„Löwenzahn“-Welterklärer in Latzhosen – Peter Lustig ist tot.


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Wäre der Anlass kein so trauriger, man könnte fast den Wortwitz geisseln und titeln: Schluss mit lustig.

Oder eben: Lustig, mit kapitalem „L“. Um den „Stern“ zu zitieren: „Deutschland trauert um ‚Löwenzahn‘-Legende Peter Lustig. Der Mann mit der Latzhose und der Nickelbrille, der Kompliziertes verständlich machen konnte, hat Generationen geprägt.“ Klar, Sätze wie diese fallen nicht eben selten und geradezu reflexartig, wenn in Online- wie Printmedien dieser Tage vom Tod einer prominenten Person berichtet wird. In den sozialen Medien hat die halbe Userschaft eine digitale Träne im Knopfloch (beziehungsweise in den Fugen der Tastatur). Ehrerbietung wohin man schaut.

Fakt ist jedoch: Peter Fritz Willi Lustig, 1937 in Breslau zur Welt gekommen, hat mit seiner Sendung „Löwenzahn„, die eigentlich – also vor 1981 – „Pusteblume“ hieß und seit 1979 im ZDF zu sehen war, tatsächlich ganze Generationen – zuerst in West, seit der Wiedervereinigung auch im Osten Deutschlands – geprägt. Er war, wie der „Spiegel“ schreibt, „für die jungen Zuschauer“ wirklich „so etwas wie der etwas schrullige Onkel, der mit endloser Geduld die rätselhaften Phänomene um uns herum entschlüsselte“. Einer, der im selbst ausgebauten Eisenbahnwagen im Grünen lebte, um den jüngeren Generationen behutsam jahrzehntelang die große, kleine Welt zu erklären. Wer’s böse meinte, durfte in dem Satzhosenträger und seiner sprechenden, piepsenden Wanduhr gern einen „Öko“ im Glanze der vor allem damals aufkommenden „Grünen“-Bewegung sehen (ja damals, als Politiker wie Joschka Fischer oder Claudia Roth noch nicht zum Establishment gehörten) und den tumben Nachbarn Paschulke gern als nervigen Spießer.

Fakt ist auch, dass Peter Lustig auch ein lebendes Stück Zeitgeschichte war. So war er seinerzeit, am 26. Juni 1963, als gelernter Rundfunkmechaniker und studierter Elektrotechniker verantwortlich für den Ton der Filmaufnahme von John F. Kennedys Rede „Ich bin ein Berliner!“ vor dem Berliner Rathaus Schöneberg (mehr dazu in diesem „Spiegel“-Interview von 2015). Seine Karriere im Fernsehen startete er in der anderen großen Welterklär-Kindersendung, der „Sendung mit der Maus“, in Einspielern mit dem Titel „Peter und Atze“, in denen er zusammen mit dem Robotervogel Atze Technik erklärte. Außerdem war er gar nicht mal so „öko“ wie sein Fernseh-Alter-ego, hasste laut eigener Aussage sogar Müsli (jedoch keine Kinder, wie mancherorts behauptet wird), während er sich andererseits, vor allem in den Achtzigern, mit spirituellen Ideen wie die der indischen Osho-/Bhagwan-Bewegung beschäftigte. Und noch einer anderer „Fun Fact“ gefällig? So war Lustig einige Jahre in zweiter Ehe mit Elfie Donnelly verheiratet, die als Autorin unter anderem Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen einige ihrer prägendsten „Hex, Hex“- und „Töröö“-Sätze auf die kinderfreundlichen Leiber schrieb und mit der er einen gemeinsamen Sohn, Momme Pavi, hatte. Ja, Peter Lustig hat so einige Spuren in wahrscheinlich unser aller Leben hinterlassen… (Und sogar der kinderfernsehaffine „Rolling Stone“ hat heute „10 Fakten, die Sie nicht über Peter Lustig wussten“ parat.)

Gestern, am 23. Februar, starb Lustig im Alter von 78 Jahren im Kreise seiner Familie in nordfriesischen Bohmstedt an Krebs (Wieder der verdammte Krebs! Wieder einer, der immer da gewesen zu sein schien, weg!) . Das Zepter von „Löwenzahn“ hatte der stets freundlich in die Kamera lächelnde Latzhosen-und-Nickelbrillenmann und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande bereits vor gut zehn Jahren an seinen jüngeren Kollegen Guido Hammesfahr übergeben. Doch wann immer man – gestern wie heute – diese Titelmelodie hört und sich einen Löwenzahn langsam aber zielstrebig seinen zeichentrickenen Weg durch des Asphalt bohren sieht, wird man an Peter Lustig denken. „Didelitit-Didelde-di!“

Und welch‘ schöneren Schlusssatz könnte es geben als jenen, mit denen der Mann seine kleinen und großen Zuschauer nach Draußen bewegen wollte, um die Welt, die er ihnen gerade noch etwas näher gebracht und verständlicher gemacht hatte, zu entdecken: „Jetzt kommt ja eh nichts mehr, also abschalten.“

Löwenzahn

 

 

 

Rock and Roll.

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