Das Album der Woche


Patrick Wolf – Sundark and Riverlight (2012)

-erschienen bei Bloody Chamber Music/Alive-

Ein Chameleon im modernen Kosmos der Popmusik. Was früher für David Bowie galt, lässt sich heutzutage gleichsam auf Patrick Wolf übertragen. Und der feiert dieser Tage zehn Jahre Wandlungsfähigkeit auf höchstem Niveau.

In dieser Zeit schlüpfte Patrick Wolf von Album zu Album in eine jeweils neue Rolle: der durch die mittelalterlich anmutenden Gassen Europas ziehende blonde Wolfsjunge von „Lycanthropy„, der schwarzhaarige walisische Einsiedeler von „Wind In The Wires„, der Rotschopf vom Popjahrmarkt von „The Magic Position„, der düstere, technoide Klangkrieger von „The Bachelor“ oder der Liebende, zur Ruhe Gekommene von „Lupercalia“ – all dies verkörperte er zu jeder Zeit mit Leib und Seele, sodass der Hörer bei Gefallen gar nicht umhin kam, sich auch in das hinter den Alben steckende, tief empfundene Gesamtkunstkonzept – denn nichts anderes sollten diese Phasen (nach außen) darstellen – hineinzudenken. Und zur Feier seines zehnjährigen Musikschaffens – die erste Veröffentlichung des Südlondoners, die „The Patrick Wolf EP“, erschien am 11. November 2002 – sollte Wolf nun eine schnöde Werkschau unters Hörervolk werfen? Nichts da! Der 29-jährige Multiinstrumentalist mietete sich mitsamt einem kleinen Orchester in Peter Gabriels „Real World Studios“ ein und nahm 16 selbst gewählte Songs aus seinem bisherigen Oeuvre in teilweise völlig anderen, jedoch stets reduzierten Versionen neu auf. Und wer mit Schaffen und Herangehensweise von Patrick Wolf vertraut ist, der ahnt, dass auch das Doppelalbum „Sundark and Riverlight„, auf dessen Cover der Musiker mit Pagenschnitt eine Gusli, ein ihm von seinen russischen Fans in St. Petersburg überreichtes traditionell russisches Instrument in den Armen hält, mit einer Grundidee und einem größeren Konzept überdacht ist: die dem Text seines Liedes „London“ entliehenen Wörter bezeichnen eine düstere, dennoch, laut Wolf seine Heimatstadt bezeichnende Seite („Sundark“) sowie die hoffnungsvollen, optimistischen Gefühle, die Besucher und Bewohner wohl überkommen, wenn sie sehen, wie sich die Sonne in der Themse spiegelt („Riverlight“) – „out of the dark, into the light“ also, um an dieser Stelle einmal einen großen Österreicher zu zitieren… Gleichsam wollte der detailverliebte Künstler, dem Kostüme und Außenwirkung seiner Live-Auftritte ebenso wichtig sind wie die Songs selbst, ein Zeichen gegen all die vorherrschende Elektronisierung und die „Generation Auto-Tune“ in der heutigen Popmusik setzen und unterzog so seine eigenen Stücke selbst einer Radikalkur. Vieles steht hier zum erstem Mal überhaupt völlig blank da, einiges entwickelt in abgespecktem Gewand völlig neue Facetten.

Der „Sundark“-Einstieg „Wind In The Wires“ hält sich noch nah am Original, doch bereits das nur von einer Akustikgitarre begleitete „Oblivion“ stellt den technoid vorwärts preschenden Song von „The Bachelor“ in den Schatten. Wolfs Selbstbildnis „The Libertine“ bringt die Streicher mit ins Rampenlicht, „Vulture“ schleppt träge das Piano herbei und geht dennoch als dunkle Ballade im Vergleich mit dem 2009 veröffentlichten Elektroklopfer als klarer Gewinner vom Feld, ähnlich wie „Hard Times“, welcher Wolf in Zusammenarbeit mit der Musikerin, Künstlerin und Sozialaktivistin Buffy Sainte-Marie umschrieb. „Bitten“ erblickte zwar erst im vergangenen Jahr auf der „Brumalia EP“ das Licht der Welt, darf aber als sehnsuchtsvoller Engelswalzer hier ebenso wenig fehlen wie „Overture“ (im Original von „The Magic Position“) oder das etwas ältere „Paris“ (zuerst veröffentlicht 2003 auf Lycantrophy“), dem in dieser Form völlig neue Seiten (respektive: Saiten) abgewonnen werden.

Auf „Riverlight“, der zweiten Seite der Retrospektive, zeigt bereits das ursprünglich vom 2011 veröffentlichten „Lupercalia“ stammende „Together“, dass Wolf mit der Einschätzung von „hoffnungsvoll“ und „optimistisch“ gar nicht so falsch liegt („We can do this alone / But we can do this so much better together“), und auch Lieder wie „The Magic Position“ oder sein bisher wohl positivstes Stück „House“ („And I love to hear you’d live with me / Gives me the greatest peace I’ve ever known / ‚Cause I’ve been too long a lonely man / Yes, I’ve been too long a rolling stone“) sprechen eine ähnliche Sprache. In „Bermondsey Street“ flechtet der Brite Piano und Harfe um in allerlei Sprachen gesprochene Liebesschwüre, „Bluebells“ lässt vom Ausgangsmaterial nicht mehr als Gesangsmelodie und Text übrig, „London“ ist in neuer Form, und ohne giftige Schlagzeugschläge und Gesang, zur Ruhe gekommen. Das beschliessende „Wolf Song“ (im Original vom Erstling „Lycantrophy“) fasst textlich noch einmal einen guten Teil letzten zehn Jahre Wolfs im Musikgeschäft zusammen: „I know just where you’ve been boy, I’ve watched you by the stream / And don’t be afraid of the dark ‚cos the darkness is simply a womb for the lonely / Swallow your pride and walk with us through the trees and hills… Walk tall until the moon is dark“.

Mit der Idee, im Zuge einer Werkschau bereits veröffentlichte Songs im klassischen Outfit neu zu vertonen – Tori Amos brachte erst vor wenigen Tagen mit „Gold Dust“ zum zwanzigjährigen Bühnenjubiläum eine ganz ähnlich gestrickte „Best Of“ auf den Markt – jedoch ist, „Sundark and Riverlight“ während seiner kompletten 63 Minuten ein wunderschön anzuhörendes Album, welches logischerweise in seiner, für Wolf komplett ungewohnten, Armut an groben Ecken und Brüchen auch das bisher stringenteste (und eventuell „pop-fremdeste“) Werk des Musikers darstellt. Zwar werden „Patrick Wolf-Ultras“ die ein oder andere Großtat vermissen („To The Lighthouse“, „Tristan“ oder „A Boy Like Me“ etwa), dennoch ist es durchaus beruhigend, festzustellen, dass der mittlerweile glücklich verheiratete Virtuose, der als sperriger ‚Culture Clash‘ aus Oliver Twist-Folker und Kaspar Hauser startete und sich als wild feiernder Paradiesvogel zeitweise durch kleinere Skandälchen sogar in der englischen Yellow Press wiederfand, angekommen und zufrieden scheint, ohne langweilig zu werden oder – schlimmer noch! – seine Zuhörer zu langweilen. „Sundark and Riverlight“, enthält alle für Patrick Wolf typischen Elemente – Rebellion (nur eben hier in stiller Form), Zweifel, Aufbegehren, Gefühl, jede Menge Pathos – und ist laut dem Songwriter ein Stück „musikalische Biografie“. Und misst man seine bisherige Entwicklung an diesem an und für sich als vollwertiges sechstes Album zu wertenden Schritt, so weiß – und hört – man: das Beste kommt erst noch.

 

Hier könnt ihr euch das komplette Album in Gänze zu Gemüte führen…

 

…und euch das Video zur Neubearbeitung von „Overture“…

 

…oder zu einer Live-Session-Version von „Teignmouth“ ansehen:

 

Ebenso lohnenswert sind diese etwa drei Jahre alte Kurz-Doku über den Musiker und seine Fans…

 

…oder die Videos zu den Wolf’schen Klassikern „To The Lighthouse“…

 

…oder „Theseus“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zu „Das Album der Woche

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