Flimmerstunde – Teil 24


„Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012)

Der Geschmack von Rost und Knochen (Plakat)It’s a hard knock life. Ali (Matthias Schoenaerts), ehemaliger Gelegenheitsboxer und hauptberuflicher Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter, flüchtet gemeinsam mit seinem fünfjährigen Sohn Sam (Armand Verdure) vor der Arbeitslosigkeit und Kälte des französischen Nordens an die warme Côte d’Azur, zu seiner Schwester Anna. Beide haben wenig mehr mit sich als die Kleidung, die sie am Leib tragen, sehen aus wie zwei Gestrandete, die sich kaum kennen. Und obwohl sich Ali und Anna Jahre nicht gesehen haben, nimmt diese ihn – wenn auch mit einem befremdlichen Gefühl der Anonymität im Magen – bei sich auf. Fortan schlägt sich Ali, mehr schlecht als recht, mit Kurzzeitjobs durch, ist mal Wachmann, mal Türsteher, und vögelt – man entschuldige die hier nur allzu passende Wortwahl – praktisch alles, was ihm vor die gestählten Muskeln und den dauerharten Schwellkörper läuft. Eines Abends lernt er vorm Eingang einer Diskothek Stéphanie (Marion Cotillard) kennen, die tagsüber als Schwertwal-Trainerin in einem Vergnügungspark arbeitet. Nach einer Schlägerei bringt er sie nach Hause, steckt ihr im Gehen seine Telefonnummer zu. Und siehe da: Stéphanie ruft einige Wochen später tatsächlich an. Und doch weiß auch Ali längst, dass sie nicht mehr die lebenslustige Kleinstadtschönheit ist, die er an jenem Abend durch die Nacht gefahren hat…

Szene #1

Regisseur Jacques Audiard, der 2010 für seinen unbedingt sehenswerten Vorgänger „Ein Prophet“ bereits für einen Oscar nominiert war, zeichnet in „Der Geschmack von Rost und Knochen“ in mal ruhigen, mal rastlosen Bildern das Portrait von zwei im ersten Teil ihrer Leben gebrochenen Menschen, denen nun die Chance zuteil wird, sich am ungleichen Gegenüber aufzurichten. Auf der einen Seite der grobe und – scheinbar – gefühlskalte Ali, personifiziertes Opfer der französischen Wirtschaftskrise, der jedoch auf seine Weise – und in einer Art Überlebensmechanismus – alles daran setzt, nicht unter die gesellschaftlichen Räder zu kommen: er nutzt seine Kraft und Erfahrung und lässt sich bei illegalen Wettkämpfen gut bezahlt die Fresse polieren (und teilt freilich noch mehr aus). Auf der anderen Seite Stéphanie, der durch einen Arbeitsunfall plötzlich alles Lebenswerte genommen scheint, und die sich am Ende ihrer Kräfte an Ali wendet – ebenfalls eine Art Automatismus. Das schöne Häufchen Elend und das grobschlächtige Biest mit den traurigen Augen – ein ungleiches Paar, dem erst das Schicksal die Köpfe einschlagen muss, um sie das Leben spüren zu lassen…

Szene #2

Das wohl Beste an „De rouille et d’os“ (der französische Originaltitel) ist, dass Audiard hier eine gut zweistündige, herzzerreißende Liebesgeschichte erzählt, welche gänzlich ohne Kitschfaktoren auskommt – und das kann man ihm im an Erbauungsschmonzetten á la „Ziemlich beste Freunde“ nicht eben armen französischen Kino gar nicht hoch genug anrechnen. Des Weiteren beweist Oscar-Preistträgerin Marion Cotillard („La vie en rose“) einmal mehr, dass sie nicht ohne Grund zu den talentiertesten Schauspielerinnen ihrer Generation zählt. Mit jedem Blick, jeder Bewegung, jeder Geste verleiht sie Stéphanies schlussendlich unbedingtem Kampf zurück ins Leben eine Tiefe, die – national wie wohl auch international – ihresgleichen sucht – und stellt dabei sogar die Leistung ihres belgischen Leinwandpartners Matthias Schoenaerts, der mit seiner Wandlung von Kälte zu Erkenntnis ebenfalls zu überzeugen weiß, in den Schatten. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (ganz nebenbei mal ein gelungener deutscher Filmtitel!) mag zwar für Audiard bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes – skandalöserweise – keinen Preis eingebracht haben. Der Film beweist jedoch wieder einmal, dass französische Filme zwar durchaus unbequem sein können, aber vor allen Dingen beinahe immer auch eines: unbedingt sehenswert und ungewöhnlich anders. Was obendrein seit jeher auf Filme mit Madame Cotillard zutrifft… Großartig und hiermit uneingeschränkt empfohlen!

 

 

 

„After Earth“ (2013)

After Earth (Plakat)Will Smith, M. Night Shyamalan – beide Männer waren mal wichtig, beide waren mal richtig gut. Smith setzte sich in den Neunzigern als klamaukiger „Prinz von Bel-Air“ selbst ein TV-Denkmal, und bewies in zurecht erfolgreichen – da mit überaus feinem Popcornkino-Unterhaltungswert versehenen – Filmen wie „Bad Boys“, „Men In Black“ oder „Independence Day“ seinen international anwendbaren Unterhaltungswert. Der indischstämmige Regisseur Shyamalan bewies 1999 mit seinem zweiten Werk „The Sixth Sense“, in welchem der damals 11-jährige Haley Joel Osment an der Seite von Bruce Willis den Satz „Ich sehe tote Menschen!“ zu geflügelten Filmspruch machte, zumindest ein Mal – dafür jedoch umso effektvoller -, dass er in der Theorie durchaus befähigt ist, das willige Filmpublikum mit einer ganzen Reihe von großen Horror-, Suspense- und Mysteryschockern das Fürchten zu lehren. Stattdessen fügte er mit Filmen wie „Unbreakable“, „Signs“, „The Village“ oder „The Happening“ Schauspielern wie Samuel L. Jackson, Mel Gibson, Joaquín Phoenix oder Mark Wahlberg herbe Verrisskratzer in der jeweils eigenen Vita zu. Und auch bei Will Smith lief es kaum besser: Klar waren Filme wie „I, Robot“, „Das Streben nach Glück“, „I Am Legend“ oder „Hancock“ Erfolge – jedoch schlichen sich insgeheim böse Gerüchte ein: Was läuft da mit Scientology? Nutzte der Schauspieler etwa seine Filme als Medium, um die – völlig zu recht – fragwürdigen Psychotechniken von L. Ron Hubbard ins Unterbewusstsein der Zuschauer zu schleusen? Nun, wo man gerade wie Filme wie „Das Streben nach Glück“ oder „Hancock“ zumindest noch skeptisch sein musste, wird man nun bei Smiths neustem Film „After Earth„, zu dem dem Schauspieler selbst (offiziell) die alleinigen Story-Credits zugeschrieben werden, praktisch mit dem Indoktrinationsvorschlaghammer geprügelt…

Der Geschichte selbst ist schnell erzählt: Eintausend Jahre in der Zukunft hat die Menschheit die Erde – natürlich – längst unbewohnbar gemacht und musste sich auf dem Planeten „Nova Prime“ einen neuen Lebensraum aufbauen. Dummerweise hat davon auch eine außerirdische Spezies Wind bekommen, welche nun blinde Kampfbiester – die „Ursas“ – zur Menschenjagd einsetzt. Die „Ursas“ können jedoch nur jene Menschen jagen, die sie aufgrund ihrer Angst riechen können – was so ziemlich alle Menschen sein dürften, nur einer nicht: General Cypher Raige (Will Smith). Der besitzt freilich Legendenstatus, liegt aber mit seinem – scheinbar – schwächlichen 13-jährigen Sohn Kitai (Jaden Smith) im Clinch, dem er noch immer die Schuld am Tod seiner Tochter zuschreibt. Auf einem Übungsflug stürzt ihr Raumschiff auf – natürlich – der wilden, menschenfreien Erde ab, beide überleben als einzige. Da Cypher Raige verletzt ist, muss sich Kitai nun allein durch die ihm fremde Natur kämpfen, um Hilfe zu rufen…

Szene aus "After Earth"

Nach „After Earth“ braucht’s keine offizielle Bestätigung mehr, ob Will Smith und sein Clan nun dem Bespiel von Tom Cruise, John Travolta und Konsorten gefolgt sind und sich in den behüteten Schoss von Scientology gegeben haben (zumal der Fakt, dass Smith der Sekte vor geraumer Zeit eine nicht eben kleine Summe als Spende zukommen ließ, ebenfalls für sich sprechen dürfte). Smiths neuster Film, welcher zu allem Überdruss noch nicht einmal übermäßig spannend oder gar unterhaltsam gelungen ist, trieft nur so vor theoretischen Anleihen aus „Dianetics“, L. Ron Hubbards Scientology-Machwerk aus dem Jahr 1950: Wir sind die Auserwählten! Die Angst ist eine Illusion! Hinterfrage nichts, unterwirf‘ dich einem Automatismus! (An dieser Stelle soll nicht tiefer ins Detail gegangen werden. Wer sich informieren mag, dem stehen freilich alle erdenklichen Medien zur freien Information wie Desinformation zur Verfügung…) Entschuldigung, aber: Was zur Hölle soll die Scheiße?!? Will Smith selbst verkommt zum seelenlos auftretenden Nebencharakter, lässt seinen ältesten Spross Jaden nun Werbung für Scientology laufen. M. Night Shyamalan setzt erwartetermaßen seinen freien Niveaufall fort. So weit, so ärgerlich. Von Shyamalan erwartet man schon längst keine positive Überraschung á la „The Sixth Sense“ mehr. Für mich persönlich hat’s jedoch Will Smith mit „After Earth“ – man entschuldige erneut – endgültig verkackt. Nicht ausschauen, keinesfalls – großer Mist, langweilige Sektenscheiße, welche als hirnrissig-primitive SciFi-Geschichte getarnt wird, das Ganze… Das. Musste. Raus.

 

Rock and Roll.

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