Song des Tages: Alex The Astronaut – „Caught In The Middle“


Foto: Jess Gleeson

Alex The Astronaut, dahinter steckt keineswegs – obwohl das gerade hierzulande der eine oder die andere im ersten Moment vermuten könnte – „unser“ Alexander „Astro-Alex“ Gerst, der 2018 als erster Deutscher überhaupt für drei Monate das Kommando über die ISS innehatte. Und auch nicht jener Weltraum-Abenteurer, der 2013 mit seiner Version von „Space Oddity“ Bowies Evergreen zu neuem Ruhm verhalf (jener schnurrbärtige Kanadier hieß ja auch Chris Hadfield). Nope, hinter Alex The Astronaut verbirgt sich Alexandra Lynn, eine australische Singer/Songwriter-Newcomerin, die mit Mitte Zwanzig zwar schon den ein oder anderen Fleck jenseits von Bondi Beach gesehen haben mag (immerhin hat die junge Frau bereits einen Studienabschluss in Mathematik und Physik an der New Yorker Long Island University in der Tasche), jedoch noch nie die Erde vom Weltraum aus betrachtet hat. Dafür tritt sie in ihrer Freizeit recht talentiert gegen das runde Leder – oder gibt sich in ihren Songs als reisende Beobachterin, die eine Welt aus unendlich vielen Geschichten sieht. Nach so einigen Singles, EPs sowie einem Live-Album debütiert Alexandra Lynn nun mit ihrem ersten Langspieler.

Dabei könnte „The Theory Of Absolutely Nothing“ genauso gut der Titel eines Coming-Of-Age-Indie-Films sein, so grob zwischen „The Perks Of Being A Wallflower“ und „The Spectacular Now“. Auch musikalisch kann man sich die Songs von Alex The Astronaut ganz gut auf dem „Juno“-Soundtrack vorstellen, irgendwo zwischen Belle & Sebastian, Kimya Dawson und Evergreens von The Kinks und The Velvet Underground. Selbst inhaltlich packt Alexandra Lynn ernste Themen mit dem selben warmherzigen Optimismus an wie etwa die soeben genannten Filme. Immer knapp vor cheesy, immer herzergreifend, und selbst das stellenweise überbordende Pathos mag man der juvenilen Unbedarftheit anrechnen. Insofern legt der Albumtitel eine feine falsche Finte, denn es geht hier nicht um nichts, sondern sogar um ziemlich viel.

Aus dem Folk übernimmt die junge Australierin aus dem sonnigen Sydney das Geschwätzige, das lyrische Erzählen, die sozio-politschen Anklänge, und verknüpft all das mit der Eingängigkeit des Indie-Pop. Im Jahr 2017 wurde ihr Song „Not Worth Hiding“ zu einer Hymne der australischen Bewegung für die gleichgeschlechtliche Ehe, auf ihrem Debütalbum nimmt sie, die selbst recht offen und selbstverständlich mit ihrer Homesexualität umgeht, sich nun unter anderem Themen wie häusliche Gewalt und Abtreibungen vor. Wahrlich keine kleinen Armstrong-Schritte, aber Lynn meistert sie dank ihrer sehr eindringlichen Erzählungen und ihres sehr dynamischen, abwechslungsreichen Songwritings.

Direkt im lagerfeuertauglichen Opener „Happy Song“ verpackt sie Gedanken über Vergänglichkeit und Nostalgie in einen erbaulichen Indiepop-Song: „You know that I love you, but I think it’s over / Will it still be over, always? / I don’t know„. Das Stück besticht vor allem durch seinen treibenden Refrain, dem sogar ein Da-da-Part erstaunlich gut steht. Ab und zu scheint etwas Britpop durch, beispielsweise in „Split The Sky„, das anfangs an Oasis erinnern mag (freilich ohne das gockelhafte Machogehabe der Gallagher-Lads). Die Songs bauen klassischerweise auf gestrummten Gitarren auf, sind aber alle recht aufwendig instrumentiert, im Hintergrund fügen sich Chöre, Piano und sogar Streicher zu einer meist geschmackvollen Soundkulisse zusammen. Besonders die Streicher hauchen manchen Songs, etwa „I Like To Dance„, aber auch diesen Eindruck des leicht Pathetischen ein – was etwas schade ist, da das Stück über häusliche Gewalt bereits textlich zu überzeugen weiß und den musikalischen Kitsch so gar nicht nötig hätte. Für den Song hat Lynn mit Helferinnen von Betroffenen gesprochen, um sich ein Bild entsprechender Beziehungen zu verschaffen. Besonders hart erwischt einen die sehr direkt formulierte Zeile „I just wish he would stop hitting me„. Inhaltlich trifft sie hier den richtigen Ton und nährt sich dem Thema sehr gefühlvoll. „Banksia“ und „Christmas In July“ hingegen kommen mit dem perfekten Maß an Pathos daher, beide Songs laden zu verträumtem Schunkeln ein. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme irgendwo im Spannungsfeld zwischen Nonchalance und gutturaler Rauheit und ihrem charmanten Aussie-Dialekt gedenkt Lynn in „Banksia“ einer sehr jung verstorbenen Freundin: „And all of the roses will be too white because twenty years old’s too soon for goodbye„.

Klanglich überzeugen jedoch die energievollen Songs am schnellsten, so etwa „I Think You’re Great„, das an die neuseeländische Band The Beths erinnert und mit seinem nach vorn drängenden Schlagzeug mitreißt. „Caught In The Middle“ erinnert an die ersten Werke der Shout Out Louds und wartet wie viele der Stücke mit einem eingängigen Refrain auf. Zwar neigt die australische Newcomerin dazu, ihre Indiefolk-Songs mit zu vielen Instrumenten zu überfrachten und untermalt ihre konkreten Texte an mancher Stelle mit recht beliebigen Melodien. Spurlos am Ohr vorbei rauschen die Lieder dennoch nicht – dazu kommen sie einem zu nahe.

Im Großen und Ganzen ist „The Theory Of Absolutely Nothing“ (zu welchem man hier Track-By-Track-Kommentare findet) das starke Debüt einer jungen Frau, die ihre ganz eigene Sicht auf unsere vielfältige, teilweise doch recht düstere Welt optimistisch, jedoch in keinem Moment verklärend in sonnenbeschienenen Wohlklang übersetzt. Wer mit anderen Aussie-Indierockerinnen wie etwa Courtney Barnett oder den eingangs erwähnten, manchmal etwas juvenil-gefühlsduseligen Filmen etwas anfangen kann, sollte zweifellos auch an dieser Platte schnell Gefallen finden.

Rock and Roll.

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