Flimmerstunde – Teil 3


Versprochen ist versprochen – ich habe mich, zum Ausbau meiner Fähigkeiten als Sommelier, per Videoschaltung in die Weinberge Arizonas gewagt…
 
Blood Into Wine (2010)

Maynard James Keenan. Stand dieser Name Ende der 90er und Anfang des neuen Jahrtausends noch für den wohl enigmatischsten und scheusten Frontmann im Alternative Rock-/Metal-Circus (Journalisten dies- wie jenseits des Atlantiks können ganze Arien davon singen!), kann man in der Dokumentation „Blood Into Wine“ nun der bewussten Entmystifizierung des ehemaligen Tool– und A Perfect Circle-Frontmanns beiwohnen.

Hielt er sich bei eben genannten Bands noch geschminkt, maskiert oder verkleidet im Hintergrund auf, sieht man ihn hier in der staubigen Erde von Jerome, Arizona wühlen. Denn genau dahin, in das 350-Seelen-Örtchen zwei Stunden entfernt von Phoenix, hat es Keenan Ende der 90er nach seiner Flucht aus Los Angeles verschlagen. Er suchte nach einem Ausgleich zum Musikbusiness und einer neuen Herausforderung und fand zum Weinanbau und in dem studierten Ökologen und Weinfachmann Eric Glomski einen kompetenten und ebenso abenteuerlustigen Partner für diese Pionierarbeit. Der Zuschauer erfährt in dem 90-minütigen Film von Ryan Page und Christopher Pomerenke, neben einigen grundlegenden Informationen über die Geschichte des Weinanbaus (vor allem in den USA) und der Weinkultur, wie erschwerlich, kostspielig, arbeitsaufwändig und aufreibend, aber auch lohnenswert (bisher eher im ideellen Sinn) dieses Vorhaben ist. Jedes Mal, wenn die Dokumentation droht, zu sehr in Richtung Infokanalhaftigkeit oder Fachsimpelei abzudriften, wird sie von kurzen Comedy-Einspielern aufgelockert, die Keenan in einer gefakten Fernsehsendung namens „Focus on Interesting Things“ und in der Mangel zweier Moderatoren (gespielt von den US-Komikern Tim Heidecke und Eric Wareheim) zeigen, denen der glatzköpfige Wein-Pionier als Interview-Ersatz für Keanu Reeves vorgesetzt wurde und die nun in einer Tour seine Weine als „piss“, „poison“ und als Gefahr für die Gesellschaft verunglimpfen. Und was macht Keenan? Behält die Contenance, lacht sogar einmal kurz (und wohl zum ersten Mal in seinem Leben). Das wäre in seinem früheren Dasein als Tool-Fronter nicht einmal in einem weit entfernten Paralleluniversum möglich gewesen… Auch Freunde und Bekannte des Musikers, wie Milla Jovovich oder Patton Oswalt (King of Queens), haben kurze Auftritte.

Musikinteressierte Zuschauer, die mit den (zugegebenermaßen wenigen bekannten) Details der Biografie Keenans vertraut sind, stellen sich automatisch die Frage, inwieweit die Person, die sie da gerade an Reben seines Weinguts Caduceus herumknipsen oder bis zum Ellenbogen im Weinsuppe wühlen sehen, noch etwas mit der Stimme hinter Platten wie „Aenima“ (1996) oder „Lateralus“ (2001) zu tun hat? Nun, im Prinzip wenig. Maynard James Keenan wirkt deutlich gelöster und entspannter als noch zu Tool-Zeiten und gibt offen und unumwunden zu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er sich jemals wieder vollends einer Band widmen werde, schlecht stehen. Der Weinanbau ist jetzt seine neue Berufung, die Musik als Hobby nur noch in der Nebensaison und mit Puscifer als Projekt möglich. Und das nimmt man ihm ab. Nicht nur während und aufgrund der einzigen traurigen Szene der Dokumentation, als Keenan erzählt, wie er die Asche seiner 2003 verstorbenen Mutter über dem Weinberg verstreute, damit diese in den Weinen weiterlebt und in dieser Form all die Reisen um die Welt antreten kann, zu denen sie zeitlebens wegen schwerer Krankheit nicht in der Lage war. Und einen Wein nach ihr benennt (den Cabernet Sauvignon „Nagual del Judith“). Der 47jährige geht mit der gleichen Ernsthaftigkeit zu Werke wie noch vor etwa zehn Jahren als Musiker und man wird während der kompletten 90 Minuten das Gefühl nicht los, dass er bei jeder Einstellung und jedem Schnitt dieses Films (der in den USA übrigens im Kino lief) seine Finger im Spiel hatte und ihn vor allem als Marketing-Tool nutzt (was nun auch nichts schlechtes oder verwerfliches ist).

Doch für alle, die bis zu „Blood Into Wine“ auf Anzeichen auf eine Rückkehr von Tool oder A Perfect Circle gehofft haben, bleibt die traurige Erkenntnis: Tool sind tot! Darauf einen 2007er Schoppen des Weinguts Caduceus!

Weiterschauen: Sideways von 2004 – Menschen mittleren Alters inmitten von Neurosen und kalifornischen Weinbergen.

 

Rock and Roll.

3 Gedanken zu „Flimmerstunde – Teil 3

  1. […] während er sein Glück im professionellen Weinanbau suchte (nachzuverfolgen im Doku-Film “Blood Into Wine“). Aber seine sporadischen Veröffentlichungen mit dem Projekt Puscifer sowie die […]

  2. […] Wüstenboden Arizonas Wein anzubauen (zu sehen in der noch immer tollen Dokumentation “Blood Into Wine“) – und damit auch noch Erfolg hatte. Und auch die Musik verlor der 49-Jährige […]

  3. […] Weinbauer und -produzent (Interessierte können diesen Weg mithilfe der Dokumentation „Blood Into Wine“ nachverfolgen), Buchautor (seine Autobiografie „A Perfect Union of Contrary […]

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