Abgehört…


Dustin Kensrue – Carry The Fire (2015)

tumblr_inline_nn2gmnA3YB1qztcot_540-erschienen bei Workhorse-

Es gibt ein paar Dinge, die wird man als ach so aufgeklärter, ach so weltoffener Westeuropäer wohl nie so ganz verstehen können. Die Asiaten etwa, mit ihrer nach außen stets devoten Sippenhaftigkeit und dem beinahe krankhaft überhöhten Stolz, während im Inneren und Privaten nicht selten die debilsten Fantasien lungern. Oder die US-Amerikaner, denen per Gesetz zugesichert ist, dass jeder jederzeit ein, zwei Schusswäffchen im Handtäschchen mit sich herumschleppen darf und im Zweifelsfall jedermann (slash: -frau) über den Haufen schießen darf, deren Visage einem gerade nicht in den Kram passt. Die sich als ach so globaler „Schmelztiegel“ von Multi und Kulti Gnaden jenseits von Rassismus und (oft unter den Tisch gekehrter) Sklavenhaltungsvergangenheit sehen, während alle paar Tage ein – freilich unbewaffneter – Schwarzer von einem weißen Polizisten… naja, Sie wissen schon (und obwohl Rassismus weder Geschlecht noch Hautfarbe kennt, ist es in „God’s own country“ leider so oft so profan).

Auch was die seltsame Verbindung von populärer Rockmusik und religiösem Eifer betrifft, setzten die US of A immer mal wieder neue Schlaglichter. Beispiel gefällig? Gern. Nehmen wir etwa Brian Fallon. Den meisten Hörern radiotauglichen MOR-Punkrocks dürfte der 35-Jährige Tattooträger aus New Brunswick, New Jersey als Frontmann von The Gaslight Anthem ein Begriff sein. Nun laufen Gaslight Anthem mit ihren Songs freilich kaum Gefahr, als rockende Wanderprediger verschrieen zu sein. Doch Fallon, die markante Springsteen-Gedächtnis-Stimme der Band, dürfte zumindest bei jedem Westeuropäer für Stirnrunzeln gesorgt haben, als er sich 2011 in einem Interview mit der „VISIONS“ als Kreationist outete: „Evolution? Das kaufe ich keinem ab! Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir vom Affen abstammen?! Ich weiß, dass diese Version in Europa sehr verbreitet ist, doch ich persönlich bin überzeugt, dass uns eine höhere Macht auf diesen Planeten verfrachtet hat.“. Klar, dass solche Gedanken, für die Fallon unter seinen Landleuten eher ein anerkennendes Nicken oder ein verschmitztes Lächeln ernten dürfte, bei uns mit unseren Martin Luthers und Immanuel Kants für schüttelnde Köpfe – und das nicht der Musik wegen – sorgen.

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Ein anderes Beispiel für geschüttelte Köpfe dürfte um die selbe Zeit herum – also 2011 – Dustin Kensrue geliefert haben. Nachdem er seine Stammband, die Post-Hardcore-Rocker Thrice, nach der Veröffentlichung ihres achten gemeinsamen Studioalbums „Major/Minor“ und einigen Farewell-Konzerten (nachzuhören auf dem 2012 erschienenen Livewerk „Anthology„) bis auf weiteres auf Eis gelegt hatte, schlug der damals 31-jährige US-Amerikaner mindestens fünf Haken, als er seine Fertigkeiten fortan in den Dienst der Mars Hill Church, einer über Bundesstaaten hinweg vernetzten christlichen „Megachurch“-Gemeinde mit nahezu 13.000 Besuchern an jedem Kirchensonntag und Sitz in Seattle, stellte und dort den worship pastor gab (eine Art Allround-Zeremonienmeister, der sich auch um Musik und allerlei andere audiovisuelle Unterhaltungsmöglichkeiten seiner „Schäfchen“ kümmert). Bibelkreis statt Circle Pitt? Klar hatte sich Kensrue bereits während seiner Zeit bei Thrice immer offen zu seinem Glauben bekannt, klar schimmerte mal hier, mal da – vor allem bei der gelungen vielfältigen „The Alchemy Index“-Album-Quadrologie von 2007/2008 – ein kleiner Glaubensbezug oder -verweis in den Texten des Orange-County-Boys durch, jedoch war dieser Richtungswechsel gerade für den Frontmann einer Post-Hardcore-Kapelle, die sonst eher kaum Gefahr laufen, als „überaus religiös“ tituliert zu werden, ungewöhnlich – selbst in den USA.

Und auch auf seinen Soloveröffentlichungen ging Dustin Kensrue diesen Weg: War sein Solodebüt, „Please Come Home“ von 2007, noch ein fein anzuhörendes Amalgam aus Folk’n’Blues’n’Americana-Inspirationen, das den damaligen Thrice-Vorsteher mit der schmeichelhaft rauen Stimme acht Songs lang in ruhigeren Gewässern präsentierte, stellte schon der 2013er Nachfolger „The Water And The Blood“ (ein 2008 erschienenes Weihnachtsliederalbum lassen wir mal außen vor) ganz und sonders Kensrues Dienst für den Herrn ins Licht – mit Titeln wie „Rejoice“, „God Is Good“ oder „Come Lord Jesus“.  Wer diesen gutgläubigen Weg nicht mitgehen wollte oder konnte, der blieb freilich auf der Strecke.

Dass sich Dustin Kensrue nun mit „Carry The Fire“ mit (s)einem neusten Solowerk zurück aus der Pastorentätigkeit, fernab des Rockbusiness, meldet, dürfte wohl zum einen an den turbulenten letzten Jahren liegen, die er als leitender Angestellter der Mars Hill Church erlebte, liegen. Plagiatsvorwürfe, fragwürdige Führungspraktiken, angebliche Veruntreuung von Spendengeldern, allerlei Gerüchte um Kirchengründer Mark Driscoll – das war wohl zu viel für den heute 34-Jährigen. Er legte, wie einige seiner dortigen Kollegen auch, sein Amt nieder und suchte sich eine neue Kirchengemeinde (in seiner Heimatstadt Irvine, Kalifornien). Seinem Glauben hat er freilich nicht abgeschworen, doch ein klein wenig des missionarischen Eifers scheint gewichen zu sein.

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Stattdessen präsentieren die zehn neuen Stücke von „Carry The Fire“ – der Titel selbst stellt eine Referenz an die dystopisch-düsteren Cormac McCarthy-Romane „The Road“ und „No Country For Old Men“ dar – als Schnittmenge dessen, was sowohl sein Solodebüt „Please Come Home“ als auch das bislang letzte Thrice-Werk „Major/Minor“ ausmachte: Alternative Rock auf der einen Seite, beseelten Folk auf der anderen. Das kommt mal flott daher („Juggernaut“, „In The Darkness“), mal besinnlich („Of Crows And Crowns“), mal im Bandkonstrukt aufspielend wie zu besten Thrice-Zeiten (der Titelsong-Abschluss). Statt dem Herrn dankt Kensrue auf „Carry The Fire“ vor allem seiner Frau, die ihn in den nicht eben leichten letzten Jahren zur Seite gestanden hat („Girl I’m a juggernaut / And I’ll never stop loving you“, „You’re all that I need, for now and forever“ etc. pp.). Das komplette Album scheint wie ein einziger vertonter MOR-Liebesbrief an die Angebetete. Süß? Süß. Auch wenn keines der neuen Stücke wirklich Gefahr läuft, nicht von einem rocklastigen Radiosender gespielt zu werden.

Wenn schon Dustin Kensrues neustes Werk in die klangliche Richtung seiner (einstigen) Hauptband geht, dürfen Thrice-Fans also auf eine Rückkehr der Band aus der nunmehr vierjährigen Albumveröffentlichungspause hoffen? Gemach, Gemach. Zunächst hat die Post-Hardcore-Formation aus Irvine, Kalifornien für 2015 einige „Reunion-Shows“ auf US-amerikanischem Boden angekündigt. Der Rest wird sich zeigen, wird sich ergeben – so Gott will.

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Hier gibt’s das offizielle Musikvideo zum wohl schönsten Stück des neuen Albums, „Of Crows And Crowns“, während man sich auf Dustin Kensrues YouTube-Kanal nahezu alle Songs von „Carry The Fire“ – Kommentare inklusive – anhören kann (für Faule habe ich die Album-Playlist ebenso hier bereit gestellt):

 

 

Wer mehr über Dustin Kensrue, das neue Album sowie seine Tätigkeit als worship pastor wissen möchte, dem sei dieser aktuelle Artikel von und auf diffuser.fm empfohlen, der auch ein Interview mit dem 34-jährigen Musiker bietet…

 

Rock and Roll.

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