Song des Tages: Nicolas Sturm – „Im Land der Frühaufsteher“


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Vor vier Jahren, als Nicolas Sturms selbstbetiteltes Debütalbum erschien, stellte etwa der deutsche „Rolling Stone“ Vergleiche mit Gisbert zu Knyphausen auf. Und ohne dem gebürtigen Stuttgarter und aktuellen Wahl-Freiburger, Jahrgang 1982, zu nahe zu treten: das mochte schmeichelhaft gemeint sein, greift allerdings viel, viel zu hoch. Obwohl’s schon schön nahe lag: deutscher Liedermacher mit Akustischer, welcher sich ab und an von (s)einer Band begleiten lässt und nicht selten melancholische Befindlichkeits- und Alltagslyrik liefert – da muss man ja Knyphausen ins Feld führen! Ob die nett gemeinten Lorbeeren Sturm am Ende eher genützt oder ihn behindert haben? Man weiß es nicht…

Mit seinem morgen erscheinenden zweiten Album „Angst Angst Overkill“ hat Nicolas Sturm selbst einen deutlichen Richtungswechsel eingeschlagen, hat beinahe alle Liedermacher-Trademarks über Bord geworfen, sich vom minimal angelegten Garagen-Sound seines Debüts verabschiedet und seine Liebe für den britischen Sound der Achtzigerjahre wiederentdeckt: Wave-Bässe, Twang-Gitarren und Synth-Flächen lassen einen an die goldenen Zeit von „Creation Records“ denken, natürlich an The Smiths, an The Cure oder an Pulp ( um auch mal an eine Band ohne „The“ im Namen zu denken). Und auch die Texte sind deutlich politischer, deutlich zeitgeistlicher und urbaner als noch vor vier Jahren. Passenderweise erscheint das neue Werk beim Indie-Label Staatssakt, wo er sich in guter Gesellschaft von Bands wie Ja, Panik, den Sternen oder Isolation Berlin befindet.

angst-angst-overkillBestes Beispiel für Nicolas Sturms neue Klang- und Textwelten: die aktuelle Single „Im Land der Frühaufsteher“. Ja klar, da mag vielleicht den meisten noch der Werbeslogan von Sachsen-Anhalt im Ohr klingeln, doch Sturm münzt das Ganze auf die komplette Bundesrepublik um, während fluffig-schlurfige Einheitsmelodien (die trotzdem fast unangenehme Ohrwurmqualitäten aufweisen) von Textzeilen wie „Deutsche Waffen töten immer noch am besten“ kontrastiert werden und schließlich in Nicolas Sturms Feststellung des absoluten Unbehagens münden: „I can’t relax in a place like this!“.  Damit liefert der Musiker eine durchaus passende Analyse bundesdeutscher Befindlichkeiten und Stimmungen im Jahr 2016 ab: liebgewonnene Routinen, unter die sich immer mehr diffuses Unbehagen mischt, während man befürchtet, dass der goldene Becher irgendwann zu Bruch geht. Ein großer, beschissener Haufen first world problems (ich will hier nicht die direkte Übersetzung „Erste-Welt-Probleme“ bringen – wer mag, darf’s gern als „Wohlstandsprobleme“ übersetzen). Bei aller stimmlichen Limitierung: Viel besser als in „Im Land der Frühaufsteher“ mag der deutsche Pop-Zeitgeist im Jahr 2016 kaum vertont werden. Und die Knyphausen-Vergleiche dürften sich vorerst auch erledigt haben.

 

 

Wer mag, der findet hier ein aktuelles, von deutschlandfunk.de geführtes Interview mit Nicolas Sturm.

 
Rock and Roll.

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