Song des Tages: Peter Gabriel – „Listening Wind“


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Es gibt Künstler, die werden mit dem Alter immer besser. Paradebeispiel für mich: Peter Gabriel.

Klar, der heute 65-jähige Musiker hat schon einiges an Meriten vorzuweisen. So war er in den Sechziger und Siebzigern Frontmann der britischen Progrocker Genesis (also bevor Phil Collins die Chance bekam, die Band in eine seichte Pop-Version ihrer selbst zu verwandeln), wandelt seit den späten Siebzigern und vor allem den Achtzigern recht erfolgreich auf Solopfaden (Hits wie „Solsbury Hill“, „Shock The Monkey“, „Sledgehammer“, „Big Time“ oder das anrührende Kate-Bush-Duett „Don’t Give Up“ stehen noch immer für sich) und kümmert sich seit den Neunzigern mit seinem „Real World“-Label um die Förderung von Weltmusikern aus entlegeneren Teilen der Welt, während er an anderer Front seine Energie in humanitäre Projekte steckt (seit 1986 etwa arbeitet Gabriel mit „Amnesty International“ zusammen, zollte in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach dem ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela Tribut oder protestierte 2014 öffentlich gegen den syrischen Bürgerkrieg). Peter Gabriel ist ein wacher Weltbürger – im besten Sinn.

41R5PA0d3ZLTrotzdem, trotz all seiner Hits, ist mein persönlich liebstes Peter-Gabriel-Album ausgerechnet eines, auf dem er ausschließlich Stücke anderer Künstler neu für sich interpretiert: „Scratch My Back“ von 2010. Warum? Nun, zum einen ist ein Coveralbum schon ein gewagtes Unterfangen, schließlich kann man sich – selbst als gestandener Musiker – beim Auseinandernehmen und neu Zusammensetzen fremder Songs leicht verheben. Dem einen Fan beider Seiten kann’s schnell zu gewagt und fremd erscheinen, dem anderen zu langweilig und dröge. Zum anderen ist das „Wie“ beim „Scratch My Back“ erstaunlich, denn Gabriel verzichtet bei allen zwölf Stücken komplett auf die so oft übliche Bandinstrumentierung aus GitarreSchlagzeugBass und fußt alle Lieder wahlweise auf Piano und Orchesterarrangements (bei welchem ihm der neuseeländische Komponist John Metcalfe zur Seite stand). Außerdem toll ist, dass sich Gabriel nicht nur bekannter Songs annahm (gut, David Bowies „Heroes“ oder „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire dürften schon in diese Kategorie fallen), sondern auch anderen per se tollen Liedern wie „Après moi“ von der großen Regina Spektor, „Philadelphia“ von Grunge-Onkel Neil Young, „Flume“ von Bon Iver, „Mirrorball“ von Elbow oder „The Book Of Love“ von den Magnetic Fields. Auch groß, durch Peter Gabriels Interpretation: „The Boy In The Bubble“ (im Original von Paul Simon) oder „The Power Of The Heart“ (wer hätte gedacht, dass der vor fast zwei Jahren verstorbene „Velvet Underground“-Grantler Lou Reed so ein Romantiker war?). Beinahe alle Stücke scheinen nach Gabriels Behandlung noch größer, noch heller, noch emotionaler. Nur der frühen Radiohead-Schlechtwetter-Hymne „Street Spirit (Fade Out)“ wird er so ganz und gar nicht gerecht…

Das emotionale Highlight von und auf „Scratch My Back“, dem drei Jahre darauf, 2013, noch die geplante Fortsetzung „I’ll Scratch Yours“ folgte, auf dem sich ein Großteil der vorher mit Gabriel-Covern geehrten Künstler/Bands ihrerseits mit Gabriel-Covern revanchierte (etwa Elbow, Bon Iver, Arcade Fire, Regina Spektor, Paul Simon oder Lou Reed), ist jedoch ohne jeden Zweifel „Listening Wind“. Der Song stammt im Original von den US-amerikanischen New Wavern Talking Heads und wurde 1980 – also vor schlappen 35 Jahren – auf deren viertem Studioalbum „Remain In Light“ veröffentlicht. Man mag es wahlweise als erstaunlich, prophetisch oder eben traurig auffassen, dass das Stück in all diesen Jahren kaum an Aktualität, kaum an Brisanz eingebüsst hat, thematisiert es doch mit wenigen Sätzen anschaulich die desillusionierte Weltsicht eines Selbstmordattentäters. Peter Gabriel benötigt gar nicht mehr als seine markante Stimme und anschwellende Geigen, um all bei all jenen, die bei seiner Version von „Listening Wind“ genauer hinhören, eine gehörige Gänsehaut zu erzeugen…

 

Wie man hier sehen kann, war wohl auch Talking Heads-Frontkopf David Byrne von Gabriels Coverversion seines eigenen Stückes begeistert:

 

„Mojique sees his village from a nearby hill
Mojique thinks of days before Americans came
He serves the foreigners in growing numbers
He sees the foreigners in fancy houses
He dreams of days that he can still remember now

Mojique holds a package in his quivering hands
Mojique sends the package to the American man
Softly he glides along the streets and alleys
Up comes the wind that makes them run for cover
He feels the time is surely now or never more

The wind in my heart, the wind in my heart
The dust in my head, the dust in my head
The wind in my heart, the wind in my heart
Come to drive them away, drive them away

The wind in my heart, the wind in my heart
The dust in my head, the dust in my head
The wind in my heart, the wind in my heart
Come to drive them away, drive them away

And Mojique buys his equipment in the market place
Mojique plants devices through the free trade zone
He feels the wind is lifting up his people
He calls the wind to guide him on his mission
He knows his friend the wind is always standing by

Mojique smells the wind that comes from far away
Mojique waits for news in a quiet place
He feels the presence of the wind beside him
He feels the power of the past behind him
He has the knowledge of the wind to guide him on

The wind in my heart, the wind in my heart
The dust in my head, the dust in my head
The wind in my heart, the wind in my heart
Come to drive them away, drive them away…“

 

Rock and Roll.

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