Das Album der Woche


Two Gallants – The Bloom And The Blight (2012)

-erschienen bei ATO/Fargo/Indigo-

Gute Freunde kann niemand trennen. – Was in den Sechziger als harmloser Schlager eines doch eher beintechnisch denn sangestechnisch begabten Bayern seinen Anfang nahm und sich mit den Jahrzehnten zum Evergreen und geflügelten Wort entwickelte, gilt auch für Adam Stephens und Tyson Vogel. Das Duo aus San Francisco, Kalifornien, spielt bereits seit frühester Kindheit unter dem Namen Two Gallants zusammen, tauchte schon früh ungewöhnlich tief in Bluessongs nach Südenstaaten-Tradition ein und vermengte die erbeuteten Zutaten mit der Wucht des 90er-Jahre-Indierocks und Punks. Das 2004 veröffentlichte Debüt „The Throes“ ließ Hörer wie Kritiker mit seinen nicht selten überlangen Rumpel-Blues-Dramen bereits aufhorchen, mit dem zwei Jahre später über Saddle Creek veröffentlichten „What The Toll Tells“ und Songs wie „Steady Rollin‘ „, „Las Cruces Jail“ oder der 10-minütigen Tour-de-Force „Waves Of Grain“ erlangte das nach einer Kurzgeschichte von James Joyce benannte Zweiergespann dann endgültig Bekanntheit über die US-amerikanischen Landesgrenzen hinaus. Doch bereits nach dem dritten, 2007 veröffentlichten „Two Gallants“ schien die Luft raus. Von Burn Out, wachsender Unzufriedenheit und Spannungen war die Rede. Also widmete sich Adam Haworth Stephens Solopfaden (kurz: wesentliche zugänglichere Americana) und Tyson Vogel seiner Zweitband Devotionals (kurz: getragener, meist instrumentaler Folk mit Verweisen zum Post Rock). Man ging getrennte Wege, sammelte neue Energie und Lust aufeinander und das gemeinsame Musizieren. Im vergangenen Jahr kamen die beiden dann in den Fantasy Studios im kalifornischen Berkley wieder zusammen (also da, wo bereits Blues-Größen wie John Lee Hooker, B.B. King oder die White Stripes historische Spuren hinterlassen), um gemeinsam mit Produzent John Congleton (u.a. Marilyn Manson, Explosions In The Sky, Baroness, St. Vincent) an neuen Songs zu arbeiten.

The Bloom And The Blight„, der in diesen Tagen erschienene vierten Langspieler der Two Gallants, macht seiner Bezeichnung (also: lang) kaum Ehre, sind die einzelnen Songs doch, verglichen mit ihren Vorgängern, welche nicht selten zu leidensfähigen, wüstenstaubgetränkten Mini-Bluesrock-Dramen zwischen fünf und zehn Minuten erwuchsen, meist kaum länger als drei Minuten – und das bei einer Band, deren Stammhörerschaft sich auf eben jene Lieder berief, die bei aller Wucht ordentlich Luft zum Atmen, Wachsen und Ausbrechen ließen und bei denen sich stets Ennio Morricone und Muddy Waters einen wilden Wettritt zu liefern schienen. Stört das? Keineswegs! Denn obwohl sich so einiges im Bandkosmos verändert haben mag (wie etwa der Wechsel von Saddle Creek zum New Yorker Label ATO Records), so haben Stephens und Vogel nun einfach mehr Inhalt in eine kürzere Zeitspanne gepackt.

Dabei ist der Albumopener „Halcyon Days“ mit viereinhalb Minuten noch der längste Song der Platte und bietet bereits zum Anfang alle Trademarks des Duos auf: Adam Stephens‘ einsame Gitarre spielt ihre ersten Akkorde, dann setzt setzt Tyson Vogels am Jazz geschultes Schlagzeug ein. Es rumpelt, es rockt, es bluest, es groovt. Dazu greint Stephens fatalistische Zeilen von Liebe, Leid und Vergänglichkeit („And with your name upon my lips / No one’s ever loved like this / I sunk down / And relived your farewell kiss / As I drowned“). Der zweite Song „Song Of Songs“ beginnt heiter und beschwingt, doch Kenner der Band wissen, dass auch in ähnlichen Songs vergangener Alben überall schwarze Witwen, doppelte Böden und Fallstricke lauerten. So auch hier – der 31-jährige Frontmann singt etwa von todbringenden weiblichen Hüften und Zeitdieben. Das folgende „My Love Won’t Wait“ bietet derb angefuzzte Gitarren im Refrain und ein Cembalo im Schlussteil auf, „Broken Eyes“ ist eine akustische Americana-Ballade mit weinender Mundharmonika und Schellkranz, und in „Ride Away“ reitet (sic!) Vogels Schlagzeug galoppierend voran, ehe Stephens‘ Stimme im Refrain mehr als einmal hysterisch Purzelbäume schlägt und im Mittelteil eine Black Sabbath-Gedächtnis-Gitarrenfigur einsetzt (vom Text her könnte der Song mit seiner Wildwest-Geschichte der kleine, fiese Bruder von „Las Cruces Jail“ sein). „Decay“ macht zu geisterhaft-sakralen Stimmen und Streicherbegleitung kurz Rast in einer verlassenen Kirche am Rande der Wüste und vermittelt für einen Moment den trügerischen Eindruck inneren Friedens (denn da draußen in der Wüste lauern noch immer mörderische Hitze, Skorpione und das nächste Gewitter), ehe das Duo in „Winter’s Youth“ zur Akustikgitarre zurück zu Erinnerungen der seligen Kindheit wandert, bevor wieder das stürmische Zweigespann aus Gitarre und Schlagzeug einsetzt und vom nahenden Tag des Todes kündet. „Willie“ ist die wohl Two Gallants-typischste Nummer des Albums und überrascht dennoch mit Orgelbegleitung, während sich im nervösen „Cradle Pyre“ die Stimme des Sängers oft und nah an der Grenze zum Unwohlsein entlang schlängelt. Der zehnte Song „Sunday Souvenirs“  beschließt nach gerade einmal 33 Minuten als – nach außen – versöhnliche Akustikgitarren-und-Piano-Nummer das Album, weist jedoch textlich zurück zum Anfang und führt dem Hörer die Vergänglichkeit von allem und jedem vor Augen und Ohr: „Memories are all I have today / Lost love / All the love that’s lost and gone away / Slow down / Let me hold you once before you fade“.

Danach herrscht – viel zu früh, und sollte man sich nicht in Besitz der beiden Bonus Tracks „Dyin‘ Crapshooter’s Blues“ (ein Song, den die Band bereits seit vielen Jahren als Demo mit sich herum schleppte) und „I’m So Depressed“ befinden – Ruhe. Und der Hörer fragt sich, welcher staubige Wüstensturm da gerade über ihn hinweg gefegt ist und ihm Geschichten aus längst vergangenen Zeiten in die Ohren geblasen hat. Ist das noch bluesgetränkter Indierock? Oder Heavy Americana? Black Country? Die Grenzen verschwimmen auf „The Bloom And The Blight“, während Two Gallants windschiefe Feuerwerke wie dem Geniestreich „What The Toll Tells“ abbrennen. Nur eben nun innerhalb kürzerer Zeit. Der Teufel steckt noch immer in massig Details und ebenso vielen Haken und Rhythmuswechseln und hockt dem Duo stets im Nacken. Doch furchtlos ziehen Stephens und Vogel nun nach fünf Jahren Veröffentlichungsabstinenz – glücklicherweise – wieder gemeinsam von Bühne zu Bühne, um mit ihren Songs der grimmigen Fratze, die sich Leben nennt, die Stirn zu bieten. Denn: gemeinsam ist man weniger allein. Und: gute Freunde kann wohl wahrlich niemand trennen. Zehn Euro für’s Phrasenschwein? Ach was! Die nächste Runde Whiskey am Tresen dieser staubigen Bar geht auf mich…

 

Hier könnt ihr euch das Album von vorn bis hinten durch die Gehörgänge fegen lassen…

 

…euch anhand dieses Trailers einen ersten – optischen wie akustischen – Eindruck vom Album verschaffen…

 

…eine in Seattle aufgenommene Live Session von „Broken Eyes“ bestaunen…

 

…ein kurzes Behind the Scenes-Video zu selbigem Song…

 

…oder das Video zum Band-Klassiker „Steady Rollin‘ „:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zu „Das Album der Woche

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