Sigur Rós live in der Jungen Garde, 19. Juni 2013: Vom Unbekannten, von ungeahnten Möglichkeiten


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An was liegt es bloß? Obwohl dieser Blog unlängst versuchte, der Band und ihrer fortwährenden Faszination Herr zu werden, geben Sigur Rós immer aufs Neue kleine Rätsel auf…

Denn wie bitte ist es zu erklären, dass sich gut 4.600 Besucher an einem lauen – oder eher: schwülheißen? – Mittwochabend in der Dresdner „Jungen Garde“ zusammenfanden, um Musik zu lauschen, deren Texte wohl für mindestens 99,9 Prozent der Anwesenden auch vertonte Ikea-Aufbauanleitungen oder Kochrezepte darstellen könnten – denn schließlich war kaum einer des Isländischen oder – abstruser noch – der bandinternen Fantasiesprache „Hopeländisch“ mächtig. Ist es also dieser unbedingte Wille zur Emotionalität, zur Neuerung, den das Trio aus Sänger und Gitarrist Jónsi Birgisson, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger Orri Páll Dýrason seit ihrer Gründung vor beinahe zwanzig Jahren ausstrahlt? Gar die Faszination des so Fremden – denn immerhin liegen zwischen der sächsischen Landeshauptstadt und Reykjavík, seit jeher Sigur Rós‘ Homebase, gut 2.500 Kilometer Luftlinie? Oder vielleicht die Naturverbundenheit, welche sich anhand von übersetzten Songtiteln wie „Sturm“ („Stomur“), „Schwefel“ („Brennisteinn“), „Saphir“ („Andvari“), „Heuhaufen“ („Heysátan“) oder „Samen“ („Illgresi“) leidlich erahnen lässt? Am Ende muss sich jeder seine eigenen, meist tief empfundenen Gründe suchen, um sich – bestenfalls – hoffnungslos in eines oder mehrere der bislang acht Studioalben der Band zu verlieben. Am gestrigen 19. Juni kamen zumindest über 4.000 (frisch) Verliebte zusammen…

Obwohl: genauer betrachtet dürften es sogar noch Unzählige mehr gewesen sein, denn die Isländer boten zur Feier der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Kveikur“ das Konzert, welches den Restart ihrer Welttournee darstellte, als besonderes „Geschenk“ zum Livestream über ihre Homepage an. Und selbst dieser war nicht von schlechten Eltern: Wer es schaffte, dass Browser und Kapazität einmal mitspielten, konnte zwischen vier an verschiedenen Stellen der Bühne angebrachten Kameras und einem jeweiligen 360-Grad-Winkel (!) wählen – ein wahrer Rausch und optischen und akustischen Eindrücken! Und so durfte auch ich, obwohl ich seit einiger Zeit etwa 700 Kilometer entfernt von Dresden und meiner sächsischen Heimat lebe, im weltweiten Netz – und übertragen auf (m)eine Beamer-Leinwand und Surround-Anlage-, bei einem eiskalten Bier und ebenfalls schwülen Abendtemperaturen, dem Open Air-Konzert beiwohnen.

Sigur Ros -  360 Flyer

Die Voraussetzungen – toller Veranstaltungsort, beinahe ideales Wetter, ausverkaufte Ränge, erwartungsfrohes Publikum – hätten also kaum besser sein können. Und Birgisson, Hólm und Dýrason trugen, unterstützt von ihrem aktuellen kleinen Begleitorchester „The Okkr Ensemble“, ihren Teil dazu bei. Ganz ehrlich: eine Umschreibung – gar: eine Beurteilung – fällt hier schwer. Denn wo bereits bei den Studioalben der Isländer gefühlte 90 Prozent aller gewählten Worte der zu hörenden Musik kaum gerecht werden, schlägt dies bei den Konzerten von Jónsi & Co. meist komplett fehl. Deshalb nur soviel: Die 14 Songs starke Setlist enthielt – natürlich – das ein oder andere All Time Favorite von Form von „Olsen Olsen“, „Svefn-g-englar“ (vom zweiten Album „Ágætis Byrjun“), „Vaka“ (von „( )“), „Sæglópur“, „Hoppípolla“, „Með Blóðnasir“ (vom Erfolgsalbum „Takk…“) oder „Festival“ (vom verhältnismäßig poppigen „Með suð í eyrum við spilum endalaust“). Doch ebenso natürlich feierten – mit dem Eröffnungssongquartett aus „Hrafntinna“, „Ísjaki“, „Kveikur“ und dem Brecher „Brennisteinn“ – vier Stücke aus dem neuen Album „Kveikur“ ihre deutsche Live-Premiere unter dem Dresdner Abendhimmel. Trotz des ein oder anderen kleinen Soundproblems zeigten sich alle auf der Bühne Anwesenden von ihrer spielfreudigsten Seite, und während Frontmann Jónsi wie immer mit in alle Höhenlagen durchbrechender Falsettstimme und dem seine Gitarre bearbeitenden Geigenbogen (Jimmy Page lässt schön grüßen!) zwangsläufig im Mittelpunkt stand, hielt sich der Rest der Musiker auch dieses Mal effektiv zurück. Ansagen, Erzählungen, lange Reden? Braucht diese Musik nicht, hat sie noch nie gebraucht! Ein wenig Beleuchtung der Bühne für den Kontrast zur am Horizont entschwindenden Sonne, ein paar wunderschöne Visualisierungen im Hintergrund – der Rest gehörte den Songs, die sich wie die Ebbe zu stillen Ruhepolen zusammenzogen, nur um darauf wie gewaltige Sturmfluten aufs Publikum zuzurasen und dieses ohne Vorwarnung in den Bann zu ziehen – die alte Mär von Klimax und Antiklimax…

Und (beinahe) ganz gleich, ob man sich nun im Halbrund der über 4.000 vor Ort Anwesenden in der Dresdner „Jungen Garde“ oder – per Webcast – an irgendeinem anderen Ort auf diesem Planeten befand – am Ende des knapp 1,5-stündigen Konzertabends – und nach dem grandios kakophonischen Abschluss von „Popplagið“ (seit jeher eines meiner persönlichen Lieblingsstücke von Sigur Rós) – gab es wohl keinen, der nicht mit warmem Herzen und erwärmter Haut Tag und Band, die zum ersten Mal seit ihrem Auftritt im „Alten Schlachthof“ vor fünf Jahren wieder eine Dresdner Bühne betrat, verabschiedete…

 

Die Setlist vom Dresdner Konzert in der Jungen Garde (19. Juni 2013):

  1. Sigur Rós 2013Hrafntinna
  2. Ísjaki
  3. Kveikur
  4. Brennisteinn
  5. Vaka
  6. Sæglópur
  7. Svefn-g-englar
  8. Varúð
  9. Hoppípolla
  10. Með Blóðnasir
  11. Olsen Olsen
  12. Festival
  13. Glósóli (Zugabe)
  14. Popplagið (Zugabe)

 

Für alle, die aus welchem Grund auch immer, dem Konzert in Dresden nicht (digital) beiwohnen konnten, hat ein findiger Fan übrigens die knapp 85-minütige Show mitgeschnitten und – Kamerawechsel und Bildausfälle inklusive – via Youtube ins weltweite Netz gestellt. Also: anschauen und genießen, solange es online steht!

 

Rock and Roll.

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