd-schöne Versprechen von Glamour, Sorglosigkeit, Gesundheit und Wohlstand, das uns allenthalben vorgegaukelt wird, schlussendlich jedoch für fast niemanden Realität wird – und wegen des damit verbundenen Schönheitsideals für Frauen noch ein gutes Stück schwerer zu erreichen ist. Der Kontrast zu Mannheim, er könnte größer kaum sein. So besingt Shitney Beers etwa in „Lucky“ ein Pärchen als die einzigen beiden glücklichen Personen in einer „dog-shit city“, eine Slide-Gitarre und eine zweite Stimme verstärken das Gefühl vom Schweben und der Gewissheit, sich fallen lassen zu können. Es bleibt unklar, welche Stadt gemeint sein mag, und doch ist offenkundig: Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ist riesig, und den Schlüssel zum Glück inmitten einer kaputten oder feindlichen Welt kann man am Ende einzig in sich selbst entdecken. (Da fragt man sich übrigens auch, ob der Gedankensprung zum gleichnamigen Song einer Britney Spears – sic!- hier in rein zufälliger ist…)

Auch ein weiteres Prinzip lässt sich auf „Welcome To Miami“ schnell erkennen: Der Herausforderung, eine Identität zu entwickeln, wird hier ebenso sehr über Abgrenzung begegnet wie über Zugehörigkeit. Zuerst erkennt man, was man hasst, vermeiden möchte oder beunruhigend findet. Das ist dann schon einmal eine gute Voraussetzung, um im nächsten Schritt vielleicht herauszufinden, was man gerne möchte, wo man hin will und wer auf dem Weg dorthin mitkommen sollte. Man höre etwa das heimliche Platten-Herzstück „Keys“, das von der weiblichen Angst vor nächtlichen Übergriffen erzählt („You rarely see us walking at night / Without our keys held tight“), was mit einer schockierend spürbaren Angespanntheit umgesetzt wird. Oder „Lourdes“, ein Bericht über eine stürmische Affäre, die mit Stalking und der Falle von „I’m even afraid to leave my house“ endet, wobei die augenscheinlich fragile, folkige Komposition diesen beklemmenden Stimmungsumschwung sehr gekonnt spiegelt. „Next time I’ll make it right“, heißt die erste Zeile im Opener „Time“, der von einer Beziehung erzählt, für die vielleicht einfach nicht der richtige Zeitpunkt erreicht war. „Inevitable“ stellt die Frage, ob da jemand nur guter Freund oder mehr ist. Klar, die Musikerin kennt – der Songtitel deutet es galant an – die Antwort längst selbst, will sie sich aber noch nicht eingestehen und lässt Instrumente und Takt zwischendurch kurz dahinzuschmelzen.

SoKo, Chan „Cat Power“ Marshall, Marika Hackman oder Suzanne Vega darf man gern als passende Bezugspunkte ins Vergleichsfeld führen, noch lieber gar die drei in den Mainstream aufstrebenden boygenius-Damen Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Darcus, mit ihren oft leise tretenden und dennoch kraftvoll am Herzzipfel zupackenden Songs. Im wunderbar reduzierten „Modern Love“ (mit den tollen Leben-trifft-Popkultur-Zeilen „Your life is not a movie / And it’s not a Bloc Party song“ ) mag man auch an Stella Donnelly denken. Der Song zeigt zudem, wie Shitney Beers es mit Talent und Geschick hinbekommt, in diese zehn meist sehr reduzierten Stücke die nötige Spannung und Abwechslung hinein zu werkeln. Hektisches Picking sorgt hier für ein gerüttelt Maß an Unruhe, am Ende tönt gar ein Mini-Chor. „La Mort Hereuse“, benannt nach dem Debütroman von Albert Camus, bleibt eher abstrakt und schwer zu fassen, „Nourie Hadig“, wiederum tituliert nach einen Märchen aus Armenien, das einige vage Ähnlichkeiten mit dem Plot von Schneewittchen aufweist, gerät hingegen heiter und dezent verspielt. „Parents“ erzählt zu Ukulelenbegleitung von dem nervenaufreibenden Moment, wenn man zum ersten Mal die Eltern des Partners treffen soll. Dabei klingt das Stück so lo-fi und verschüchtert, als würde die Künstlerin direkt aus dem Kleiderschrank spielen, in dem sie nach dem passenden Outfit für diesen Anlass sucht. Zudem nimmt der Song mit seiner Prise Selbstironie vielen der Themen, die während der knappen halben Stunde angeschnitten werden, ein wenig von jener bleiernen Schwere, die ohne die so erschaffene Distanz wohl einzig zurück bliebe. „Marcel“ schließt den Beers’schen Erstling zwar ab, ist dabei jedoch meilenweit von einem versöhnlichen Schlussstrich entfernt.

Auch wenn der Platte am Ende vielleicht ein Song fehlen mag, der aus dieser sehr charakteristischen Ästhetik noch ein wenig herausragt (aka. der offensichtliche Indie-Hit), liefert Maxi „Shitney Beers“ Haug mit „Welcome To Miami“ ein durchaus starkes, beachtenswertes Debütalbum ab, das von (s)einer einnehmenden Stimme, schönen Melodien, ausreichend Riot Grrrl’scher Punk-Kredibilität und schlauen Arrangements lebt. Keine auf Hochglanz geschliffene Platte, sondern eine herrliche Zusammenstellung absichtlich roh gehaltener Perlen. Vor allem aber hat Shitney Beers wirklich etwas zu erzählen – da können selbst der klamaukige Bühnenname und das bunte Cover nicht drüber hinweg täuschen. Miami ist eben auch nicht mehr das, was es mal war…

Rock and Roll.

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