Das Album der Woche


Vierkanttretlager – Die Natur greift an (2012)

-erschienen bei Unter Schafen Records (Alive)-

Das sächsische Riesa im Oktober 2010: Auf dem mäßig besuchten „StadtLandFluss“-Eintagesfestival spielt neben – für eine Abendveranstaltung dieser Art – großen Bands wie den Mystery Jets oder Beat!Beat!Beat! (welche kurz vor der Veröffentlichung ihres Debüts „Lightmares“ standen und bereits mit reichlich Vorschusslorbeeren dekoriert waren) auch eine Gruppe, die wohl keinem der Zuschauer ein Begriff gewesen sein dürfte und deren Mitglieder zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Schule beendet haben: Vierkanttretlager. Vier Jungs aus dem norddeutschen Husum, optisch noch grün hinter den Ohren, doch ihre Musik schon erstaunlich ausgereift und der Sänger mit seiner Stimme, seinen Texten und vor allem seiner Ausstrahlung bereits gefühlte 10 Jahre seinem Alter bzw. seinen Altersgenossen voraus. Die (zu) wenigen bisher fertig geschriebenen Lieder werden vom Publikum begeistert aufgenommen, die Band muss in der Zugabe, nach einem Cover von Element Of Crimes „Am Ende denke ich immer nur an dich“, gar einen Song ein zweites Mal spielen. Mir war schnell klar: mit den richtigen Leuten und ausreichend Starthilfe wird man schon bald Großes von Vierkanttretlager hören.

Die bundesdeutsche Autobahn, nachts im Januar 2012: Ich höre das lange erwartete Debütalbum der Band, „Die Natur greift an“. Meine Erwartungen sind nach der 2010 erschienenen „Pension Kanonier EP“ keinesfalls die niedrigsten. Und sie werden nicht enttäuscht. Der Opener „Drei Mühlen“ beginnt druckvoll. „Leichenschmaus in der Musterhaussiedlung / Mit Erben getrunken, mit Witwen geweint / Und nebenan auf der Windparkeinweihungsparty / Ist nichts wie es scheint“. Sänger Max Leßmann singt vom gespielten richtigen Leben im falschen, davon, sich fehl am Platz in einer scheinbar glatten Kulisse zu fühlen: „Wir müssen nicht mehr Schlange stehen, weil wir die letzten sind / Und wenn euch das genügt, dann reicht mir das bestimmt“. Oha, ein Stürmer und Dränger? Ausbruch? Aufbruch? Ein logisches Thema, schließlich haben Leßmann und die drei anderen Bandmitglieder Christian Topf, Leif Boe und Momme Friedrichsen gerade erfolgreich die Schule abgeschlossen und drängen nun raus aus dem zu klein gewordenen Husum, raus aus dem Elternhaus, weg vom Wattstrand und hinaus in die weite Welt. Doch „Die Natur greift an“ ist noch einmal ein (letzter) Gruß an die Heimat, wie ein vertontes, knapp 38 Minuten langes Gedicht eines anderen berühmten Sohnes Husums: Theodor Storm. Wind und Wasser, Sonne und Sturm hocken quasi zwischen allen Zeilen, manchmal kann man Max Leßmann vor dem geistigen Auge mit ernster Miene den Strand entlang gehen sehen, den Blick stets zwischen Dünen und Meer hin und her wandernd. Die Natur, die Gesellschaft, und die Rolle des Individuums in ihr. Sinnsuche mitten in der Adoleszenz, die Traditionen als letzte Sicherheit auf der einen Seite, der Ausbruch zu neuen Ufern auf der anderen: „Schluss aus raus, wir schließen.“ In der Kleinstadt werden die Bürgersteige hochgeklappt und die Teestuben dicht gemacht. Es erstaunt, dass Leßmann Texte wie den zu „Hooligans“ bereits im Alter von 15 Jahren schrieb: „Und die Hooligans aus Nr. 10, die singen längst nicht mehr / Sie würden selber gerne nach Hause gehen / Wenn sie wüssten wo das wär‘.“ Heimat – ein altbewährtes Thema der Musikgeschichte, das wusste bereits Johnny Cash, als er die Frage „Wo ist zu Hause, Mama?“ stellte… Die Band geht es jedoch sehr ambitioniert an, ohne auf einem der zwölf Songs, mit einer Trilogie und dem gesprochenen Stück „In jedem seiner milden Blicke“ am Ende, altklug oder gekünstelt zu klingen. Chapeau.

Musikalisch sind viele Inspirationsquellen und/oder Vorbilder schnell verortet: Tocotronic, (die bereits genannten) Element Of Crime (es gibt in Stimme und Aussehen von Leßmann durchaus einige Parallelen zu EoC-Sänger Sven Regener), Erdmöbel, Turbostaat oder Tomte etwa. Rock der Güteklasse ‚Hamburger Schule‘, mit klarer Sprache und ins Hier und Jetzt transportiert. Vierkanttretlager sind mit Anfang 20 erfreulicherweise jedoch auch mutig und unbedarft genug, um in „Fotoalbum“ ein eher rock-unübliches Instrument zum Schunkelrhythmus einzusetzen: das Akkordeon – wieder ein Verweis auf die friesische Heimat. Innerhalb kurzer Zeit hat die Band unter Kollegen bereits einige glühende Anhänger und Befürworter gefunden, wie etwa Casper, der in „Hooligans“ eine Zeile singt (!) und das Quartett 2011 als Vorband mit auf Tour nahm. Am Ende findet dieses tolle Debüt- und gefühlte Übergangsalbum in „Gib deinem Leben keinen Sinn“ und der Zeile „Wir machen jetzt das Beste draus / Fahren diese Zeit ins Krankenhaus“ einen Abschluss. Vierkanttretlager ziehen in die weite Welt, tragen den Nordseestrand wohl aber immer im Herzen und Gemüt. Und schenken dem Hörer mit „Die Natur greift an“ einen erfrischenden Einstand nach Maß. Es ist Januar, und das Album bereits der erste aussichtsreiche Bewerber für meine persönlichen Top Ten 2012.

Da Vierkanttretlager und ANEWFRIEND euch nicht „blind“ in den Plattenladen eures Vertrauens schicken wollen, könnt ihr euch hier alle Songs des Albums im Stream zu Gemüte führen und euch selbst vom Talent der Jungs überzeugen (via):

1.  Drei Mühlen

2.  Mein Ruf

3.  Zwischen den Zeilen

4.  Das neue Gold

5.  Hooligans (feat. Casper) 

6.  Fotoalbum

7.  Nur die Sonne

8.  Schluss aus raus

9.  Um Schönheit zu sehen

10. Keine Menschen mehr

11. In jedem seiner milden Blicke

12. Gib dem Leben keinen Sinn

Wer es ermöglichen kann, sollte sich Vierkanttretlager auch unbedingt einmal live und im Konzert geben. Die Jungs sind momentan auf Deutschlands Straßen unterwegs, die aktuellen Daten findet ihr hier.

 

Rock and Roll.

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5 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] der Woche“ gekürt wird, hier noch das neue Video zur aktuellen Singleauskopplung aus ANEWFRIENDs derzeitigem „Album der Woche“: „Die Natur greift an“ von […]

  2. Klaus sagt:

    Interessanter Post. Würde gern mehr Artikel zu der Thematik lesen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

  3. Colin sagt:

    Ich muss sagen, mir gefaellt das Theme. Nicht so uebertrieben, dafuer Benutzerfreundlich. Gut ausgesucht!

Schreibe eine Antwort zu Der Jahresrückblick 2012 – Teil 4 « ANEWFRIEND Antwort abbrechen

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