Das Album der Woche


Kate Nash – Girl Talk (2013)

Girl Talk (Cover)-erschienen bei Fontana/Universal-

Erinnert sich noch jemand an Lena Meyer-Landrut, dieses 18-jährige Fräuleinwunder, welches 2010 mit „Satellite“ erst in Deutschland, dann gar beim Eurovision Song Contest die „Lenamania“ auszulöste? Klar, diesem verflixt fies durchgepopten Stück konnte man vor drei Jahren nirgendwo entkommen, genau wie jenem Persönchen, das schon damals mit einer Mischung aus Chuzpe und Blasiertheit mehr spaltete als einte. Doch vor alledem beeindruckte sie die Jury der „Unser Star für Oslo“-Castingshow mit enormem Bühnentalent und eben jenem falsch aufgelegten Cockney-Slang, in welchem sie Stücke wie „Foundations“ oder „Mouthwash“ für sich vereinnahmte. Was wohl Kate Nash darüber dachte? Immerhin waren es eben jene Stücke, mit denen sie sich selbst – und ihr Debütalbum „Made Of Bricks“ – 2007 ins Licht der Öffentlichkeit spielte und so einen der charmantesten Ohrwürmer des Jahres („Foundations“) ablieferte. Und, klar: auch Nash selbst galt – drei Jahre vor Lena – in Großbritannien als Fräuleinwunder, als eine, die zwar im Blümchenkleid niedlich wirken mochte, der jedoch – Sommersprossen und Charme zum Trotz – jederzeit auch schnell mal ein „Fuck“ oder Rülpsen entfleuchen konnte.

KATE NASH

Doch bereits drei Jahre darauf schraubte Nash beträchtlich an ihrem Image und stellte mit dem Nachfolger „My Best Friend Is You“ klar, dass sie keinesfalls gewillt war, auf ewig das Fräuleinwunder-Blumenkind zu sein, das zu einfacher Piano- oder Gitarrenbegleitung amüsante Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt. Die Arrangements wurden mal komplexer, mal rabiater, griffen vor und zurück in der Musikhistorie, bedienten sich in den Neunziger, Achtzigern, Siebzigern wie Sechzigern, entlehnten unter der Ägide von Ex-Suede-Mann Bernhard Butler ebenso bei den Shangri-Las wie bei den Pixies.

Und wer bereits damals den Verlust der gefühlt formatpopigen Mädchenfantasien beschrie, der wird auf dem dritten Album „Girl Talk“ sein punkledernes Wunder erleben. Denn wie bereits der im vergangenen Jahr kostenlos veröffentlichte Vorabsong „Under-Estimate The Girl“ mit dröhnend scharfen Gitarren, Feedback und höchst unladylikem Geplärre andeutete, mag sich Kate Nash anno 2013 so gar nicht irgendwelchen Erwartungshaltungen ergeben. Und so stellen denn auch die fünfzehn neuen Stücke einen weiteren Umbruch in der noch jungen Karriere der 25-jährigen Londonerin dar. Bereits der Opener „Part Heart“ deutet Nashs kämpferische Punk-Attitude mehr als an. Zum anfänglichen Bass-und-Schlagzeug-Duo gesellen sich Synthesizer und wütende Gitarren, während das ehemals brave Gör immer wieder mantraartig und selbstbestätigend „I still feel the same“ herunterbetet. Und überhaupt: der von Nash höchstselbst bediente Bass bildet in den meisten Stücken die Basis, darf mal vordergründig wummern („Death Proof“), mal solo ins Stück einsteigen („Sister“). Drum herum hangeln sich etwa Surf-Gitarren unselig ins Jenseits und hin zu den „Rock’N’Roll Highschool“-Ramones („Death Proof“), oder Sturm-und-Drang-Rhythmen à la Ash („Cherry Pickin'“). Das grundnervöse „All Talk“ hätte auch Nirvana gut zu Gesicht gestanden, „Rap For Rejection“ ist eben genau das und Nashs Versuch, Doo-wop, Punk und HipHop miteinander zu vereinen, „Cherry Pickin'“ außerdem eine Art überdrehte weibliche Sex Pistols-Annäherung, nur mit ‚Woohoo‘-Zuckerguss. Doch nach Zucker ist Kate Nash auf ihrem dritten Album beinahe nie zumute, eher nach Krawall, Barrikade und Rebellion. Und so überschlägt sich ihre Stimme während der 53 Minuten forsch ein ums andere Mal, in „Sister“ gerät die Musikerin gar ins Keifen. Doch keine Angst: auch auf „Girl Talk“ gibt es sie wieder, die Songs, in denen Nash beinahe herzallerliebst singt und die somit reichlich Trademarks besitzen, wie „Are You There Sweetheart?“ oder „OMYGOD!“ (nur den ihr eigenen Cockney-Akzent hat sie sich scheinbar fast vollkommen abgewöhnt). Dazu serviert sie mal Girl-Misses-Boy-Texte („OMYGOD!“), mal Girl-Tries-To-Forget-That-One-Boy-Lyrik („Unconventional Girl“), stellt jedoch auch mit gefühlt hoch erhobenem Mittelfinger klar: „You’ve a problem with me / ‘Cause I’m a girl / I’m a feminist / And if that offends you / Then fuck you /…/ Words are only in my mouth / The only thing that means anything now / Is action, action“ („All Talk“). Nee, auch 2013 macht das ehemalige Fräuleinwunder was es mag, und lässt sich weder in die eine, noch in die andere Richtung verbiegen! Und trotzdem schwört sie ihrem bisherigen Schaffen nicht gänzlich ab, denn ein zackiges Stück wie „3AM“ wäre, mit eingängigem Refrain und ‚Ooh Ooh Ooh‘-Begleitung, auch auf dem Debüt „Made Of Bricks“ nicht unangenehm aus der Reihe getanzt, und auch auf dem aktuellen Album finden sich massig Nash-typische Gesangslinien, bei denen schon immer etwas unbedarft schöne Melancholie mitschwang. In all der ungezügelten Energie bietet ein Song wie „Labyrinth“ Entschleunigung, und bei „You’re So Cool, I’m So Freaky“ kommt die bei Frau Nash aktuell höchst selten genutzte Akustkgitarre doch tatsächlich noch einmal zum Einsatz, lädt alle im Hintergrund Beteiligten zum Mitsingen ein und übt sich selbst im Außenseitertum: „You’re so cool / And I’m a waste of space / You’re so cool / And I don’t understand it / You’re so cool / And I have never been cool / You’re so cool / And I’m a freaky, freaky, freaky, freaky girl“ – nur das bisher gewohnt routinierte Piano hat aktuell Sendepause. „Lullaby For An Insomniac“ beginnt als A Capella-Einlage und mit düsteren Nachtgedanken („Another day goes by / And I don’t wash my hair / Another night is spent / Wishing you were here / My skin it looks so pale / What’s that over there?“), besinnt sich jedoch schnell auf’s Wesentliche („And I think I’m falling down again / So I think about all my good friends / And I wish them the best / I take comfort in / Knowing I have them“) und geleitet den Hörer höchst klassisch – und, zumindest auf einem Album wie diesem, höchst unerwartet – per Orchester vor die Tür. Warum? Weil sie’s kann.

Kate Nash 2013

„Girl Talk“ ist, wie bisher bei Kate Nash gewohnt, vieles: lyrischer Rundumschlag, kluge Neuausrichtung, selbstbewusste Selbstbehauptung, emanzipiertes Statement. Und so finden sich hier ebenso Anklänge an die Buzzcocks, Nirvana, frühe Bangles, Hole, Ash, Sex Pistols oder Ramones wie an PJ Harvey, die Distillers oder die Breeders. Und trotz allem tragen die fünfzehn Songs erneut ganz klar Kate Nashs Handschrift. Doch wo Landsfrauen wie Lily Allen sich unlängst zu stark von Produzenten und Plattenfirmen in gewisse Schablonen pressen liessen, gibt Nash auch auf Album Nummer drei einen Scheiß darauf, ob sie hier soeben ihren eigenen Karriere-Overkill in die Bänder schrammelt und spuckt. „Girl Talk“ ist gleichsam ein Bekenntnis zu Feminismus wie zu Verletzlichkeit. Und wo jemand wie Fräulein Meyer-Landrut zuletzt nur halbgares Hipster-Popmodetrendwerk zustande brachte (und wohl – zum Glück? – bald wieder in der Versenkung verschwunden sein dürfte), bleibt Kate Nash mutig und spannend. Und trotz allem ist „Girl Talk“ Pop. Nur muss man aktuell wohl fürchten, bei Widerworten eins mit dem Mikroständer übergebraten zu bekommen. No more Misses Nice Girl.

feminism

 

Hier gibt’s die Videos zum bewusst unschönen Vorabsong „Under-Estimate The Girl“…

 

sowie zu „3AM“…

 

…“Death Proof“…

 

…und „Fri-end?“ zu sehen:

 

 

Und da’s ein so wundervoll krasser Gegensatz ist, hier noch einmal die bereits erwähnten Stücke „Foundations“…

 

…“Mouthwash“…

 

…sowie das noch immer simpel tolle „Nicest Thing“ in Videoform zum direkten Vergleich:

(Okay, die Stücke vom 2007er Debütalbum „Made Of Bricks“ sind immer noch klasse!)

 

Rock and Roll.

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2 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] Kate Nash This Christmas EP” ihrem im vergangenen März erschienenen dritten Album “Girl Talk” nun ausgerechnet ein (bedingt) weihnachtliches Mini-Album folgen zu lassen. Die EP enthält […]

  2. […] Das Musikvideo zu “Sister”, der neusten Auskopplung aus Nashs aktuellem Album “Girl Talk“, wird die nicht eben komplikationsfreie Geschichte einer engen Freundschaft zwischen zwei […]

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