Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Kintsugi (2015)

death-cab-for-cutie-kintsugi-album-cover-2015-erschienen bei Atlantic/Warner-

Merke: Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reperaturmethodik für zerbrochenes Porzellan und Keramik. Mit einem speziellen Lack werden die einzelnen Scherben und Bruchstücke wieder zusammengefügt, verlorengegangene Teile durch eine Kittmasse ersetzt, in die Gold-, Silber- oder Platinpulver eingearbeitet sind. Makel werden hervorgehoben, anstatt sie zu verstecken oder zu übertünchen, und machen das Ganze nur umso besonderer.

Klar könnte man im ersten Moment den Eindruck bekommen, dass Frontmann Ben Gibbard und seine Mitstreiter von Death Cab For Cutie daran interessiert wären, dem geneigten Hörer die eigenen Fremdwortkenntnisse, die sie sich eventuell im Internet oder auf einer ihrer unzähligen Touren der fast schon zwanzigjährigen Bandgeschichte angeeignet haben, unter die Nase zu reiben, oder dem Fan augenzwinkernd den neusten Zungenbrecher als Titel ihres nunmehr achten Studioalbums präsentieren. So weit, so falsch.

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Denn vor allem im Leben von Benjamin Gibbard dürfte sich in den letzten Jahren so Vieles angefühlt haben wie ein trauriger Spaziergang über einen Haufen bunter Scherben. Da wäre zum einen das Ende seiner Ehe mit dem schauspielernden und singenden „Indie-It-Girl“ Zooey Deschanel im November 2011 – wenige Sommer lang galten beide als das Traumpaar des US-Indierocks, plötzlich war es aus. Und wäre der private Katzenjammer nicht schon genug für den einerseits stillen, jedoch stets kreativ umtriebigen und politisch engagierten 38-Jährigen, stand im vergangenen August, mitten im Entstehungsprozess des neuen Albums seiner (Haupt-)Band, die nächste Hiobsbotschaft ins Haus: Chris Walla, seit den Anfangstagen von Death Cab For Cutie in den Neunzigern Hauptgitarrist, musikalischer Kompass und Albumproduzent in Personalunion, verkündete, dass er die Band verlassen werde, um sich fortan voll aufs Produzieren anderer Künstler sowie eigener Projekte zu konzentrieren. Meint: Ausgerechnet der Mann, mit dem Gibbard 17 Jahre lang allerlei Evergreens wie „Title And Registration“, „Soul Meets Body“, „A Movie Script Ending“ oder „I Will Possess Your Heart“ (die Liste könnte beliebig lang fortgesetzt werden) unters Hörervolk brachte, sollte nun nicht länger Teil von Death Cab For Cutie sein. Ob Gibbard, Nick Harmer (Bass) und Jason McGerr (Schlagzeug) das Ganze auch als Trio wuppen können?

Zumindest „Kintsugi“ wird auf diese Frage (noch) keine Antwort liefern können, denn zumindest als Gitarrist und Klangsucher war Walla noch am Großteil der elf neuen Stücke der Band aus dem US-amerikanischen Bellingham beteiligt. Trotzdem macht sich an vielen Ecken und Enden des Nachfolgers zum 2001 erschienenen siebten Werk „Codes And Keys“ eine merkwürdige Abschiedsstimmung breit, für die bereits die gemächlich ins Feld schleichende, aber bald schon pulsierende Eröffnungsnummer „No Room In Frame“ mit den ersten Worten „I don’t know where to begin / There’s too many things that I can’t remember“ den Grundstein legt. Rein klanglich nehmen Death Cab das ein oder andere Synthie-Experiment des Albumvorgängers mit ins Hier und Jetzt (etwa zu hören in der gelungenen Single „Black Sun“, in „The Ghosts Of Beverly Drive“ oder „Everything’s A Ceiling“), allerdings bewegen sich Gibbard und Co. im Gros erfreulicherweise wieder ein Stückweit mehr hin zum Indiepoprock von deutlich gelungeneren Werken wie „Plans“ oder „Narrow Stairs“. Klar, erstes und oberstes Erkennungsmerkmal der Band bleibt weiterhin das honigsamtene Gesangsorgan ihres Frontmanns, der er versteht, selbst traurig-schöne Zeilen wie „There is fear in the eyes of your father / And there is ‚yours‘ and there is ‚mine'“ („Black Sun“) strahlen zu lassen. Dazwischen gibt’s so ziemlich alles, wofür man Death Cab bereits in der Vergangenheit lieben konnte: die ein oder andere Uptempo-Nummer („The Ghosts Of Beverly Drive“), kleine Akustiknummern („Hold No Guns“), die freilich nie und nimmer einem Bandklassiker wie „I Will Follow You Into The Dark“ das qualitative Wasser reichen können, tollen Indiepop, der hängen bleibt („Little Wanderer“, das vom unsteten Leben in einer Fernbeziehung berichtet) sowie das ein oder andere gewagte Experiment – so flirtet „Good Help (Is Hard To Find)“ tatsächlich gut viereinhalb Minuten lang mit dem Disco-Funk. Mit dem Pianorausschmiss „Binary Sea“ ist nach einer Dreiviertelstunde alles schon wieder vorbei.

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Was also wird „Kintsugi“ am Ende in der Bandbiografie von Death Cab For Cutie darstellen? Nun zunächst einmal ist es das erste Werk, für das sich die zum Trio geschrumpfte Band mit Rich Costey (u.a. Muse, Audioslave, Interpol) einen Produzenten von Außerhalb ins Studio holte, da Chris Walla wohl für diese Aufgabe nicht mehr zur Verfügung stand. Und erfreulicherweise bleibt doch die ein oder andere Nummer mehr hängen als noch beim Vorgänger „Codes And Keys“ oder Ben Gibbards 2012 erschienenem Solodebüt „Former Lives„. Klar, an Alben wie „Transatlanticism“ oder „Plans„, selbst an „Narrow Stairs„, reicht „Kintsugi“ in Gänze nicht heran. Der Hausfreund der Band, welche einst, zu seligen „O.C. California“-Zeiten die Liebste der Serienfigur Seth Cohen war, bekommt mit Gibbards inngewandter Herzschmerz-Lyrik und allerlei feinen Indiepoprock-Melodien all das, was er sucht. Und auch, wenn „Kintsugi“ im Grunde erneut ein Album ohne Death Cab’sche Totalausfälle ist, wird sich erst mit dem kommenden Weg zeigen, wie die bandinternen Weichen für die Zukunft gestellt sind…

 

 

Hier gibt’s das Musikvideo zur Single „Black Sun“…

 

sowie mit der Eröffnungsnummer „No Room In Frame“, „The Ghosts Of Beverly Drive“ und „Little Wanderer“ noch weitere Hörbeispiele aus dem achten Death Cab-Album:

 

Rock and Roll.

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