Das Album der Woche


Kid Kopphausen – I (2012)

-erschienen bei Trocadero/Indigo-

Wenn man sich „I„, das Debüt der zwei derzeitig wohl besten deutschen Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch unter dem Bandverbund Kid Kopphausen, anhört, so erscheint das Doppel so logisch, so stimmig, dass man meint, dass beide bereits jahrelang zusammen schreiben und musizieren würden. Und doch war dieser Zusammenschluss alles andere als leicht, hatten doch sowohl Knyphausen (sein von allen Seiten gefeiertes Zweitwerk „Hurra! Hurra! So nicht.“ erschien 2010) als auch Koppruch (das bisher letzte Solowerk des Ex-Fink-Sängers, „Caruso„, wurde im selben Jahr veröffentlicht) mit Albumveröffentlichungen und Tourneen in den letzten Jahren ausreichend Beschäftigung. Doch beide kennen und schätzen sich schon seit Langem, haben mit „Knochen und Fleisch“ vor zwei Jahren bereits einen gemeinsamen Charity-Song für ein Obdachlosenmagazin veröffentlicht.

Und so traf man sich im letzten Jahr nach erfolgreich beschrittenen Solo-Pfaden (beziehungsweise mit den jeweils eigenen Begleitbands) in einem abgelegenen ehemaligen Schulhaus in Norddeutschland, unweit der dänischen Grenze, um den lang gehegten Plan vom gemeinsamen Projekt in die Tat umzusetzen und Songs zu schreiben. Dass die zwölf auf „I“ enthaltenen Titel am Ende kaum mehr sind als die Summe ihrer einzelnen kreativen Teile und sich sowohl Knyphausen als auch Koppruch kaum über Gebühr von ihrem eigentlichen Betätigungsfeldern weg bewegen, stört wegen der grandiosen individuellen Qualität kaum.

Das von Rock der durch Bands wie Blumfeld oder Tocotronic geprägten Marke ‚Hamburger Schule‘ getragene Eröffnungsstück „Hier bin ich“, welches wie eine Privatausgabe von „Mein Name ist Mensch“ (Ton Steine Scherben) daherkommt, tragen beide noch im Duett vor und geben dem Hörer eine erste Standortbestimmung sowie ein Rätsel mit auf den Weg: „Ich habe Geld wie Heu / Ich trag‘ einen Hut aus Stroh / Immer da, wo ich bin, da brennt es lichterloh / Ich lege Wert auf gutes Benehmen / Ich trag‘ ein Messer zwischen meinen schiefen Zähnen / Ich bin overdressed / Ich bin dehydriert / Ich bin gut vernetzt, weiß wie man buchstabiert / Ich bin gut gelaunt und mächtig / Ich bin naiv und niederträchtig / Wer bin ich?“ – es deutet sich an, dass die beiden in feinen Zwirn gekleideten Herren im vorliegenden Dutzend Lieder dem Hörer einige windschiefe Räuberpistolen vom Leben vortragen werden… Die darauf folgenden Songs werden jeweils im Wechsel gesungen, und obwohl zu keinem der Lieder offiziell überliefert ist, wer von beiden der Initiator war, kann, wer will, anhand von Stimmung, Stimme und Textfärbung doch deutliche Rückschlüsse ziehen. Das von Koppruch vorgetragene „Schritt für Schritt“ ist ein Lied über den Neuanfang, „Das Leichteste der Welt“ erzählt vom Willen, leben zu wollen, von „Blumen und Pralinen vom Arsch der Hölle“, enthält Knyphausen-typische Zeilen wie „jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“ und schließt energisch zum englischen Zweizeiler „Never mind the darkness, baby / You will be saved by Rock’n’Roll!“. „Im Westen nichts Neues“ gewinnt  fatalistische Erkenntnisse zwischen Krieg, Tristesse und Alltag, in „Schon so lang“ nimmt Knyphausen vom Quasi-A-Capella-Intro kurz vor Ende die recht unerwartete Abfahrt Richtung Punkrock (mit Banjo!) und in „Meine Schwester“ singt Koppruch über den (fiktiven?) direkten Draht der eigenen Schwester zu höheren Mächten. Wer in Knyphausens bisherigem Schaffen die zwischen Fern- und Heimweh pendelnden Lieder besonders schätzte, der wird mit „Wenn ich dich gefunden hab“ bestens bedient, genauso wie jene, die Koppruch für seine überlegt vorwärts preschende Knochigkeit schätzen: „Zieh dein Hemd aus Moses“ ist ein modernes Shanty mit nautischen und religiösen Bezügen. Die darauf folgende Songtriologie bildet wohl das emotionale Herz von „I“: „Haus voller Lerchen“ ist Gisbert zu Knyphausens düsterer Mitternachtsblues zu gespenstischen Background-Chören, „Wenn der Wind übers Dach geht“ erinnert an die deutsche Band Voltaire und stellt, begleitet von Hammond-Orgel und Gitarrensolo, Nils Koppruchs Variation vom Vorgängersong des musikalischen Partners dar. Das das gefühlte Dreiergespann abschliessende „Mörderballade“ ist eine grandiose, manisch-wütend ausufernde Moritat à la Knyphausen mit Zeilen wie „Wär‘ ich romantisch, ich hätte sie gefragt / Ob sie bei mir bleiben möchte bis zum allerletzten Tag“ oder „Würde ich glauben, ich hätte den Himmel um einen Rat gefragt / Doch ich bin ein Mörder / Und ich tat, was ich tat“ – kein Wunder, dass diesen Musiker, trotz (oder gerade wegen?) seiner furztrocken-poetischen, ehrlichen Art, in den letzten Jahren so viele Hörer und Musikjournalisten ins Herz geschlossen und ganz oben auf ihre „Personen, mit denen man mal ein Bier trinken möchte“-Listen gesetzt haben (obwohl bei Knyphausen Wein angemessener wäre, besitzt seine Familie doch ein eigenes Weingut in Rheingau). „Jeden Montag“ bildet darauf, mit hoffnungsvollem Text und beschwingter Melodie, den größtmöglich krassen Gegensatz zum gedacht kriminellen, blutrünstigen Vorgänger und „Nur ein Satz“ fährt, mit Poetry Slam-artigem Sprechgesang beginnend und teilweise gedoppelter und verfremdeter, rastloser Stimme sowie einem Ende im wilden instrumentalen Zusammenspiel, die Platte nach knapp 50 Minuten nach Hause.

Wie bereits erwähnt ist das Debüt von Kid Kopphausen dem bisherigen Schaffen von Koppruch und Knyphausen keineswegs fremd: die von Swen Meyer produzierte Platte ist ganz und gar organisch – Gitarren (gespielt von Marcus Schneider) knarzen und brechen auch schon mal zum Solo aus (wie in „Das Leichteste der Welt“ oder „Wenn der Wind übers Dach geht“), Kontrabass, Bass (gezupft von Felix Weigt) und Schlagzeug (betrieben von Alexander Jezdinsky) bummern im Takt, dazu geben die beiden Sänger Zeilen zum Besten, welche sich mit ihren bisher gelungensten messen können. Wer sich in der Vergangenheit für Fink, Nils Koppruch oder Gisbert zu Knyphausen begeistern konnte, der wird auch an diesem einladend schroffen Album zweier großer Poeten seine Freude haben. Man darf jedenfalls herzlich froh sein, dass beide Musiker endlich zu Kid Kopphausen zusammengefunden haben. Und hoffen, dass sie in Zukunft regelmäßig ausreichend Luft in den jeweiligen prall gefüllten Terminkalender schaufeln können, um das entstandene Bandprojekt mit neuen Songs und gemeinsamen Tourneen zu füttern.

 

Hier könnt ihr euch „Das Leichteste der Welt“, einen meiner Albumfavoriten, anhören…

 

…und euch das Video zum Albumopener „Hier bin ich“ ansehen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] unter dem Bandverbund Kid Kopphausen veröffentlichtes Debüt “I” hier das “Album der Woche“. Vorher stand er der Band Fink, welche sich 2006 nach zehn gemeinsamen Jahren und etlichen […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: