Das Album der Woche


Daughter – If You Leave (2013)

Daughter - If You Leave (Cover)-erschienen bei 4AD/Beggars/Indigo-

Keine Frage, der Winter war lang. Zu lang, zu grau – und das nach einem Sommer, welcher ohnehin schon wenig Sonne bot. Umso mehr begrüßt man momentan jeden Strahl, der einem derzeit – beinahe ganz ungewohnt – die Nasenspitze kitzelt. Und trotzdem kann man sich einer Sache sicher sein: sollte der kommende Sommer auch noch so wolkenverhangen, noch so trübe, noch so regnerisch sein, die reichlich sinnfreien Mitgröhl-Gute-Laune-Sommerhits, sie werden uns auch in diesem Jahr nicht verschonen! Ich zumindest bräuchte für die fiesen Ohrwürmer, die mich wohl schon demnächst ungefragt und hinterrücks anfallen werden, dann bitte doch noch einen Moment Ruhe…

Daughter #1

Und all jenen, die ebenso immer ein offenes Ohr für anspruchsvolle Melancholie der Marke „The xx“ haben, sei hiermit noch einmal dringlichst geraten, sich „If You Leave„, das Debütalbum des Londoner Trios Daughter (die Band fand bereits hier auf ANEWFRIEND Erwähnung), zu Gemüte zu führen. Wobei: Daughter – ein Trio? Vielmehr tuen sich bei diesem Bandnamen ganz andere Assoziationstüren vorm inneren Auge auf. Etwa die der Tochter eines Seemanns, welche von ihrem weit gereisten Vater stets neue Geschichten über die große weite Welt, über all ihre grausamen wie anbetungswürdigen Geschöpfe, über all ihre Gefahren und Offenbarungen, mit neugierigen Ohren und offenem Mund empfängt. Oder das Bild einer jungen Frau, das gerade erst lernt, die Welt für sich zu entdecken. Und so falsch sind all diese Bilder nicht, denn Daughter-Frontfrau Elena Tonra begann 2010 in der Tat solo (und machte durch die Qualität erster Demoaufnahmen schnell von sich reden). Die beiden weiteren Bandmitglieder – den schweizer Gitarristen Igor Haefeli und den aus Frankreich stammenden Perkussionisten Remi Aguilella – lernte sie während ihres Studiums am Londoner Institute Of Contemporary Music Performance kennen. Doch wer anhand dieses in der Tat akademischen Faktes – Tonra und Haefeli sind diplomierte Songwriter (gibt’s tatsächlich!), Aguilella hat (s)einen Anschluss als Schlagzeuger in der Tasche – nun kaltes, berechnendes Hitkalkül hinter den Stücken des Dreiergespanns erwartet, den straften bereits die vorangegangenen EPs („His Young Heart“ und „The Wild Youth“ betitelt) Lügen. Nein, trotz aller Vorschusslorbeeren, trotz der Nennung in der „Sound Of 2013“-Liste der BBC, trotz ausgezeichnet besuchter Konzerte bei großen ausländischen Festivals wie dem Roskilde oder dem South By Southwest (bei ersterem konnte ich mich übrigens selbst von Daughters Bühnenqualitäten überzeugen) sind Daughter ganz organisch und Stück für Stück gewachsen. Und obwohl die Band relativ schnell einen Plattenvertrag mit dem englischen Indie-Traditionslabel 4AD unterschrieb, ließ man sich für das Debüt alle Zeit der Welt…

Daughter #2

Und all die Arbeit und Mühe, die in die zehn Songs des Erstlings gesteckt wurde, hört man „If You Leave“ denn auch an. Wer in den letzten Monaten bereits den EPs und Live Sessions der Band gelauscht hat, dem werden nun zwar sowohl der ein oder andere Song (etwa „Youth“) bekannt vorkommen, und auch der mittlerweile eingeschlagene klangliche Weg wird kein unbekannter sein, aber auch für diese Hörer bietet „If You Leave“ noch massig Neues… Jedoch haben all jene den Vorteil, auf Elena Tonras nicht eben himmelhoch jauchzenden Texte vorbereitet zu sein. Denn in der Tat kann einen die lyrische Schwere, die nahezu jedem Moment der zehn Stücke innewohnt, schon gefühlig zu Boden drücken. Bereits im verheißungsvoll „Winter“ betitelten Opener gibt Tonra zu verschleppten Rhythmen, in die sich nach und nach sanfte Gitarrenakkorde und spärliche Percussion mischen, die textliche Marschrichtung vor: „Drifting apart like two sheets of ice, my love / Frozen hearts growing colder with time“. Eiseskälte, soweit das Auge blickt. Gefühle als Hülsen, die einen nur deshalb vor dem Erfrieren retten, um all das Leiden noch zu verlängern. Festgefahren, kalt, leer. Rien ne va plus. Und auch das darauf folgende „Smother“ (die erste Single des Albums) weiß nichts Besseres zu berichten, erzählt von der Vergeblichkeit der Liebe, vom Trümmerfeld und dem Scherbenhaufen, den die ehemals Liebenden der Nachwelt hinterlassen: „I sometimes wish I’d stayed inside my mother / Never to come out“. Brrr! Da sieht man förmlich den blumigen Kopfschmuck all der kleinen Hippiemädchen verdorren… „Youth“ mischt fragile Gitarren mit kraftvollen Schlagzeugschlägen, während Tonra vom jähen Ende jugendlicher Unschuld berichtet: „And if you’re still breathing, you’re the lucky ones / ‚Cause most of us are heaving through corrupted lungs / Setting fire to our insides for fun / Collecting names of the lovers that went wrong“ – und sich selbst dabei nicht ausnimmt: „And if you’re in love, then you are the lucky one / ‚Cause most of us are bitter over someone / Setting fire to our insides for fun / To distract our hearts from ever missing them / But I’m forever missing him“. Das Doppel aus „Still“ und „Lifeforms“ bietet zum Gitarren-und-Percussion-Klangkostüm zusätzlich unheimlich hintergründiges Dröhnen in bester postrock’scher Tradition, wobei Tonras Stimme bei zweiterem beinahe nieder gedrückt wird, und sich erst gegen Ende wieder frei schwimmt: „Clean up the dead you leave behind“. In „Tomorrow“ besingt Elena Tonra, deren Stimme nicht selten an Chan Marshall (aka. Cat Power) erinnert, in wunderschönen Bildern die eigene Vergänglichkeit („By tomorow we’ll be swimming with the fishes / Leave out troubles on the side / And when the sun comes out / We’ll be nothing but dust / Just the outlines of our house / By tomorrow we’ll be lost amongst the leaves / In a wind that chills the skelletons of trees / And when the moon, it shines, I will leave two lines / Find my love, then find me“) und wünscht sich, aller bösen Vorahnungen zum Trotz, nichts mehr, als auf ewig im Jetzt verweilen zu können („Don’t bring tomorrow / ‚Cause I already know / I’ll lose you“). Der beschwingteste Moment des Albums findet sich wohl in „Human“, welches mit seinem schnurstracks vorwärts marschierendem – und dabei umso mehr an die Isländer von Sigur Rós erinnerndem – Schlagzeugrhythmus – beinahe – Hoffnungsschimmer durchs Wintergrau schickt. Und doch wählt die Frontfrau auch hier martialische Thematiken: „Woken up like an animal / Teeth ready for sinking /…/ Underneath the skin there’s a human / Buried deep within there’s a human / And despite everything I’m still human / But I think I’m dying here“ – die wilde, unbarmherzige Natur und das feingliedrige Individuum, das in ihr zugrunde geht. In „Touch“ verliert sich die Sängerin zu zarter Elektronik und hallenden Stimmen aus dem Off in Nachtfantasien, welche in „Amsterdam“, zu Akustikgitarrenbegleitung, in morgendlichen Träumereien gipfeln, davon, alles stehen und liegen und hinter sich zu lassen, all den Gefühlsunrat über Bord zu schmeißen und sich mit dem Liebsten aus dem Staub zu machen: „By the morning I will have grown back / I’ll escape with him / Show him all my skin / Then I’ll go / I’ll go home / Amsterdam /…/ I used to dream of / Adventure / When I was younger / With lungs miniature / Good night with killing / Our brain cells / Is this called living / Or something else?“. Der Schlussakt „Shallows“ fasst alle aktuellen Qualitäten von Daughter noch einmal auf gewaltigen sieben Minuten Länge zusammen: die in sich ruhenden Gitarren, die gekonnt umspielende Rhythmusbegleitung, das Dröhnen im Hintergrund, das Anschwellen der Emotionen, die Tiefe ebenjener, und der Zerfluss in der Endlichkeit der Brandung. Elena Tonra gibt dazu noch einmal die herrlich müde, jedoch umso lebenweisere Erzählerin und spinnt ihr feingliedriges Poesienetz: „Let the water rise / Let the ground crack / Let me fall inside / Lying on my back / Dry your smoke-stung eyes / So you can see the light / Staring at the sky / Watching stars collide / If you leave / When I go / You’ll find me / In the shallows“.

Daughter #3

„If You Leave“ nimmt allen, die hinter dem Empfehlungsraunen, welches Daughter in den letzten Monaten umgab, die nächste schale „Hype“-Hülse vermuteten, mit 46 Minuten gleichbleibend hoher Songqualität jeglichen argumentativen Wind aus den Segeln und bewegt sich dabei in einem ähnlichen emotionalen Fahrwasser wie etwa The xx (kein Wunder, immerhin saß bei einem Großteil der Stücke The xx-Produzent Rodaidh McDonald an den Reglern). Doch wo die Doppel-X-Landleute sich vorm nahenden Beziehungsende noch einmal – gefühlt – gemeinsam in die Daunen begeben, lehnen Daughter melancholisch am Türrahmen und sehen dem tristen nächtlichen Treiben als beteiligter Beobachter mit traurigen Augen zu. Klar ist all diese immense Gefühlsschwere, sind diese schonungslos aufrichtigen Weltsichten nicht für jeden etwas. Und doch muss man sich um die psychische Gesundheit von Elena Tonra wohl keine Sorgen machen, immerhin ist sie keinesfalls das broken-hearted little girl, das man hinter ihren Texten vermutet, und mittlerweile in festen Händen (übrigens in denen von Daughter-Gitarrist Haefeli). Vielmehr dienen ihr die Songs als Katalysator zum Austreiben der eigenen kleinen, fiesen Angstgespenster. Und auch, wenn durch den Folkrock von „If You Leave“, welchen das Trio mit mächtigen Postrock- und zarten Elektronik-Einschlägen anreichert, nur wenig Sonnenstrahlen brechen mögen, so weiß man doch, dass auch auf den längsten Wintertag irgendwann ein Sommer folgen wird. Bis dahin möchte man dem Schnee beim Tauen zusehen, dabei, wie sich zarte Pflänzchen hoffnungsvoll ihren Weg zur Sonne bahnen. Bis dahin braucht man nur zwei Dinge: ein Goethe’sches Faust-Zitat der Marke „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ – und Daughters „If You Leave“. Lasst die Tränen trocknen, der wohlige Schauer kommt von allein…

Daughter - title

 

Hier kann man sich Daughters vorausgegangene „His Young Heart EP“ anhören…

…und hier das ebenso stimmungsvoll melancholische wie absolut zum Stück passende Video zu „Still“…

 

…und die komplette KEXP Session der Band, welche im Oktober 2012 aufgenommen wurde, anschauen:

 

Und noch ein kleiner Hinweis: in den kommenden Tagen befinden sich Daughter für einige Konzerttermine in Deutschland…

08.04.2013 – Köln, Gebäude 9

09.04.2013 – Berlin, Festsaal Kreuzberg

15.04.2013 – Hamburg, Knust

16.04.2013 – Frankfurt, Zoom

 

Rock and Roll.

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6 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] macht danach einfach mit Daughters vollstens zu empfehlenden Debütalbum “If You Leave” […]

  2. […] dürfte sich “Sommermusik” anders anhören. Trotzdem und in jedem Falle sticht “If You Leave“, das Debütalbum von Daughter, noch immer als feine Veröffentlichung aus einem nicht eben […]

  3. […] drei Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums “If You Leave“, welches es damals unter ANEWFRIENDs liebste  Platten des Jahres 2013 schaffte, kehrt […]

  4. […] – die letzten Minuten und Sätze des vor drei Jahren erschienenen Daughter-Debüts “If You Leave” hatten es in sich. Wabernde Klänge, große Emotionen, eine Stimme, die einem ganz, ganz […]

  5. […] Daughter, das seitens dieses bescheidenen Blogs höchst geschätzte Londoner Trauerweidenrock-Trio, einem eine andere Band ans Hörerherz legt, dann darf […]

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