Aus den Archiven…


Es ist wieder einmal Zeit, die Archivtüren einen Spalt weit für eine Kurzgeschichte, entstanden im Jahr 2004, zu öffnen. Kitsch as Kitsch can be – aber irgendwie mag ich sie auch…

No 1339

1339 Stufen.

Jede einzelne musste sie in irgendeiner Weise gezählt haben. Nur konnte sie sich daran nicht mehr erinnern. Auf dem Weg nach oben waren ihr so viele Dinge durch den Kopf geschossen, jede Stufe einem neuen Bild dieser beinahe traditionellen Diashows seiner Eltern gleich, die er immer so geliebt hatte. Sie jedoch hatte sich nie etwas daraus gemacht: seine Mutter im Urlaub am Tisch eines italienischen Restaurants, an der Côte d’Azur; das Kolosseum, der schiefe Turm (den man ihrer Meinung nach in jeder zweiten Industriestadt finden konnte), Olivenbäume, spanische Trachtentänzerinnen, und Kirchen, Kirchen, Kirchen – von innen, außen, hinten, vorn. Prachtvoll geschmückte Altare, überdimensionale goldene Kreuze. INRI. Jede Fotografie wie aus einem zweitklassigen Reiseführer. Ihm zuliebe hatte sie, wie als stumme Antwort auf alle ausführlichen, ins Überschwängliche kippenden Erläuterungen, mit einem dezenten Lächeln genickt. „Jede einzelne Aufnahme bietet dir die Chance einer völlig neuen Sicht auf die Welt – und ich habe nicht vor, auch nur eine ungesehen verstreichen zu lassen,“ hatte er ihr einmal zu erklären versucht.

Nun waren Stufe für Stufe, Bild für Bild ihre Erinnerungen an ihn (und sie hoffte zutiefst, dass sie auch ein wenig mit den seinen identisch sein mögen) an ihrem inneren Auge vorbeigezogen: der Nachthimmel am Abend ihres ersten Treffens, sein ihn stets ein wenig albern wirken lassendes Lächeln (er dachte immer, es würde ihn cool, geheimnisvoll und verwegen aussehen lassen, tat es aber – leider, leider – nicht), die Schweißperlen, die seinen Oberkörper hinunter rannen, in der Nacht, als sie zum ersten Mal nebeneinander einschliefen, ihre gemeinsamen Wochen in der Hochländern Schottlands (beide mochte einsame und verregnete Landschaften), seine Art, die von ihr gedrehten Zigaretten zu rauchen, die Scherben der Tassen und Teller, die ihren temperamentvollen  Streitereien zum Opfer fielen (tatsächlich pflegte sie während eines Streits die Rolle der wild gestikulierenden Furie und er die in sich selbst ruhenden Universums einzunehmen), die bittersüßen Küsse der Versöhnung… Tränen, Küsse, Tränen, Küsse… Ein stetiges Auf und Ab. Nun sehnte sie sich nach diesen Achterbahnen und musste sich am linken hölzernen Geländer festhalten, um nicht herabzufallen.

Sie wollte diesen einen Morgen noch einmal erleben, wollte noch einmal erwachen, in diese tiefen, grünen Augen blicken und diese, seine Stimme hören: „Ich war mir noch nie zuvor so sicher, jemanden zu lieben, wie dich in diesem Moment.“ (lieben, lieben, lieben – Der Widerhall in ihrem Kopf schmerzte und sollte doch niemals mehr verschwinden.), wollte noch einmal zusehen, wie sich seine Haare im Spiel mit dem Wind nach hinten warfen, all diese rotweingetränkten Nächte, in denen sie sich gegenseitig ihre Sorgen, Träume, Ängste und Wünsche gebeichtet hatten und so den fruchtbaren Nährboden ihrer Beziehung ebneten. Und schließlich das Leuchten der Tränen in beider Augen an diesem Abend, als er ihr im Meeressand kniend einen Heiratsantrag gemacht hatte. Nie zuvor hatte sie sich so lebendig, verwirrt, sicher und doch voller Fragen gefühlt. Das Pochen ihres Herzens hätte man zweifellos noch am anderen Ufer dieses Ozeans spüren können. Und doch lag ihre Antwort nie im Ungewissen… Der wohl – nein, definitiv – glücklichste Augenaufschlag ihres Lebens! Alles, alles Rauch und Asche…

Sie war an der Spitze des Kirchturms angekommen, der matte Glanz der Glocken schien nur wenige Meter entfernt. Das Schwarz der tausend Motten vor ihren Augen wechselte, je näher sie der am Horizont stehenden Sonne kam, in ein schimmerndes Grau. (Die Brüstung des Holzbogens vor ihr strahlte mit einem Mal ein geradezu faszinierendes Verlangen aus, dem sie sich nur schwerlich entziehen konnte.) „Die Einheit von wahrer Liebe und reinen Gedanken möge Suizid sein,“ murmelte sie in das Heulen des Windes. Doch sie war hier, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen, um ihren Teil des Schwurs zu leisten. („Liebling, lass mich leben, einfach leben. Oder lass mich frei wie der Wind sein. Versprich es mir. Bitte.“ Seine Stimme war nun zum sehnsüchtigsten Geräusch im Gesamten Universum erwachsen…)

Nah an die Brüstung gepresst, zog sie die kleine schwarze Plastiktüte aus der Innentasche ihres Mantels, öffnete sie, sprach:

„Lieber Gott, Du weißt, ich war nicht immer das, was man so gemeinhin als… na ja… ‚gottesfürchtig‘ bezeichnet, aber irgendjemand hat mir mal gesagt, Du würdest den Notleidenden beistehen und… na ja… bitte, ich bitte Dich, lass uns beide, ihn und mich, auf ewig, für immer zusammen sein. Amen.“

und überließ deren Inhalt dem Wind.

Tausende Aschepartikel regneten hinab auf die Stadt, vorbei an Gräbern, an den Lebenden, Toten und Halbtoten. Manche wurden von Sturmböen erfasst und in alle Winde verstreut…

                                         (Februar 2004)

 

Rock and Roll.

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Ein Gedanke zu „Aus den Archiven…

  1. Leon sagt:

    Super, dass hier immer soviel Zeit vor dem Computer verbracht wird.

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