Das Album der Woche


The Joy Formidable – Wolf’s Law (2013)

The Joy Formidable - Wolf's Law (Cover)-erschienen bei Atlantic/Warner-

Kürzlich habe ich wieder einmal Spike Jonzes tolle, fantasievolle Verfilmung des Maurice Sendak-Kinderbuches „Where The Wild Things Are“ (dt.: „Wo die wilden Kerle wohnen“) gesehen, in welchem der Junge Max vor der ihm höchst unverständlichen Erwachsenenwelt flüchtet und zu einer Insel segelt, auf welcher eine Horde ungewöhnlicher und auf den ersten Blick bedrohlicher, jedoch im Herzen guter Monster haust, die wie er nur drei Dinge im Sinn haben: herumtollen, ihrer Energie freien Lauf lassen und all dem Neuen und Unbekannten einen Namen geben. Und man mag es nun Zufall oder Fügung schimpfen: „Wolf’s Law„, das dieser Tage erschienene zweite Album von The Joy Formidable, könnte – hätte Yeah Yeah Yeahs-Frontfrau Karen O diesen Job nicht schon grandios erledigt – glatt als monumentaler Soundtrack zum Film dienen.

Denn die drei Waliser Ritzy Bryan (Gesang, Gitarre), Rhydian Dafydd (Bass) und Matt Thomas (Schlagzeug) gingen bereits an die Produktion des Nachfolgers zum 2011 erschienenen Debüt „The Big Roar“ ähnlich heran wie Kultregisseur Spike Jonze: um Abstand von allen Erwartungshaltungen, die Mini-Indierock-Hits wie „Austere“, „Whirring“ oder „Endtapes„, der Beitrag der Band zum Soundtrack von „Twilight: Breaking Dawn – Part 1“ geschaffen hatten, zu entfliehen, verkroch sich das Trio im vergangenen Winter in einer einsamen Hütte in den Wälder Oregons. Und genau danach hört sich „Wolf’s Law“ nun auch an. Jedoch kann allen, denen jetzt eine plötzliche klangliche Einhunderachtziggradwende hin zu den introspektiven Akustikgitarrenfisteleien eines Bon Iver im Kopfkino vorschwebt, ein beruhigender Riegel vorgeschoben werden, denn so weit entfernen sich The Joy Formidable dann doch nicht von ihren vielerorts gelobten Erstling. Alles, was einen auf „The Big Roar“ schon süchtig werden ließ, ist noch da: die schroffen Gitarrenwende, die fette Rhythmussektion, Bryans sehnsüchtiger Gesang, der Hang zum Übersteigern, Übersteuern, lärmenden Übertreiben. Nur geht die Band 2013 bei all dem noch durchdachter, präziser und mit einem klaren Konzept im Fokus zu Werke. Das Bildnis des Covers fasst es – zumindest für mich – bereits schön zusammen: die Dynamik des Lebens macht auch vor dem Sterben nicht Halt, dem Ende des Einen wohnt der Anfang des Anderen inne, und in aller Grausamkeit gibt es auch Schönheit zu entdecken. Dass auch der Mensch im Grunde der Dinge ein dem Wolf ähnlicher Jäger ist, liegt in seiner Natur. Und völlig egal, ob man nun in einem Hochhausblock in Berlin-Marzahn oder in den Weiten der peruanischen Anden aufwächst, so ist man doch ständig gezwungen, sich den äußeren Gegebenheiten anzupassen, mit ihnen zu leben und sie – bestenfalls – zu den eigenen Gunsten zu nutzen. Darwinismus, Baby!

The Joy Formidable

Und all diese Gedanken vertonen Ritzy Bryan und ihre männliche Rhythmusfraktion dann auch in den zwölf neuen Songs. „This Ladder Is Ours“ gibt nach einem kurzen symphonischen Einstieg sofort in medias res die Richtung vor: Indierock mit vielen kleinen Ecken und Kanten, Experimenten und Schnörkeln, aber meist ohne Umschweife. Die Band steht Anfangs noch auf einer sonnenbeschienenen Lichtung. „Let’s take this walk / It’s long overdue“, bietet Bryan an, bevor sie in „Cholla“, einem amtlichen Rocker mit elektronischen Sprengseln, ins Dickicht verschwindet. „This love is like a swarm / You can’t see through it“ – schon bald wird das Unterholz dichter, und doch folgt man dem Trio zum bratzenden Bass, den Keyboardflächen, dem Chembalo-Intermezzo von „Tendons“ weiterhin. „Is this what you wanted?“ Man ist sich da nicht ganz so sicher, aber was soll’s – immerhin lebt man ja nur ein Mal! In „Little Blimp“ vernimmt man bereits verfremdeten Backgroundgesang, bevor in „Bats“ mit seinen kurz vor Chaos gebürsteten Gitarren die Hetzjagd beginnt. Wölfe! Ein Rudel von ihnen hat die Fährte gerochen – oder waren es wohl eher die kaum zu überhörenden Töne? – und ist einem nun dicht auf den Fersen. Schneller, schneller, immer schneller! Glücklicherweise können sich Band und Begleiter auf einen dieser den Wald überragenden Bäume retten, auf dessen Spitze man über die dichten Nebelfelder bis ins nächste Tal blicken kann – „Silent Treatment“ kommt da als sanfter Akustikgitarrenruhepol gerade recht. „Less talking, more reason“ – Klappe halten, innehalten, genießen! Aber gern doch, Ritzy. Nach der kurzen Rast ist jedoch Eile geboten, möchte man nicht als Mitternachtsmahl für die Wölfe enden, denn die Nacht bricht bereits deutlich herein. Zum „Maw Maw Song“, welcher klassizistisch beginnt, bevor er den Hörer mit ganzer Härte trifft und mit furztrockener Mitleidslosigkeit Fahrt aufnimmt, sich mit duellierenden Gitarrensolos sowie grandiosem Schlagzeugspiel beständig steigert, bevor alles wieder im Klassizismus verebbt, spurtet man durch Unterholz. „Forest Serenade“ gönnt sich dabei zu Höhen aufschwingenden Gesang und „The Leopard And The Lung“ einen kurzen Abstecher in Prog-Gefilde. Zu „The Hurdle“ tritt die Gruppe hörbar aus dem Wald heraus. „I lost a place that I loved / It disappeared into the woods where it belonged“, erinnert sich Bryan. Und auch man selbst erkennt im inneren Rückspiegel in all dem einen Sinn und in der rohen Wildnis eine grausame Schönheit. In „The Turnaround“ gönnen sich The Joy Formidable zum Kopfkino-Abspann ein gesamtes Orchester, mit dem sie „Wolf’s Law“ nicht eben minimalistisch ausklingen lassen, nur um mit dem Titelstück als Zugabe noch einmal um die Ecke zu biegen und die 53 Minuten majestätisch auf den Punkt zu bringen: „Another new scene that flies / Another empty picture for this collage of mine / Want to pull it back / And pretend that it’s dark / That we made it here unharmed / I’m your friend, not your guard / And we’re under Wolf’s Law“.

The Joy Formidable

Auf dem von Andy Wallace produzierten „Wolf’s Law“ machen The Joy Formidable eine Menge richtig: sie bedienen Erwartungshaltungen, indem sie dem Sturm-und-Drang-Indierock von „The Big Roar“ auf der einen Seite treu bleiben, diesen jedoch noch präziser und entschlossener ausformulieren, und ihn auf der anderen Seite offen für Neuerungen und kleine Experimente gestalten. Dass dies weder auf Kosten von Eingängigkeit noch von Zugänglichkeit geschehen muss, beweisen Stücke wie „Cholla“ oder „This Ladder Is Ours“. Und doch schaffen es The Joy Formidable, dem Hörer mit dem „Maw Maw Song“ eine Ahnung von ihren reichlich explosiven Liveshows zu vermitteln, in welchen ihre beständig zwischen jugendlichen Black Sabbath, Led Zeppelin, Muse (die Musik) und den Yeah Yeah Yeahs (der Gesang) pendelnde Dynamik noch besser zur Geltung kommt  – etwa nachzuhören auf dem bereits 2009 erschienenen Livealbum „First You Have To Get Mad“. „Wolf’s Law“ ist ein derbe rockender Spagat zwischen Kunst und Natürlichkeit, zwischen Anspruch und Ursprung, zwischen Feingeist und Freigeist. Die Krux für Ritzy Bryan und Co. war, dass sie für ein Album, was die Zivilisation zurück in die Natur führt, der Einen (der Zivilisation) erst hin zur Anderen (in die Natur) entfliehen mussten. Große Themen, große Songs. Tolles Album. Where the wild things are…

P.S.:

An dieser Stelle möchte ich mich outen und gleichsam Betroffene suchen: hat sich noch irgendjemand in die charismatische und nicht eben unansehnliche TJF-Frontfrau verliebt? Anyone?

 

Hier könnt ihr euch das Album in Gänze zu Gemüte führen…

 

…ebenso wie die Videos zu „This Ladder Is Ours“…

 

…zu „Cholla“…

 

…zum Titelstück von „Wolf’s Law“…

 

…sowie zu „Whirring“…

 

…und „Cradle“ vom Debüt „The Big Roar“:

 

Und da sich ANEWFRIEND bekanntlich nicht lumpen lässt, hier noch Live Session-Versionen der Songs „The Everchanging Spectrum Of A Lie“…

…“Whirring“…

…“This Ladder Is Ours“…

…und „Cholla“:

 

Rock and Roll.

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