Das Album der Woche


61gLcxNXArL._SS500Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry (2017)

-erschienen bei Sinnbus/Rough Trade-

Schweden hat Abba, Finnland hat HIM, Dänemark hat Volbeat, Norwegen hat a-ha. Ist halt so. Und obwohl manch eine dieser Gruppen bereits seit Jahren Geschichte ist (Abba), sich gerade erst – der schnöde Mammon wird’s wohl möglich gemacht haben – für lukrative Konzert- und Plattendeals wieder zusammengefunden hat (a-ha) oder just bekannt gab, fortan das Zeitliche segnen zu wollen (HIM), verbindet mutmaßlich jeder popkulturell Geprägte zunächst einmal diese Bands mit den Ländern Skandinaviens.

Doch mal speziell zu Norwegen: Was hat das „Land der Fjorde“, das „Land der Trolle“, das „Land der Mitternachtssonne“, das „Land der Wikinger“ (das zumindest meint Google) denn noch zu bieten? Ja klar, weite, nordisch temperierte Landschaften, die ideal fürs Runterkommen fern des hektischen Großstadtdschungels oder für Angelurlaube sind, teuren Alkohol, eine gesunde Wettstreitsrivalität zum Rest Skandinaviens sowie faire und nicht selten recht lockere Arbeitsbedingungen – plus ein hervorragender, weit verbreiteter Gedanke namens „Janteloven“, entwickelt 1933 vom dänisch-norwegischen Autor Aksel Sandemoseder, der einen Verhaltenskodex über den Umgang der Norweger untereinander beschreibt. Es ist nicht erwünscht, sich für besser oder klüger zu halten als andere. Wer sich gerne in den Mittelpunkt stellt, wird schnell als Angeber verpönt. Könnten wir Festlandeuropäer uns mal ’ne Scheibe von abschneiden…

Und bei all den Künstlern und Bands, die sich da – eventuell ja im Norwegerpulli – in den letzten Jahren über die Landesgrenzen hinaus aufgemacht haben, die Welt zu erobern – von Leisetretern wie Kings Of Convenience über versierte Rocker wie Motorpsycho oder Madrugada bis hin zu Hardcore-Metal-Punk-Schreihälsen wie Kvelertak -, zeigt sich doch wieder, dass der Norweger Vielseitigkeit kann, denn die Musikszene in wie außerhalb Oslos hatte und hat freilich schon immer mehr zu bieten als a-ha, Ace of Base oder Aqua.

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Spätestens 2012, als sein Debütalbum „Chiaroscuro“ mit einjähriger Verspätung auch außerhalb der norwegischen Heimat erschien, erntete auch ein junger Mann namens Einar Stray allerlei möglichen Vorschusslorbeeren – und das völlig zu recht. Denn schon Strays Debüt war (und ist) ein Album voll mit aufwühlendem Indiepop, der mit der eigentlichen Einfachheit von Pop (oder zumindest von dem, was man so aus dem Formatradio kennt) so gar nicht zu vereinbaren war. Es enthielt orchestral instrumentierte Hymnen, komplexe Stücke, die mit Klassik, Folk und Postrock spielten und dabei so umarmend wie düster daher schlichen. „Chiaroscuro“ war (und ist) ein Album, so weit weg wie nur irgendwie möglich vom schnöden Indiepop – mit Klavier, Cello, Geige und Gesang als herausragende Elemente, entworfenen von ebenjenem Einar Stray, einem zierlich-dünnen Männlein Anfang zwanzig. Man höre nur den zehnminütigen, instrumentalen Schlusstrack „Teppet Faller“ – wer da nicht geplättet und zu Tränen gerührt die Arme gen Firmament reißt, dem seien an dieser Stelle Herz, Seele und musikalischer Sachverstand abgesprochen. Ernsthaft.

Danach folgte eine Umstrukturierung im aktuell fünfköpfigen Bandgefüge, die Songs des 2014 veröffentlichten Nachfolgers „Politricks“ wurden aggressiver, lauter, tobender, elektrisch verstärkte Gitarren und Feedback-Wände hielten mehr und mehr Einzug. „Politricks“ steckte, wenn auch noch mit einem Auge auf den Pop schielend, voll bitterer Bissigkeit, die sich im Ohr des Hörers gern bewusst quer legte, und wies den orchestralen Schönklang des Vorgängers nicht selten vehement zurück. Obendrauf gab es beim Bandnamen von nun an den Zusatz „Orchestra“.

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Dear Bigotry“ ist nun das dritte Album der Norweger um Einar Stray. Laut und wütend, ruhig und nachdenklich vereint es beide Seiten von „Chiaroscuro“ und „Politricks“ – und ist doch experimentierfreudiger als beide Alben zuvor. 2017 treffen bei dem norwegischen Bandleader, Jahrgang 1990, und seinen vier Bandmates Postrock auf klassische Klavier-Melodien und (beinahe) straighten Indiepop – nicht selten im selben Song. In „Glossolalia“ etwa versuchen sich Band und Soundeinspieler (eine Rede! eine Rede!) gegenseitig zu übertönen. Was versöhnlich beginnt, endet nicht selten in ausufernden Soundeskapaden.

Auch das Titelstück besitzt bereits in der Strophe eine gewisse unruhige Energie, man würde typischerweise eine Steigerung mit anschließender Entladung im Refrain erwarten, doch der verlagert nur das musikalische Gewicht auf den anderen Fuß, sodass hohle Bombastergüsse ausbleiben. Wenn das Schlagzeug dann doch losbollert, verhallt Vieles gewollt im luftleeren Raum, die dunkle wagnerianische Zuspitzung zum Schluss wirkt mit seinem stampfenden Klavier und sägendem Rhythmus wie eine ironische Überhöhung der Dramaturgie.

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Auch der Auftakt „Last Lie“ weist bereits zu Beginn einen gewissen Drive auf, Strays Gesang kühlt das unternehmungslustige Piano ein wenig runter, auch hier erwächst eine Erwartung des nahenden Ausbruchs, doch der Refrain gerät nicht zum himmelstürmenden Triumphzug, wirkt trotz der seidigen Hymnik nachdenklich: „I´m tired of the tiredness“. Dazu mischt die Band wunderschöne rhythmische Versätze, die besonders in der Songmitte für neue Farbgebung sorgen.

Auf dem Sprung ist direkt von Beginn an das tolle „As Far As I´m Concerned“, dass niemals so wirklich still hält und dem mächtige Gitarren und ein jubilierendes Keyboard in die Parade fahren, während das Auf- und Abschwellen der rhythmischen Frequenz dabei ein geradezu elastisches Klangkleid webt. In diesem Stück gibt es übrigens auch den einzigen lehrbuchmäßigen Bombastmoment (of Postrock fame): zwischen weit ausholendem Schlagzeugstakkato laufen delirierende Flöten und energische Streicher um ihr Leben, es kracht, die Balken brechen, der Himmel stürzt ein.

Klar, das Einar Stray Orchestra operiert zwar gerne und oft am oberen Ende der mit Pathos aufgeladenen Emotionsskala, ist aber schlau genug, Ruheinseln einzubauen. „Seen You Sin“ ist ein an- und abschwellender Strudel aus Klavier und Streichern, die dem Gesang von Einar Stray oftmals den sicheren Boden zu entziehen scheinen. Dass an solchen Stellen nicht zwangsläufig noch ein Knalleffekt eingeschoben werden muss, zeugt von der kompositorischen Weitsicht der Norweger. Der Musik gewordenen Verschnaufpause innerhalb all dieser Opulenz, dem schönen „20.000 Nights“, wird ebenso der Ausbruch verweigert. Der männlich-weibliche Duettgesang wirkt wie in einer staubigen Box eingeschlossen, draußen ist die bunte Welt, doch der Schlüssel bleibt unauffindbar, der Refrain zieht dann auch nur um ein Weniges die Intensität an, man bleibt unter sich: „And when the television hostess is put to ground / I’ll be on television singing on her song / With tears of joy cause, how I’ll love to announce / She was my savior and my youth, sometimes my doubts…“

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In den Songs von „Dear Bigotry“ verhandeln Einar Stray Orchestra die großen Themen rund um Politik, Religion und das harte Los der Liebe in modernen Zeiten, das Zaudern des Individuums mit der Gesellschaft, unsere Doppelmoral und innere wie äußerliche Zerrissenheit – die liebe Bigotterie. All das sind freilich nur allzu offensichtliche Themen für eine Bande weltoffener Mittzwanziger (man denke an den Ausspruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“, welcher mal dem französischen Politiker Georges Clemenceau, mal dem britischen Staatsmann Winston Churchill zugeschrieben wird), und sie sind selbst – und gerade – für das Einar Stray Orchestra keineswegs Neuland. 2012 etwa veröffentlichten die Norweger mit dem gespenstischen A-Capella-Stück „For The Country“ ihre ganz eigene Version eines Anti-Kriegs-Liedes, welches mit Zeilen wie „Good bye, my love, good bye / I will never see you again / The terrorist will hunt me down / The terrorist will kill your man / See you in heaven, my love“ auch einen unmissverständlichen Kommentar auf das darstellte, was sich nur ein Jahr zuvor auf der Insel Utøya, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Oslo entfernt, ereignete, als der irre Rechtsextremist Anders Behring Breivik innerhalb weniger Minuten ein Blutbad anrichte, bei dem insgesamt 77 Menschen, überwiegend Teilnehmer an einem Zeltlager der Jugendorganisation „AUF“ der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, ums Leben kamen (die Inspiration für „For The Country“ schreibt Einar Stray übrigens den kanadischen Postrock-Koryphäen A Silver Mt. Zion und deren Song „American Motor Over Smoldered Field“ zu). Doch obwohl das Einar Stray Orchestra spätestens mit dem seinen Zeigefinger bereits im Titel tragenden „Politricks“ als durchaus um Zeitgeist-Kritik bemühte Band bekannt sein dürfte, fügt das Quintett der eigenen Sozialkritik mit Album Nummer drei noch einige wichtige Nuancen hinzu. So singt Stray etwa im großartigen „As Far As I’m Concerned“: „Meeting people is easy / From a bar to a bed / But I can’t meet my own eyes / In the bathroom mirror of a stranger in the morning / Pixelating the girls of that dawn / Their flesh and bones in data codes / I thought I saw their souls, I saw their holes / The anthem of a hypocrite / Is shaking the arena seats / I wanna be the opposite / To prove you that I’m all the same“. Oder in „Penny For Your Thoughts“: „We got everything / But there’s something missing / We got everything we dreamed of except for dreams / We’re everything they ever wanted us to be“. Viel schöner als mit Zeilen wie diesen konnte auch einer wie Thom Yorke seine gesellschaftlichen Kommentare nicht ins Mikrofon greinen.

Dass all das nicht nach hinten los geht, liegt vor allem daran, dass die Kompositionen nicht hinter dem (nicht eben tief gestapelten) inhaltlichen Anspruch hinterherhinken, sondern eine konsequente klangliche Umsetzung finden. Vielleicht sollte man bei Einar Stray ohnehin besser von Kompositionen als von Songs reden. Die bis ins letzte Detail ausgestalteten Klanglandschaften tragen einen in eine fantastische Welt. Und so irgendwie auch weg von den besungenen Problemen, hinein in die eigene Gefühlswelt. Die Songs branden auf und fallen wieder in sich zusammen, wie das Meer an einer schroffen norwegischen Küste.

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Die Krux ist, dass einer der größten Trümpfe des Einar Stray Orchestra gleichzeitig das, wenn man so will, größte Manko von „Dear Bigotry“, das von Team-Me-Frontmann Marius Hagen produziert wurde, darstellt: Jede Ecke dieser Stück ist ausgemalt in schillernden Tönen, kein Winkel wurde vergessen. Wer es sich einrichten will in diesen Kompositionen, muss sich erst einmal durch all die Schichten wühlen, denn die Songs schwirren einem nur so um die Ohren, so dass man zunächst nicht weiß wo man zuerst hinhören soll. Doch bald erkennt man eine wohlsortierte Ordnung und hinter all den Chören, Streicherflächen und perlenden Klaviermelodien kommen wunderbar schillernde Popsongs zum Vorschein. Zusammengehalten werden die Songs vor allem durch Einars tiefe, beruhigend warme Stimme, die selbst dann nicht die Ruhe verliert, wenn außen herum alles anfängt in die Luft zu fliegen. Das erinnert manchmal vorsichtig an das Ergebnis, welches man wohl bekommen würde, würde man Künstler und Bands wie Yann Tiersen, Sufjan Stevens, Patrick Wolf und Sigur Rós zusammen in eine – zugegebenermaßen dann recht große – Holzkiste sperren und erst wieder herauslassen, wenn ebenjenes Team auf Zeit ihre Version eines Arcade-Fire-Coveralbums durch einen Bodenschlitz nach außen reicht. Klingt anstrengend? Ist’s auch, irgendwie, denn dieses Album fordert schon mehr als ein halbes Ohr im Hintergrund. Und wenn am Ende des letzten Stücks „Synthesis“ die zuvor noch jubilierenden Bläser verstummt sind, wenn nichts mehr zu hören ist, keine epischen Melodien mehr, keine irisierenden Klangflächen, keine euphorischen Chöre, keine diffizilen Rhythmen mehr und nur noch weißes Rauschen, dann ist auch der Zuhörer ein wenig müde. Im besten Fall jedoch auch: verzückt.

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Via Bandcamp kann man sich „Dear Bigotry“ in Gänze anhören…

(alle Texte findet man hier…)
 
 

…und hier die Musikvideos zu „As Far As I’m Concerned“…

 

…und „Penny For Your Thoughts“…

 

…sowie zweiteren Song auch als Live-Session-Version anschauen:

  

Rock and Roll.

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