Das Album der Woche


Mark Kozelek & Jimmy LaValle – Perils From The Sea (2013)

Perils From The Sea (Cover)-erschienen bei Caldo Verde/Cargo Records-

Ja was zur Hölle war denn nun bitteschön zuerst da? Das Huhn? Das Ei? Manche Fragen verkommen in der Tat mit der Zeit, je öfter man sie sich stellt oder gestellt bekommt, zum Geduldsspiel, zum metaphorischen Kausalkettenstelldichein ohne Anfang und Ende.

Auch bei „Perils From The Sea„, der ersten Zusammenarbeit von Mark Kozelek und Jimmy LaValle, könnte man sich diese Frage stellen. Dabei liegen doch die Fakten auf dem Tisch der überlieferten Musikhistorien: Es war Kozelek selbst, der LaValle im September 2011 kontaktierte und ihm eine Zusammenarbeit anbot. Da beide die Arbeit des jeweils anderen seit jeher schätzten, willigte LaValle ohne viel nachzudenken ein. Und siehe da – mit „What Happened To My Brother“, welcher nun den Songreigen des gemeinsamen Albums eröffnet, stand auch schnell das erste Stück. Eines wird sofort klar: hier umkreisen sich zwei Pole. Zum einen der 46-jährige Mark Kozelek, früher Denker und Lenker der Sadcore-Slowrocker Red House Painters, danach Vorsteher der elegischen Americana-Groover Sun Kil Moon und – vor allem – stets tieftrauriger, selbstbegleitender Akustikgitarrenbarde mit einem kreativen Output und Veröffentlichungs- Und Tourneepensum, welches wohl jedem Kollegen die an Schreibblockade grenzende Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte. Zum anderen Multiinstrumentalist Jimmy LaValle, ganz früher einmal Teil des Grindcore-Kollektivs The Locust sowie von Black Heart Procession und nun das Mastermind des Electronica-Projekts The Album Leaf. Beide schufen in der Vergangenheit Großes in ihren jeweiligen musikalischen Nischen. Beide heimsten für ihr Schaffen zwar berechtigtes Lob von Musikfreunden wie kundigen Journalisten ein, konnten – und wollten – jedoch nie den kommerziellen Reibach machen, denn ihre Musik zeichnete stets eines aus: sie entzog sich jeder Plattitüde.

Kozelek & LaValle

Diese beiden umtriebigen Kreativlinge trafen nun gewollt aufeinander. Euphorische Musikfreunde beider Lager erwarteten Großtaten, Skeptiker hingegen elegische Langeweile. Und? Die Wahrheit liegt – zumindest bei den ersten ein, zwei Hördurchgängen – wohl irgendwo dazwischen. Denn offenkundig „spektakulär“ ist keines der elf Stücke. Vielmehr gibt jeder der beiden jene Zutaten in die musikalische Sud, die ihn bislang auszeichneten. LaValle besorgt mit behutsam pluckernden, pumpenden, klackernden Beats, verträumt flirrenden Keyboard- und Synthesizerklänge, die mal an die Folktronica-Sphären seines Stammprojektes, mal an Dubstep-Bekanntmacher wie The xx oder gar an The Notwist erinnern – die instrumentalen Soundscapes. Kozelek legt auf diese so episch wie bedächtig pumpenden Klangteppiche sein sonor windschiefes, unverwechselbares Organ und erzählt große kleine amerikanische Geschichten, wie wohl nur er es kann (und eventuell noch Bruce Springsteen). Diese handeln seit jeher von der Vergangenheit, verpassten Chancen, (Alp)Träumen, Tragödien und dem Leben auf Tour – vom Verlassen und (N)irgendwo ankommen, vom einfachen Leben an der nächsten Straßenecke, von Dreck und Staub, von Licht und Schatten. Doch wo sonst Gitarren – ob nun elektrisch und surrend oder akustisch und gezupft – von eben diesen Geschichten ein stückweit ablenken, stehen diese nun auf „Perils From The Sea“ beinahe komplett nackt da, denn hier lenkt nur höchst selten ein Tönchen den inneren Fokus von Kozeleks Organ, dessen Akustische auf dem Album nur in wenigen Ausnahmen – etwa im romantischen Geständnis „Caroline“ oder  in „Here Come More Perils From The Sea“ – zum Einsatz kommt. Und so kommt der Hörer all den verwandtschaftlichen Aufarbeitungen („Got me thinking about my grandpa for some reason / Met him half a dozen times in a nursing home / The last time I saw him, he was in a box / And they were lowering him into the ground“ – „Ceiling Gazing“), den komplett unkitschigen Liebesbeweisen („And I’m so happy to be alive / To have these people in my life“), den Kindheitserinnerungen („1936“), den Lebewohl-Andenken an verstorbene Freunde, den schaurigen Moritaten („You Missed My Heart“), den Erzählungen vom täglichen Kampf um Leben und Überleben („Gustavo“) so unheimlich nahe, dass man schnell hofft, dass vieles von all dem nur den kreativen Zellen Kozeleks entsprungen sein mag. Denn so persönlich, so intim war der eh schnell zu fragilen Elegien neigende Musiker einem selten. Fast jedes Stück weht hin und her wie eine in Schwarz-weiß oder verblichene Sepiatöne getauchte Fotografie im Wind. Man sieht Menschen, Portraits aus längst vergessenen Tagen. Und obwohl man all dies vermutlich zum ersten Mal vor Augen und Ohren haben mag, scheint es fast so, als seien sie alte Freunde, Bekannte und Wegbegleiter… So neu, so alt, so sehr gestern wie morgen und heute.

Kozelek & LaValle

Natürlich ist „Perils From The Sea“ beileibe kein Album, das dem Hörer sofort und ohne Umschweife entgegen springt, das sich anbiedert und zu sagen scheint: „Höre mich, verfalle mir Hals über Kopf!“. Nein, und so etwas wie poplastige – schlimmer gar: tanzbare Loungemusik! – durfte man von diesen zwei tendenziell in sich gewandten Trauerklössen auch keinesfalls erwarten. Vielmehr bilden Mark Kozelek, der weltenbummelnde, melancholische Geschichtenerzähler, und Jimmy LaValle, der genialisch im Hintergrund agierende musikalische Direktor, für elf wunderbare Songs eine nahezu perfekte, sich organisch ergänzende Symbiose, dessen Schichten sich dem Hörer erst nach und nach erschließen. Denn obwohl einige der Stücke bereits als Konzelek’sche Soloversionen in dessen Live-Programm zu hören waren, erreichen sie erst jetzt – und durch LaValles instrumentale Ausformulierung – ihre wahre Größe. Für den einen mögen sich während der nahezu 80 Minuten, in denen keiner der Songs die Fünf-Minuten-Marke unterschreitet, einige kleine Längen einschleichen. Der andere hüllt sich in diese mäandernden Songmeditationen wie in eine warme Decke. Auf „Perils From The Sea“ werden bewusst nahezu alle Genregrenzen zwischen Singer/Songwriter, Electronica, Folktronica, Dubstep verwischt – ja, selbst Minimal- und Hip Hop-Tendenzen deuten sich an! Und am Ende weckt der zehnminütige, tränenreiche Abschluss „Somehow The Wonder Of Life Prevails“, welcher zum Besten zählt, was beide in ihren nicht eben knappen Diskographien vorzuweisen haben, die Hoffnung, dass „Perils From The Sea“, dieses erlesene Kleinod von seltsam großen Momenten, erst der Anfang einer gemeinsamen Reise ist…

Nach Huhn und Ei kräht längst kein Hahn mehr.

Mark Kozelek & Jimmy LaValle

 

Hier kann man sich mit „What Happened To My Brother“, „Gustavo“ und „Baby In Death Can I Rest Next To Your Grave“ drei Stücke aus „Perils From The Sea“ anhören:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,

4 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] Regale gestellten, großartigen Zusammenarbeit mit The Album Leaf-Kopf Jimmy LaValle namens “Perils From The Sea” – die dritte Kozelek’sche Studioalbumveröffentlichung des laufenden Jahres. […]

  2. […] Rats”, die fantastische Zusammenarbeit mit The Album Lear-Kopf Jimmy LaValle, “Perils From The Sea“, und zuletzt das ebenfalls tolle, gemeinsam mit Desertshore zustande gebrachte “Mark […]

  3. […] Phoebe Bridgers mit „You Missed My Heart“ ein Stück vom 2013 erschienenen Album „Perils From The Sea„, welches gemeinsam mit The Album Leaf-Kopf Jimmy LaValle entstand, gegriffen – und […]

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