Flimmerstunde – Teil 4


ANEWFRIEND war am gestrigen Abend mit der besten Freundin im Kino und hat euch einen Filmtipp mitgebracht…

 

Kriegerin (2011)

La tristesse durera. Keine Hoffnung, nirgends…

Eine Landjugend in der ostdeutschen Provinz: Arbeit ist rar, die Abneigung gegen die Asylbewerber im Ort, zusätzlich unterfüttert von lokalen rechtspopulistischen Politikern auf Dummfang, dementsprechend hoch. Marisa (Alina Levshin) ist Anfang Zwanzig, trägt ihre Gesinnung mit Tätowierungen wie „Skingirl“, „14 Words“ (ein dem US-Faschisten David Eden Lane zugeschriebener Glaubenssatz, welcher verklausuliert ausdrücken soll, dass die sogenannte „arische Rasse“ allen anderen Rassen überlegen ist) oder dem Hakenkreuz über der Brust offen zur Schau, „Nazibraut“ steht auf ihrem Shirt, ihre blonden, langen, strähnigen Haare sind teils geschoren. Zusammen mit ihrer  Skinhead-Gang läuft sie breiten Schrittes und mit grimmiger Miene durch die S-Bahn, pöbelt Fahrgäste an, zeigt den Hitlergruss, schließlich schlagen sie einen asiatischen Jugendlichen zusammen. Bald darauf wird ihr Freund Sandro (Gerdy Zint) von einer Polizeieinheit im Haus von Marisas Mutter festgenommen. Nun wartet sie auf dessen Freilassung, fristet ihr tristes Dasein als Kassiererin in dem kleinen Dorf-Supermarkt, säuft, fährt durch die Gegend, hängt mit ihrer Clique am Baggersee herum, steht ständig unter Strom. Gelöst sieht man Marisa nur, wenn sie den kranken Großvater, welcher sie zwar schon früh zu Härte, Stärke und Vorsicht „vor den Juden“ erzogen hat, zu dem sie aber als einzigen Menschen eine liebevolle Beziehung hat, im Krankenhaus besucht. Am emotionalen Wendepunkt des Films drängt sie, aus Wut und im Affekt, zwei afghanische Jugendliche, welche mit dem Moped unterwegs sind, mit ihrem Auto von der Straße. Getrieben von Schuld freundet sich sich zögerlich und Stück für Stück mit einem der beiden, Rasul (Sayed Ahmad), an, hinterfragt ihre so sicher geglaubten Wertvorstellungen und entfernt sich damit unbemerkt auch von ihren „alten“ Freunden.

Parallel dazu stößt die 15-jährige Svenja (Jella Haase) zur Gruppe, die, von Neugier, Hormonen und der Rebellion gegen ihren kontrollsüchtigen Vater getrieben, unbedarft und naiv nach Anschluss sucht. Während sich das eine Mädchen von der Gruppe löst und ihren Horizont erweitert, drängt das andere mit aller Macht hinein. Als beide aufeinander treffen, setzt das eine folgenreich-tragische Kettenreaktion in Gang, an deren Ende, wie meine Begleitung treffend richtig feststellte, das wohl einzig positiv mögliche Ende steht…

Der Debüt- und Diplomfilm (!) von Regisseur David Wnendt zeichnet mit rasanter Erzählweise und dokumentarischer Härte ein plastisches Bild der hängengebliebenen, desillusionierten Jugend in der (ost)deutschen Provinz. Umgang und Tonfall sind rau, die Augen traurig, das Weltbild beschränkt-alkoholverhangen, der Sex hart, schnell und frei von Liebe. 19 Jahre nach „Romper Stomper“, 13 Jahre nach „American History X“ gibt es mit „Kriegerin“ nun einen gleichwertigen deutschen Film. Alina Levshin spielt die Hauptrolle grandios und mit aller ihr möglichen Eindringlichkeit und Glaubwürdigkeit. Und trotz der Tatsache, dass hier (zutreffende) Klischees bedient werden und, zwischen den Zeilen, der Zeigefinger erhoben wird, ist „Kriegerin“ uneingeschränkt zu empfehlen und einer der besten deutschen Debütfilme seit langem.

 

Rock and Roll.

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Ein Gedanke zu „Flimmerstunde – Teil 4

  1. Oli sagt:

    Ich bin eben zufaellig auf den Blog gekommen. Gefaellt mir bis jetzt sehr.

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