Abgehört…


U.S. Royalty – Blue Sunshine (2014)

Blue Sunshine (Cover)-erscheint im Selbstvertrieb-

Es gibt sie ja, diese Alben, zu denen einfach kein Stillstand passt. Alben, die diesen – um’s simpel zu halten – erst gar nicht zulassen, sondern laut nach einer endlosen Autofahrt irgendwo ins Nirgendwo, ohne Plan und ohne Ziel schreien. (Gut, insofern man keinen weiteren Hörproviant an Bord hat, beschränkt sich „endlos“ zumindest bis aufs Ende der Platte – insofern man wiederum die „Repeat“-Taste nicht findet oder finden mag….) Und freilich fallen wohl jedem andere und neue Beispiele hierfür ein, aber glaubt mir: Die frühen Springsteen-Sachen wie „Born To Run“ oder „The River“, eine Best Of-Sammlung von Lynyrd Skynyrd, etwas von Modest Mouse (etwa das große „Good News For People Who Love Bad News“), das Red Hot Chili Peppers-Konsenswerk „Californication“ oder die ewige Incubus-Messlatte „Morning View“ für alle Sonnenstunden und Ausflüge am Meer, „Blonde On Blonde“ vom Dylan-Bob, aktuell die tolle Mark Kozelek-meets-Jimmy LaValle-Kolaboration „Perils From The Sea“ – da macht man nichts falsch, viel mehr braucht’s nicht.

Einen artverwandten Roadtrip-Kandidaten stellt nun auch das aus Washington, D.C. stammende Indierock-Quartett U.S. Royalty in die (digitalen) Plattenregale. Der Name sagt euch nichts? Kein Wunder, denn schließlich gelten John Thornley (Gesang), dessen Bruder Paul Thornley (Gitarre), Jacob Michael (Bass) und Luke Adams (Schlagzeug) selbst in den heimatlichen musikalischen Weiten der US of A als bislang unterhalb des Radars der breiten Öffentlichkeit operierende und musizierende Band, die auch 2014 – und damit satte sechs Jahre nach ihrer Bandgründung! – noch ihre Alben ohne Plattenvertrag und damit im Selbstvertrieb veröffentlichen darf/muss (was freilich auch seine Vorteile haben kann). Dabei stimmen im Grunde sowohl die optischen wie akustischen Voraussetzungen, denn die vier Endzwanziger  (?) könnten vom Aussehen sehr glatt als mal bärtige, mal langhaarige Tresenkumpane der Kings Of Leon oder Fleet Foxes durchgehen, denen gerade eben ein Dress-Makeover im Stile der an Dandytum nicht eben armen flamboyanten Siebziger nahegelegt wurde, während musikalisch wahlweise – und nebst den bereits genannten Quellen – The Killers, Britpop-Psychedelia á la The Verve, Melodien der Hausmarke Fleetwood Mac oder – und das zuhauf – der auf Dringlichkeit geeichte Stadionrockismus von U2 durchklingen. Wie geschrieben: im Grunde… Denn sowohl der Veröffentlichungseinstand, die „Midsommar EP“ von 2009, als auch das zwei Jahre darauf erschienene Debütalbum „Mirrors“ fanden quasi unter dem Radar einer breiteren Hörerschar statt (die hielten wohl eher den Originalen und Inspirationsquellen die Stange) und wurden – wenn überhaupt – damals höchstens von der On- und Offline-Journalie als „Achtungserfolge“ gewertet. Natürlich hätte die wohl beste Reaktion von U.S. Royalty sein können – ja: müssen -, der potentiellen Hörerschaft schnellstmöglich einen noch besseren, noch größeren und eigenständigeren Nachfolger zu präsentieren – einen, den man nun wirklich nicht so einfach ignorieren konnte. Doch nach den absolvierten Tourneedaten folgte auf „Mirrors“ zunächst nur eines: Funkstille. Und das ganze drei Jahre lang…

(Pressefoto: Evan Perigo)

(Pressefoto: Evan Perigo)

Und dafür gab es, wie man nun mal hier, mal da (und wortgewaltig in der Biografie auf der Homepage der Band) lesen kann, wohl auch gute Gründe. Die Band selbst merkte, dass man sich bereits mit dem Albumerstling in eine stilistische Sackgasse manövriert hatte, in welcher sich keiner der Herren so richtig zurecht finden mochte. Als dann nach Konzerten, welche U.S. Royalty ebenso auf die Bühnen des prestigeträchtigen SXSW führten wie auf die der schweizerischen Art Basel, auch noch der Vater des Front-Brüderpaars John und Paul Thornley verstarb, zog die Band gemeinschaftlich die Reißleine, nahm sich eine Auszeit und setzte die Banduhr auf Null. Als alle vier wieder bereit waren für neue Songs, schloss man sich für sechs Monate gemeinsam mit dem langjährigen Freund und Tontechniker Justin Long, der bereits am Debüt mitgewirkt hatte, sowie Co-Prodzzent Sonny Kilefoyle in einem Haus in Great Falls, Maryland ein, um wieder kreativ sein zu können. Dass man von diesem Haus aus ausgerechnet auf einen geradezu malerisch anmutenden Friedhof blickte, man manch einer als Zufall, ein anderer als Fügung werten. Und wer nun ganz genau aufs Schwarz-weiß des Covers des neuen, zweiten Albums „Blue Sunshine“ schaut, der findet darauf sogar ein paar der Grabsteine eben dieses Friedhofs wieder…

Thematisch bewegen sich die elf neuen Stücke von „Blue Sunshine„, das das Schummrige, das Nebulöse, Melancholische und Wolkenverhangene bereits als spontane Assoziationen im Titel vor sich her trägt, irgendwo zwischen dem Heimweh – respektive: der Frage, das zur Hölle überhaupt „Heimat“ ist – und dem Fernweh, dem Festhalten an alten Lieben und dem Sich-öffnen für neue, dem Kampf gegen die inneren Dämonen der Vergangenheit und der Sehnsucht nach einem Leben in Zuversicht und Balance – ein nicht eben seltenes popmusikalisches Potpourri an großen Sujets also. Und trotzdem gelingen die Songs im Gros qualitativ geschlossener als noch auf dem 2011 erschienenen „Mirrors“, für welches die Band nach eigener Aussage eine Mischung aus „Spaghetti Western und Kubrick-Film“ im Kopf hatte. Da merkt man schon beim Opener „Into The Thicket“ erstmals auf, wenn die Band zur Akustischen, gar harmonischen, Fleet Foxes-liken Gesangpassagen und Textzeilen wie „Where do you go this time to be alone? / Eyes like mirrors is capturing a willing soul / What is that darkness in you, is it in me too? / Stay with me now, I hold, I hold you“ einsteigt, bevor Tambourine und Schlagzeug erstmals zaghaft das Gaspedal berühren. Das darauf folgende Titelstück legt da schon mit etwas mehr Verve los, während John Thornley streicherverhangen liebeskrank „Blue sunshine / Lightning my way / I tried to love you / But you turn me away“ singt und sich in Emphase und Vokaldehnung übt. In den nächsten Stücken legt die Band dann erst richtig los, bietet mal direkte Catchyness („Lady In Waiting“), mal Midtempo-Eighties-Rock-Referenen („Breathless“), mal britgerocktes Gitarrengegniedel („Slow Magic“), das auch Oasis nicht schlecht gestanden hätte, mal fluffig dahin plätschernde Melodien („Valley Of The Sun“) oder eine fein abgehangene Folk-Rock-Berg-und-Talfahrt wie „Only Happy In The Country“ auf, die im Text sowohl dem Stadt- als auch dem Landleben positive Aspekte abgewinnen kann („I’m only happy in the country / Until I miss the city…“). Die Ballade „Get On Home“ bildet auf „Blue Sunshine“ so etwas wie den emotionalen Trennpunkt, verarbeitet die Band in dieser ja nichts weniger als all die ungewollten Abschiede/Todesfälle der jüngeren Bandgeschichte – aber auch das Ankommen in der (alten) Heimat („He is gone but not forgotten / In the phrases of our minds /…/ So get on home / Say hello to the family / Give my regards to the one named Nancy / Been away so long“). Da darf denn auch in „South Paradiso“ wieder ordentlich in Sixties-Rhythmen und Jingle-Jangle-Melodien gebadet werden, bevor das von Paul Thornleys spanischer Gitarre bestrittene Instrumental „De Profundis“ (deutsch: „Aus der Tiefe“ – benannt nach einem Brief, den der Schriftsteller Oscar Wilde einst an einen inhaftierten Freund schrieb) erneut die Geister auf emotionale Herbsttemperaturen herunter kühlt und der U.S. Royalty’sche Bandbus zur stark aufspielenden Vier-Minuten-Abschlussemphase „Two Worlds“ gen Horizont entschwindet…

u.s. royalty

Nun bleibt jedoch auch nach „Blue Sunshine“, dem durchaus gelungenen 44-minütigen zweiten Album von U.S. Royalty, der Eindruck, dass die Band sich nicht zum stadionrockenden Kassenschlager entwickeln dürfte. Dafür zielen die elf Stücke, für die John Thornley und Co. im November 2012 in den Dreamland Recording Studios  letzte Hand anlegten, einfach zu sehr auf das Aufleben großer Rock- und Folkgeister von Fleetwood Mac über David Bowie und The Doors bis hin zu U2 ab (mit U2s Frontmann Bono teilt sich Sänger John Thornley unüberhörbar den zu empathisch-dringlichen Höhen aufschwingenden Gesang). Wenn überhaupt, klingen auch drei Jahre nach dem Debütalbum höchstens Bands und Künstler an, die sich bereits ihrerseits der Verwaltung wertgeschätzter Folk- und Rocktraditionen verschrieben haben (Fleet Foxes, Mumford & Sons, The Killers, Oasis, Kasabian). Wer jedoch auch nur mit einer der genannten Bands glücklich wird, der sollte für und auf „Blue Sunshine“ ein Ohr riskieren, denn einen passenderen Roadtrip-Soundtrack als diese Tour quer durch die emotionalen Landschaften der vielfächrigen Vereinigten Staaten – wer’s anschaulich mag: vom sonnigen Kalifornien einmal quer durch’s weite Ödland des Mittleren Westens über die schroffen Felsklüfte der Appalachen bis hinein in den urbanen Schmelztiegel New York City – kann man wohl lange suchen…

 

Auf der Bandcamp-Seite von U.S. Royalty kann man sich „Blue Sunshine“…

…sowie alle weiteren Veröffentlichungen der Band in Gänze anhören und bei Gefallen käuflich erwerben.

 

Im Musikvideo zum Titelstück von „Blue Sunshine“ hat einem die Band die Roadtrip-Qualitäten ihrer Musik bereits einmal vor Augen geführt…

 

…während man sich hier, beim Cover des Marvin Gaye-Protest-Evergreens „What’s Going On“, von den U.S. Royaltys Reinterpretationskünsten überzeugen darf:

(Und ich kann mir nicht helfen – irgendwie erinnert Frontmann John Thornley – und das wohl hoffentlich bewusst – hier mit Outfit und Stimme besonders an missionarischen Eifer von U2-Bono zu Zeiten von Meilensteinen wie „Joshua Tree“…)

 

Rock and Roll.

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