Flimmerstunde – Teil 23


„Searching For Sugar Man“ (2012)

Searching For Sugar Man (poster)Kein noch so fantasiereicher Autor könnte je so wunderbar unglaubliche Geschichten schreiben wie das Leben… Mitte der siebziger Jahre erlangt ein Mann in Neuseeland und Australien, jedoch vor allem in Südafrika Kultstatus – und das, obwohl er lange Zeit davon nichts weiß. Die Songs des Musikers Rodriguez werden von Radiostationen von Kapstadt bis Johannesburg rauf und runter gespielt, ihre gesellschaftskritischen Inhalte dienen schwarzer wie weißer Bevölkerung quasi als Soundtrack zu ihrem persönlichen Kampf gegen die Apartheit. Und der Künstler? Nun, über den wussten südafrikanische Musikjournalisten viele Jahre wenig bis nichts, und selbst die Verantwortlichen der nationalen Plattenfirma, auf der eine eigens zusammengestellte Werkschau von Rodriguez erschien, konnten nur mit den Schultern zucken. Schnell machten Gerüchte die Runde: der Mann habe sich noch während eines Konzertes eine Waffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt! Nein, er ist an einer Drogenüberdosis gestorben! Nichts genaues blieb für Jahrzehnte im Dunkeln – und Rodriguez international ein „man of mystery“

Rodriguez #1

Tatsächlich war er noch am Leben, nur wusste das auf der anderen Seite des Ozeans niemand. Erst als Craig Bartholomew-Strydom, ein südafrikanischer Musikjournalist, im Jahr 1996 tiefer zu bohren begann und sich anhand von Textzeilen des Musikers auf eine wahre Schnitzeljagd begab, stieß er auf die ebenso unglaublich wahre wie herzzerreißende Lebensgeschichte von Rodriguez.

Der 1942 in Detroit als Sohn mexikanischer Einwanderer geborene Sixto Díaz Rodriguez zog nach Abschluss der High School durch die örtlichen Bars, lauschte den Lebensgeschichten des einfachen Mannes und machte diese zum Inhalt seiner Lieder – gesellschaftskritische Texte, die vom harten Leben auf der Straße und (insofern man Glück und eine Arbeit hatte) am Fließband, aber auch vom Hängenbleiben am Tresen und von den von der Gesellschaft Vergessenen erzählten, auf der anderen Seite jedoch auch sehr poetisch waren. Bald schon wurde der in der „Motown“-Stadt Geborene von Produzenten entdeckt, nahm zuerst eine Single, danach zwei Alben auf, und seine Fürsprecher wähnten sich bereits in der Sicherheit, hier den „neuen, noch besseren Bob Dylan“ unter Vertrag genommen zu haben – doch obwohl sogar die Kritiken zu den Alben „Cold Fact“ (1970) und „Coming From Reality“ (1971) positiv ausfielen, blieb der Ansturm auf die Plattenläden aus. Schlimmer noch: laut Aussagen ließen sich die Verkaufszahlen gar an zwei Händen abzählen! Kaum einer kann auch heute noch eine Ursache nennen. Waren Rodriguez‘ Texte zu kritisch (konnte kaum sein, denn Dylan war seinerzeit mindestens ebenso rücksichtslos aufrührerisch, und die Siebziger keinesfalls als kritikfernes Jahrzehnt bekannt)? Passte die Farbe oder die Gestaltung des Covers nicht, die Tourdaten, die Promotion, das Timing? Keiner hatte eine Antwort, und das Label ließ den hoffnungsvollen Künstler schnell wieder fallen… Fortan ging Sixto Rodriguez wieder einem Nine-to-Five-Broterwerb in Detroit nach, um seine Familie durchzubringen, und geriet in den USA in Vergessenheit, obwohl auch vorher niemand von ihm Notiz genommen hatte.

Rodriguez #2

Umso erfreulicher – und erstaunlicher! – war es für ihn, als er im Jahr 1998 erfuhr, dass er, der im heimatlichen Musikgeschäft Gescheiterte, im fernen Südafrika eine sagenumwobene, für tot gehaltene Kultfigur, ja gar ein Star – größer und beliebter noch als Elvis, Hendrix, Dylan, die Beatles oder Rolling Stones – war. Bartholomew-Strydom und der südafrikanische Fan und Plattenladenbesitzer Stephen „Sugar“ Segerman nahmen über dessen Töchter Kontakt zu Rodriguez auf und baten ihn, nach Südafrika zu kommen und dort einige Konzerte zu spielen. Und was er dort erlebte, erfüllte ihn nach Jahrzehnten des sicher geglaubten musikalischen Scheiterns endlich mit Genugtuung und Seelenfrieden, verschlug ihm und seinen mitgereisten Töchtern aus Dankbarkeit jedoch auch ein ums andere Mal die Sprache: jubelnde, ausverkaufte Hallen, die dem damaligen Endsechziger noch vor dem ersten Ton Standing Ovations spendierten! Limousinen am Flughafen, feine Hotels, Radiointerviews und Fernsehauftritte! Später Ruhm in einem fernen Land…

Searching For Sugar Man„, die kürzlich Oscar-prämierte Dokumentation des schwedischen Dokumentarfilmers Malik Bendjelloul, begibt sich für 86 Minuten noch einmal auf die Schnitzeljagd nach einem Totgeglaubten, und spürt am Ende eine Geschichte auf, die beinahe zu unglaublich ist, um nicht dem Hirn eines Hollywood-Schreiberlings zu entstammen. Dabei kommen alle Beteiligten in Südafrika und den USA – von Bartholomew-Strydom über Segerman, ehemalige Produzenten, aber auch Rodriguez‘ Töchter und der Künstler selbst – zu Wort, und zeichnen das Bild eines Mannes, dem – zumindest in finanzieller Hinsicht – nie das Glück zuteil wurde, das weitaus weniger talentierte Berufskollegen im Überfluss hatten, der darüber hinaus aber nie den Mut und das Ohr für den „kleinen Mann am Rinnstein“ verlor. Ein Mann, der in einem anderen Universum wohl der „bessere Dylan“ geworden wäre – denn hört man die Stücke seiner bis zum heutigen Tag einzigen beiden Alben, so vereinen diese die Qualitäten von His Dylaness mit den Schattenseiten des „Motown“-Sounds eines Marvin Gaye. Doch der Ruhm in der Heimat wird dem mittlerweile 70-jährigen Sixto Rodriguez, der auch nach den „Erfolgen“ in Südafrika, wo sein Debütalbum „Cold Fact“ Goldstatus erreichte, nie von seiner Musik leben konnte, erst heute – durch die tolle, spannend aufgemachte und erzählte Dokumentation „Searching For Sugar Man“ zuteil – und er, der seit 40 Jahren im selben Haus lebt und einen Großteil der Einnahmen aus Südafrika seiner Familie schenkte, hat ihn sich mehr als verdient. Denn Sixto Díaz Rodriguez weiß endlich: seine Lieder, seine Geschichten von der Straße, sie werden gehört. Und das Leben, dieser verrückte kleine Bastard, hat ihm eine Geschichte geschrieben, auf die selbst er nie gekommen wäre…

Rodriguez #3

 

 

In jedem Falle sollte spätestens jetzt jeder den Songs von Rodriguez eine Chance im Gehörgang geben und aufmerksam zuhören (sehr zu empfehlenden ist hierbei der Soundtrack zur Dokumentation, welcher einen Querschnitt durch das leider zu geringe Schaffen des Künstlers bietet), denn –  so viel sei versichert: es lohnt sich! „Searching For Sugar Man“ ist eine große Dokumentation über einen großen, unentdeckten Künstler namens Rodriguez, die den diesjährigen Oscar völlig zu recht für sich beansprucht hat. Punkt. Und nun: hört zu!

 

Rock and Roll.

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7 Gedanken zu „Flimmerstunde – Teil 23

  1. Olli sagt:

    Gutes Review zur einer unglaublichen Geschichte. So erreicht er, wenn auch spät, seine verdienten Platz!

  2. […] Zelluloiderzählungen “Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft” oder “Searching For Sugar Man“. Auch die Geschichte der Afroprotopunks von DEATH ist ein Rührstück, das von viel Liebe, […]

  3. […] und Regieneuling Dave Grohl (Foo Fighters, Nirvana etc. pp.), das Oscar-prämierte “Searching For Sugar Man“, die so einfache wie bewegende Black Protopunk-Doku “A Band Called DEATH” oder […]

  4. […] ihr sch noch an die beiden ganz hervorragenden abendfüllenden Musikdokumentationen “Searching For Sugar Man” und “A Band Called DEATH“, die ANEWFRIEND euch im vergangenen Jahr vorgestellt […]

  5. […] der letzten Jahre wie “Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“, “Searching For Sugar Man“, “A Band Called DEATH” oder “Charles Bradley – Soul Of […]

  6. […] preisgekrönten und nach wie vor absolut sehenswerten abendfüllenden Musik-Dokumentationen “Searching For Sugar Man” und “A Band Called DEATH” bewiesen (beide Stories trugen sich kurioserweise in […]

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