Song des Tages: Jonas David – „Sorri“


JonasDavid-by-NORMAN-TEBEL

Foto: Norman Nebel / Promo

Ein waberndes Bett auf prasselnden Synthesizern baut sich auf und umhüllt einen, als würde man in etwas zu warmes Wasser eintauchen. Indie-Musiker Jonas David hat in seinem Song „Sorri“ einmal mehr die Idee davon perfektioniert, sein Publikum in einen Kosmos aus vibrierenden Klängen zu entführen. Vier Minuten und 36 Sekunden verschwindet alles um einen herum und geht in dem von Emotionen getriebenen Titel auf. Dabei ist der Aufbau so minimalistisch und träge, dass jeder Akkordwechsel eine neue Woge des Schauers auslöst und die sanfte Steigerung des Songs bis ganz tief unter die Haut geht. Hinzu kommt die Stimme, die einen ebenso schnell gefangen nimmt wie das Rauschen und Knistern. In kleinen Dopplungen, Mehrstimmigkeiten und hauchfeinen Verfremdungen des Gesangs spielt David mit Nähe und Einsamkeit.

Illustrierend dazu trägt der deutsche Indie-Musiker seine Ton gewordene Entschuldigung in der blauen Stunde vor einer tosenden Küste in Sampieri vor und tanzt in Zeitlupe zur spritzenden Gischt. Besonderes Highlight ist das Saxofon, welches ganz ruhig und getragen in den Song gleitet und sich wenig später mit einer zerrenden E-Gitarre paart. Spätestens dann findet “Sorri” seinen absoluten Höhepunkt. Das langsam errichtete Song-Epos löst sich wieder auf und man bleibt mit einer formvollendeten Gänsehaut zurück…

„Für mich spielt der Song zwischen einer zufälligen Begegnung, zwischen Seelenverwandtschaft und Morgengrauen. Das Wegrennen vor einem selbst in die Welt einer anderen Person. Die Projektion von Erlösung oder simpler Betäubung auf die neue Bekanntschaft, die aber das Gleiche mit einem selbst tut. Das Gefühl, wenn man eine Treppe hinaufrennt, um in einer fremden Stadt mit fremden besten Freunden vom Dach die Stadt anschreit. Spannend, aber es wird vermutlich nicht gut gehen.“

Wenn man so mag, lebt Jonas David das, wovon viele träumen, denn im Alter von 21 Jahren schmiss der Wuppertaler mit der wunderschönen, hohen Stimme auf halber Strecke zwischen Leslie Feist und der Transgender Anohni (Antony and the Johnsons, Hercules and Love Affair) und dem feinen Gespür für Melodien abseits des Gewöhnlichen seinen Alltagsjob und widmet sein Leben seither der Musik.

4260311432105Sein letztes, 2011 erschienenes Album „Keep The Times“ trug den Sänger, Multiinstrumentalisten und Produzenten  600 Konzerte weit. Und dann waren da ja noch all die Kollaborationen, vor allem die mit dem Musikerkollektiv Tour Of Tours (mit Tim Neuhaus, Town of Saints und Honig), die zu diversen umjubelten Tourneen und bislang zwei gemeinsamen Alben führte. Für seinen Kumpel Matthias Schweighöfer produzierte David einige Songs und steuerte 2014 sowie 2017 den Score zu dessen Filme „Vaterfreuden“ und „Vielmachglas“ bei, durch den im selben Jahr mit „Five Stones“ sogar eine EP mit einigen neuen Songs entstand. Nein, untätig war Jonas David seitdem keineswegs…

Und was heißt das überhaupt, „untätig sein“, wenn man die Vorstellung von der eigenen Musik schärft, wenn man sich den Stimmen im Kopf stellt und sich zu einem eigenen Sound und zu einem eigenen Ausdruck voran tastet? Für sein heute erscheinendes Album „Goliath“ (hier gibt’s ein Track-by-Track vom Künstler selbst) hat sich Jonas David wieder einmal Zeit gelassen, um dieses kleine, besondere Kopfkino-Wunderwerk im beschaulichen Sizilien zu produzieren und nach langer Tüftelei der Öffentlichkeit preisgegeben. So positioniert er sich unmittelbar in einer Reihe mit Ben Howard, José González oder Justin Vernon, mit denen Jonas David in der Tat etwas gemein hat: den unbedingten Willen, einen Klang für das Unbewusste zu finden. So klingt „Goliath“ in vielen Momenten wie das erste tiefe Durchatmen nach dem Sturm. Der Soundtrack für schlaflose Sommernächte und das verlockende Versprechen, dass der darauf folgende Herbst ein goldener wird…

 

 

Rock and Roll.

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