Vom Ausbrennen und Verblassen, von König Curdt und dem Erzengel Kobain – zwanzig Jahre später…


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Es heißt ja oft, dass sich noch heute jeder, der damals jung und wild und frei war, an Tage wie den 5. April 1994 oder den 11. September 2001 erinnern würde. Nun, an zweiteres Datum kann ich mich tatsächlich noch lebhaft und in vielen Einzelheiten erinnern, aber mit jenem Aprildienstag im Jahr 1994 habe ich keine spezifischen Erinnerungen verknüpft. Kein Wunder, war ich doch erst zehn Jahre alt und damit ein wenig zu jung, um zu begreifen, was an diesem Tag in einer Stadt im Nordwesten der USA geschah…

Come, as you are, as I want you to be…

Kurt Donald Cobain war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein einfach zu händelnder Mensch, obwohl sich viele der biografischen Eckdaten des am 20. Februar 1967 in Aberdeen, Washington zur Welt gekommenen Mannes nicht eben großartig von denen nicht weniger US-Teenager unterscheiden: ein sensibles, hyperaktives Scheidungskind, das mit den damit verbundenen Streitszenarien in beiden Elternhäusern aufwuchs und über Jahre hinweg zwischen den Fronten hin und her gereicht wurde. Ein schüchterner Teenager, der Zuflucht im Krawall des Punkrocks der Stooges oder der Pixies und in der Melodieverliebtheit der Beatles suchte, bevor er 1982, im Alter von 15 Jahren, den zwei Jahre älteren schlaksigen Hünen Krist Novoselić kennen lernte, mit dem er kurz darauf eine Band gründete. Ebenso klassisch für die sinnsuchende „Generation X“ jener Zeit ist auch alles Folgende: Schulabbruch, erste Beziehungsdramen, das „Über-Wasser-halten“ mit Gelegenheitsjobs und der Traum von der „großen Karriere“ mit der eigenen Band. Was Kurt Cobain und seine Band Nirvana von all den ach so vielen anderen Bands unterschied? Wer weiß das schon… Sicherlich waren es auch Cobains Fähigkeiten als Songwriter – klar, denn all die Songs von Nirvana, die sich – mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung – längst zu unumstößlichen Klassikern gemausert haben – „About A Girl“, „Come As You Are“, „Polly“, „Lithium“, „Heart-Shaped Box“, „Pennyroyal Tea“ oder freilich „Smells Like Teen Spirit“ – schreibt man nicht mal ebenso nebenher. Für Nirvana, passte in jenen Jahren Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger einfach alles, die Zeit war sprichwörtlich „reif“ für diese Band: Die Teenager hatten genug von den inhaltsleeren, übertriebenen Fratzen des glamrockenden Hair Metal, den Bands wie Poison, Bon Jovi oder Guns N’Roses damals mit haufenweise Tam-tam und Gitarrengegniedel auf die Spitze des Selbstwitzes getrieben hatten. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem sich andeutenden Ende des Kalten Krieges war – nicht nur für die von republikanischen US-Präsidenten wie Ronald Reagan oder George Bush regierten Adoleszenten – die Zeit für etwas mehr ernsthaftes freies Denken und etwas weniger Zerstreuung gekommen. Und da passte es gut, dass sich in Seattle, einer aufstrebenden Stadt im Nordwesten der USA, 155 Kilometer von der kanadischen Grenze entfernt, das auch heute noch große Namen wie Microsoft, Amazon oder Starbucks vorzuweisen hat, die alle ihren Firmensitz in oder Seattle haben, eine freundschaftlich verbundene Musikszene formte, die lange Zeit unterhalb des Radius des öffentlichen Interesses wachsen konnte und alles – vom Suchen von Proberäumen über Albumaufnahmen bis hin zu liebevoll gestalteten Fanzines und Konzerten – nach dem DIY-Konzept betrieb – if you’ve got no scene, you’ve got to do it yourself… Im Leichtsinn der Jugend teilte man alles miteinander: Freundinnen, kreative Ideen, das Leben in den Tag hinein, große Träume vom Durchbruch „eines Tages“ – aber auch düstere Gedankenwelten und das Experiment mit Drogen der härten Gangart. Noch heute scheint es, als wäre kaum jemand dieser Szene auf all das vorbeireitet gewesen, was sich im Herbst des Jahres 1991 ereignen sollte…

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Here we are now, entertain us…

Als am 10. September 1991 zuerst die Single „Smells Like Teen Spirit“ und zwei Wochen darauf das dazugehörige zweite Nirvana-Album „Nevermind“ erschienen, deutete auch noch herzlich wenig auf jenen Urknall hin, der die weltweite Musikszene kurz darauf überrollen sollte. Erst als US-amerikanische College-Radios – und kurz darauf immer mehr Mainstream-Radiostationen – sich dem fünfminütigen Song mit jenem prägnantem Anfangsriff, der katalytischen Wucht und vereinnahmenden, identifikationsstiftenden Textzeilen wie „I’m worse at what I do best / And for this gift I feel blessed / Our little group has always been / And always will until the end“ annahmen und die Single in Heavy Rotation spielten, wurde offensichtlich, dass hier soeben eine Jugend im Begriff war, ihren Soundtrack zu finden – here we are now, entertain us. Kurz darauf griff MTV das von Regisseur Samuel Bayer in ein dystopisches Highschool-Setting verlegte Musikvideo zu „Smells Like Teen Spirit“, welches Nirvana inmitten selig ausrastender Jugendlicher und Cheerleader zeigte und mit Cobains weltschmerzverzerrter Grimasse endete, auf, um es wieder und wieder und wieder und wieder über die Bildschirme flackern zu lassen (in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen und das Internet für die breite Masse noch ein feuchter Traum war). Im Januar 1992 verdrängte „Nevermind“ schließlich Michael Jacksons „Dangerous“ von der Spitzenposition der US-amerikanischen Billboard 200-Charts – eine Wachablösung allererster Güteklasse. Der Rest ist Pop-Geschichte: Seattle stand plötzlich im Fokus der (kulturellen) Öffentlichkeit, „Grunge“ und alles, was damit einher ging, wurde das zweifelhafte Prädikat „en vogue“ zuteil (angefangen vom Kleidungsstil mit Flanellkaro-Hemden, zerrissenen Jeans, schweren Boots oder Chucks, bis hin zur grüblerischen Lebenseinstellung), massig weitere artverwandte lokale Bands wie Pearl Jam, Soundgarden, Alice In Chains oder die Screaming Trees, aber auch Gruppen, die nicht aus Seattle und dessen Umland stammten, wie die Smashing Pumpkins (aus Chicago) oder die Stone Temple Pilots (aus dem kalifornischen San Diego), wurden im Fahrwasser von Nirvana ans Licht des musikalischen Interesses gespült. Über allem thronte Kurt Cobain, der mehr fremdbestimmte spokesman der „Generation X“. Und spätestens hier setzt die Zweischneidigkeit ein, denn einerseits genoss der damals 25-Jährige in guten Momenten die Aufmerksamkeit, die ihm und seiner dreiköpfigen Band, zu welcher sich mittlerweile ein neuer Schlagzeuger namens Dave Grohl gesellt hatte, zuteil wurde und konnte großartige Live-Shows abliefern, während ihm tausende von Heranwachsenden jede Silbe von den Lippen griffen. Andererseits litt der Nirvana-Frontmann mit dem wahrhaft idolesken, rebellenhaften Äußeren (Drei-Tage-Bart, zerzaustes Haar, „grungy“ – also: „schmuddeliger“ – Kleidungssteil) jahrelang unter Einsamkeit, Depressionen und Magenschmerzen – und auch der Erwartungsdruck, dem er sich nach einem Millionenseller wie „Nevermind“ schon selbst aussetzte, machte die Sache nicht besser. Insofern darf die Reaktion auf den Erfolg von „Nevermind“, das mit „Smells Like Teen Spirit“ wohl einen der größten Rocksongs ever in petto hatte (laut Cobain war dies sein „Versuch, den ultimativen Popsong zu schreiben“, obwohl – für ihn – nur ein scherzhaft bezeichnetes „Pixies Ripoff“ dabei heraus kam), als typisch für Nirvana gelten: Statt Butch Vig engagierte die Band für den Nachfolger den für rohe und geradezu anti-poppige Klänge berüchtigten Produzenten Steve Albini. Doch wen wundert’s, auch das im September 1993 veröffentlichte dritte Nirvana-Album „In Utero“ wurde – allen sperrigen Rhythmen und skandalträchtigen Darstellungen (der gläserne schwangere Frauenkörper mit Engelsflügeln auf dem Albumcover, Cobains tumblr_mjlzgq8gAx1s77dsjo1_250verworfener Albumtitel „I hate myself and I want to die“ etc. pp.) zum Trotz – ein internationaler Erfolg, gierte die Musikwelt doch nach dem nächsten „Smells Like Teen Spirit“. Was sie bekam, waren Songs wie „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“, „Dumb“ oder „Pennyroyal Tea“ – kaum weniger hittig (in Alternative Rock-Maßstäben), aber dennoch um einiges sperriger und – ja – ein Quentchen mehr edgy. Und obwohl sich Vergangenes im Rückspiegel meist so offensichtlich deuten lässt, bemerkten wohl damals die wenigsten, wie es tatsächlich um Nirvanas Frontmann stand. Der mittlerweile mit der kaum weniger skandalösen oder psychisch gefestigten Courtney Love, ihres Zeichens damalige Frontfrau der Rockband Hole, verheiratete Familienvater (Tochter Frances Bean kam im August 1992 zu Welt) griff immer öfter zur Heroinspritze, wenn ihn die Welt auf seinen Schultern und die Stimmen in seinem Kopf zu erdrücken drohten. Konzerte wurden für Nirvana zum Vabanquespiel, da weder Novoselić noch Grohl noch irgendjemand der Nirvana-Crew im Voraus wissen konnten, welche Tagesform ihr Frontmann heute zeigen würde. Mal lieferte Cobain eine hervorragende Show ab und war (nach Außen hin) der bestens aufgelegte und zu allen Späßen bereite Grinsemann, mal spuckte er Gift und Galle, zerlegte noch vor Konzertende das gesamte Bühnenequipment und stürmte von dannen. Denn obwohl er mehrfach – erfolglos und wahrscheinlich halbherzig – versuchte, von den Drogen los zu kommen, hatte ihn das Heroin längst im dauerhaften Schwitzkasten. Nach einem letzten – und reichlich desaströs verlaufenen – Konzert in München mussten Nirvana Anfang März 1994 ihre „In Utero“-Tournee aufgrund von Cobains Magenproblemen unterbrechen. Der Frontmann flog mit Ehefrau Courtney Love nach Rom, wo Cobain am 4. März in komatösem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert wurde – Diagnose: Suizidversuch mithilfe einer Überdosis Beruhigungsmittel sowie einer beträchtlichen Menge Alkohol. Cobain überlebte und wurde von seinem nähren Umfeld – seine Band war damals längst aufgelöst, wie Novoselić und Grohl Jahre später bestätigten – erneut zu einem letzten Entzugsversuch im „Exodus Recovery Center“ im kalifornischen Marina del Rey gedrängt. Am 1. April floh Cobain jedoch von dort und tauchte unter. Sieben Tage später, am 8. April 1994, wurde der Nirvana-Frontmann tot im Garagenanbau seines Hauses am 171 Lake Washington Boulevard in Seattle aufgefunden. Wie Polizei und Gerichtsmediziner übereinstimmend feststellten, hatte sich Cobain drei Tage zuvor mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aus seiner Browning Auto-5 Selbstladeflinte das Leben genommen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, der – nicht eben zufällig und auch deshalb so vielsagend – mit einem Zitat aus dem Neil Young-Song “ Hey Hey, My My“ endete: „It’s better to burn out than to fade away“„Es ist besser, auszubrennen als zu verblassen“

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Teenage angst has paid off well…

Kurt Cobain war leider nicht der einzige Frontmann einer Seattle-Rockband, der sein Heil in der Drogenabhängigkeit suchte, nur um am Ende elendig daran zugrunde zu gehen. Bereits im März 1990 verstarb mit Andy Wood der Sänger der Hardrockband Mother Love Bone (es mag ein zynischer Wink des Schicksals gewesen sein, der wollte, dass es ohne Woods Tod wohl nie zur Gründung der „Grunge-Dinos“ von Pearl Jam gekommen wäre – aber das ist eine andere Geschichte), am 5. April 2002 – und damit exakt (!) acht Jahre nach dem Freitod Cobains – starb mit Layne Staley, der sich nach vielen Jahren der Drogenhölle eine „Speedball“ genannte tödliche Überdosis aus Heroin und Kokain verabreichte, der Frontmann von Formationen wie Alice In Chains und Mad Season. Aber: Cobain war für kurze drei Jahre das Gesicht der Rockmusik, die sich von der Stadt mit der „Space Needle“ aus aufmachte, die gesamte Musikwelt hinterrücks zu erobern. Wer’s blumig-pathetisch mag: Kurt Cobain war der Posterboy des „Grunge“, die Stimme all jener, die im Sportunterricht zuletzt gewählt wurden und am Abend des Abschlussballs einsam und verlassen in der hintersten Ecke herumlungern mussten, während sich die Highschool-Quarterbacks die hübschen Cheerleader angelten. Dass der Sänger beileibe nicht nur jenes „depressiv-aggressive Häufchen Elend“ war, zu dem die (Mainstream-)Medien ihn – vor wie nach seinem Tod – gern und häufig stilisierten, sondern zuweilen auch voller Tatendrang, jugendlichem Leichtsinn, Witz und Energie, dürfte Fans wohl schon immer sauer aufgestoßen sein. Unterm Strich folgte Cobains Leben und Sterben jedoch – und auch das scheint bei näherer Betrachtung unumstößlich – dem festen Prinzip der Popmusik, einen Heroen zum „neuen Heilsbringer“ zu erklären, nur um später seinen Freitod in nahezu messiashafte Höhen zu erheben. Denn ganz gleich, welchen aus dem tragischen „Club der 27„, zu welchem, neben Cobain, auch der damalige Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones (ertrunken im Swimmingpool, 1969), Gitarrist Jimi Hendrix (offiziell: erstickt an Erbrochenem nach einer Überdosis Alkohol und Schlaftabletten, 1970), Sängerin Janis Joplin (Überdosis Heroin und Alkohol, 1970), Doors-Frontmann Jim Morrison (offiziell: Herzversagen – wurde jedoch nie so ganz aufgeklärt, 1971) oder die britische Soul-Hoffung Amy Winehouse (Alkoholvergiftung, 2011) gehören, man sich eben herauspickt, so wird klar, dass sich mit der Legende von ewiger Jugend und juvenilem Leichtsinn eben das verlässlichere Jahreseinkommen vorausplanen lässt als mit jenen stetig strauchelnden Existenzen, die da innerhalb der „magischen 27“ das Zeitliche segneten. Auch der vermeintliche Zwist, zu dem – bereits zu Cobains Lebzeiten – das Verhältnis zur „Grunge-Konkurrenz“ durch die „Trittbrettfahrer“ von Pearl Jam von den Medien hochstilisiert wurde, ist beileibe nicht der Rede wert. Fest steht, in diesem Punkt: Cobain gab in Interviews so manchen nicht eben ernst gemeinten Unsinn von sich – sei es, ohne vorher darüber nachzudenken, oder einfach, um sich selbst zu unterhalten oder den jeweiligen Gegenüber zu foppen -, während von Seiten von Pearl Jam nie ein böses Wort über Nirvana fiel. Ganz im Gegenteil: Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder schien geradezu aufgelöst, als er in einem Interview, nur wenige Tage nach dem Tod des Nirvana-Sängers, kaum Worte zum adäquaten Ausdruck seiner Gefühlslage findet. Beide waren Freunde. Und Seattle lag in Scherben…

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Rape me, my friend…

Ob Kurt Cobain selbst der Kult gefallen hätte, der sich in den Jahren nach seinem Tod um ihn und seinen musikalischen Nachlass entwickelte? Ob er gewollt hätte, dass seine Witwe Courtney Love 1996 einerseits die zum Wallfahrtsort für trauernde Anhänger gewordene Garage samt Gewächshaus, in welchem Cobain sein Ende fand, abreißen ließ, nur um sich mit seinen ehemaligen Bandkameraden Krist Novoselić und Dave Grohl in einem jahrelangen Rechtsstreit (welcher noch immer nicht beendet scheint) gegenseitig zu zerfleischen? Wohlmöglich hätte er kaum seinen Segen zu all den Re- und Rererereleases der wenigen Veröffentlichungen gegeben, die Nirvana der Musikwelt hinterlassen hatten. Und schon gar nicht zur fragmentarischen Veröffentlichung der reichlich intimen Gedanken seiner „Tagebücher“ im Jahr 2002. Auch hätten er sich wohl kaum jene 97 Minuten des so fad-drepressiv nachempfundenen, 2005 erschienenen Filmdramas „Last Days“ anschauen wollen, in welchem Regisseur Gus Van Sant (u.a auch „Good Will Hunting“, „Elephant“, „Milk“) Cobains letzte Tage für die Leinwand inszenierte. Und falls nun wirklich jenes Musical (!) über das Leben und Wirken ihres verstorbenen Mannes Realität werden sollte, das Courtney Love noch kürzlich ankündigte (oder besser: androhte) – man mag sich nur mit Grausen die Veitstänze vorstellen, die Cobain darüber in Asche vollziehen würde… Jede Zeit braucht ihren taumelnden Helden, der unterhält und ausbrennt, anstatt zu verblassen. Zwanzig Jahre, und im Grunde ist alles wie immer. Serve the servants.

 

nevermind_front[Wenn auch in eckige Klammern gefasst, so sollen doch am Ende meine persönlichen Erinnerungen hier nicht fehlen: Natürlich war ich mit meinen zehn Jahren noch zu jung, um zu begreifen, welch‘ einschneidendes Erlebnis jener Apriltag für die Musikwelt haben würde. Dennoch kaufte ich mir ein paar Jahre später jenes sagenumwobene Album mit dem einer Dollarnote nachtauchenden Baby auf dem Cover – also: „Nevermind“ -, einfach, weil nach Cobains Tod überall davon die Rede war. Verstanden habe ich freilich kaum etwas von all der Wut und Verzweiflung, die die Band in den 55 Minuten darauf ebenso lautstark wie intensiv zum Ausdruck brachte, und tauschte das Album alsbald gegen die Ausgabe von Oasis‘ „(What’s The Story) Morning Glory“ einer Schulfreundin (und bereue es bis heute nicht). Zum „Grunge“ fand ich erst etwas später, als mich Pearl Jam im Jahr 1998 mit dem Song – und dem großartigen Musikvideo! – zu „Do The Evolution“ quasi für’s Leben verpflichteten. Seitdem sind Eddie Vedder & Co. die Band meines Herzens, ja: meines Lebens. Zwischen Pearl Jam und mich passt nicht einmal das sprichwörtliche „Blatt“… Trotzdem rührt mich – und da bin ich wohl kaum allein – die legendäre „MTV Unplugged“-Aufzeichnung, die Nirvana 1993 in New York einspielten und welche erst nach Cobains Tod im November 1994 ihre Veröffentlichung erlebte, noch heute zu Tränen. Eben weil Nirvana mit voller Absicht kaum einen ihrer „allseits beliebten Hits“ spielten, dafür bewegende Coverversionen wie „The Man Who Sold The World“ (David Bowie), „Lake Of Fire“ (Meat Puppets) oder „Where Did You Sleep Last Night“ (Leadbelly). Denn genau das war Kurt Cobain für mich: die grinsende Fratze eines traurigen Clowns, der der Gesellschaft und dem Musikgeschäft für einen kurzen Augenblick die Scherben eben jenes Spiegels ins vermeintlich makellose Antlitz drückte, den er Minuten zuvor mit dem kaputten Hals seiner Fender-Gitarre zerschlagen hatte. Und „Nevermind“ habe ich mir irgendwann ein zweites Mal gekauft…]

 

 

Natürlich überschlagen sich gerade zu Cobains 20. Todestag alle (digitalen) Medien, die meinen auch nur halbwegs etwas Sinnvolles zum Thema beisteuern zu können, mit Meldungen und Postings. So bietet etwa die Online-Ausgabe des deutschen „Rolling Stone“ „Kurt Cobains Leben mit Nirvana in Bildern„, während das US-amerikanische Original-Pedant damalige Freunde und Wegbegleiter (Dave Grohl, Krist Novoselić…) sowie prominente Nirvana-Fans (Josh Homme, Iggy Pop…) über Cobain erzählen lässt, das österreichische Nachrichtenportal „Die Presse.com“ unter dem Banner der Frage „Was blieb von Nirvana?“ einige Musikerlandsleute jenseits der Alpen über ihre Erfahrungen mit der Musik von Nirvana zu Wort kommen lässt und sich das „SPIN Magazine“ gefragt hat, was denn eigentlich die Teenager von heute über Nirvana und deren Frontmann denken und wissen – mit durchaus überraschenden Antworten. Aber seht selbst:

 

Mehr mag, der findet in der etwa sechs Jahre alten, knapp 43-minütigen Dokumentation „Kurt Cobain – Die letzten Tage einer Legende“ genau das, was der Titel im Ansatz offeriert:

 

Zu guter Letzt noch mein persönliches Lieblingsstück von Nirvana („You Know You’re Right“, das erst 2002 auf der obligatorischen Best Of-Compilation erschien und für mich alle Qualitäten Nirvanas in schlanken dreieinhalb Minuten zusammenfasst) sowie eine der wohl besten Varianten des tausendfach gecoverten Evergreens „Smells Like Teen Spirit“ (die Live-und-Piano-only-Version von Tori Amos, welche sie bereits 1992 „Live at Montreux“ zum Besten gab):

 

Rock and Roll.

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Ein Gedanke zu „Vom Ausbrennen und Verblassen, von König Curdt und dem Erzengel Kobain – zwanzig Jahre später…

  1. […] von Horse Feathers und Ásgeir. Und passend zum heute auf ANEWFRIEND veröffentlichten wortreichen Artikel zum 20. Todestag von Nirvana-Frontmann Kurt Cobain nehmen sich sowohl die Band als auch der […]

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