Das Album der Woche


The Gaslight Anthem – Handwritten (2012)

-erschienen bei Mercury/Universal – 

Viel Ruhe war Brian Fallon in den letzten Jahren -freilich selbstgewählt –  auch abseits von The Gaslight Anthem nicht vergönnt. Erst ließ er mit Ian Perkins, dem Tour-Gitarrentechniker seiner Hauptband, und dem gemeinsamen Projekt The Horrible Crowes irgendwo zwischen gewohnten Gefilden und dem dunklen Raunen eines Tom Waits seinen Dämonen auf dem Album „Elsie“ freien Lauf, dann begab er sich mit Kumpels wie Chuck Ragan (Hot Water Music), Dan Andriano (Alkaline Trio) oder Dave Hause (The Loved Ones) auf Hemdsärmel-Folkrock-Tour dies- und jenseits des Atlantiks, und zum Schluss redete er sich – vor allem hierzulande – mit seinem Bekenntnis zum christlichen Kreationismus (fast) um Kopf und Kragen. Das Ergebnis: Verwirrung, Unverständnis und Leck-mich!-Ansagen von beiden Seiten, erhitzte Gemüter und die (angekündigte) Abkehr eines Teils der bisherigen Stammhörerschaft. Dabei kann man Fallon keinesfalls – und ganz im Gegensatz zu sich zu Scientology bekennenden Schauspielern wie Tom Cruise, Will Smith oder John Travolta – vorwerfen, mit seiner Kunst Menschen in religiöser Hinsicht bekehren, beeinflussen oder manipulieren zu wollen. Denn auch auf dem mittlerweile vierten The Gaslight Anthem-Album „Handwritten“ ist (beinahe) alles bei Alten…

Doch von Anfang und dem Albumopener “ ’45‘ “ an: wie man es bereits von den Vorgängern und deren dynamischen Einstiegssongs wie „Great Expectations“ oder „American Slang“ gewohnt war, stellen Brian Fallon (Gesang, Gitarre), Alex Rosamilia (Gitarre, Gesang), Alex Levine (Bass, Gesang) und Benny Horowitz (Schlagzeug, Percussion, Gesang) auch hier einen Rocksong mit Powerpop-Einschlag an die erste Stelle. „Have you seen my heart? / Have you seen how it bleeds?“ singt Fallon gewohnt energisch und mit heiser-rauer Stimme. Jawohl, die Jungs sind zurück! Im darauf folgenden Titelsong fragt er „What’s your favorite song? / That’s mine, I’ve been crying to it since I was young“ und singt davon, dass die Musik für beide Seiten eine nahezu katharsische Wirkung haben kann. „Mulholland Drive“ legt Erinnerungen an eine große kleine Liebe am Ende eines Sommers, an eine Zeit, als ein gebrochenes Herz noch das Ende der Welt bedeutete und man mit Radiosongs für die Ewigkeit noch durch endlos scheinende laue Nächte fuhr, frei und bietet ein tolles, wenn auch kurzes Gitarrensolo im Mittelteil. „Keepsake“ ist ein Mundharmonika-Rocker über Flüsse, Blut und Familienbande. „Too Much Blood“ schürft textlich wohl von den zehn Songs auf „Handwritten“ am tiefsten: „What can I keep for myself if I tell you me hell? /…/ And if I just tell the truth are there only lies left to tell you / If I put too much love on the page?“ zweifelt Fallon. Belastet man die, die man liebt, manchmal zu sehr mit den eigenen inneren Dämonen? Ist es an manchen Tagen besser, zu schweigen und einige Dinge mit sich selbst auszumachen? Antworten findet auch er keine, schreibt sich seine dunklen Reflexionen jedoch (vorerst) von der Seele. Das darauf folgende, lediglich zwei Minuten kurze „Howl“ wirft die Frage „Does anything still move you since you’re educated now?“ auf und erinnert mit seiner straighten Art am ehesten an das 2007er Debüt „Sink Or Swim„. „Biloxi Parish“ dürfte all denen, die in den vergangenen Jahren ein Konzert des Quartetts aus New Jersey besucht haben, bereits bekannt sein, gehört es doch als einziger Albumsong seit langem zum festen Live-Repertoire. „Desire“ macht mit den ‚Ohoho‘-Chören und sinnstiftenden Zeilen wie „What makes a man do the things that a man does?“ seinem Namen alle Ehre, „Mae“ stellt mit gewohnten Ewigkeitstexzeilen wie „Stay the same, don’t ever change / ‚Cause I’d miss your ways / With your Bette Davis eyes / And your mama’s party dress“ und an U2’s The Edge erinnernden, flirrenden Gitarrenlinien ein Highlight ans Ende des Albums und „National Anthem“ bildet den weisen Akustikgitarre-mit-Streichern-Rausschmeißer. „I never will forget you my American love /…/ The place where you were in my heart is now closed / I already live with too many ghosts“ singt Fallon.  Ein Melancholiker? Ja, jedoch keiner um den man sich sorgen müsste. „Don’t worry about me, Mama, I’ll be all right.“

Alles in Allem ist The Gaslight Anthem mit dem von Brendan O’Brien, welcher unter anderem Künstler wie Bruce Springsteen, Pearl Jam oder Incubus in seiner Kundenkartei stehen hat, produzierten und in Nashville, Tennessee zu großen Teilen live eingespielten Majorlabel-Debüt ein Sicherheitsalbum gelungen, das sein Heil in straighten Rocksongs und dezent eingesetzten ‚Heyheyhey‘- oder ‚Ohoho‘-Chören sucht und Überraschungen oder Neuerungen allenfalls im Detail bereithält. Zwar fehlen auf „Handwritten“ die großen Hymnen wie „The ’59 Sound“ (vom gleichnamigen, 2008 veröffentlichten Zweitwerk) oder „American Slang“ (vom gleichnamigen Vorgänger von 2010), jedoch bieten die zehn Songs genug Anwärter als feste Größen für zukünftige Konzerte. The Gaslight Anthem empfehlen sich mit Springsteen-Rock (es ist schlichtweg unmöglich, den aus der selben Stadt stammenden Protégé in einem Artikel über die Band außen vor zu lassen) erneut für’s Stadion – im besten Sinne.

Und auch textlich bleibt die Band sich treu: Fallon & Co. erzählen kurze Episoden aus der Zeit des Heranwachsens, als die gewohnte Vorstadt viel zu klein und grau und die weite Welt mit all ihren Perspektiven zum Greifen nah und doch mit all ihren Irrungen und Wirrungen meilenweit entfernt schien. Von der großen Liebe, vom Verlust, von den letzten lauen Sommernächten und endlosen Autofahrten ohne Ziel, aber dem guten Gefühl der Freiheit im Bauch und den von LPs aufgenommenen Songs aus dem Kassettendeck als treuen Begleiter. Vom süßen und sauren einfachen Leben, das doch so viel besser schmecken kann als jedes Fünf-Sterne-Dinner. Von den kleinen Geschichten, an denen du wächst, und die nun, hymnenhaft-schön verklärt, als Irrlichter im Lampenschein in der Erinnerung deinen Weg kreuzen.

Klingt wie: Ein vor einem Kleinstadt-Diner geparkter Cadillac. Der an James Dean erinnernde, Marlboro rauchende Typ am Steuer lehnt sich aus dem Fenster und fragt dich, während er gen Sonnenuntergang blickt, beiläufig, ob er dich mitnehmen soll. Go!

 

Den Mut hat sich die Band eventuell für’s nächste Album aufgehoben, doch The Gaslight Anthem enttäuschen mit „Handwritten“ keineswegs. Wer aufgrund von Vorurteilen erst gar nicht (mehr) hinhört, verpasst wohlmöglich das Beste.

„Turn the record over / And I’ll see you on the flip side.“ (aus “ ’45‘ „)

 

Hier die Videos der ersten beiden Singles “ ’45‘ „…

 

 

…und „Handwritten“…

 

 

…sowie ein Link zu Soundcloud, unter welchem man die Vorgängeralben in Gänze hören kann.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

4 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] The Gaslight Anthem – Handwritten – mehr… […]

  2. […] The Gaslight Anthem – Handwritten – mehr… […]

  3. […] von Regisseur Kevin Slack, welches sich thematisch nah am letzten The Gaslight Anthem-Album “Handritten” hält und eine Vinylplatte von Generation zu Generation begleitet, berichtete ANEWFRIEND […]

  4. […] der Band – angefangen beim dritten Werk “American Slang” (2010) über  “Handwritten” (2012) bis hin zum bisher letzten Studiozeugnis “Get Hurt” (2014) – von […]

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