Das Album der Woche


Thees Uhlmann – #2 (2013)

#2 (Cover)-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

Lasst uns doch einfach Plattitüden aufsammeln gehen: Der „Bruce Springsteen Niedersachsens“ (gmx.net), der „deutsche Boss“, der „Wiedergänger von Elliott Smith und Oasis-Epigone“ (fluxfm.de), die „gute Stimme der alternativen Chuck-Träger-Bevölkerung um die Dreißig“ (focus.de), der „norddeutsche Hooligan der Herzen“ (energy.de). Gar „Sportfreunde Stiller für’s Indie-Publikum“. Stimmt das im Fall Thees Uhlmann so tatsächlich? Nun ja…

Fest steht: Im Jahr 2013 muss man schon genauer hinhören, um Gemeinsamkeiten zwischen jenem Jungspund festzustellen, der da Mitte der Neunziger die Hamburger Indierock-Institution Tomte aus der Taufe hob, und dem heute 39-jährigen Familienvater, für den es offensichtlich erfüllendere Sachen gibt als durchzechte Nächte voller Sex, Drugs und Rock and Roll – den frisch eingeschulten Nachwuchs nachmittags von der Schule abzuholen, zum Beispiel. Und doch könnte man sich wohl kaum einen geeigneteren deutschen Musiker für stundenlange Fachsimpeleien über Musik, Unterhaltungsindustrie und Zeitgeschehen vorstellen (wer mag darf hier eine nationale Entsprechung zu everybody’s darling Dave Grohl sehen), denn Uhlmann weiß in der Tat, wovon er spricht, immerhin hat sich das von ihm und den beiden Kettcar-Musikern Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff einst so pragmatisch aus der Taufe gehobene Label Grand Hotel Van Cleef wie kaum ein anderes Plattenlabel in den letzten Jahren um den deutschen Musiknachwuchs verdient gemacht. Und: Der 39-Jährige Wahlberliner, der ursprünglich aus dem norddeutschen Kleinstadtkaff Hemmoor stammt, lässt seine Schnodderschnauze stets mit am Gitarrengurt hängen, trägt dabei seine Ansichten offen zur Schau und das große Herz – ’nen Zehner ins Phrasenschwein! – am rechten Fleck. Thees ist, wie er eben ist. Eine Rampensau, ein Enthusiast, ein Vollblutmusiker. Nach dem Quasi-Split seiner Stammband Tomte (das letzte Album „Heureka“ erschien 2008) nahm er also das Heft selbst in die Hand, suchte sich neue Mitmusiker und trat 2011 mit dem selbstbetitelten Debütalbum erstmal solo (quasi) und unter eigener Namensflagge (vollkommen) in Erscheinung. Dass die darauf enthaltenen elf Stücke sich dann klanglich nicht allzu weit vom bisherigen Tomte-Œuvre entfernten, darf gern als Indiz für die beständige Unverstelltheit Uhlmanns genommen werden. In den Texten hatte sich jedoch so Einiges getan: Der bekennende St. Pauli-Fussballfanatiker ging lyrisch deutlich persönlicher zu Werke als noch zu Tomte-Zeiten, in denen wohl keine Phrase kryptisch und verschachtelt genug sein konnte. Rückbesinnung auf die Heimat, Anekdoten vom Unterwegssein und aus dem Großstadtleben, für die das universelle Pathos, welches noch auf Tomte-Alben wie „Buchstaben über der Stadt“ allgegenwärtig schien, Platz machen musste – zog da etwa Altersmilde in seine Berliner vier Wände mit ein, startete Uhlmann im Alleingang gar den „Ausverkauf“ (das warf ihm zumindest die Spex vor)? Uhlmann konterte all das mit der ihm eigenen Nonchalance: „Coolness über 35 Jahre ist meiner Meinung nach ein sehr zweifelhaftes Lebenskonzept.“ Ganz klar: Das Debütalbum war vor zwei Jahren eine der gelungensten deutschsprachigen Veröffentlichungen –  Singer/Songwriter-Rockpop, der sich nicht vor Melodien mit Herz, Verstand und Wiedererkennungswert scheute. Punk ist eben immer noch das, was man selbst draus macht…

Thees Uhlmann #1

Dass Thees Uhlmann auch heutzutage keine müden Euro auf seine „Hopp oder Top“-Außenwirkung geben würde, war zu erwarten. Und so bietet das erneut recht simpel „#2“ (sprich: „Nummer zwei“, scheiß auf den Hashtag!) betitelte zweite Solowerk nun eben elf neue Stücke im bereits gewohnten Klangkosmos, deren Neuerungen man wohl erst bei mehrmaligem Hören heraus filtert. Keinesfalls zufällig steht wohl etwa „Zugvögel“ am Anfang der neuen Platte, bietet der Song doch die größten Schnittmengen mit Uhlmanns (Ex)-Stammband. Im darauf folgenden „Die Bomben meiner Stadt“ trifft Thees dann schon auf Jesus als verwirrten Straßenmusiker und paart den Full-Band-Sound mit cleverem Text („Und die Bomben meiner Stadt machen ‚boom‘, ‚boom‘, ‚boom‘ / Und vor der Apokalypse zieh‘ ich mich erstmal um / Man will ja nach was ausseh’n, wenn mann vor den Schöpfer tritt / Weißes T-Shirt, Lederjacke / Und die Bluejeans kneift im Schritt“), Oh-ho-ho-ho“-Chören mit den feinen Background-Gesangserwiderungen von Keyboarderin Julia Hügel. Überhaupt: Bomben, Krieg… vs. Natur, Einöde und Heimat – Uhlmann scheint auf seinem zweiten Soloausflug den Kontrast zu lieben, stellt fiktiven Kriegsszenerien (wie im genannten „Die Bomben meiner Stadt“ oder dem Hammond-Orgel-fixierten „Im Sommer nach dem Krieg“) immer wieder beschauliche Natureindrücke wie in „Zugvögel“ oder „Der Fluss und das Meer“ gegenüber. Dazwischen schreibt der Mann kleine Verbrüderungshymnen wie „Es brennt“ („Wir schmeißen ein Streichholz in den Vulkan / Was wir lieben, schreiben wir auf Zettel, zünden sie an / Ich bin der, der nachts mit der Fackel zu Dir rennt / Und es brennt / Und es brennt / Und es brennt“), lässt in „Am 07. März“ Historisches wie Persönliches Revue passieren, schildert in „Weiße Knöchel“ das harte Realitätsbrot des unbeugsamen einfachen Mannes oder schreibt in „Kaffee & Wein“, das entfernt an die Akustiknummern der New Jersey-Punkrocker von The Gaslight Anthem erinnert, poetisch gegen die eigenen (Genuss)Dämonen der Schlaflosigkeit an („Kaffee und Wein reichen sich die Hand / Und sagen zu sich: ‚Diesen Mann bringen wir um den Verstand.‘ / Und dann tanzen sie zusammen in seinem Kopf / Und singen ein Lied / An Schlaf ist nicht zu denken / Nat King Cole singt ‚Blue Moon‘ / Dass das nicht klappt hat mit uns zu tun / Kannst nicht bleiben, musst immer reisen / Wir haben einen exzellenten Ruf zu verlier’n in schlechten Kreisen“). Wer Parallelen zum „Boss“ (sprich: zu Bruce Springsteen) ziehen mag, der darf das gern bei „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“ – wenn man so will der „Streets Of Philadelphia“-Moment auf „#2“ – tun (obendrein baut der Song nach eine lyrische Brücke zu Falco!). Alles in allem richtet sich der Blick des Musikers diesmal weniger nach Innen hinein und mehr auf Umfeld- und Umweltbetrachtungen. Auf den typischen „Uhlmann-Moment“ (insofern es den überhaupt gibt) muss man bis zum letzten Song warten, denn erst im Abschluss „Ich gebe auf mein Licht“ singt der Frontmann endlich wieder jene so vor Pathos triefenden Zeilen, für die man ihn (unter anderem) so liebt: „Wir war’n wie Brooklyn und Manhattan / Doch diese Brücke bricht / Und das Buch wird jetzt geschlossen und das ohne Happy End / Du hast gesagt, dass du mich nicht mehr erkennst / Ich gebe auf mein Licht / Kamera, Action, Applaus, das Licht geht an und wir gehen nach Haus“ – Schöner und heller kann man eine Platte kaum beenden. Wundervoller auf keinen Fall.

Thees Uhlmann #2

Wo also steht Thees Uhlmann mit seinem Zweitwerk? Nun, vor allem beweist er, dass er und seine Band auf dem erneut gemeinsam mit Ex-Miles und -Monta-Chef Tobias Kuhn aufgenommen „#2“ noch enger zusammengerückt sind, denn allen Solo-Ambitionen zum Trotz ist das aktuelle Album noch immer eines: eine vollwertige Bandplatte. Dass man dem Enddreißiger aus Auftritten in Frühstücksfernsehsendungen und seinem Herz auf der Zunge einen vorwurfsvollen Strick drehen möchte, ist am Ende ebenfalls mehr als irrsinnig. Denn obwohl die nahezu runde Produktion viele der losen Ecken und Kanten der Vergangenheit vermissen lässt (und sich mancher in der ein oder anderen der 45 Minuten die rauen Rockhymnen von Tomte zurück wünschen mag), darf man Uhlmann auch dieses Mal zu deutschen Texten gratulieren, die beidfüßig und galant im Hier und Jetzt stehen, ohne je peinlich zu wirken. Natürlich hat Thees Uhlmann längst das Springsteen-Kompliment für sich übernommen und spielt diese Karte immer wieder – und nie ohne ein kleines selbstironisches Zwinkern – für sich aus – man denke da nur an das ikonografische Cover seines Solodebüts vor zwei Jahren! Man mag auch Einiges in den Fakt hinein zu deuten wissen, dass „Uhlo“ dem Hörer damals noch bildhaft den gitarrenbewaffneten Rücken zuwandte, während „die wohl Rock’n’RollI’igste Zahnlücke der Bundesrepublik“ diesmal klampfespielend in die Kamera blickt. Und wo Springsteen einst als sinnsuchender junger Mann „Born to Run“ war, ist Thees Uhlmann 2013 wohl „Born to Be“ – schöner dabei war lange keiner. Wohlfühlen ist strengstens erlaubt, die Pathos-Parolen schmieren längst andere an die WG-Kühlschränke. Und schließlich ist das Herz immer noch der stärkste Denkmuskel, oder?

Thees Uhlmann

 

Beim Kauf von „#2“ gilt in jedem Fall zu beachten, dass das aktuelle Album in verschiedenen Versionen erschienen ist: in der regulären Variante, in der Doppel-CD-Variante (die außerdem noch ein komplettes, in der Hamburger Großen Freiheit aufgenommenes Konzert enthält), in der Digipack-Variante (inklusive Live-CD und DVD), sowie in der digitalen iTunes-Version, welche das Tote Hosen-Cover „Liebeslied“ enthält. Man(n) hat also die Wahl, und  anhand der den physischen Albumvarianten beiliegenden Rubbellose sogar noch etwas Glück…

 

Wer Thees Uhlmann und Band in den kommenden Tagen und Monaten auf den Konzertbühnen der Bundesrepublik erleben möchte, der bekommt hier die Gelegenheit:

live

Einen ersten Eindruck von „#2“ kann man sich anhand der Musikvideos zu „Die Bomben meiner Stadt“…

…und „Am 07. März“ verschaffen:

Rock and Roll.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. Ohne die Kritik gelesen zu haben, jedoch mit einem (denn mehr habe ich meinen Nerven einfach nicht zugetraut) Mal Druchören stelle ich dir eine, aber auch nur eine Textzeile zum überdenken bereit:

    „Die Bomben meiner Stadt machen Bumm Bumm Bumm“

    Und jetzt nochmal: Platte der Woche?

    • Und jetzt noch immer: Platte der Woche.

      Natürlich war Thees Uhlmann schon zu Tomte-Zeiten ein höchst streitbarer Musiker, mit dessen Person und Naturell schon damals nicht Jeder klarzukommen wusste. Da ändert auch das zweite Soloalbum nichts dran. Mein Tipp: Erst lesen, dann Senf ablassen… 😉
      Und nicht dass wir uns falsch verstehen: Das „Album der Woche“ muss keinesfalls überragend oder für die ewige „einsame Insel“ geschaffen sein, sondern einfach eins, dass mich in der Woche zuvor mehrfach & länger begleitet hat und über das ich im Nachgang dann schreibe. Einfach, weil ich denke, dass es sich für den Leser dieses bescheidenen Blogs lohnt, reinzuhören… Und wenn er/sie darauf feststellt, dass der ganze Wortundtonquatsch kein zweites Hören wert sein mag – auch gut. Musik ist noch immer Geschmackssache.

      Danke in jedem Fall für’s Kommentieren.

      Bleib‘ ANEWFRIEND reu und:

      Rock and Roll.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: