Das Album der Woche


Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats (2012)

-erschienen bei Sire/Warner-

Eine Frau am Piano? „Gähn“, mögen jetzt sicher einige von euch meinen. „Schon tausendfach gehört, und mindestens ebenso oft und schnell wieder zur Seite gelegt oder ins Regal zurück gestellt.“ Klar, diese Sparte war – qualitativ wie quantitativ – stets gut besetzt: Carly Simon, die große Tori Amos, die tolle Amanda Palmer, die immer leicht neben der Spur erscheinende und doch mit massig Lob überschüttete Fiona Apple. Und doch hat Regina Spektor, die mittlerweile 32-jährige gebürtige Russin und Wahl-New Yorkerin, welche zwar nie einen Hehl aus ihrer Herkunft gemacht hat, diese jedoch immer hilfreich-sympathisch in ihrer Musik unterbringen konnte, es geschafft, ihre Nische zu finden – die stetig wachsende Fangemeinde, massig Kritikerlob, Platzierungen ihrer Songs an prominenten Stellen in Serien und Filmen und vor allem der Erfolg ihrer letzten beiden Alben „Begin To Hope“ (2006) und „Far“ (2009) geben ihr da recht.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die frisch Verheiratete nun, nach dem Live-Album/Konzertfilm „Live in London„, ihr mittlerweile sechstens Studioalbum „What We Saw From The Cheap Seats„. Und für dieses galt es, vor allem die großen Fußstapfen der beiden Vorgänger zu füllen und hier und da ein paar neue Facetten und Ideen aufblitzen zu lassen…

Der Opener „Small Town Moon“ beginnt ruhig und – wie sollte es anders sein – solo mit Regina Spektor am Klavier. „I must have left a thousand times…“ – sie schreitet einsame Straßen entlang, über ihr nur der Mond, den es anzuheulen gilt. Plötzlich fahren E-Gitarren und Schlagzeug in die nächtliche Parade. Klar, auch das ist typisch für sie: ein wenig Abseitigkeit als Alleinstellungsmerkmal. Beim nächsten Song „Oh Marcello“ singt Spektor eine kleine Eifersuchtshymne, mal mit dem ihr eigenen russischen Akzent, mal mit italienischem, flechtet gekonnt „Don’t Let Me Be Misunderstood“ in den Refrain ein, imitiert gar eine Beatbox. Das darauf folgende „Don’t Leave Me (Ne Me Quitte Pas)“ dürfte aufmerksamen Hörern der Dame mit den großen, leuchtenden Augen und lockigen Haaren in anderer Form bereits auf dem 2002 veröffentlichten Zweitlingswerk „Songs“ zu Ohren gekommen sein, hier kann man es in einer neuen, poppigeren und sommerlichen Form hören. Mit „Firewood“ folgt dann das erste Highlight: ein zu Herzen gehendes Lied über Krankenhäuser, den meist sehr schmalen Grad zwischen Leben und Tod, Schmerz, aber auch – und vor allem –  über Freundschaft. „Rise from your cold hospital bed / I tell you you’re not dying / Everyone knows you’re going to live / So you might as well start trying“ – Lachen, wenn’s zum Weinen nicht mehr reicht. In „Patron Saint“ singt Spektor über eine verschrobene Außenseiterin, die die Liebe für sich entdeckt (man beachte die frech engeworfenen Kieckser gegen Ende!), „How“ ist ein typischer Spektor’scher Lovesong: ein wenig Pathos, ein wenig Romantik, ein wenig Rührseligkeit, immer grundehrlich. „I just want my memories to remain… You’re a guest here now“ – Ob der Song das Zeug zum Nachfolger ihres Evergreens „Samson“ hat? Bleibt abzuwarten… „All The Rowboats“ bildet, ziemlich zentral im elf Songs kurzen Album platziert, den Dreh- und Angelpunkt von „What We Saw From The Cheap Seats“. Der eindeutig stärkste Song bietet wieder diese Human Beatbox auf, dazu Spektors virtuoses Klavierspiel, sowie ein unglaublich dynamisches Schlagzeug. Die Wahl-New Yorkerin singt von den vielen Museen in ihrer Stadt, die zwar für die Lebenden gemacht sind, jedoch am Ende des Tages nichts weiter seien als „öffentliche Mausoleen“ – „the living dead fill every room“. Ein Song, der dich überrollt wie eine Flutwelle. In „Ballad Of A Politician“ hat sich mit der stellenweise seltsam entfremdeten Stimme ein klein Wenig von den elektronischen Spielereinen des Vorgängers „Far“ mit aufs neue Album herübergerettet, „Open“ bietet, von Spektor größtenteils solo am Klavier vorgetragen, einen Standard, und „The Party“ kurz vor Ladenschluss ein Lied, welches von der Euphorie und den Endorphinen der ersten verliebten Tage erzählt: „You’re like a party somebody threw me / You taste like birthday / You look like New Year / You’re like a big parade through town“ – die Parade legt am Ende tatsächlich los, und Spektor imitiert kurz eine Trompete. Im Rausschmeißer „Jessica“ singt die Songwriterin – diesmal ausnahmsweise von einer Akustikgitarre begleitet – die Zeilen: „I’m out of melodies“, und die mögen anhand der vorangegangenen (nur) gut 36 Minuten fast wie Hohn erscheinen. Doch eventuell meint sie ja nur, dass nun erst einmal gut sei mit Grübeln und Lachen und Nachdenken und Weinen und Reden und Hadern und Scherzen und man doch bitteschön wieder in den New Yorker Häuserschluchten untertauchen und am Hudson die Sonnenstrahlen genießen möge. Bis der Melodietank wieder voll ist.

„What We Saw From The Cheap Seats“ ist alles in allem weder das beste noch das schlechteste Regina Spektor-Album bisher. Wenn man so will, bietet es, gerade mit den beiden eingangs genannten tollen Vorgängern verglichen, das Beste aus allen Spektor’schen Welten: intime, kleine Songs (wie vor allem auf „Begin To Start“), einige wenige Ausbrüche und Experimente (wie etwa auf „Far“, das jedoch auch betont poppig ausfiel), sowie gewohnt poetische Texte, deren Besonderheiten sich wieder einmal zwischen den Zeilen verstecken. Mit Produzent Mike Elizondo (u.a. Dr. Dre, Fiona Apple) ist Regina Spektor also ein rundum gelungenes Album geglückt, dass die alten Fans bei der Stange halten und ihr sicherlich den einen oder anderen neuen Zuhörer bescheren wird. Dem Piano sei Dank.

Hier noch das tolle Video zu meinem Album-Highlight „All The Rowboats“:

 

 

Rock and Roll.

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4 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. Mario Friedrich sagt:

    Leider lässt sich das Video nicht öffnen, da die Rechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.
    Schade!

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  3. […] Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats – mehr… […]

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