Mein Senf: John Frusciante, ein offener Brief…


John Frusciante (by kitenek)

 

Lieber John,

ich habe lange mit mir gerungen, ob und wann und wie ich Dir diese Zeilen schreibe. Und bitte verzeih‘, wenn das eine oder andere Wort sich vielleicht im ersten Moment etwas harsch anfühlen mag. Dies alles fällt mir nicht leicht, doch es muss sein…

Doch lass mich zu Beginn etwas weiter ausholen: damals, im Spätsommer 2002 – ich hatte soeben mein Abitur mehr schlecht als recht sprichwörtlich unter Dach und Fach gebracht -, fühlt sich noch alles so frisch und neu und lebendig und unsicher und frei an. Ich befand mich in Paris, in meinem ersten Urlaub allein, in diesem Moment, da in der Heimat, im wahrsten Wortsinn, alles den Bach runter und unter zu gehen drohte. Und doch meine innere Grundstimmung war so verheißend voller Spannung, denn ich hatte mir soeben – die Gründe weiß ich schon längst nicht mehr (und sind diese denn überhaupt wichtig?) – Dein ein Jahr zuvor erschienenes Solodebüt „To Record Only Water For Ten Days“  – übrigens völlig überteuert – zugelegt, und wanderte zu dessen Klängen nun durch die französische Hauptstadt. Père Lachaise, Montmatre, Sacré-Cœur, Notre Dame, entlang der Seine, Moulin Rouge, der Eifelturm, die Champs-Elysees… – bei Sonnenschein, bei Regen, bei hellstem Tag und im Nebel. Überall war ich, warst Du, waren wir damals gemeinsam. Ein so wahrhaftiges Stück wie „The First Season“ wird mich auf ewig an diese Tage in Paris erinnern… Sollte es einen „perfekten Moment“ geben – wir hatten ihn, ich und Du.

Ich war also angefixt, wollte, ja musste mehr von Dir hören! Glücklicherweise ging es Dir wohl ähnlich, denn bereits zwei Jahre darauf, 2004, tratst Du eine wahre Veröffentlichungsorgie los: „Shadows Collide With People“, „The Will To Death“, die „DC EP“, „Inside Of Emptiness“, „Curtains“ – ein Werk schöner und wahrer und echt und berührender als das andere, ja selbst „A Sphere In The Heart Of Silence“, die Kollaborationen mit Josh Klingenhoffer, heute Dein (beinahe) würdiger Nachfolger am Red Hot Chili Peppers-Gitarrenposten, und die schebenden Jam-Orgien im Ataxia-Kollektiv waren fein! 

Doch was war denn dann bitte los?!? Gleich mehrere Jahre ließt Du mich darauf warten, dass all diesen ewig vorzüglichen Kleinoden neue Stücke folgen würden! Und das erst 2009 in die Regale gestellte „The Empyrean“ war zwar gut, doch in Gänze sind wir uns – Du weißt: das Herz lügt selten! – irgendwo auf dem Weg verloren gegangen… Aber wahre Freundschaft schaut über Makel hinweg, vergibt, verzeiht. So dachte auch ich. Bis ich Deine neusten – bitte entschuldige erneut meine Wortwahl – „Auswüchse“ hören musste. Bitte?!? Was bitte sollen mir Konstrukte wie die „Leitur-Lefr“ EP oder Dein aktuelles Album „PBX Funicular Intaglio Zone“ sagen, ja geben? Du weißt, dass ich es Dir kaum übel nehmen konnte, als Du das für Dich zu eng gewordene Bandkollektiv (hier: die Peppers) verlassen hast, denn jeder sollte das tun und dort sein, mit dem und wo er sich am wohlsten fühlt. Doch jemand wie Du, dessen Fertig- und Fähigkeiten an den Saiten nie von dieser Welt zu seien schienen, kann doch all jenen wie mir, die seit Jahren nahezu jeden Tag auf Veröffentlichungsnachrichten von neuen Songs von Dir schielen, nicht ernsthaft völlig krude, scheinbar sinnfreie Elektro- und Rap-Experimentalien anbieten?!? Bitte versteh‘ mich nicht falsch, denn ich habe auch „PBX blablabla“ eine faire Chance gegeben (und es auch im heimischen Regal stehen!), aber: komm zurück zu mir, aber bitte als der, der Du einmal warst! 

(Der eigentliche Auslöser für diese Zeilen war übrigens der Song „Wayne“, den Du heute ins weltweite Netz gepostet hast und zu welchem du folgende Zeilen schriebst: „This song was recorded for my friend Wayne Forman, the coolest, kindest friend anybody could ever have. When I used to play in arenas I would often mentally aim my playing at him. Wayne loved long guitar solos, and he was my favorite person in the audience to play for. As everyone who knew him is well aware, he was also the best chef ever. When I saw him two days ago, he was laying in front of a CD player, so when I came home I decided I’d make something for him. I recorded this solo for him to hear, but I finished it a day too late, so now it is a tribute to his memory. It is what he would have wanted me to play for him, and it is my offering to his family and friends all over the world, as well as anybody else. Wayno lives in our hearts forever, the greatest guy anybody could ever know. I’m so lucky to have been graced by his friendship. All the love in the world to him.“ Er hat mich so schmerzhaft an all das Schöne, was wir einmal geteilt haben, erinnert…)

Ich weiß: Zeiten ändern sich, Mensch ändern sich. Doch mit dem Jetzt und uns beiden komme ich nicht überein. Wir hatten schöne, aufregende, wahrlich wunderbare Zeiten gemeinsam, und vieles von dem werde ich für immer in meinem Hörerherzen tragen. Man sagt, dass man gehen soll, solange es am schönsten ist. Doch wie so oft habe wir beide den Absprung verpasst. 

Ich gehe. Für mich. Für Dich. Für uns.

In Freundschaft. In Liebe.

 

Rock and Roll.

 

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3 Gedanken zu „Mein Senf: John Frusciante, ein offener Brief…

  1. […] Lesern von ANEWFRIEND mag diese Geschichte wohl bekannt vorkommen. Alle anderen finden hier mehr […]

  2. […] der Mann ist echt ‘ne Naturgewalt! Erst kürzlich hatte ich mich, der eine oder die andere mag sich eventuell erinnern, hier ebenso öffentlich wie […]

  3. […] (Ex-)Gitarrist John Frusciante. Wer weiß, wie sehr ich auch heute noch diesen Mann vergöttere (und umso trauriger war, als der heute 47-Jährige vor einiger Zeit zuerst die Chili Peppers […]

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