Sunday Listen: KID DAD – „In A Box“


Ist die Box dein Gefängnis oder dein Versteck? Wirst du klaustrophobisch, wenn du daran denkst, wie du in einer geräuschlosen, regellosen, dunklen Box sitzt oder wünscht du dir vielleicht sogar, an genau so einem Ort zu sein?

Das ewige Mindfuck-Gedankenexperiment um Schrödingers Katze – lebt sie noch oder ruht sie bereits in aeternum ihre Äuglein aus? – beschäftigt nach wie vor und dient als vielfältiger Quell der Inspiration – man denke nur an den jüngsten Netflix-Serien-Hit „DARK„. KID DAD vertonen das Paradoxon auf Albumlänge – für ein Langspieldebüt gleichermaßen mutig wie faszinierend. Das noch junge Paderborner Quartett, ursprünglich 2016 als Grunge-Band gestartet, ist nach seiner vor drei Jahren veröffentlichten „Disorder„-Debüt-EP mittlerweile in den verschiedensten Alternative- und Rock-Gefilden verhaftet und lässt eine Pluralität packender wie abwechslungsreicher Einflüsse von Punk über Prog bis Post-Hardcore zu. Das im August erschienene „In A Box“ versucht nun aus der Katzenschachtel auszubrechen…

„Mir wird schnell langweilig, deshalb ist es mir auch so wichtig, ein abwechslungsreiches Album rauszubringen.“ (Marius Vieth)

Lineare Arbeitsweisen werden ohnehin meist überbewertet, das zeigt bereits das eröffnende „A Prison Unseen“. Hier kommen zwei Ideen zusammen, die lange Zeit unvollendet geblieben waren – das gewisse Etwas fehlte – und sich nun nahezu perfekt ergänzen. Zwischen funkelnder, fieberhafter Aufbruchsstimmung im Refrain und emotional aufgeladener Fragilität in den Strophen ergibt sich ein spannender, mitreißender Spagat – wie gemacht für Sänger und Gitarrist Marius Vieth, um sich bereits im Einstieg in Szene zu setzen. Die Bridge erinnert ein wenig an die verträumten Klänge Alt-Js, der Refrain ähnelt den Anfängen der Blackout Problems. Auch textlich und visuell ist es ein Leichtes, sich in den Song fallen zu lassen. So zeigt das dazugehörige ausdrucksstarke Musikvideo, wie der Protagonist allmählich die Kontrolle über sich selbst verliert.

Happy“ arbeitet ebenfalls mit gekonnter Laut-Leise-Dynamik, nur wohl noch direkter und kompromissloser. So springt einem der Refrain mit seinem zügellosen Auftreten zwischen Punk und Grunge in bester Royal Blood-Manier arschlings ins Gesicht – eine Art „Song 2“ mit zusätzlichen Kanten, ein feiner Kontrast zwischen Einlullen und unbarmherzigem Hallo-Wach-Ruf.

Es geht auch ohne große Explosion, wie unter anderem „The Wish Of Being Alone“ zeigt. Über weite Strecken mäandern KID DAD in der endlosen Suche nach dem großen Aha-Effekt, docken kurzzeitig an Post-Rock-artige Aufbauten an – eine kleine, dramaturgisch wertvolle Explosion darf nicht fehlen – und finden doch wieder zurück zum reduzierten Glück. Der eigentümliche Rhythmus von „Your Alien“ beantwortet Fragen, die sich niemand zu stellen traut, während „[I Wish I Was] On Fire“ abermals geschickte Spannungsbögen zwischen noisiger Breitseite und softem Anschmiegen klöppelt. In „Limbo“ oder dem melancholischen „Window“ finden schließlich beißende Härte und vertraute Blackmail-Einflüsse in poppigen Auslegern zusammen. Das austarierte Spiel mit den Gegensätzen zählt zu den Höhepunkten dieses Debüts.

Wiederholt um mehrere Ecken gedacht und dabei doch auf sympathische Weise sortiert: KID DAD, die über die Jahre bereits als Support für verschiedenste Kapellen von Taking Back Sunday über Sorority Noise, And So I Watch You From Afar, Samian oder Blackout Problems einiges an Bühnenerfahrung sammeln durften, verstehen den Wert präziser, wechselhafter Songaufbauten auf beeindruckende, durchaus atemberaubende Weise. Jeder Song ist klar strukturiert und doch gewissermaßen unvorhersehbar, weil die Paderborner kleine Überraschungen, unorthodoxe Widerhäkchen und emotionale Schwerlast gekonnt miteinander zu verbinden wissen. „In A Box“, dessen Grundkonstrukt auf Vieths Reisen durch China, England und die Schweiz entstand, tönt somit passenderweise wie ein Widerspruch in sich und löst sich, im Gegensatz zur berühmten Katze, in begeisterndem Wohlgefallen auf. Ein Einstand wie ein Wohlfühlschlag in die Magengrube. Eine emotionale Achterbahnfahrt mit Höhen, Tiefen und Loopings. Freunde von gepflegtem Indie Rock mit dezent pompöser Note und ohne Scheu vor poppigen Saitenhieben dürfen hier ebenso zugreifen wie all jene, bei denen bereits Blackmail, Placebo, The Pixies, Blackout Problems oder Ghost Of Tom Joad (was vermisse ich diese Band!) im Plattenregal stehen. Absolut nachvollziehbar, dass man da auch außerhalb der deutschen Landesgrenzen (etwa bei den Kollegen von „Kerrang!“ oder beim „Discovered Magazine„) bereits hellhörig wurde.

KID DAD, zu denen neben Marius Vieth noch Joshua Meinert (Gitarre), Max Zdunek (Bass) und Michael Reihle (Schlagzeug) gehören, sind – je nachdem, wie man es sehen möchte – überzeugte DIY’ler oder Kontrollfreaks, denn vom Artwork über die Musikvideos entstand hier nahezu alles in Eigenregie. Was läge also näher, als mal eben noch kurz zu versuchen, die Welt retten? Mit ihrem Song „Limbo“ hat das westfälische Vierergespann nämlich auch eine ebenso lobens- wie unterstützenswerte Charity-Aktion ins Leben gerufen: Mit „SAFE IN A BOX“ sammelt die Band Geld für die Arbeit von SOS Kinderdorf e.V. sowie der NSPCC aus England. Beide Organisationen helfen Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Mehr Informationen dazu gibt es unter kid-dad.com/safeinabox. Feine Sache!

Rock and Roll.

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