Das Album der Woche


Faber – Sei ein Faber im Wind (2017)

71aztMRRAHL._SL1200_-erschienen bei Vertigo/Capitol/Universal-

Wikipedia ist mal wieder schlauer: „Der Begriff Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.“

Nun ist freilich nicht bekannt, wie weit ein gewisser Julian Pollina ins Philosophische vorgedrungen sein mag. Vielmehr bleibt zu vermuten, dass sich der Schweizer Musiker, seines Zeichens Jahrgang 1993, seinen Kunst- und Künstlernamen Faber dem 1957 erschienenen Erfolgsroman „Homo faber“ seines Landsmanns Max Frisch entliehen hat. Denn die Parallelen, welche zwischen ebenjenem Buch und den Stücken des noch jungen Liedermachers bestehen, können kaum zufällig sein. Max Frisch erzählt in „Homo faber“ von Walter Faber, einem weltgewandten Ingenieur mit streng rationaler, technisch orientierter Weltanschauung, in dessen geordnetes Leben der Zufall und die verdrängte Vergangenheit einbrechen. Eine (unwissentliche) inzestuöse Liebesbeziehung mit tragischem Ende, todkranke Einsichten über Verfehlungen und Versäumnisse – die ganz große philosophische Tragikkeule. Worin die Parallelen zur Lyrik Pollinas liegen? Mehr dazu später…

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Denn vor allem brauchte der 24-Jährige wohl ein Pseudonym, um nicht ständig als „der Sohn von“ Pippo Pollina, einem in der Schweiz (und im italienischen Sprachraum) bekannten Musiker, den man in Deutschland wohl am ehesten über eine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte, verglichen zu werden. Und solange diese erschaffene Kunstfigur Faber die Authentizität nicht durch Gekünsteltes und Künstlichkeit erstickt, sollte das nur recht und billig sein.

Den Entschluss, sich fortan als alter ego aus Max Frischs wegweisendem Gesellschaftsroman durchs Musikgeschäft und über Konzertbühnen zu bewegen, fasste Julian „Faber“ Pollina irgendwann im Jahr 2013. Also scharrte der Züricher Liedermacher, dem in einer derart musikalischen Familie beinahe keine andere Wahl blieb, ein paar befreundete Musiker um sich, schrieb erste eigene Stücke, fasste sich irgendwann ein Herz und spielte diese seiner Landsfrau Sophie Hunger vor, welche das junge Talent kurze Zeit später als Vorgruppe mit auf Tournee nahm (die Schweiz erscheint klein genug, sodass man sich irgendwann einfach zwangsläufig über den Weg laufen muss). Wiederum zwei EPs später („Alles Gute“ 2015, „Abstinenz“ 2016), mit deren Songs sich der Musiker weitere Aufmerksamkeit – auch über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinaus – erspielte, erschien nun im Juli sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“. Und das hat es in sich.

Warum?

Nun, spannen wir doch einfach einen lyrischen Bogen…

So heißt es – wenn auch noch ein wenig holprig getextet – im tollen „Tausenfrankenlang“, dem vierten Stück der damals noch via Crowdfunding finanzierten 2015er Debüt-EP „Alles Gute“:

„Ich habe dich geliebt / Tausend Franken lang / Und wenn du neben mir liegst / Sehe ich dich an / Dann schwebe ich davon / Tausend Meter hoch / Mir wird warm / Jetzt bin ich arm / Ich halt dich fest…“

Zwei Jahre später, im abschließenden Titelsong des Debütwerks „Sei ein Faber im Wind“, wiederum singt Faber folgende Zeilen:

„Einer von uns beiden hat gelogen / Und das war ich / Ich habe dir gesagt / Es sei egal, ich komme klar auch ohne dich / Und du hast es nicht geglaubt, hast laut gelacht / Und hast gesagt: ‚Mal schauen‘ / Und bist einfach abgehauen / Und jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“

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Ja, Fabers Texte sind engmaschig durchzogen von einer nicht eben optimistischen Lebensweise. Meist haut er dem Hörer Sätze um die Ohren, die dieser – in ihrem durchlebten Fatalismus, behaftet mit lakonischer Resignation – vielleicht von jemandem erwartet hätte, der gerade das halbe Jahrhundert voll gemacht hat, kaum jedoch von einem Mittzwanziger. Und: Faber liebt es deftig. So heißt es etwa in „Bratislava“:

„Die Fischertöchter angeln sich nun Männer / Zeigen Bein und Brust, wenn’s denn sein muss / Für etwas Geld tut man alles in der Welt / Es sind dieselben, die bei uns Schlange stehen / Auf den Straßen, um dir schnell einen zu blasen / Oder sich ficken lassen in deinem Wagen…“

Jedoch ist dieser Gossenjargon bei dem Schweizer Musiker – und da besteht der größte Unterschied zu Bands wie Kraftklub, die ihre Ex-Freundin unlängst auch medienwirksam als „Hure“ in einem Song verewigten – nie pures Mittel, um 15 Minuten Aufmerksamkeit abzugreifen. Pollinas Skizze ebenjenes Fabers sieht einfach schmutzige, direkte Worte wie diese vor. Anderswo, im großartigen „Wer nicht schwimmen kann der taucht“ (allein der Titel – großartig!), singt er:

„Ich bin bestimmt kein Rassist / Und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl, am Swimming Pool, am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann, der taucht / Wer nicht schwimmen kann, der taucht…“

Trotz – oder gerade wegen – bitterer Zeilen wie dieser, welche im Satz „Wenn es mir schlecht geht, seh’ ich gern, dass es euch schlechter geht“ kulminiert, wird man 2017 kein treffenderes Stück Musik über Europas Haltung zur Flüchtlingspolitik finden – dass diese ausgerechnet von einem jungen Schweizer stammen, ist durchaus bezeichnend. Insgesamt trifft Fabers vor einigen Jahren selbst getroffene Beschreibung ganz gut: „Ich schreibe (wahn)witzige, traurige und ernste deutsche Texte über bedingungslose Liebe, Identität, Moral, kleinkriminelle Idole und alles was einen sonst so beschäftigt. Am liebsten würde ich wie Jacques Brel klingen. Ich klinge leider anders.“

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Doch wären all die tollen Texte freilich kaum etwas wert ohne die dementsprechende musikalische Begleitung. Und auch da setzt Julian Pollina, dieser süße, meist verlegen drein blickende Wuschelkopf, dem eine ganz ähnliche, scheinbar von – gefühlt – tausend Whiskey-und-Kippen-Nächten gegerbte Stimmfarbe wie AnnenMayKantereit-Kopf Henning May geschenkt wurde (auch wenn dessen Texte bisher nicht über die vier Wände der Studentenbude hinaus zu blicken wagen), die Messlatte hoch an. Gemeinsam mit seiner über die Jahre zusammen gestellten Begleitband entwerfen die dreizehn Songs von „Sei ein Faber im Wind“ einen musikalischen Road Trip durch Europa. Da gibt es Stücke, die Zach Condons Weltmusiker von Beirut kaum besser zu Gesicht gestanden hätten (die Trompete in der einminütigen „Ouverture“!). Da kommen einem die großen deutschsprachigen Liedermacher von Hannes Wader bis Reinhard Mey in den Sinn, genauso wie die ewigen französischen Chanson-Schwerenöter von Jaques Brel bis Leonard Cohen (näher an diesem als mit dem feinen „J’ai toujours rêvé d’être un gangster“ von der „Alles Gute“ EP kann man dem Kanadier in deutscher Sprache ohnehin nicht kommen). Wer bei Stücken wie „Nichts“ nicht mindestens mit einem Fuß wippt, der dürfte klinisch tot sein. Anderswo, bei „In Paris brennen Autos“, klingt der Tango an, während ein Song wie „Lass mich nicht los“ neue Maßstäbe in Punkto französisch-fatalistischer Schwermut setzt. Insgesamt brennen Faber und seine Band, deren Äußeres einen an eine lässige europäische Festland-Version der frühen Mumford & Sons denken lässt, eine reichhaltige Melange aus Folk, Balkan-Humpta, Jazz und Weltmusik ab, während der 24-jährige Frontmann in seinen Texten tief in kaputte männliche Egos abtaucht, dorthin wo sexueller wie gesellschaftlicher Frust, (National)Stolz und latente Aggression ein tristes Schattendasein fristen. Dort, wo auch der schönste Smartphoneschein nicht die eigene existenzielle Leere überstrahlen kann. Europäische First World Problems im 21. Jahrhundert, gebannt auf der besten deutschsprachigen Platte des Jahres. „Sei ein Faber im Wind“ ist mal leichte, mal fordernde Musik, jedoch zu jeder Minute große Kunst, durch und durch.

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Wer sich beim Hören des Debütalbums (zur Lektüre danach sei euch auch dieser „Musikexpress“-Artikel über Faber empfohlen) nicht allein auf die Musik beschränken mag, für den haben Faber zu nahezu jedem Albumstück ein oft ungewöhnliches, jedoch in jedem Fall ansehnliches Musikvideo gebastelt. Hier gibt’s die YouTube-Playlist:

 

Dass Faber durchaus Sinn für Humor und Ironie hat, beweist, dass er das Persiflage-Video von Luksan Wunder via Facebook mit „größte Ehre“ kommentierte:

 

Auch interessant: Fabers Auftritt bei Inas Nacht“, bei welchem er „Alles Gute“ zum Besten gab…

 

…sowie das „Blind Date“ mit „Musikexpress“-Redakteur Fabian Soethof, bei dem dem Schweizer Newcomer Einiges an (ihm meist hinlänglich bekannter) Musik vorgespielt wurde:

 

Rock and Roll.

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