Das Album der Woche


 Casper – XoXo (2011)

Auch auf die Gefahr hin, dass einige jetzt gelangweilt abwinken oder in die endlosen Weiten der weltweiten Netzes entschwirren werden, möchte ich noch einmal einige Worte über „XoXo“, ANEWFRIENDs Platte der Woche, und überhaupt: mein Album des Jahres 2011, verlieren.

Warum dieses Album? Nun, im letzten Jahr wurden wohl nur wenige andere Platten mit ähnlicher Spannung erwartet, bei wenigen anderen (wie Adeles „21“) war auch der Hype im Vorfeld größer. Ehre, wem Ehre gebührt. Der 28-jährige Benjamin Griffey erfindet zwar mit seinem (regulären) Zweitwerk – der Vorgänger „Hin zur Sonne“ erschien 2008 – das Rad nicht neu, hebt aber den deutschen HipHop auf eine neue Stufe. Sein Konzept, auch Studioalben im Bandsound einzuspielen, kennt man zwar schon von (unter anderem) Dendemanns „Vom Vintage verweht“, doch geht Casper persönlicher zu Werke als der auf Sprachwitz getrimmte ehemalige EinsZwo-Wortakrobat.

Angefangen bei „Der Druck steigt“, eine Anspielung auf den gleichnamigen Song seines Kumpels Prinz Pi, der den Bandsound übrigens nun auch für sich entdeckt hat, gelingt es Griffey, den Hörer über die kompletten 49 Minuten für sich einzunehmen. Die Texte sind durchgängig persönlich, die sonst für den HipHop klischeehaft-üblichen Disstracks findet man eher auf den Album-B-Seiten wie „Wilson Gonzales“ wieder. Dabei gelingt Casper das große Kunststück, zwar von seinem Leben und Erleben zu erzählen, jedoch gerade persönlich genug zu werden, um dem Hörer noch ausreichend Freiraum zu lassen, sich auch selbst in seinen Texten wiederzufinden. Und egal, ob er nun von der übergangenen Jugend („Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)“ / „Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2)“), dem Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, gesellschaftlichen Konventionen und alten Zwängen („Auf und davon“), dem Gefühl nach dem Freischwimmen vom Trott („XoXo“, inklusive Gastbeitrag von Thees Uhlmann) oder der bitteren Erinnerung an ein One-Night-Stand („230409“) rappt – das Niveau bleibt hoch. Besonders bewegende Songs sind „Michael X“, die Hommage an einen zu früh verstorbenen Freund, bei dem die Backing Band einen Post-Rock-artigen Sound à la Explosions In The Sky kreiert, „Das Grizzley Lied“, in dem Griffey von seiner von Umzügen zwischen den USA (der Heimat seines Vaters, einem US-Soldaten) und Deutschland geprägten Kindheit erzählt, oder „Kontrolle/Schlaf“, welches von den Schattenseiten des Gefühlslebens handelt und von einem kurzen, sehr persönlichen Spoken Word-Intro (mit einem Erinnerungs-O-Ton von Arlen Griffey, Caspers Vater) eingeleitet wird. Auf „XoXo“ wird im Kleinen von sich selbst angefangen und nach und nach alle, die sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlen, mit an Bord geholt. Casper, der Seelentröster. Ist das noch HipHop? Oder schon, wie, mehr im Scherz als im Ernst, im Vorfeld von Casper selbst betitelt „DoomHop“ oder „RapGaze“? Scheißegal, „XoXo“ ist so rund und gelungen wie nur wenige Alben 2011.

Dass solch ein Album in der HipHop-Szene und der deutschen Musiklandschaft auf geteiltes Echo stößt, ist natürlich logisch. Als „zu pop-affin“ wurde es betitelt, Casper als „Emo-Rapper“ abgestempelt und der Ausverkauf an die breite Masse vorgeworfen. Doch was ist schlimm daran, mit einem Werk und ehrlich gemeinten, intelligenten Texten eine möglichst große Hörergruppe ansprechen zu wollen? Man merkt, dass hier lange an (Band)Sound und Texten gearbeitet und gefeilt wurde. Und wer einmal ein Konzert von Casper besucht hat, wird wissen, dass der aus Bielefeld stammende und jetzt in Berlin (wo sonst?) lebende Rapper nicht aufs schnelle Geld aus ist und ihm der Erfolg seines Nummer-Eins-Albums lediglich Recht gibt. Und auch die zahlreichen Bestenlistenplätze in den Jahrescharts von Online- und Printmedien sprechen eine deutliche Sprache: Casper ist alles andere als Everybody’s Darling der Stunde, alles andere als eine Eintagsfliege oder Konsensrapper. Casper ist gekommen um zu bleiben.

Ich habe lange kein so kurzweiliges Album mehr gehört, dass mich auch nach vielen, vielen Durchläufen – und trotz Pop-Faktor! – noch bei der Stange hält und die Repeat-Taste drücken lässt. Hier spricht das Herz, wo bei anderen nur die dicke Hose spricht. Ich höre gern zu.

An dieser Stelle sei auch Caspers „Auf den Dächern“-Session aus der gleichnamigen Reihe des Online-Musikvideosenders tape.tv empfohlen. Lohnt sich.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

5 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. Colin sagt:

    Netter Blog, gefaellt mir sehr gut. Auch interessante Themen.

  2. […] die viele der Trademarks in sich vereint, welche bereits den erfolgreichen Albumvorgänger “XOXO” auszeichneten: Bandinstrumentierung, Emotionen und groß aufgetragene Videomomente – […]

  3. […] haben, als er sich nach der Endlostour zu seinem vor zwei Jahren erschienenen dritten Album “XOXO” so seine Gedanken machte. Wie geht’s nun weiter? Eine durchaus berechtigte […]

  4. […] gilt auf für Casper, dessen letzten beiden Alben „XOXO“ und „Hinterland“ ja 2001 beziehungsweise 2013 noch in meinen persönlichen Top 5 […]

  5. […] Gänze natürlich noch längst kein schlechtes – vielmehr waren die beiden Vorgänger „XOXO“ und „Hinterland“ so […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: