Das Album der Woche


Editors – „The Weight Of Your Love“ (2013)

The Weight Of Your Love (Cover)-erscheint bei PIAS/Rough Trade-

Eines muss man den Editors zugute halten: einfach hatten sie es nie. So wurden bereits die ersten öffentlichen musikalischen Gehversuche der Band aus dem englischen Birmingham kritisch beäugt, ihr 2005 erschienenes Debütalbum „The Back Room„, trotz auch im Rückblick noch immer famoser Ausnahmesingles wie „Munich“, „Blood“ oder „Bullets“, von nicht wenigen berufsmäßigen und selbstberufenen Kritikern als bloße Interpol-meets-Joy Division-Kopie abgetan und dem Quartett keine allzu großen Perspektiven in Aussicht gestellt. Den feinen Unterschied zu all den anderen Bands, die vor allem zum Anfang des neuen Jahrtausend – und vor allem in Großbritannien – wie Pilze aus dem Boden schossen und es sich auf die Fahnen geschrieben zu haben schienen, unbedingt und auf jeden Fall wie das next big New Wave-thing klingen zu müssen, machte wohl das prägnante Bariton-Organ von Sänger Tom Smith aus. Nur klang dieses eben jenem des Interpol-Frontmanns Paul Banks ziemlich ähnlich, in besonders lebensfeindlichen Passagen gar wie das des seligen Joy Divison-Fronters Ian Curtis. Dennoch gab der Erfolg Tom Smith (Gitarre, Piano und Gesang), Chris Urbanowicz (Gitarre, Keyboard), Russell Leetch (Bass) und Ed Lay (Schlagzeug) recht: „The Back Room“ heimste 2006 auf Anhieb eine Nominierung für den begehrten Mercury Prize ein und kletterte im Anschluss bis auf Platz zwei der UK-Charts. Und während viele ihrer damals klanggleichen Kollegen bereits beim stets als kritisch beschriebenen Nachfolger einknickten (oder gar schon vorher in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwanden), legten Smith & Co. 2007 mit „An End Has A Start“ noch eins drauf. Ihr Sound verließ die dunkle Ecke der Indiedisko, um sich zu zehn hymnisch großen Stücken und zu ebenso traurig wie aufgeregt hüpfenden Herzschlägen in den ersten Reihen die nachtkalten Füße wund zu tanzen. Pathos! Gitarren! Rocksongs! Gefühl! Die Editors empfahlen sich für Arena-Auftritte und fanden genug begeisterte Hörer, die „An End Has A Start“ auf den Spitzenplatz der UK-Charts bugsierten. Dass sich die Band danach – wollten sie nicht auch noch zu Kopisten ihrer selbst abgestempelt werden – soundtechnisch in eine neue Richtung entwickeln musste, war klar. Gemeinsam mit Produzent Flood verzog man sich also 2008 ins Studio und überließ dort den Keyboard- und Synthesizerobzessionen von Chris Urbanowicz die Oberhand. Heraus kam man ein Jahr später mit „In This Light And On This Evening„, einem mal bedrohlich kalten, mal – lyrisch – schutzlos am offenen Herzen der technoiden Metropole London operierenden Monolithen von Album, in welchem die Editors wohl endgültig aus dem Schatten von Interpol heraus schwammen. Vielmehr boten sich nun noch deutlicher Referenzpunkte der Achtziger an: Erasure, (erneut) Joy Division, Depeche Mode oder The Cure. Ein befremdlicher Fiebertraum von Caspar David Friedrich im Elektronebel? Yessir! Brutal direktes Vor-den-Kopf-stoßen von Erwartungshaltungen – und dennoch erreichte auch „In This Light…“ Platz eins im UK. Nächster Halt: erneute Endstation. Während Frontmann Tom Smith 2011 gemeinsam mit ehemaligen Razorlight-Schlagzeuger als „Smiths & Burrows“ – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein ebenso liebliches wie gelungenes Weihnachtsalbum namens „Funny Looking Angels“ in die Regale stellte, liefen die parallelen Versuche der erneuten Neuausrichtung seiner Hauptband weniger flüssig. Also trennte man sich 2012 – offiziell „aufgrund musikalischer Differenzen“ – von Chris Urbanowicz, nahm mit Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Piano und Keyboard) zwei neue Mitglieder ins Bandgefüge auf und begab sich nach Nashville (!) und in die Obhut von Produzent Jacquire King, einem Grammy-prämierten Fachmann für Rocksongs mit Tiefe und Wucht, bei dem sich Namen wie die Kings Of Leon, Tom Waits, Norah Jones, aber auch Modest Mouse, Josh Ritter oder Lissie bereits die Studiotürklinke in die Hand gaben…

Editors #1

“[The Weight of Your Love] is a band record, a musical record, a rock record… with a foot in that alt-rock / Americana world.” – beschreiben Selbsteinschätzungen wie eben jene von Sänger Tom Smith getroffene also das vierte Album „The Weight Of Your Love“ adäquat? Eindeutig: jein. Denn obwohl die neu formierten Editors für die elf neuen Stücke einen erneuten – teilweisen – Richtungswechsel unternahmen, bleiben schon noch ein paar Konstanten: So zählt Tom Smiths unverwechselbarer Bariton noch immer zum größten Pfund, welches die Band in die musikalische Waagschale zu werfen vermag. So bleiben sie doch am Ende des Stückes noch immer eine recht straighte Rockband – allen früheren Wave-Anleihen und Synthesizer-Orgien zum Trotz. Und eben jene Synthesizer scheinen mit dem geschassten Gitarristen Chris Urbanowicz über Bord gegangen zu sein – der Vorgänger „In This Light And On This Evening“ könnte stilistisch kaum ferner liegen.

Das erste Stück „The Weight“ eröffnet ein Akustikgitarren-Bluesriff zum Stampfbeat von Ed Lays Schlagzeug, bevor Streicher und „Ohoohoo“-Chöre dem Song einen „I Feel You“-artigen Depeche Mode-Touch geben und Tom Smith bereits zur lyrischen Eröffnung „For A Moment I felt the strength of your love / It was lightning / It was lightning / Strike down / On me“ den Dave Gahan von Birmingham gibt. Auch „Sugar“ groovt anfangs wie eine dieser typisch dunklen Depeche Mode-Schmerzenshymnen der Neunziger und artet mehr und mehr in ein Duell zwischen sägenden E-Gitarren und Konserven-Streichern aus. Die erste Vorab-Single „A Ton Of Love“ macht es dann besonders deutlich: die Editors setzen auch 2013 alles auf eine Karte – und auf der steht in dicken Edding-Lettern das Wort „Stadion“. Fette Gitarrenfanfaren? An Bord! Smith singt mit breiter Brust von „Desire“ und man meint bereits, Michael Stipe und Bono milde lächelnd vom Bühnenrand applaudieren zu sehen. Und zu eben jenen Rocksongs, die sich nun – wie bereits auf dem zweiten Album „An End Has A Start“, und um nicht wenige Streichersätze ergänzt – wieder ihren Weg in den aktuell vorherrschenden Bandsound gebahnt haben, bietet das Quintett einiges an Gegengewicht auf. So ist „What Is This Thing Called Love“ eine zartfühlige, streicher- und pianogetragene Ballade, zu welcher Smith mit unerwartet hohem Falsettstimmchen aufwartet, wird „Nothing“ introspektiv und beinahe ausschließlich von Streichern gen Firmament getragen, oder stellt das ansonsten recht dröge „Formaldehyde“ ein feines Bassmotiv in den Vordergrund. Kurz vor Schluss lösen die Editors – in „The Phone Book“ und vierenhalb schunkeligen Minuten – sogar Smiths Americana-Versprechen ein, bevor „Bird Of Prey“ erst zu Stampfbeat und Piano von eben jenen Greifvögeln im Backgroundchor begleitet wird, um sich schließlich von Dannen tragen zu lassen. Als klarer Fixpunkt dürfte Fans und Kennern der englischen Band auch 2013 Tom Smiths mit reichlich Pathos („Desire“ – aus „A Ton Of Love“), Weltschmerz („I’m a lump of meat / With a heartbeat“ – aus „The Weight“), Altersweisheiten („You gotta learn to be thankful / For the things that you have“ – aus „A Ton Of Love“), Falsch-vs.-Richtig-Metaphorik („Two Hearted Spider“) oder Liebeslyrik („Sing me a love song / From your heart or from the phone book / It don’t matter to me“ – aus „The Phone Book“) beladenen Texte sein. Geschmackssache? Natürlich. Wie das komplette Album (bei dem übrigens des Öfteren Platten von Echo And The Bunnymen im Studio gelaufen sein dürften)…

Editors #2

Die wichtigste – da entscheidendste – Frage zu „The Weight Of Your Love“ scheint wohl, ob Album Nummer vier für die Editors einen Schritt vor oder zurück bedeutet. Dabei ist es umso erfreulicher, dass es die Band überhaupt geschafft hat, sich aus der kreativen Synthesizersackgasse, in welche sie sich nach „In This Light…“ begeben hatten, heraus zu manövrieren. Dass nicht jeder Song auf „The Weight Of Your Love“ gleich tief sticht? – Geschenkt. Dass hier eine Band bewusst auf die Headliner-Plätze von Größen wie U2, R.E.M. (die freilich selbst längst Geschichte sind) oder Depeche Mode schaut, und so auch ein paar kreative Untiefen á la Coldplay oder den Kings Of Leon mitnimmt? – Kann man den Editors kaum verdenken. Denn mal ehrlich: wer, der die Stimme von Tom Smith anno 2005 hörte, dachte denn ernsthaft, dass solch‘ ein markantes Organ auf Dauer nur kleine Indie-Clubs beschallen würde? Die Editors sind mit ihren Songs, in denen die Hymnenhaftigkeit von dringlicher Klimax zu noch dringlicher Klimax jagt, für die große Bühne bestimmt – wer Herz und Ehrlichkeit und kreatives Wachstum sucht, der wird all das finden, solange er tiefer gräbt und genauer hinhört. Mit „The Weight Of Your Love“ untermauern Tom Smith & Co. ihren Anspruch auf den großen Wurf. Und obwohl sie aktuell eher groß als großartig tönen, ist eines sicher: dieser Wurf wird kommen. An end has a start…

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Anhand dieser beinahe halbstündigen „Making Of“-Dokumentation kann man sich einen Eindruck über den Entstehungsprozess von „The Weight Of Your Love“ verschaffen…

 

…und sich hier die Videos der ersten beiden Singles „A Ton Of Love“…

 

…und „The Weight“ anschauen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] zum Quintett angewachsenen Band Anbiederung und Belanglosigkeit vor. Natürlich ist an “The Weight Of Your Love” nicht alles rund und großartig, aber als Ganzes funktioniert das Album in der Tat. Und mal […]

  2. […] Singleauskopplung aus dem im vergangenen Juni veröffentlichten vierten Editors-Studioalbum “The Weight Of Your Love“. Darin finden sich Sänger Tom Smith & Co. inmitten grauen Betons und kühler […]

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