Abgehört…


Nix los gewesen in meinen Gehörgängen in der letzten Zeit? Weit gefehlt! Hier mehr oder minder kurz die ein oder andere interessante Beobachtung…

 

The Australian Pink Floyd Show – Live at the Hammersmith Apollo 2011 (2012)

Australian Pink Floyd-erschienen bei Blackhill/Edel-

Mit Coverbands ist das ja so ’ne Sache… Bei den meisten merkt man bereits nach wenigen Minuten, dass hier ein paar sehr enthusiastische Jungspunde (respektive: bierbäuchige, gestandene Mannsbilder mittleren oder gesetzteren Alters – man gestatte mir diese kleine Persiflage) zusammen gekommen sind, um – mehr schlecht als recht – ihren großen Idolen im Kleinen nachzueifern. Dass dabei Einsätze verpasst und kaum eine Tonlage getroffen oder gehalten werden kann – scheiß drauf, der Wille zählt!

Nun sollte man annehmen, dass sich eine – vor allem in ihrer Spätphase, und Dank ihres Ex-Kopfes Roger Waters – derart auf künstlerische Perfektion konzentrierte Band wie Pink Floyd als nahezu uncoverbare „heilige Art Rock-Kuh“ ausnehmen würde. Nix da! The Pink Floyd Sound (holländische Tribute Band), Pink Project, Pink Floyd Project, Echoes (die bekannteste deutsche Tribute Band), Brit Floyd (unverkennbar: aus Großbritannien), Pink Noise, Eklipse, The Floyd Sound – die Liste ist lang und könnte gern noch um einige Namen verlängert werden (wenngleich die polnische Kombo Pink Freud trotz ihres preisverdächtigen Namens nicht dazu zählt). Die weltweit beste Pink Floyd-Coverband sind jedoch ohne Zweifel The Australian Pink Floyd. Warum? Nun, wer je ein Konzert von „Aussie Floyd“ besucht hat, der merkt sofort, dass hier keine Kerle ans Werk gehen, die nur mal eben so, bei ein, zwei, drei Feierabendbieren, zusammenstehen, um die größten Schmonzetten ihrer Jugendhelden nachzuklimpern. Nein, die gut zehnköpfige Band um Leadsänger Steve Mac setzt seit ihrer Gründung 1988 im australischen Adelaide alles daran, ein möglichst perfektes Ebenbild der ewig großen Pink Floyd abzugeben – musikalisch wie visuell. Und das hört man, und das sieht man. Egal, welchen Song „Aussie Floyd“ sich zu eigen machen, es sitzt jede Note, (beinahe) jede Harmonie und jeder Akkord am angestammten Floyd’schen Platz. Dazu flimmern, ebenso wie damals bei den Originalen (oder nun bei Roger Waters Soloshows), kunstvolle Visuals über große LED-Leinwände, bevor ein überdimensionales Känguru am Bühnenrand erscheint (analog zum Floyd’schen Schwein – aber: hey, soviel Heimatverbundenheit hat Charme!).

australian pink floyd #1

Einen ersten, umfassenden Eindruck hiervon kann man sich anhand des vor zwei Jahren in London mitgeschnittenen Livealbums „Live at the Hammersmith Apollo 2011“ machen. Die Setlist umfasst ebenso die unvermeidlichen Klassiker („Shine On You Crazy Diamond 1-5“, „Money“, „Breathe“, „Wish You Were Here“, „Another Brick In The Wall, Part 2“, „Comfortably Numb“…) wie kleine Obskuritäten wie „Careful With That Axe, Eugene“ oder die Syd Barrett-Komposition „Arnold Layne“ (aus dem Jahr 1967 und damit Pink Floyds erste Single überhaupt!). Keine Frage, hier sind begeisterte Könner am Werk. Die stilbildende Gesangsachterbahn „Great Gig In The Sky“ wird ebenso souverän bewältigt wie die – live! – ewig große Tour de Force „Comfortably Numb“ (als eindeutig an der Waters-Version geschulter Dreizehnminüter). Wer Unterschiede oder gar eigene Noten heraushören möchte, der muss – selbst als Floyd-Kenner – schon sehr genau zuhören. Ob „Aussie Floyd“ am Ende mehr sind als eine mächtig professionelle Tribute Show? Nun, zumindest wurde ihnen bereits vor einiger Zeit der Segen von den Original-Floyd-Mitgliedern erteilt, die Band spielte (und jamte!) gar auf dem 50. Geburtstag von Gitarrist David Gilmour. Analog zum Livealbum sei jedem jedoch die visuelle Variante (ob nun als Blu-ray oder DVD) ans Herz gelegt, denn ebenso wie bei Pink Floyd macht auch bei The Australian Pink Floyd erst der Gesamteindruck aus allen Komponenten das Bild richtig rund… Und bei nächster Gelegenheit heißt’s dann: live dabei sein!

 

(Wer mag bekommt anhand der halbstündigen Dokumentation „Welcome To The Machine“ einen Einblick ins Innenleben der höchst professionellen Coverband…)

 

 

Lee Ranaldo And The Dust – Last Night On Earth (2013)

Lee Ranaldo And The Dust - Last Night On Earth-erschienen bei Matador/Beggars-

A propos „ausschweifende Gitarrenhuldigungen“: Schlussendlich scheint der Quasi-Split der ewig krediblen New Yorker Rockinstitution Sonic Youth, dem am Ende schlicht und ergreifend das Beziehungsaus der beiden Köpfe Kim Gordon und Thurston Moore zugrunde lag, doch etwas Gutes bewirkt zu haben… Okay, der eine Teil (Moore) schrammelt sich mit ehemals coolem Indie-Krach der neuen Kapelle Chelsea Light Moving konsequent an den Rand der Beachtung, über den der andere Teil (Gordon) mit den feministisch beschmierten Feedback-Orgien des Projekts Body/Head per se bereits hinaus geschlittert ist. War da aber zu seligen Sonic Youth-Zeiten nicht noch jemand?

Klar, Lee Ranaldo, der dauerdienliche Gitarrist, der Gordon und Moore als Frontpaar stets die Indie-Bühnen überließ! Stattdessen spielt er die Saiten stets aus dem Schatten heraus und veröffentlichte damals unter eigenem Namen immerzu obskure, beinahe unhörbare Solo-Sachen – avantgarde as avantgarde can be. Dass ausgerechnet er nun der zugänglichste Soloaktivist der Sonic Youth-Bande sein würde, hätte wohl kaum jemand ahnen können… Umso überraschender fiel das im vergangenen Jahr erschienene „Between The Tides And The Times“ aus, für das sich Ranaldo keine Geringeren als Wilco-Saitenderwisch Nels Cline, Ex-Sonic Youth-Schlagmann Steve Shelley, den ebenfalls von Sonic Youth bekannten Bassisten Jim O’Rourke sowie Jazzer John Medeski zur Seite nahm. Heraus kam ein vor Fern- wie Heimweh wimmerndes, jedoch stets angriffslustiges Indierock-Gebräu, das den DIY-Bodensatz von Sonic Youth mit den mal zugänglichen, mal ausufernden Seiten/Saiten von Neil Youngs Crazy Horse, R.E.M., The Byrds oder Dinosaur Jr. vermengte. Überraschung? Definitiv gelungen!

Lee Ranaldo And The Dust

Und genau da setzt nun auch Ranaldos nächster Streich „Last Night On Earth“ an. Der apokalyptisch anmutende Titel kommt dabei nicht von ungefähr, entstand das Grundgerüst eines Großteils der neun neuen Stücke doch im Oktober 2012, als der von Hurrikan Katrina betroffene Musiker für eine Woche von Leitungswasser, Heizung und Elektrizität abgeschnitten war und lediglich auf seine Akustikgitarre zurückgreifen konnte. Umso erstaunlicher, dass  man nun ausgerechnet diesen Fakt eben nicht hört. Klar, die Endzeitstimmung, die fragile Ruhe vor dem Sturm, sie strömt dem Album quasi aus jeder musikalischen Pore. Und doch vernimmt man den Akustik-Unterbau nur sehr, sehr selten, während die nun eigenes mit Namenszusatz „And The Dust“ aufgeführte Backing Band aus Steve Shelley, Alan Licht und Ted Young in fast jeder der knapp 65 Minuten (mit Songlängen zwischen dreieinhalb und zwölf Minuten) ein wahres Jam-Feuerwerk abfackelt. Dass man sich beim Spinett in „Last Descent #2“ kurz an den Hof des französischen Sonnenkönigs  versetzt fühlt und einem das feinen Titelstück genüssliche Gänsehaut bereitet („The last night on earth / The last thing we wanted / Was to see the sunrise / The last thing we wanted / The last night on earth / Was seeing daylight in your eyes“), während sich der Rest in einen klaustrophobischen Rockrausch steigert, der in der finalen Existenzialismus-Endlosschleife „Blackt Out“ mündet, sind da gern genommene Nebeneffekte. Alles in allem hatte zwar der Vorgänger („Between The Tides…“) die besseren, kompakteren Einzelsongs – mit Ranaldo als Vordenker und Nels Cline als gekonntem Saitenmaler. „Last Night On Earth“ ist der Soloversuch eines Bandalbums des 57-jährigen Ex-Sonic Youth-Gitarristen, das von Furcht und Zuversicht in Zeiten von Occupy, nahenden Weltwirtschaftskrisen und allabendlichen Protestkundgebungen berichtet und nicht im Traum daran denkt, sich kompakt zu fassen. Darauf ein Saitensolo! Und allen, die neue, harmonisch getränkte Gitarrenschleifen als potentielle Folterinstrumente suchen, sei dieses Werk wärmstens empfohlen… Effekthascherei mit allerhand Effektgeräten.

 

Hier gibt’s den Albumopener „Lecce, Leaving“ in der „Buzzsession“-Variante:

 

 

Louise Distras – Dreams From The Factory Floor (2013)

Louise Distras - Dreams From The Factory Floor-erschienen bei Street Revolution Records-

Man lasse sich einmal folgendes Bild zart schmelzend und genüsslich grinsend vor dem inneren Auge zergehen: Der auf ewig unbelehrbar gut vom Klassenkampf klampfende Britenbarde Billy Bragg und die Ex-Distillers-Röhre Brody Dalle hätten auf einer besudelten Backstage-Couch heimlich Nachwuchs gezeugt und den seligen Clash-Frontmann Joe Strummer postum als Taufpaten bestimmt. Okay, zwischen Bragg und Dalle mögen ein, zwei Jährchen Altersunterschied liegen… Okay, der eine mag sittsam wirken, die andere im Rückspiegel der Inbegriff für die rockgewordene Gift-und-Galle-Spuckerei sein (und es mittlerweile wohl leider vorziehen, das Herdheimchen für die Brut von QOTSA-Frontmann Josh Homme zu geben)… Okay, dann würde der Nachwuchs kaum selbst schon auf der Bühne die Faust zur Akustischen erheben… Aber: Man nehme all dies einmal an. Und genau so klingt Louise Distras.

Louise Distras - Press-2

Nun hat die Mittzwanzigerin aus dem englischen Wakefield, die ANEWFRIEND im August bereits vorstellte, ihr Solodebüt in die Regale gestellt. „Dreams From The Factory Floor“ setzt dabei alles auf eine Punkrock-Karte und agiert ohne Netz und doppelten Boden. Und erzählt mal zur kämpferisch angeschlagenen Akustischen, mal zu munterem drauf los rockendem, pubseligem Punkrock Geschichten, die zwar am Bordstein beginnen, jedoch kaum in den höheren Etagen der trés chicen, very expensive Londoner Skyline enden. Stattdessen: graue Realitäten, soziale Missstände, herbe Rückschläge und die Aussicht auf die nächste Nine-to-Five-Schicht am Fabrikfließband. Und doch sind die innerhalb von 33 Minuten durchgerockten zwölf Stücke keine Tearjerker, denn ständig bleibt bei Distras die Erkenntnis, dass da am Ende der langen Nacht irgendwo irgendjemand da draußen ist, dem es genauso gehen mag – „Stand Strong Together“. Da darf dann schonmal die Mundharmonika gezückt („Black And Blue“), am Piano geklimpert („Love Me The Way I Am“), das Titelstück als Gedicht vorgetragen und mit viel Pathos und seltsam niedlichem Idealismus zu Werke gegangen werden. „Dreams From The Factory Floor“ ist kein Ausnahmealbum. Dafür ist es das Debüt einer realitätsnahen Träumerin, die – gefühlt – einer altvorderen Rockröhre wie Bonnie Tyler mal eben das rostige Abflussrohr der Punkschuppentoilette an den Hinterkopf zimmert. Sympathisch, das alles. Mit der Dame möchte man doch gern mal eine Kneipentour starten, oder?

 

 

 

Lissie – Back To Forever (2013)

Lissie - Back To Forever-erschienen bei Columbia/Sony Music-

A propos „Kneipentour“: Auch Lissie wäre wohl eine nicht eben unangenehme Kandidatin für eine ausschweifendes Saufgelage zu nächtlicher Stunde…

Gute drei Jahre ist es bereits her, dass die 31-jährige, aus dem US-amerikanischen Hinterland (aka. Illinois) stammende Musikern erst mit einer vielversprechenden EP, dann mit ihrem von Jacquire King (u.a. Kings Of Leon) und Bill Reynolds (Band Of Horses) in Form gebrachten Debütalbum „Catching A Tiger“ auf sich aufmerksam machte. Darauf zu hören: viel sonniger Middle Of The Road-Rock der besten Sorte, der auch gern mal ein genüsslich-nächtliches Melancholiebad nahm und Road Trips initiierte, bis der Tank des Oldtimers leer war und über einem nur noch die Sterne schienen. Dabei konnte die Dame auch noch so herrlich und nach Jungen-Manier fluchen, derbe drauf los rocken und brachte superbe Coverversionen – etwa von Lady Gagas „Bad Romance„, Metallicas „Nothing Else Matters„, Kid Cudis „Pursuit To Happiness“ oder Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ – zustande, die sich beileibe nicht hinter den Originalen zu verstecken brauchten… Cool.

LISSIE

Dass Lissie nun mit ihrem zweiten, „Back To Forever“ betitelten Wurf nach Größerem greift, mag man ihr dabei nicht einmal jemand verdenken. Trotzdem benötigen die von Garett „Jacknife“ Lee (u.a. R.E.M., U2, Bloc Party) produzierten Songs den ein oder anderen Durchgang mehr als noch der Vorgänger, um ihren Weg ins Hörergehör zu finden. Und das hat seine Gründe, denn anders als bei „Catching The Tiger“ finden hier mal Folk-Rockpop mit angezeichneten 70er-Jahre-Disco-Vibes („Further Away (Romance Police)“), mal recht blasse Country-Pop-Durchschnittsware („I Don’t Wanna Go To Work“), mal aufgeblasene Powerpop-Ballade („They All Want You“) zusammen. Dass all das am Ende trotzdem funktioniert, liegt wohl an Lissies ausgeprägtem Gespür für tolle, eingängige Melodien sowie ihrem nicht nur – aber vor allem! – in „Sleepwalking“ an Fleetwood Mac-Ausnahmesirene Stevie Nicks erinnernden Gesangsorgan. Mit einer Stimme wie der nimmt man der Dame dann sogar die ausgefahrenen Krallen der (für sie) höchst ungewöhnlichen Vorab-Single „Shameless“  („I don’t want to be famous / If I got to be shameless / If you don’t know what my name is, name is / So what, so what?“) ab, lässt sie das ein oder andere genüssliche „Fuck“ oder „Shit“ in Richtung der vorderen Chartsregionen spucken oder mit „Mountaintop Removal“ einen Song – inklusive hymnischem Solo! – abliefern, der wie geschaffen ist als Abschlussstück eines großen Blockbusters (im besten Sinn).

Nein, „Back To Forever“ ist weder Lissies großes Rockalbum noch die Enttäuschung von in sie gesetzten Erwartungshaltungen. „Back To Forever“ macht es allen recht – und dabei paradoxerweise ebenso viel richtig wie falsch. „Back To Forever“ ist ein Album für lange Autofahrten bei zarten Sonnenstrahlen, zum Jahresende und dann wieder im nächsten Sommer. Aber Lissie, dieses feine All American Girl mit Mädchencharme und Gitarrengurt, in Holzfällerhemd, mit Grashalm im Mundwinkel und Diplom im Weitspucken, darf das. Denn Lissie ist ’ne Gute. Und wenn sie will, dann trinkt sie euch starke Männer wohl gern unter den Tisch…

 

Hier gibt’s die Videos zu „Further Away (Romance Police)“…

 

…und „Shameless“:

 

 

Rock and Roll.

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