Song des Tages: Miss June – „Best Girl“


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Cartoons und knallige Farben verbindet man wohl unweigerlich mit dauerniedlichem Kinderprogramm, Neuseeland mit Hobbits, paradiesischen Landschaften und sonnigen Temperaturen. Und dann kommen Miss June mit ihrem Debütalbum ums Eck und stellen direkt mal zwei Stereotypen komplett auf den Kopf. Denn eins ist klar: Mit sommerlichem Spaßsound hat der kantige Punk-Entwurf der Newcomer-Band genau so wenig zu tun wie das bizarre Artwork von „Bad Luck Party“ mit Prinzessin Lillifee (viel eher könnte man vermuten, dass bei Alices letztem Trip ins Wunderland etwas mit dem psychedelischen Kuchenstück nicht stimmte).

miss-june-bad-luck-party-music-review-punk-rock-theoryBeschrieben wird das neuseeländische Quartett vielerorts als “Verbindung aus Sonic Youth und Le Tigre” und genau diese beiden, einerseits avantgardistisch rockenden, andererseits Riot Grrrl-ig poppenden Pole treffen den Soundrahmen der elf Songs, die ganz ähnlich zu Werke gehen wie Grammy-nominierten und 2018 mit dem renommierten „Mercury Prize“ ausgezeichneten britischen Indierocker Wolf Alice, wohl am ehesten auf den Kopf. Denn während der Opener “Twitch” oder “Orchid” mit klebrigen Hallschichten und Fuzz-Gitarren dem Grunge der Neunziger und den wilderen Saiten von Bands wie den Smashing Pumpkins, Hole, Garbage oder gar (den frühen) No Doubt huldigen, reißen viele andere Songs in nahezu klassischer Riot-Grrrl-Manier die Verstärker von den Wänden. Ob nun der Breitwand-Rock und die doppelten Gesangsspuren von “Best Girl”, der rumpelnde Garage von “Enemies” oder das sich vor Schnelligkeit überschlagende “Aquarium” – man mag sich gar nicht vorstellen, was für derbe Energien der Vierer aus Auckland bei Liveshows auszulösen vermag…

Neben dem beeindruckend wandelbaren Klangvolumen von Frontfrau Annabel Liddell überholt vor allem das erfrischend unbedarfte Songwriting einen guten Teil der Genre-Kolleg*innen mit links. Liddell und ihre Mitstreiter Jun Park (Gitarre), Chris Marshall (Bass) und Tom Leggett (Schlagzeug) beherrschen schließlich sowohl knackig-wütende Raser wie “Two Hits” als auch düstere Grower wie “Anomaly”, Shoegazer wie „Orchid“ oder zarte Intros (“Double Negative”), ohne dabei jemals gezwungen zu wirken. Und anstelle wie so viele andere Acts den Spannungsbogen in den letzten Songs schleifen zu lassen, setzen die vier Kiwis das heimliche Highlight “Polio” auch noch ans Ende: Vor finsterem Wummern behauptet sich Liddell mit gezischten Ansagen tapfer, um anschließend gar in einem fiesen Instrumentalsturm kreischend unterzugehen.

Und auch sonst haben Miss June zwischen feministischem Fäusterecken und juvenilem Aufbegehren den ein oder anderen überraschenden wie originellen Inhalt am Start: In „Twitch“ etwa besingt die studierte Medizinerin Annabel Liddell beispielsweise ihre erste echte Operation, auf die sie sich auch nach Sezierkursen an Toten unvorbereitet fühlte, als die Anästhesie versagte: „I’m not used to you being alive / Twitch on the bed“. Da möchte man weder in der einen noch in der anderen Haut stecken, aber wie immer im Punk gilt natürlich, dass eh alle Menschen irgendeinen Schaden haben und sich Geschichten durchaus übertragen lassen. Liddell macht den Gedankensprung direkt mal vor, wenn sie in der nächsten Strophe singt: „I used to throw my time into boys who didn’t care / Ones who thought they’re in love“. Well… das gilt ja nun wirklich universell, oder?

Zwar keineswegs frei von Stereotypen oder mal mehr, mal weniger offensichtlichen Vorbildern destillieren Miss June mit ihrem gut halbstündigen Erstling „Bad Luck Party“ einen hochenergetischen, frisch zurecht geschüttelten Mix aus Post Punk, No Wave und Indie Rock, der mit melodischen Hooks und verzerrten Langäxten ebenso kurzweilig wie grandios zu Kopfe steigt. This girl’s got rockin‘ balls.

 

 

„I wanna be your best girl
I wanna be the one that takes down the world
One spot in a lineup of six and there’s a view from the top that they tell me exists

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world
Antevert my uterus and birth you all
Anarchy can only be about a girl
Anarchy can only be about a…

It’s a bad luck party and nobody wins but me…

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world
I heard a rumour that it’s a boy’s world
I Heard about, I heard about that girl
Did you hear about her?
I heard she’s the best – well, that could be me, you know

It’s a bad luck party and nobody wins but me…

Did you hear about her?
Did you hear about her?
I heard she’s the best – I heard

That’s just bad luck
That’s just bad luck
That’s just bad luck, baby
It’s just bad luck, that’s just bad luck, it’s a bad luck party“

 

Rock and Roll.

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