Das Album der Woche


…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lost Songs (2012)

-erschienen bei Superball Music/EMI-

Es gab durchaus mal eine Zeit, in der galten die Texaner von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead als Schrecken aller Konzertveranstalter. Da wurden Hotelzimmer unbewohnbar gemacht (ganz klassisch: der Fernseher verabschiedete sich im finalen Crescendo durchs Fenster), Bühnenaufbauten zerlegt und das Publikum schon mal mit hartschaligem Obst beworfen. Doch diese Zeiten scheinen (vorerst) vorbei zu sein: der nach Kambodscha übergesiedelte Frontmann und Fantasy-Fan Conrad Keely ist mittlerweile ein ernstzunehmender und gefragter Zeichner, Maler und Albumcoverdesigner (und neuerdings auch Romanautor, mehr dazu jedoch später), seine Band entfernt sich seit der 2002 erschienenen Großtat „Source Tags & Codes“ immer weiter von ihren lärmenden Wurzeln und dem Image als Radaubrüder, wobei das im letzten Jahr erschienene „Tao Of The Dead“ mit seinen allerlei progrockigen Versatzstücken und dem 16-Minuten-Abschluss „Strange News From Another Planet“ den vorläufigen Höhepunkt bildete und geradezu herausschrie: „Seht her, das ist der Mittelfinger für eure Zugänglichkeit und Erwartungshaltung! Prioritätenverschiebung! Anspruch! Kunst!“ Hätte sich das Quartett bei all der hochgeistigen Weiterentwicklung nicht die ihm eigene Klangnote und Energie bewahrt, (fast) keiner hätten ihm wohl noch zugehört…


Dass …Trail Of Dead nichtsdestotrotz 2012 noch immer verdammt relevant und spannend aufspielen können, das zeigen sie – die fulminanten Live-Shows mal außen vor gelassen – auf ihrem nun erschienenen achten Studioalbum „Lost Songs„. Was vom Titel her im ersten Moment anmutet wie eine Sammlung liegengebliebenen Materials aus den vierzehn gemeinsamen Bandjahren, ist jedoch das wohl bisher politischste Statement dieser nicht eben unpolitischen Band aus Austin, Texas. „Why are we standing still when all about us moves?“ heißt es etwa im vorwärts preschenden „Catatonic“. Die Band selbst antwortet auf ihre Weise und lässt dem Hörer während der gut 45 Minuten der regulären Albumversion kaum eine Atempause. Wo noch vor kurzem in ausladenden Fantasien aus Pianoparts und orchestrierten Suiten geschwelgt wurde, regiert nun wieder die vierköpfige Hydra aus GitarreSchlagzeugBassGesang. Die Rhythmusfraktion aus Jamie Miller (Schlagzeug) und Autry Fulbright II (Bass) ebnet hypnotisch bollernd der Weg, ehe mal wild um sich schlagende („Opera Obscura“), mal heimtückisch Anlauf nehmende („Flower Card Games“) Songs alles Widerspenstige mit sich reißen. Natürlich lassen sich in Keelys meist leicht neben der Spur stehendem Gesang, Jason Reeces deftigen Shouts und vor allen den nie müde werdenden Gitarren sofort typische Trademarks der Band ausmachen, doch all die himmelsstürmenden Stücke wie das Brian Wilson gewidmete „Will You Smile Again?“, „Naked Sun“ oder „The Rest Will Follow“, die Vorgängeralben wie „Worlds Apart“ oder „So Divided“ in ihrer Melodieseligkeit noch von der Konkurrenz abhoben, sucht man auf „Lost Songs“ vergeblich. Stattdessen beherrschen Wände aus Gitarren, hinter welchen Conrad Keelys Gesang schon mal anstehen muss (etwa in „Opera Obscura“), das Gesamtbild. Konnte man in den vergangenen Jahren etwa Emerson, Lake & Palmer, Genesis oder Pink Floyd als musikalische Ziehväter von …Trail Of Dead ausmachen, so sind diese nun eine unüberhörbare Allianz mit Fugazi oder McLusky eingegangen und haben alle Lautstärkelevels mal eben direkt auf die ‚Elf‚ gestellt. Das erinnert nicht selten an die hymnisch rockenden Momente der kürzlich in Würde dahingeschiedenen The Soundtrack of Our Lives und macht einfach Spaß – insofern man einer ordentlichen Dosis Krawall nicht abgeneigt ist… Klar spart sich die Band erfreulicherweise auch 2012 kurze ruhige Zwischenteile (wie etwa in „Up To Infinity“) nicht, nur wird der Gang danach wieder gnadenlos angezogen, das Pedal durchgetreten und das nächste Riff ausgepackt. Waren auf den Vorgängern epische Sieben-Minüter keine Seltenheit, kratzen nun lediglich vier Songs an der Fünf-Minuten-Marke (der Titelsong schafft es gar in zwei Minuten erfolgreich über die Ziellinie). Progrock? Indierock? Hardcore? Noise? Psychedelia? Egal, hauptsache es ist dynamisch, direkt und laut!

“We believe that tyranny and despotism suffered by any people, anywhere, is intolerable and should not be treated as an internal matter, but completely justifies intervention by the international community.”

(aus den Liner Notes zu „Lost Songs“)

 

Und natürlich gibt es für all die Wildheit, all das Drängen, all die Wut auch gute Gründe: „Lost Songs“ soll all den Unterdrückten, all den mundtot Gemachten, all den nicht Gehörten eine Stimme geben. So handelt das Titelstück von den geschundenen, sträflichst überhörten Musikerseelen, deren Lieder im digitalen Zeitalter ungehört in den Weiten des Klangäthers verenden (Stichwort: Independent-Szene vs. Major Labels), oder „Up To Infinity“ vom Unheil des syrischen Bürgerkriegs („A mother screams, a child answers / Her flesh is ripped apart and dashed upon the flagstones / A father cries, a soldier dances – streets of fire, raped bodies piled among the ashes“). …Trail Of Dead möchten mit ihrem achten Studioalbum wachrütteln, mitreißen, zum Nachdenken anregen. Dass sie dieses rohe Stück bandinterner Musikgeschichte, welches Aktivisten wie Pussy Riot gewidmet ist, ausgerechnet in den schmucklosen Horus Sound Studios in Hannover aufnahmen, mag für ihre Wertschätzung deutscher Wertarbeit sprechen (Conrad Keely versucht sich übrigens in „Verschollene Songs“, einem der Bonus Tracks der erweiterten Albumversion, erstmals – mehr schlecht als recht – im Singen eines deutschen Textes) und den Grundgedanken des Abspeckens fürs „große Ganze“ unterstreichen.
„Lost Songs“ mag nicht ganz den mitreißend frischen Gesamtcharakter von „Source Tags & Codes“ besitzen und kaum so künstlerisch anspruchsvoll arrangiert und selbstverliebt daherkommen wie seine drei Vorgänger, dennoch macht der erhobene Zeigefinger von Conrad Keely & Co. so viel Spaß wie schon lange nicht. Die Band nutzt die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um in Zeiten sozialer, monetärer und politischer Umbrüche, in denen für die Regierenden „nach der Wahl“ nur eine weitere Zeitspanne „vor der Wahl“ zu bedeuten scheint, jedes Mittel zum Machterhalt billigend in Kraft genommen wird und nichts mehr sicher ist, um eben nicht still zu sein. Und wenn …Trail Of Dead diesmal die Hotelzimmer einigermaßen zivilisiert verlassen, dann haben sie eventuell die Konzertveranstalter bald wieder lieb.

Übrigens: der limitierten Edition von „Lost Songs“ mit vier Bonus Tracks liegt, neben der „Segued Version“ des Albums, in welcher die Songs nahtlos ineinander übergehen, auf der zweiten CD, ein 180-seitiger (!) Auszug aus Conrad Keelys Roman „Strange News From Another Planet“ bei.

 

Über Spin.com könnt ihr euch das komplette Album im Stream zu Gemüte führen…

…euch hier das durchaus als Seitenhieb auf den (konservativen) US-amerikanischen Wahlkampf zu verstehende Video zu „Catatonic“ ansehen…

 

…das Video zu „Caterwaul“ aus dem Jahr 2005…

 

…oder hier einen 30-minütigen Beitrag mit Konzertausschnitten (in Hamburger ‚Übel & Gefährlich‘ aufgenommen) und einem Interview mit Contrad Keely aus dem Jahr 2009:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zu „Das Album der Woche

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