Review: „Wir sind vorbei“ von Enno Bunger – oder: Anfangs Schwester heißt Ende…


Enno Bunger – Wir sind vorbei (2012)

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dieses Hesse-Zitat umreißt im Großen und Ganzen auch die Botschaft von „Wir sind vorbei„, dem zweiten, soeben erschienenen Album des aus Ostfriesland stammenden Liedermachers Enno Bunger (nach dem Erstling „Ein bisschen mehr Herz“ von 2010). Denn eben jenes sei ein „Trennungsalbum“ – und das hört man auch. Doch bei allem Leiden, Erstarren, Verharren und sich winden ob der Aussichtslosigkeit der soeben verendenden Beziehung steckt im Großteil der zehn Songs eine Menge Optimismus und, nun ja, sogar „Euphorie“. Schon im Eröffnungssong „Blockaden“ heißt es „Ich fühle mich befreit / Ich fühle mich bereit“, im nächsten Lied, eben jenem programmatisch betitelten „Euphorie“ sogar „Ich schmiede neue Pläne / Ich reiße Wände ein“.
Halt! Das soll ein Trennungsalbum sein? Doch keine Angst, in den nachfolgenden Stücken erfolgt rückblickend die Aufarbeitung der gescheiterten Zweisamkeit: In „Regen“ stellt der Enttäuschte fest, dass die Liebe zu einem Trümmerhaufen zerfallen und längst verglüht ist („Jetzt bleiben nur Schutt und Staub / Ich gehe jetzt nach Hause / Ruf‘ mich an, wenn du was brauchst / Und wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus“), während er im darauffolgenden „Abspann“ noch wie gelähmt war ob des bevorstehenden Endes („Wir fragen und seit Tagen: bleiben oder gehen? / Ich kann es nicht ertragen dich so leiden zu sehen / … / Ich sehe unsere Namen in ’nem Abspann / Ich schreibe Abschiedszeilen auf Papier“). Obwohl da noch irgendwo Gefühle sind, und sei es nur durch’s Aneinander-gewöhnt-sein oder durch Vertrautheit, scheint alles Reden zwecklos, alle Bemühungen von Vornherein zum Scheitern verurteilt („Nichts ist für immer / Sag mir: wann hört das auf? / Du fehlst hier“ – aus „Leeres Boot“). Doch irgendwann muss er einsehen, dass Innehalten, Zurückblicken und Trauern doch nur dem Moment nützt und der Neuanfang bereits wartend vor der Tür steht. Es hilft nur eins: „Die Flucht“, denn: „Lieber frei als eingeengt“. Er stürzt sich in lange Nächte, neue Bekanntschaften, neue Abenteuer, und stellt schon bald fest: „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“. Obgleich auch das sich aus „Ein Astronaut“ und dem instrumentalen „Präludium“ ziehende Fazit wieder ungleich melancholischer ausfällt, ist „Wir sind vorbei“ auf der Textebene ein optimistisches Album, welches den Schmerz im Rückblick keineswegs ausblendet, jedoch immer wieder feststellt, dass dieser ebenso dazugehört, denn „das Süße ist niemals so süß ohne das Saure“ (Zitat aus dem Film „Vanilla Sky“). Und alles ist endlich, alles hat, so sehr man auch an Liebgewonnenem festhalten mag, seine Zeit. Bleibt nur, zu genießen.


Musikalisch gibt das Klavier hier, oft unterstützt von Bass, Schlagzeug und Gitarre, den Ton an. In „Euphorie“ gesellen sich an Coldplay erinnernde Chöre dazu, „Regen“ verwandelt sich gen Ende hin zu einem bedrohlich großen Post Rock-Sturm, „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“ ist mit seinen dezenten Elektronik-Einschüben ein aussichtsreicher Bewerber für’s nächste Beischlaf-Mixtape. Viele Songs sind jedoch in Moll gehalten und werden von Enno Bunger allein an den Tasten dargeboten. Schön melancholisch ist das Ganze, und lässt etwa in „Ein Astronaut“ erahnen, wie sich Major Tom gefühlt haben muss, nachdem er feststellte, dass alles Hoffen vergebens ist und er sich einfach treiben lassen und den Anblick genießen sollte. So auch hier.
„Wir sind vorbei“ mutet vom Titel her wie eine vertonte Schlussmach-SMS an, stellt jedoch auch Bezüge zu Klassikern wie Hesse oder Goethe her. An einigen Stücken mag Enno Bunger nur knapp am Kitsch vorbei schiffen, jedoch nimmt man ihm Euphorie und Trauer immer ab. Alles in Allem klingen die Songs aufgrund der Stimme und der Bedeutungsschwere so sehr nach Kante, dass man schwören könnte, die Hamburger Band würde nun verdeckt und unter neuem Namen musizieren – was ja nun nicht die schlechteste Referenz ist. Stellenweise mag man auch an Erdmöbel denken. Und wie sagen die einst: „Anfangs Schwester heißt Ende.“ Genauso sieht’s aus!

Hier könnt ihr euch „Regen“, einem meiner Album-Favoriten, anhören…

 

…euch das Video zu „Euphorie“ ansehen…

 

…und euch den Song „Abspann“ in der Detektor.fm-Akustik Session-Version anschauen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

5 Gedanken zu „Review: „Wir sind vorbei“ von Enno Bunger – oder: Anfangs Schwester heißt Ende…

  1. Sebastian sagt:

    Musik aus der (Fast)Heimat und unpeinlicher Pop mit deutschen Texten: Danke für den Hinweis

  2. Gartenmöbel sagt:

    Nice blog, bookmarked!

  3. […] Glück“, welches dem drei Jahre zurück erschienenen (und noch immer tollen) Trennungswerk „Wir sind vorbei“ nachfolgte, und sendete vor allem mit ebenjenem Song ein starkes musikalisches, jedoch auch […]

  4. […] Bunger: guter Typ. Ja, im Ernst – bereits seit Bestehen dieses bescheidenen Blogs ist der Hamburger Liedermacher ein gern gehörter Gast in meinen […]

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