Mein Senf: Der große Dylan – jetzt auch höchstoffiziell


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Gut, nun, da fest steht, dass Bob Dylan tatsächlich endlich den Literatur-Nobelpreis erhält, scheint die Entscheidung zwar noch immer erstaunlich – immerhin ist Dylan ja der erste Singer/Songwriter slash Populärmusiker, dem diese Ehre zuteil wird, zum anderen fragt man sich nun: Wann bekommt dann endlich Bono (s)einen Friedensnobelpreis?

Was heute jedes Kind weiß (oder zumindest wissen sollte): Der 75-jährige Bob Dylan, der als Robert Allen Zimmerman geboren wurde, begann seine Karriere in den 50er Jahren. Seine Texte gelten für die Folk- und Rockmusik als wegweisend.

Dabei wurde Bob Dylan rund zwanzig Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus (eben neben U2-Fronter Bono, der für sein soziales Engagement den Friedensnobelpreis viel mehr verdient hätte als etwa Barack Obama oder Al Gore). Zu gewagt erschien es offenkundig der sechsköpfigen Jury, einem Musiker – und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt – die höchste, seit 1901 vergebene Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun jedoch hat sie sich getraut.

Von einigen Skeptikern abgesehen, dürften die meisten – gut fünfzig Jahre nach Dylans Karrierestart als kleiner Kaffeehaus-Folker im New Yorker Greenwich Village – anerkennen, dass der Autor von nichts weniger als klassischer Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie „Masters Of War“, „Like A Rolling Stone“, „The Times They Are A-Changin'“,  „Mr. Tamburine Man“, „Just Like A Woman“ oder „Blowin‘ In The Wind“ ein würdiger Preisträger ist. Den kaum weniger renommierten Pulitzer-Preis für „lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft“ hatte er ja bereits 2008 erhalten.

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Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer/Songwriter beschreibt er später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie „Chronicles: Vol. 1“ (2004) so: „Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung.“

Danach mutiert er zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre (man erinnere sich an die berühmten „Judas!“-Rufe), komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Jahre Album- und Songklassiker in Serie. Gerade in dieser Zeit entstandene Stücke sind mit all ihren Metaphern, Symbolen und Anspielungen von beispielloser Qualität, während Werke wie „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, „Highway 61 Revisited“ oder „Blonde On Blonde“ bis heute Spitzenplätze in nicht wenigen Ranglisten der „besten Alben aller Zeiten“ belegen.

Nach den wechselvollen, künstlerisch oft unbefriedigenden 70er und 80er Jahren kommt Dylans Rehabilitierung 1997 mit dem ersten großen Alterswerk „Time Out Of Mind“ – einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die wohl zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie „Modern Times“ (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde „Tempest“ (2012). Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben (was beachtlich sein mag, jedoch vergleichsweise nicht gegen die Beatles ankommt).

Freilich zieht die ebenso logische wie im Grunde doch mutige Entscheidung der Nobelpreis-Jury für Dylan als Preisträger weitere Fragen mit sich: Hat das Popkulturelle jetzt endgültig Einzug ins Ehrwürdige gehalten, immerhin findet sich der „Mann aus Duluth“ nun in einer Riege zwischen William Butler Yeats, George Bernard Shaw, Thomas Mann, Hermann Hesse, Ernest Hemingway, Albert Camus, Pablo Neruda und Günter Grass wieder? Wann wäre denn dann einmal eine ebenfalls recht einflussreiche Musikgröße wie Leonard Cohen an der Reihe? Waren der vertonte und der niedergeschriebene Text in der Antike nicht ohnehin eins? Und: Wann zur Hölle darf Bono endlich den verdammten Friedensnobelpreis in Oslo entgegennehmen (und sei es nur, damit endlich Ruhe ist)?

Und natürlich ruft eine nicht eben mild kontroverse Entscheidung pro Dylan auch Spötter, auch Kritiker auf den Plan. So meint etwa Denis Scheck, ARD-Moderator („Druckfrisch“) und einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker: „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein ‚Späßken‘. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“ Noch deutlichere Wort fand der schottische Schriftsteller Irvine Welsh für die Entscheidung der Jury: „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies“, schimpfte der „Trainspotting“-Autor. In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt auch Sigrid Löffler: „Ich habe den Eindruck, dass die schwedische Akademie sich seit einiger Zeit interessant machen will, und zwar durch besonders ausgefallene und extravagante Namen, die sie da kürt.“ Dem MDR sagte das frühere Mitglied des „Literarischen Quartetts“: „Selbstverständlich sind Liedtexte, gerade die von Bob Dylan, natürlich wunderbar. Nur: Diese Texte sind keine eigenständige Lyrik, denn sie funktionieren nur, wenn sie gesungen sind.“ Wolfgang Niedecken, Frontmann der Kölner Mundart-Rocker BAP und bekanntlich der deutsche Dylan-Ultra, dürfte das freilich anders sehen: „Noh all dänne Johre…..endlich: Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Ich freue mich riesig!“ Und auch Bruce Springsteen, seines Zeichens ja die andere Galionsfigur der US-amerikanischen Musikgeschichte, würdig Dylan via Facebook ausgiebig, während der deutsche „Rolling Stone“-Redakteur Maik Brüggemeyer – mit seinem 2015 erschienenen fantasievoll zusammen geschulterten Roman „Catfish: Ein Bob Dylan Roman“ ebenfalls ja kein Unbekannter, wenn es um Dylan-Fachkundige geht – Dylan selbstredend ebenso für einen würdigen Preisträger hält.

U.S. President Obama awards a 2012 Presidential Medal of Freedom to musician Dylan during ceremony in the East Room of the White House in Washington

Foto: REUTERS/Kevin Lamarque

Am Ende hatte und hat wohl jeder seine ganz eigene Meinung zum Schaffen von Bob Dylan, zu seinem Wirken über all die Jahrzehnte hinweg, und folglich auch zu seiner Ehrung mit dem Nobelpreis. Der Künstler selbst wird sich – so bleibt zu vermuten – wohl geehrte ob diese Lorbeeren von höchster Stelle fühlen, doch irgendwo wird es ihm herzlich schnuppe sein. Denn Robert Allen Zimmerman hat es in seiner Karriere noch nie darauf angelegt, allen zu gefallen, hat schlussendlich nur nach seinen höchst eigenen Regel gespielt (und die Puppen danach tanzen lassen). Denn die Person, welche in einer Art Maskerade, die selbst einem Shakespeare zur Ehre gereichen würde, schon längst hinter dem Pseudonym des Bob Dylan angekommen ist, hat selbst am meisten zur eigenen Maskierung und Mystifizierung beigetragen (wer’s ansatzweise verstehen möchte, dem sei  der nicht eben schlechte – und freilich von Dylan höchstselbst abgenickte – Film „I’m Not There“ (2006) empfohlen, in welchem Schauspieler(innen) wie Christian Bale, Richard Gere, Heath Ledger oder Cate Blanchett in die Rolle des Singer/Songwriter-Chameleons schlüpfen). Dylan polarisiert, das hat die heutige Vergabe des Literatur-Nobelpreises an ihn noch einmal gezeigt. Und das ist wohl das größte Kompliment, das man ihm machen kann.

 

 

Rock and Roll.

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