Zum zehnten Todestag von Elliott Smith…


elliott

Himmel, zehn verdammte Jahre… Zehn! Und so viele Erinnerungen…

Als Ende Oktober 2003 die Nachricht die Runde machte, dass Elliott Smith tot aufgefunden wurde, fragte ich mich wie viele andere auch: „Elliott wer?“. Allerorts waren sehr persönliche, ja geradezu zu Herzen gehende Nachrufe zu lesen (ich erinnere mich da spontan an einen von Ex-Tomte-Chef Thees Uhlmann), in welchen von einem gefallenen Genie und allerlei Tragik die Schreibe war. Ich kam also kaum umhin, ein Ohr zu riskieren…

Und – machen wir’s kurz, so pathetisch und phrasiert es sich im ersten Moment auch lesen mag: Diese, Elliott Smiths Musik veränderte mein Leben wie kaum etwas davor und danach (ad hoc würde ich noch maximal fünf Namen einen ähnlichen Stellenwert einräumen). Zuerst fiel mir sein viertes, 1998 erschienenes Soloalbum „XO“ in die Hände. „Baby Britain“, „Independence Day“, „Oh Well, Okay“… – im Grunde könnte man hier alle vierzehn Stücke als Highlights aufzählen. Und obwohl ich selbst den Nachfolger „Figure 8“ noch eine Spur inniger liebe, beweist Smith sich schon auf „XO“ als vollkommener Musiker, der scharfkantige, zu Herzen reichende Lyrik mit Harmonien verband, die ich so bislang nur von den Beatles oder Beach Boys kannte (wer mag, darf hier – von mir als „Melodiebögen-Junkie“ – gern ein besonders großes Kompliment sehen). Wer sich im Nachgang mit der Biografie des 1969 als Steven Paul Smith irgendwo im Nirgendwo des US-amerikanischen mittleren Westen geborenen Musikers vertraut machte, der wusste, dass Elliott Smith all seine schmerzlichen Zeilen kaum über Fremde, Freunde oder Bekannte geschrieben hatte. Nein, all seine Songs handelten – mutmaßlich – ganz und sonders von ihm selbst (Ausnahmen wie „Son Of Sam“ bestätigen trotz allem die Regel). Mal zu fingergepickter Akustikgitarre, mal am Piano und – wie schon zu Zeiten seiner Ex-Band Heatmiser – im krachigen Indierock-Outfit – Smith schien es ein Leichtes zu sein, jedem seiner Stücke das nötige emotionale Instrumentalgewand zu verpassen.

Und irgendwie passt auch ins Bild, dass ein Moment, der für 90 Prozent seines Berufsstandes potentiell den Startschuss in eine nahezu rosige Zukunft bedeutet hätte, wohl zum Wendepunkt in Elliott Smiths Leben wurde: Viele staunten 1998 nicht schlecht, als mit „Miss Misery“ eine traurige Ballade als „bestes Titelstück“ für einen Oscar nominiert wurde (als Teil von Gus Van Sants Film „Good Will Hunting„). Leider war dieses Jahr auch jenes, bei welchem ein Film namens „Titanic“ nahezu jeden erdenklichen Preis holte und sämtliche Rekorde pulverisierte… Und gegen einen Welthit wie „My Heart Will Go On“, geschmackssicher schmonziert von der zu Weltruhm gelangten Heulboje Celine Dion, hatte Smith freilich keinerlei Chance. Trotzdem wagte sich am Abend der Oscar-Verleihung ein klammes Männchen im weißen Anzug auf die Preisverleihungsbühne und sang zur Akustischen und mit von brüchigem Vibratio getragener Stimme sein Stück von der Schattenseite des Lebens („I’ll fake it through the day / With some help from Johnny Walker Red / Send the poison rain down the drain / To put bad thoughts in my head“), welches immer und immer wieder in der beinahe spöttischen Frage „Do you miss me, miss misery Like you say you do?“ gipfelte. Ein fraglos seltsamer, surrealer Anblick… Und obgleich Smiths Song ohne Preis blieb, so wurden im Nachgang größere Plattenfirmen auf den Singer/Songwriter, der bis dato zwar stetes Kritikerlob eingefahren, jedoch fernab des breiten öffentlichen Interesses produziert hatte, aufmerksam. Größeres Budget, größeres Studio, mehr (und qualitativ bessere!) Möglichkeiten – welcher Musiker hätte da bitte Nein gesagt? Smith nutzte die Angebote und veröffentlichtes zwei Jahre darauf, 2000, mit „Figure 8“ ein Album, das die kleinen Akustikstücke vergangener Werke im Gros hinter sich ließ und sich klar dem Klanggewand Smiths großer Vorbilder, den Beatles, verschrieb. Ebenso bezeichnend ist wohl auch, dass Elliott Smith eben nicht versuchte, mit einfachen poplastigen Songs und Strukturen nahtlos den nächsten Erfolgssong herauszupressen. Im Gegenteil: „Figure 8“ darf – vom postum veröffentlichten, grandiosen „From A Basement On The Hill“ einmal abgesehen – gut und gern als das sperrigste Werk des Musikers gelten.

 

 

Leider heilt der Erfolg höchstens klamme Geldbeutel und rote Kontostände, jedoch nie die Seele. Und obwohl sich Smith, Freunden und Zeitzeugen nach, kaum um Erwartungshaltungen und Plattenfirmendeadlines zu scheren schien, so kämpfte er bereits seit frühester Jugend, welche er zuerst im konservativen Dallas, Texas, später im weitaus offeneren Portland, Oregon verbrachte, einen Kampf gegen seine eigenen inneren Dämonen. Einerseits war Elliott Smith ein zu allerhand Späßen bereiter Zeitgenosse und Freund, andererseits nie der, der sich ungefragt zum Wortführer aufschwang und von sich aus in den Mittelpunkt drängte. Er suchte sein Heil im kreativen, aber leider auch im drogenbedingten Exzess, und ließ seine Hörer anhand seiner fünf Soloalben als Schaubilder in eine gebrochene Seele daran teilhaben. Er rannte, taumelte – und fiel. Am 21. Oktober 2003 wurde er von  seiner damaligen Freundin Jennifer Chiba nach einem Streit der beiden mit zwei Messerstichen in der Brust tot aufgefunden. Und obwohl alles auf einen Selbstmord hindeutete, konnten die genauen Umstände nie geklärt werden…

Elliott Smiths Tod riss vor zehn Jahren ein Loch in die Musikszene. Keiner vermochte sich auszumalen, zu was dieser schüchterne, nach Außen unsicher auftretende, jedoch in höchstem Maße begabte Kerl – in kreativem Sinne – noch in der Lage gewesen wäre. Allein das postum von Freunden und Wegbegleitern fertig gestellte und ein Jahr nach seinem tragischen Tod veröffentlichte Album „From A Basement On The Hill“, an welchem er bis zuletzt gearbeitet hatte, wirft ebenso viele Fragen wie Antworten für mannigfaltige Schnitzeljagden ins Rund. Kein Zweifel, dass Smith in einer Reihe mit Größen wie John Lennon, Paul McCartney oder Brian Wilson zu sehen ist. Nur leider endete sein Leben im Alter von 34 Jahren – und damit ähnlich früh und nebulös wie das eines Jeff Buckley (dieser ertrank), Nick Drake (nah eine Überdosis Antidepressiva zu sich), Jim Morrison (Überdosis von Wasauchimmer) oder Kurt Cobain (Rauschmittel und Schrotflinte). Eins zu null für Elliott Smiths Dämonen, der Treffer fiel viel zu früh…

Elliott Smith

Gern hätte ich mich bei Elliott Smith für all die Stücke bedankt, die mich vor Jahren durch eine harte Zeit gebracht haben. Dass ich nicht im Stande bin, unter all den Glanzlichtern einen persönlichen Favoriten auszuwählen, dass massig Stücke nach all den Jahren noch immer lebhafte Erinnerungsfetzen vor meinem inneren Auge vorbei ziehen lassen, dass ich einfach fühle, dass ein Freund zu mir singt, als ob er sagen möchte „Mir geht’s ebenso wie dir, du bist nicht allein in diesem Moment“ – all das sagt so Einiges, zumindest für mich. Nicht ohne Grund trage ich seit Jahren die selbe Tätowierung wie Elliott Smith am Arm (die Coverzeichnung von Ferdinand dem Bullen). Ich habe es nie bereut. Und auch wenn ich die Alben von „Roman Candle“ bis „From A Basement On The Hill“ nicht mehr täglich hören kann (nicht, weil ich’s nicht möchte, sondern einfach, weil so viele Erinnerungen daran geknüpft sind), so weiß ich doch auch heute noch, dass – und warum! – ich mich damals Hals über Kopf in diese Lieder verliebt habe. Schonungslos offene Geständnisse, Lyrik auf meisterlichem Niveau, Melodien wie tausend kleine Geniestreiche – all das findet man bei Elliott Smith. Ich würde so gern „Danke“ sagen, mein Freund, den ich nie kennen lernen durfte… Du wirst vermisst.

 

Bevor ich die ein oder andere weiterführende Empfehlung ausspreche, möchte ich meinen Nachruf mit Elliott Smiths kaum grundlos bereits hundertfach von anderen Künstlern interpretiertem Song „Between The Bars“ (unter anderem geben sich hier mit Metric, Agnel Obel, Chris Garneau, The Civil Wars, Good Charlotte oder gar Madonna Licht und Schatten die musikalische Klinke in die Hand) beschließen. Nie wurde ein nächtlicher Kneipenstreifzug schöner besungen (Nimm das, Tom Waits!)…

 

 

„Drink up baby, look at the stars
I’ll kiss you again between the bars
Where I’m seeing you there with your hands in the air
Waiting to finally be caught
Drink up one more time and I’ll make you mine
Keep you apart, deep in my heart
Separate from the rest, where I like you the best
And keep the things you forgot…“

 

Allen Neulingen seien – neben der halbwegs gelungenen Zusammenstellung „An Introduction to Elliott Smith“ und Smiths sieben Soloveröffentlichungen (allen voran meine Lieblinge „Figure 8„, „From A Basement On The Hill“ und „XO„) – auch die Biografie „Elliott Smith and the Big Nothing“ von Benjamin Nuget und der großartige Bildband von Fotografin Autumn de Wilde (welche sich auch für das Musikvideo zum Song „Son Of Sam“ verantwortlich zeichnete) ans Herz gelegt.

Wer darüber hinaus noch Genussmaterial für die Gehörgänge sucht, der findet auf archive.org Einiges an kostenfreien Konzertmitschnitten in mal mehr, mal weniger toller Qualität. Um euch die Arbeit des Suchens und Vergleichens zu ersparen, hier meine Favoriten:

– Elliott Smith live at Black Cat, Washington, DC, USA, April 17, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Studion, Stockholm, Sweden, June 2, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Maxwell’s, Hoboken, NJ, USA, August 12, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Maxwell’s, Hoboken, NJ, USA, December 30, 1999 (hier)

– Elliott Smith live at The Steamboat, Austin, TX, USA, May 3, 2003 (hier)

 

Des weiteren hat Pretty in Noise zu Elliott Smiths zehntem Todestag eine reichhaltige Playlist mit massig Live-Versionen und alternativen Mixen von Songs des „leisen Helden des Indie-Rocks“ (Zitat laut.de) ins weltweite Netz gestellt:

elliott smith

 

Rock and Roll.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zu „Zum zehnten Todestag von Elliott Smith…

  1. […] Leser und Besucher dieses bescheidenen Blogs dürfte in den vergangenen fünf Jahren eventuell bereits aufgefallen sein, dass ich selbst durchaus zur Fraktion der „Elliott Smith Ultras“ zähle. Seit ich […]

  2. […] (zum 10. Todestag Smiths im Jahr 2003 hatte ich hier auf ANEWFRIEND bereits darüber geschrieben, wer darüber hinaus den ein oder anderen Tipp haben mag, der hinterlasse einfach einen Kommentar […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: