Song des Tages: Another Sky – „Fell In Love With The City“


Aonther-Sky

In dem deutschen Jugendmagazin „NEON“ gab es einmal eine Rubrik mit dem Titel „In was für einer Welt leben wir eigentlich“. Meist ging es darin um Begebenheiten oder Themen, die zu schaurig schienen, um wahr sein zu können. Heute gibt es sowohl die Rubrik als auch das Heft, dessen Print-Ausgabe vor zwei Jahren eingestellt wurde, nicht mehr, der Titel würde sich jedoch recht formidabel als erste passende Charakterisierung des Londoner Indie-meets-Post-Rock-Quartetts Another Sky eignen.

artwork-440x440Die Band um Sängerin Catrin Vincent spielt auf ihrem unlängst erschienenen Debütalbum „I Slept On The Floor“ mit einer Wucht, die vergleichbar ist mit dem, was einst das „NEON“-Magazin als Zeitgeschehen in Worte zu fassen versuchte. In der düstren Single „Avalanche“ sinniert Vincent etwa über Polizeigewalt, Rassismus, toxische Männlichkeit und Sexismus, wie sie sich an nahezu jeder Straßenecke ereignen (können), ohne dass etwas dagegen unternommen wird: „A man shot dead while the world slept / The killer free, the police said“. Dazu marschiert die Band aus Sängerin Catrin Vincent, Gitarrist Jack Gilbert, Bassistin Naomi Le Dune und Schlagzeuger Max Doohan mit elektrisierenden, nicht selten schreddernden Gitarren im Takt, Vincent skandiert im Refrain immer wieder: „When you hold them to account, they’ll spit you out“ – wenn du sie zur Rechenschaft ziehst, spucken sie dich aus.

Das Besondere ist jedoch nicht nur die Energie, mit der Another Sky, die während ihrer Studienzeit an der Goldsmiths University in London zusammen fanden, hier irgendwo zwischen Alt-J, Talk Talk, Foals oder Bon Iver auftreten, sondern vor allem Catrin Vincents wandelbar-besondere Stimme: zwischen tief, brechend und rau, zwischen schillernd und in hohen Tonlagen, zwischen sanft und aggressiv. Das britische Musikmagazin NME beschrieb ihren Gesang als etwas, das mit nichts vergleichbar sei, die VISIONS lässt dieser „an Nico genauso wie an Kate Bush oder Mark Hollis denken“. Laut einer Pressemitteilung nerve es die Sängerin, dass ihre androgyne Stimme stets ein Thema sei, denn einige Fans würden sich seit ihren ersten Auftritten im Jahr 2017 fragen, ob sich hinter dem tiefen Gesang tatsächlich eine Frau verberge. Was noch begünstigt wird durch die Tatsache, dass Another Sky bei Konzerten gern mit Licht und Schatten spielen und so aus der Ferne oft nur schemenhaft zu erkennen sind. „Die Leute gingen von unseren Konzerten nach Hause und fragten sich, ob der Sänger eine Frau oder ein Mann gewesen sei. Ich frage mich, warum das wichtig ist. Ich wollte, dass die Band ein Spiegel ist, der die Dunkelheit auf sich selbst zurück spiegelt. Und ich denke mich in dieser Dunkelheit wiedergefunden zu haben“, so Vincent (mit der man hier ein aktuelles Interview lesen kann).

„This album is about only understanding a place once you’ve left it…“ (Catrin Vincent)

Laut Gilbert soll der Debüt-Langspieler ein „Tagebuch“ sein, Vincent beschreibt sie als eine „Reise von der Jugend ins junge Erwachsenenalter“. In dem elektronisch unterfütterten Song „Life Was Coming In Through The Blinds“ etwa geht es um die Überblendung eines traumatischen Früher ins Heute, etwa wenn das Quartett darüber sinniert, dass man sich einmal ein Zuhause gewünscht habe, in dem es einem besser gehen möge als in der Schule. Das sich zu tänzelndem Hi-Hat-Beats und Gitarren zu einer wahren Wall of Sound aufbäumende „Brave Face“ erzählt vom Ende einer Leibe, das feine „Fell In Love With The City“ handelt ebenso von juvenilen Liebeskummer wie dem ersten intensiven Sich-verlieren in der Hektik der Großstadt: „I fell in love with the city / As I fell out of love with you“. In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn das nicht Jedem oder Jeder irgendwann so erginge?

Zwölf Lieder haben Catrin Vincent und ihre Bandmates zubereitet, die sich diesen Fragen und absolut zeitgeistigen Themen immer neu widmen – mal elektronisch und mit dezenten Vocoder-Effekten wie Imogen Heap, mal mit psychedelischen, mal post-punkigen Anstrichen, mal postrockig bis experimentell-verspielt, wie etwa Mogwai oder Arcade Fire. Und auch, wenn nicht jeder Moment memorabel erscheint, so überzeugen Another Sky mit ihrer rätselhaften Schönheit und ihrer beharrlichen Wucht.

 

 

„I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you

Stranger’s faces, holding their breath
I can see yours in all of theirs
In the windows, lives I don’t know
I feel like I’ve lived all of them

I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you

In all the world, home was you
Four walls and an empty room
In all the world, home is here
Out of your arms, home’s in me

I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you“

 

Rock and Roll.

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3 Gedanken zu „Song des Tages: Another Sky – „Fell In Love With The City“

  1. Stepnwolf sagt:

    Tatsächlich eine sehr außergewöhnliche Stimme. Aber sowas ist ja auch immer ein guter Wiedererkennungseffekt…

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