Song des Tages: Judith Holofernes – „Der Krieg ist vorbei“


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Aber sicher, an Judith Holofernes streiten sich die Geister wie bei kaum einer anderen deutschen Künstlerin!

Und das war schon immer so. Als die heute 40-Jährige gemeinsam mit ihrer seit nunmehr fünf Jahren auf Eis liegenden Band Wir sind Helden anno 2003 mit dem Debüt „Die Reklamation“ und Songs wie „Guten Tag“, „Aurélie“ oder „Denkmal“ die deutsche Poplandschaft durcheinander wirbelte, wurde sie von vielen gefeiert, jedoch von kaum weniger Nörglern als neunmalkluge Nervensäge abgestempelt. Die notorisch kritischen Kritiker hatten bei Holofernes und ihren drei männlichen „Helden“ Jean-Michel Tourette (sic!), Mark Tavassol und Pola Roy (mit dem sie mittlerweile verheiratet ist) auch leichtes Spiel, schließlich boten die vier-Helden-Alben genügend Angriffsfläche um Judith Holofernes wahlweise als hippie’eske Öko-Triene, lyrische Blümchensex-Spießbürgerin oder als verkrampfter weiblich-bundesdeutscher Pendant-Versuch zu Bob Dylan abzustempeln. (Wem mehr Bezeichnungen einfallen – gern her damit!) Fakt ist jedoch auch, dass die mal aufrüttelnden, mal melancholischen Stücke der Helden bis 2012 ein breitgefächertes Publikum zusammen brachte, das auch heute noch seinesgleichen suchen dürfte: Teenager kurz vorm oder kurz nach ihrem Abitur, unbelehrbare Antifa-Altpunks, ewige Studenten (und deren Dozenten!), gestandene Familienväter und -mütter, piefig-spießige Jack-Wolfskin-Jacken-Träger, die das Logo ihrer ach-so-indie-Lieblingsband stets über der Schulter gehaltenen Leinenbeutel in die Welt hinaus schreien, Metal-Kutten-Träger – alle kamen sie, alle sprangen sie, alle lagen sie sich selig schluchzend in den Armen… (Okay, leicht idealisiert vielleicht – aber Bilder wie diese konnte man schon auf Konzerten der Helden beobachten.)

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Dass Judith Holofernes es ab 2014, als ihr Debüt „Ein leichtes Schwert“ erschien, auch solo versuchen würde, war nach dem potentiellen Ende der Helden zwei Jahre zuvor abzusehen.  Die Stücke selbst jedoch enttäuschten, war der Mix aus Pop gewordenem Blues, Weird-Folk und Schlock-Rock, um den Holofernes ihre zu oft zu gewollt auf Wortwitz und Klamauk getrimmte Lyrik sponn, doch vor allem eines: anstrengend. (Und das sage ich als großer Freund der meisten Helden-Songs!) Klar hatte die gebürtige Berliner Göre viel zu verarbeiten: das vorläufige Ende ihrer Band, das erste Kind, der damit verbundene nicht allzu stressfreie Alltag. Nur hatten die bratzig-rotzigen Stücke, die daraus resultierten, zu viel Überhöhung in Verbindung mit der durchaus kieksigen Stimme Holofernes (noch so ein Streitpunkt), ohne dass irgendetwas groß hängen blieb. Gerade im Vergleich mit dem tollen, 2010 veröffentlichten letzten Helden-Album „Bring mich nach Hause“ konnte die passionierte Tiergedichteschreiberin damit fast nur baden gehen… Shit happens.

Umso schöner ist, dass Judith Holofernes‘ im März erschienenes zweites Solo-Werk „Ich bin das Chaos“ eine Rückkehr zu alter (Helden-)Form darstellt und all das, was man schon zu Bandzeiten so toll, so anders, so mitreißend fand, wieder an Bord hat: die nach vorn polternden Poprocksongs, die wehmütig-schlauen Balladen. So ist das Titelstück ein ungezwungener Mitwipper, rennt „Charlotte Atlas“ dem flotten „Aurélie“ hinterher, pochen bei „Das Ende“ die Anfangstage á la „Die Reklamation“ an die WG-Tür, während der Saloon-Pop von „Unverschämtes Glück“ auch auf dem zweiten Helden-Album „Von hier an blind“ gut aufgehoben gewesen wäre.

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Alles nett bis prima, in den Schatten gestellt werden die anderen neuen Stücke, bei deren Entstehung Holofernes Hilfe vom färöischen Singer/Songwriter Teitur Lassen bekam, jedoch von zwei klassischen Balladen, über deren Güteklasse man – mal wieder – nur staunen mag. So ist „Der letzte Optimist“ ein unterschwellig depressives Lied aus einer bemerkenswert desolaten Perspektive: Jemand, der immer an das Gute glaubt, liegt am Boden, die Lage ist dermaßen aussichtslos, dass die Polizei nicht einmal einen Grund zur Verhaftung sieht. Judith Holofernes singt erst so tief wie nie, dann kiekst sie – und es klingt wie das letzte Stückchen Würde, das sich schließlich in genau den Satellitenschrott auflöst, der im Himmel die Idee des Lieben Gottes (oder vonwemauchimmer) verdrängt. Wunderschön traurig? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – bei Holofernes‘ lyrischem Gespür oft innerhalb von ein, zwei Minuten möglich.

Und es geht noch besser: „Der Krieg ist vorbei“ taucht ohne Vorwarnung in einer Reihe mit Elvis Costellos „Shipbuilding“ und „Peace In Our Time“ oder Billy Braggs „Rumours Of War“ auf. Songs über den Krieg sind auch im Jahr 2017 schwierig – zu offensichtlich ist der Schrecken, zu feige die Perspektive, wenn man sie aus einem Land heraus schreibt, das zwar weder die Schrecken noch die „Altlasten“ ganz vergessen hat, in dem andererseits aber die letzte Bombe vor 72 Jahren vom Himmel fiel. Judith Holofernes wählt als Ausgangspunkt jedoch den Moment, an dem der Krieg vorbei ist. Aus dem Radio tönt ein „Hallelujah“, der Frieden ist da, aber natürlich hat der Krieg etwas angerichtet: „Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater / In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater / Ein Einkaufszentrum in jedem Krater / Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘ / Auch wenn die Asche noch glüht.“ Am Ende, nachdem sich das Stück vom stillen Mahnmahl, welches auch sinnbildlich für das Ende einer Beziehung stehen könnte, höher und höher in klangliche Sphären geschraubt hat, bleibt Judith Holofernes ein letztes Seufzen: „Der Krieg ist vorbei – zwei, drei, vier, was machst du noch hier?“ Gänsehaut. Weltklasse. Judith Holofernes mag die kritischen Geister zum Streiten bewegen, bleibt jedoch unbestritten eine der besten deutschen Songschreiberinnen.

 

In Ermangelung eines Direkt-Links zur Album-Version des großen „Der Krieg ist vorbei“ gibt es den Song in der reduzierten „mdr KULTUR Studiosession„-Variante (was an diesem Tag mit Holofernes‘ Stimme los gewesen sein mag, weiß die Dame wohl nur selbst)…

 

…sowie als YouTube-Live-Mitschnitt vom diesjährigen Konzert im Kölner Gloria Theater:

 

„Sie setzen Geranien vor vernagelte Scheiben
Das mit den Fenstern wird wohl erstmal so bleiben
Man muss ja nicht seh’n, was die Ander’n so treiben
Ein paar von den Leuten, die hier wohnen seit Jahr’n
Sind nicht so, wie sie mal war’n

Sie trinken Tee aus zerbrochenen Tassen
Man muss manchmal einfach laufen lassen
Und nur wie für die, die an den Wänden verblassen
Sagen sie: ‚Schaut, vor dem Haus wird wieder gefegt!‘
Bevor der Staub sich noch legt

Sie bau’n neue Türen in ihre wandlosen Zimmer
‚Immer nur jammern würde alles verschlimmern‘
Sagt die Frau aus dem Dritten, und sucht in den Trümmern
Nach einem Radio für ihren Balkon
Sie sagt, sie mag diesen Song

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei

Und ich weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Jedes Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?‘

Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater
In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater
Ein Einkaufszentrum in jedem Krater
Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘
Auch wenn die Asche noch glüht

Ein räudiger Bär tanzt in rasselnden Ketten
Er führt die Parade derer, die noch zu retten sind
Sie tragen die ander’n in ihren Betten
Und der mit dem Megafon sagt: Alles muss raus
Und malt ein Kreuz an mein Haus

Und der im Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei.‘

Er sagt: ‚Komm, lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand, meine Hand…‘

Weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?“

 

Rock and Roll.

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