Song des Tages: Nils Christian Wédtke – „Raubtier“


Nils-Christian-Wédtke

Wer heutzutage unter dem Terminus „Liedermacher“ unterwegs ist, der läuft schnell Gefahr, als die Akustische schwingende Reinhard Mey-Epigone abgetan zu werden, noch bevor das potentielle Publikum sich die Zeit genommen hat, ins Detail zu horchen. Besonders traurig wäre das aktuell bei Nils Christian Wédtke, denn der Wahlhamburger hat eines der besten deutschsprachigen Alben des vergangenen Jahres veröffentlicht…

Dabei ist „Och“ wahrlich kein Schnellschuss. Nach einem ersten musikalischen Lebenszeichen, der 2009 im DIY-Verfahren veröffentlichten EP „Das hier ist nicht die Welt„, tourte der gebürtige Bielefelder, Jahrgang 1986, an der Seite von Kollegen wie Enno Bunger, Moritz Krämer und Spaceman Spiff durchs Bundesgebiet, brachte sein Psychologie-Studium zu Ende, zog von der ostwestfälischen Heimat ins norddeutsche Hamburg und schrieb weiter fleißig an neuen Songs. Insofern ist das im vergangenen November erschienene Debütalbum eher ein liebevoll zusammengetragenes elfteiliges Sammelsurium an textlichen Auseinandersetzungen mit Lust und Unlust, der Liebe, die Vieles verträgt und überdauert, mit Freundschaft und Verlust, dem Coming of Age und der eigenen Geschichte, die auch den ehrlichen Umgang mit Depressionen nicht ausspart. Da lugt an so einigen Stellen die annähernde Brillanz eines Gisbert zu Knyphausen durch (ich weiß, der wird hier oft als Referenz genannt – und das aus gutem Grund!), während etwa „Ach, Bielefeld“ als ebenso augenzwinkernde wie absolut unpathetische Liebeserklärung ein wenig aus dem Rahmen fällt. Und ganz egal, ob Wédtke gerade ganz behutsam mit der Akustischen ums Haus schleicht oder, wie zum Beispiel im tollen Opener „Elefant für dich“, dem flotten „Für die Unendlichkeit“, dem Gänsehaut-Stück „Janis (1985-2005)“, mit seinem E-Gitarren-/Schlagzeug-Furor kurz vor Schluss, oder dem tief gehenden 13-Minuten-Monster „Hölle“, den Bandsound aufs Tonband bringt – der Mann versteht es, Alltägliches selbstreflexiell in weise zusammengesetzte Worte zu packen und mit ein klein wenig Lakonik zu versehen, dass es eine wahre Wonne ist. Wédtke berührt mit seinen Songs, ohne jemals in Verdacht zu geraten, rührselig zu werden. Vielmehr ist ein Großteil der elf Stücke so grandios geraten, dass man als Hörer gar nicht umhin kommt, zuzuhören – und welches größere Lob könnte man einem Liedermacher machen, als dieses?

Foto: Facebook

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Eines der Highlights auf „Och“ ist für mich das Stück „Raubtier“, bei dem sich Nils Christian Wédtke als vortrefflicher, die Politik und Gesellschaft kritisch geäugender Beobachter präsentiert: „Die Regierung hält dich stumm / Kirch und Springer hält dich dumm / McDonalds bringt dich um / Nur mal mal das Maul aufzureißen / Dazu fehlt dir der Mumm? / Also sing, sing, sing, sing: / Ich bin nur ein Opfer des Kapitalismus“ – Wédtke skizziert das tagtägliche Raubtiergehege namens „Kapitalismus“, mit all seiner Zwiespältigkeit und einlullenden kalten Berechnung, mit der uns immer wieder Neues vom Haben-wollen zum Haben-müssen zieht. Da ist diese diffuse, immer wiederkehrende Wut über das Offensichtliche, darüber das man selbst sehenden Auges mitspielt und fröhlich „Hier!“ schreiend ins kollektive Verderben hüpft. Nicht du, keinesfalls ich, schon gar nicht er – die Hölle, das sind immer die anderen. Dabei tanzen die Strophen zu einer Melodie, die dezent ans russische Volkslied erinnert und den Hörer kreuz und quer durch die große Manege des tagtäglichen Selbstbetrugs zieht. Die volkstümliche Tuba gibt den furiosen Takt vor und im Epizentrum der Wut bündeln sich die Instrumente zum Klassenkampf, in dem all die kleinen, widerlichen Wahrheiten dem gefesselten Hörer ins Gesicht gespiehen werden. Man kann sich nur wünschen, dass diese eine Facette des Wahlhamburgers in Zukunft noch viele Stücke gleicher Güteklasse hervorbringt. Hier – beziehungsweise generell in Wédtkes textlicher wie musikalischer Wandelbarkeit – liegt eine Stärke, die im deutschsprachigen Nachwuchsbereich leider nur selten aufblitzt.

 

 

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Anmerkung: Wie Nils Christian Wédtke im Nachgang selbst anmerkt: „Ich komme nicht aus Bielefeld, hab nur dort studiert“. Sorry dafür – freilich stammt der Musiker als der niedersächsischen Provinz, wie auch hier nachzulesen ist. Ich gelobe Besserung!

 

Rock and Roll.

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Ein Gedanke zu „Song des Tages: Nils Christian Wédtke – „Raubtier“

  1. […] Musiker selbst – also Nils Christian Wédtke – habe ich auf ANEWFRIEND bereits Anfang des Jahres einmal vorgestellt, als dessen noch immer tolles Stück “Raubtier” ebenfalls […]

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