Abgehört…


Billie Joe + Norah – Foreverly (2013)

Foreverly (Cover)-erscheint bei Reprise Records/Warner-

Jetzt heißt’s ganz stark sein: Billie Joe Armstrong und Norah Jones veröffentlichen ein dreistündiges Dub Techno-Kompendium, welches sich ganz dem Gedenken an den deutschen Elektro-Pionier Karlheinz Stockhausen hingibt. Ist (h)ausgemachter Quatsch? Keine Angst – natürlich!

Viel einfacher, und nichtsdestotrotz immer noch recht spannend: Der Green Day-Frontmann und die Popfolkjazzsoul-Chanteuse haben sich „lediglich“ die Everly Brothers vorgenommen und werfen mit „Foreverly“ quasi ihre Reproduktionen des 1958 vom US-amerikanischen Country-Duo veröffentlichten Album „Songs Our Daddy Taught Us“ auf den Musikmarkt (das damals bereits Reinterpretationen von traditionellen Balladen und Standards darstellte). Dabei beweist die eine Seite (Billie Joe) Mut, die andere Seite (Norah) erneut das richtige Näschen für den passenden Duettpartner. Und der Zeitpunkt könnte kaum passender sein…

Billie Joe + Norah #1

Denn Armstrongs Hauptband Green Day steckt momentan, wie er selbst, in einer scheinbaren kreativen Sackgasse: Waren „American Idiot“ (2004) und „21st Century Breakdown“ (2009) noch musikalisch überbordende, überlange und preisgekrönte Rock-Rundumschläge mit wahrhaft epischen Ausmaßen und prächtigen Verkaufszahlen, versuchte sich die Band mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Albumdreierpack aus „¡Uno!„, „¡Dos!“ und „¡Tré!“ quasi an der Rückbesinnung an selige Neunziger-Jahre-Punkrockzeiten. Reduktion? Fehlanzeige! Qualität? So lala… Dazu kam, dass man dem Frontmann die beinahe pausenfreien Ochsentouren zwischen Studio und Stadionbühne mehr und mehr ansah – boulevardträchtige Bühnenausraster, Rehab? Pause, bitte! Norah Jones hingegen gab seit ihrem elf Jahre zurückliegenden Debütalbum-Paukenschlag „Come Away With Me„, welcher die Musikwelt im Nu und auf sanften Jazz-Pfoten von ihrer Stimme und Person vereinnahmte, stets das auf niedlichem Niveau trällernde Jazz- und Soulpop-Goldkehlchen, sammelte Verkaufs- um Verkaufsschlager und Auszeichungen als Glanzlichter für die eigene Biografie und tobte sich auf breitem Terrain abseits des Mainstreams aus. So konnte man die Tochter von Sitar-Gott Ravi Shankar ebenso auf der großen Leinwand (2007 in „My Blueberry Nights“ und 2012 in „Ted“) bewundern wie in musikalisch mal gewagten (im Rahmen von Mike Pattons Projekt „Peeping Tom“ oder gemeinsam mit Danger Mouse und Daniele Luppi auf deren Album „Rome“), mal gefälligen (mit den Foo Fighters, mit Ray Charles, mit Ryan Adams) Kollaborationen oder im Bandverbund der Little Willies. Dass beide sich nun an Coverversionen einer US-Countryinstitution wagen, stellt dabei höchstens ein kleines Wagnis dar, denn Billie Joe griff bei Green Day schon in der Vergangenheit („Wake Me Up When September Ends“! „Good Riddance (Time Of Your Life)“!) gern mal zur Akustischen, während Norah sich gar nicht erst all zu fern von ihrem eigentlichen Klangfeld weg bewegen muss. Außerdem sind traditionelle Folker nicht erst seit Mumford & Sons, The Lumineers oder „Inside Llewyn Davis“, dem neuen Film der Coen-Brüder, für den sich die Regisseure tief in die New Yorker Folkszene der Sechziger Jahre hinein spüren, schwerst en vogue.

Billie Joe + Norah #2

Anhand all dieser kleinen Hinweise ahnt man bereits, wohin es mit „Foreverly“ geht. Die Akustische schrammelt keusch, die Mundharmonika erklingt (etwa im Opener „Roving Gambler“), die Fiddles fiedelieren („Barbara Allen“), das Piano klimpert, die Slidegitarre slidet, die Pedal Steel jubiliert, während Billie Joe und Norah diese wasweißichwiealten, quasi „uramerikanischen“ Stücke in allerliebstem Harmoniegesang vortragen (heißt auch: die Green Day-Stimme als markant schweres Kopfkissen und Jones‘ Organ als herrlich volle, warme Decke). Dass das Ganze nicht zum Vergangenes in all zu braver Form abfeiernden Schnarchgesang ausartet, darf als gesichert gelten, haben doch die zwölf Stücke – nicht erst seit der erfolgreichen Behandlung durch die Everly Brothers vor 55 Jahren – eine universale Gültigkeit, sind Abgesänge an Fern- und Heimweh, an Liebe und Triebe, an das Leben und Sterben. Da wippt das Bein, da flimmert das Kopfkino ganz von allein von staubig-sonnigen Straßen und endlosen Bahngleisen – ganz gleich, ob nun im kalten Bottrop-Kirchhellen oder in der texanischen Großstadt. Und Songs wie die schaurig schöne Moritat „Down In The Willow Garden“ oder der gut 300 (!) Jahre alte englische Traditional-Dauerbrenner „Barbara Allen“, an dem sich bereits so ziemlich jeder „Folkie“ von Bob Dylan über Art Garfunkel, Joan Baez, Emmylou Harris über Frank Turner oder die Decemberists versuchte, sind immer wieder schön anzuhören. Da macht „Foreverly„, das gelungene Everly Brothers-Tribut zweier glühender Everly Bothers-Fans, natürlich keine Ausnahme. Selten haben sich 15 Grammyauszeichnungen (zehn davon gehen allein auf Jones‘ Konto!) geschmackvoller an Instrumenten und vorm Mikrofon versucht, schöner haben es zwei Größen seit Robert Plant und Allison Krauss nicht mehr gemeinsam miteinander im Country House versucht. Die Schöne, der Punkrocker… und Stockhausen bleibt in der Kiste.

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Hier gibt’s die erste Single „Long Time Gone“ sowie das Stück „Silver Haired Daddy Of Mine“ im Stream…

 

…und ein kurzes Interview mit Armstrong und Jones zum gemeinsamen Album:

 

Rock and Roll.

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