Sunday Listen: Frère – „Void“


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Nur mit seiner Gitarre und einer Handvoll Songs stand Alexander Körner unter dem Namen Frère jahrelang allein auf Bühnen, mal mit etwas mehr, mal auch mit deutlich weniger Publikum davor. Seine einfühlsamen Songs, die anstatt nach Depression und bedauerlichem Ruhrpott-Alltag irgendwo zwischen U-Bahn-Stationen und schalem Pils vielmehr nach Gelassenheit und unaufgeregter Vertrautheit klingen, werden mit einer dünnen Haut skandinavischer Kälte überzogen, die empfindsam erscheint und sich ohne größere Umschweife warm in die Hörerherzen einspielt. Was der junge Bochumer in den ersten drei Jahren – seit Erscheinen der 2014er EP „GHOST“ – im Alleingang fabrizierte, wurde spätestens beim 2017 veröffentlichten Debütalbum „Void“ zu einem Quartett aufgestockt. So bekommt der eigenbenannte Post-Folk durch seine Mitstreiter – Multi-Instrumentalist und Produzent Alessandro Marra, Jazz-Schlagzeuger Sebastian Grönheit sowie Gitarrist und Bassist Alan Kasab – noch mehr kreative Möglichkeiten, die die vier Musiker wie Brüder miteinander verbinden – Frère eben.

„’Void‘ vereint die Verspieltheit Efterklangs und den Postrock von This Will Destroy You mit der kompositorischen Finesse Bon Ivers.“

(Intro, Oktober 2017)

a0991223031_16Schon das Intro des Debüts mit seinen schmeichelnd-mystischen Synthesizer-Anklängen weist darauf hin, dass die nächsten Stücke nicht in Punkto Lautstärke überzeugen werden, sondern eine fragile Klangwelt langsam und dynamisch zum Blühen erwecken wollen, während die Schönheit des Moments in ausladende, clever umherwogende Arrangements gekleidet wird. Die Gitarre lenkt mit dem sanften Einsetzen der Elektronik und den taktbetonten Drums die Melodien in Richtung verträumten Indie-Pops wie dem Opener und Titelsong „Void“ oder fixiert den ausdrucksvollen Gesang der kleinen erzählerischen Geschichten, die oft sehnsüchtig bis melancholisch (mit sentimentalen Tränchen im Knopfloch) tönen. Die wortkarg betitelten acht Songs dazu, die in ihren besten, folkigsten Augenblicken an besinnliche Schwerenöter wie José González oder Ben Howard erinnern, spielen sich zumeist jenseits der ausladenden Fünf-Minuten-Marke ab und entführen Körners fordernde und doch einfühlsame Stimme in durchaus spannende, ungewöhnliche Gefilde. Das bereits erwähnte Titelstück etwa bemüht sich um Minimalismus mit dezent jazzigen Untertönen, und scheint trotzdem – und fast schon im Gegensatz dazu – immer noch eine Schippe bei Lautstärke und Eindringlichkeit zulegen zu können. Das kurze, jedoch intensive Noise-Finale ist die logische Konsequenz dieses Aufbaus, dem mit „Trains“ ein rein folkiger, herrlich unschuldiger Gegenpol zur Seite gestellt wird – ein auf seine reduzierte Art und Weise wunderschönes Stück Musik.

Wenn sich „Portugal“ weitestgehend ungestüm-laut und ins Weite blickend gibt und somit Einflüsse von Mogwai über Vega4 bis hin zu Caspian Sea Monster (ANEWFRIEND stellte die Chemnitzer Band vor ein paar Jahren vor) miteinander vermengt, ist das mindestens so unerwartet und doch urtypisch wie das düstere „Ghost“ oder das knappe, folkig-poppige „Child“ mit feinen Hall-Effekten und schüchterner Suche nach dem Sinn des Seins. „Book“ schlägt dem sprichwörtlichen Fass schließlich den Boden aus, lässt dabei erfreulicherweise – trotz stattlicher acht Minuten Spielzeit – kaum nennenswerte Längen entdecken und verneigt sich im grandiosen Finale sogar kurz vor Post-Rock-Kopfkinomeistern wie Godspeed You! Black Emperor oder Sigur Rós.

Auf gewisse, manchmal leicht unorthodoxe Weise bleibt „Void“ stets unberechenbar und geht vielleicht gerade deshalb so gut und traumhaft leicht ins Ohr. Der Hang zu ausladenden Arrangements bringt fast durchgehend kleine, charmante musikalische Perlen hervor – überraschende Wendungen, intime Folk-Momente sowie das ein oder andere kleine elektronische Experiment inklusive. Alexander Körner und seine Buddies von Frère zäumen das minimalistische Indie-Singer/Songwriter-Pferdchen von einer anderen, vergleichsweise weniger vertrauten Seite auf und fahren damit recht gut. Die Bochumer Band begeistert und bewegt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Zerbrechlichkeit und Stärke müssen sich eben nicht zwingend gegenseitig ausschließen. Und da ebenjenes Debütlangspielwerk von Frère auch schon wieder knapp drei Lenze auf dem Buckel hat, wird’s wohl höchste Zeit, dass deutlich mehr Freunde der oben genannten Bands und Künstler das ein oder andere Ohr riskieren…

 

 

 

 

 

Rock and Roll.

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