Das Album der Woche


Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase (2013)

Schau in den Lauf Hase (Cover)-erschienen bei Tapete/Indigo-

Immer diese Doppeldeutigkeiten! „Die Höchste Eisenbahn„? Sollte damit tatsächlich die „Lhasa-Bahn“ gemeint sein, der seit 2006 von Peking aus über einen 5000 Meter hohen Pass bis ins tibetanische Lhasa fährt? Wohl kaum. Obwohl auch das gerade bei dieser Truppe bunt musizierender Songwriterhunde kaum verwunderlich wäre…

Vielmehr haben hier Moritz Krämer, Tele-Kopf Francesco Wilking, Schlagzeuger und Heike Makatsch-Freund Max Schröder (u.a. Tomte, Olli Schulz & Der Hund Marie) sowie der multiinstrumentale Keyboarder Felix Weigt (u.a. Kid Kopphausen, Lena Meyer-Landrut) bereits den ersten doppelten Boden eingebaut. Denn natürlich war es für alle Wartenden sprichwörtlich „höchste Eisenbahn“, dass das Berliner Quartett mit dem ersten gemeinsamen Langspieler um die Ecke kam, immerhin bespielen die Jungs bereits seit Jahren – nebst Gästen wie Gisbert zu Knyphausen oder Judith „Wir sind Helden“ Holofernes – gemeinschaftlich Konzertbühnen, immerhin erschien der erste Albumvorbote – in Form der vielversprechenden „Unzufrieden EP„, bei der die beiden genannten Gäste dann auch kurze Gastauftritte hatten – bereits vor knapp einem Jahr. Und das ist erst der Anfang, denn bereits im Albumtitel „Schau in den Lauf Hase“ ist die nächste doppelte Spitze versteckt…

Die Höchste Eisenbahn #1

Dabei sagt das Cover bereits so viel: Die dreizehn neuen Stücke der Höchsten Eisenbahn sind ebenso hässlich wie faszinierend, ebenso gestrig wie modern, ebenso schlau ausstaffiert wie konventionell und dröge wie dieser abgrundtief bunt nach hipsterhafter Nostalgieschiene schreiende Pullover. Die Songs von Krämer und Wilking, die hier ihrem Talent als hervorragende deutsche Liedermacher (wird übrigens langsam Zeit, dass diese Bezeichnung ihre Reinhard Mey’sche Bräsigkeit verliert!) freien Lauf lassen, erzählen große Geschichten von kleinen Dingen, von alltäglichen Sachen, die hier zu neuem Glanz kommen. Fast scheint es, als seien die beiden tagelang mit Klampfe, Zettel und Stift (richtig: der „moderne Liedermacher“ hat gefälligst einen trocknen Reim auf Tablet- und Notebooktrends zu geben!) bewaffnet durch die Straßen der bundesdeutschen Hauptstadt gezogen, nur um mal an dieser Kreuzung, mal an jener Straßenecke oder im Café vor selbiger Halt zu machen, den Leute an der S-Bahn-Haltestelle zuzusehen oder dem Pärchen am Nachbartisch zuzuhören. Heraus kommt ein Abbild des ach so hippen, auch so allerlei Trends hinterher laufenden Großstadtmenschen – nur damit der, hasengleich, am Ende des Dauerlaufs in das Ende eines gesellschaftlichen Gewehrlaufs blicken darf…

“ ‚Allo, das ist die ‚öchste Eisenbahn“ – nach einer befremdlichen Ansage mit feinstem französischem Akzent (Frankophilie galore!) geht’s auch schon flux mit „Egal wohin“ los, in dem sich Francesco Wilking über „Traumreisen, Geldversprechen, schneeweiße Smartphonelächeln“, über „Prada, Visa, L’Oreal“, über „Morgan Stanley, Crédit Suisse“, über „Google, Apple, IBM“, über „Adidas, Danone, Siemens“, über… – ach, belassen wir’s dabei – echauffiert, während sich Moritz Krämer (noch) im Hintergrund hält. Klar, der Großstadtmensch ist die urbane Beute der gefräßigen Werbeindustrie, die ihn lenkt und schlussendlich fremdbestimmt, die ihm vorgaukelt, dass alles – Käufliche! -, Internet sei Dank, immerzu und in jedem Falle zu haben ist – „Niemand weiß so gut wie ich was gut für dich ist“. Gleich darauf gibt’s mit dem zurückgelehnten Mundharmonika-Regenbogenpopper „Body & Soul“ das Kontrastprogramm: Frühlingsgefühle statt Kommerzhatz, mediale Dauerberieselung statt ernsthaftem Diskurs, Einheit von Körper und Geist als egomaner Gegensatz zur Gemeinschaft („Ich will meinen Namen hören aus jeder Stadt und jedem Dorf“). In den folgenden Stücken erzählt das Gespann Geschichten, in denen „Isi“ im nächtelangen Alkoholrausch hoffnungslos dem Traumbild ihres Großstadtprinzen hinterher läuft – und der sich stets als grausam öde quakender, penetranter Frosch herausstellt. Oder vom befreienden Verlieben Hals über Kopf („Pullover“). Oder – in den beiden Ruhepolen „Alle gehen“ und „Blaue Augen“ – von Rastlosigkeit und dem Gefühl des Ankommens und Loslassens. Daneben kommt mit „Raus aufs Land“ auch ein Stück, welches sich schon seit Jahren im Liverepertoire von Krämer befindet, zu später verdienter Ehre und berichtet vom verzweifelten Versuch, eine längst am Alltag zerbrochene große Liebe durch die Flucht aufs Land noch einmal zu kitten – während der vermeintlich nette Nachbar von nebenan schon mit den triebhaften Hufen scharrt („Ich liebe Autofahren / Und du liebst inzwischen Kai /…/ Zu zweit mit heißem Kaffee auf der eigenen Terrasse / Keiner hat uns gewarnt, dass ich dich hier so schnell hasse / Dieses Haus ist nichts als Pappe / Ein Gerüst ist ein Gerüst ist ein Gerüst ist ein Gerüst… / Ist es das, was du nur wolltest, was immer stank? / In unserer Zwei-Zimmer-Wohnung / Meintest du das mit ‚raus aufs Land‘?“). Und natürlich sind die wahren „Aliens“ im gleichnamigen Song (ebenfalls ein längst bekannter Livefavorit von Krämer) nicht die befremdlichen Besucher, sondern diese sich gleichsam am Leben abrackernden und von A nach B hastenden Geschöpfe namens Menschen. Und freilich springt einen im exquisiten, vergroovt vom gesellschaftlichen Rattenrennen erzählenden Titelstück „Schau in den Lauf Hase“ der Wortwitz ebenso an wie die musikalischen Querverweise zu Grönemeyers „Mambo“ oder – meinetwegen – auch Paul Simons „Graceland“. Die Single „Was machst du dann“ irritiert zuerst mit fröhlich trällerndem „Schubidu“-Mädchenchor, stellt sich alsbald jedoch als große, von Wilking und Krämer im Duett durchgezogene „Scheißegal“-Hymne mit dem „Halt dich and einer Liebe fest“-Gestus eines Rio Reiser dar („Wenn eins und zwei nicht mehr drei ergibt / Wenn deine Liebe dich verlässt / Und du in die Freiheit fliehst / Was machst du dann?“). Nachdem Krämers „Allen gefallen“, mit seinen treibenden Synthieflächen der geheime Stehtänzer des Albums, aus Liebe alle gestrigen Wunschvorstellungen gen Norden fahren lässt („Ich sag‘ die Dinge, die du sagst, und / Ich mag die Dinge, die du magst, und / Ich hab‘ lachen gelernt / Seitdem lache ich gern“), versucht Wilking im Abschlussstück „Die Uhren am Hauptbahnhof“ schlussendlich, die Zeit stillstehen zu lassen – und das sogar auf Italienisch…

Die Höchste Eisenbahn #2

Zugegeben, man muss auf „Schau in den Lauf Hase“ schon so einiges in Kauf nehmen, denn die vier seltsam positiv verpeilten Musikerbestandteile der Höchsten Eisenbahn lassen ihrem Hang zum Experiment auf dem Albumdebüt freien Lauf. Natürlich dürfen Saxophone neben DX7-Keyboards, Casio-Flöten und Discobeats mit ins Studio, um sich nicht selten gleichberechtigt neben das übliche Instrumentarium (AkustikgitarreSchlagzeugBass) zu stellen. Und so klingen nicht wenige der knapp 60 Minuten nach den selig grauslichen Achtzigern, nach „La Boum“ und endlosen Großstadtsommern. Dass all das nicht zur hipsterexklusiven Revueshow oder – schlimmer noch – veritabel lahmarschen Nostalgieveranstaltung gerät, sondern – im Gegenteil! – frisch, beschwingt und lässig daherkommt, könnte kaum beruhigender sein. Denn Wilking, Krämer, Schröder und Weigt streuen ihre musikalischen guilty pleasures mit Bedacht ins Feld, das die beiden Erstgenannten mit höchster lyrischer Nonchalance beackern. Dabei präsentiert sich Francesco Wilking als deutsche Indiepop-Antwort auf Dylan (okay, mit Abstrichen…) und Moritz Krämer… ist eben Moritz Krämer, der verschlurfte Melanchozyniker, den man einfach liebhaben muss (man höre bei dieser Gelegenheit dessen zwei Jahre junges Solodebüt „Wir können nix dafür„, aber auch Wilkings Alleingangserstling „Die Zukunft liegt im Schlaf„). Gemeinsam schafft Die Höchste Eisenbahn eine höchst zeitgeistiges Portrait des ach so modernen Großstadtbewohners, oversexed und underfucked, rast-, ruhe- und ratlos, immer in Bewegung auf nach Nirgendwo, gemeinsam im Rattenrennen mit der Sichtweite von Legehennen. Dabei will doch jeder, ob nun in urbaner Enge oder auf ländlicher Weide, nur das eine: Liebe, Zuspruch und Geborgenheit… Nur gut, dass sich „Schau in den Lauf Hase“ mit allerlei väterlichen Tröstern und spitzbübischen Augenzwinkereien aus der Affäre zieht – und sich so als erstes großes popmusikalisches Berlin-Album seit Wir sind Heldens „Bring mich nach Hause“ herausputzt. Die Böden sind doppelt gesichert, es gilt, sich ein Ticket zu sichern! Und Lhasa ist weit…

„So wie ein Satz, der alles muss und nichts kann. Den hab‘ ich noch nicht gesagt, ich glaub‘, der ist jetzt mal dran.“ („Alle gehen“)

Tibet-Bahn

 

Wer die Gelegenheit hat, der sollte sich Die Höchste Eisenbahn im Zuge ihrer „Schau in den Lauf Hase-Tour 2014“ auf einer dieser Konzertbühnen gönnen…

DIE HÖCHSTE EISENBAHN
„Schau In Den Lauf Hase-Tour 2014“
(Support: Desiree Klaeukens)
08.01.14 Hamburg, Knust
09.01.14 Darmstadt, Centralstation
10.01.14 Köln, Studio 672
11.01.14 Stuttgart, Pop Freaks (Merlin)
05.02.14 Dresden, Groovestation
06.02.14 Wien, B72
07.02.14 München, Kranhalle
08.02.14 Erfurt, Museumkeller
09.02.14 Essen, Zeche Carl
11.02.14 Aachen, Musikbunker
12.02.14 Leipzig, NaTo
13.02.14 Hannover, Lux
14.02.14 Bremen, Tower
15.02.14 Osnabrück, Glanz&Gloria
16.02.14 Berlin, Lido

…und sich vorher mit diesem Interview von Eisenbahn-Viertel Francesco Wilking (geführt von jetzt.de, einem Webportal der „Süddeutschen Zeitung“), den Videos zur Single „Was machst du dann“…

 

…sowie von „Jan ist unzufrieden“ (zu finden auf der „Unzufrieden EP“)…

 

…und mit Hörproben der EP auf die Band einzustimmen:

 

 

P.S.: Ein Gruß geht mit diesem Album ins ferne Neuseeland an meinen Bruder, der ebenso die Soloalben von Moritz Krämer und Francesco Wilking mag. Ich bin mir sicher: Auch „Schau in den Lauf Hase“ wird dir gefallen…

 

 

Rock and Roll.

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3 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase mehr… […]

  2. […] André Baldes veröffentlichte auch das Berliner Quartett vor wenigen Wochen sein Debütwerk “Schau in den Lauf Hase“. Dabei sind Francesco Wilking (als Frontmann der Indiepopper Tele und solo), Moritz Krämer […]

  3. […] im Proberaum, deutlich mehr aus einem Guss als noch das drei Jahre zurückliegende Debüt „Schau in den Lauf Hase„, welches damals vor allem Stücke enthielt, die hörbar entweder aus der Feder Wilkings oder […]

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