Das Album der Woche


My Morning Jacket – Okonokos (2006)

Ich hatte in dieser Woche das Vergnügen, etwa 700 Kilometer (oder acht Stunden) auf bundesdeutschen Straßen und Autobahnen zu verbringen. Ein Mittel, um mir die Zeit nicht zu lang werden zu lassen und mich bei Laune zu halten, sind Live-Alben – zwar kürzer als die meisten ewig langen iTunes-Playlists, aber auch länger als die meisten Alben. Außerdem (im besten Fall) mit einem schönen Querschnitt durch das Oeuvre der Künstler, und einer durchgängigen Grundatmosphäre.

Da die Fahrt an diesem Tag um einiges länger war als sonst, hatte ich endlich einmal Zeit, mich der erweiterten Variante eines Live-Albums zu widmen, von dem der deutsche Rolling Stone in seiner Rezension im Jahr 2006 schrieb, dass man, sobald man diese Platte sein Eigen nennt, getrost alle übrigen Live-Alben verschenken/verkaufen/verschrotten könne: „Okonokos“ der US-Band My Morning Jacket. Nun, ganz so weit würde ich nicht gehen wollen und doch noch wenigstens fünf oder sechs weitere Live-Platten (wie z.B. Bruce Springsteens „Hammersmith Odeon, London ’75“ mit der E Street Band, aber das ist eine andere Geschichte) behalten wollen. Aber so ganz unrecht hat der Rezensent damit nicht…

Immer, wenn ich gerade diese Band höre, muss ich am meine Lieblingsszene aus Cameron Crowes Film „Elizabethtown“ denken: auf der Trauerfeier nach der Beerdigung des Vaters des Hauptdarstellers beginnt eine Band, „Freebird“ zu spielen. Durch ein Missgeschick bricht ein Feuer im Saal aus, die Sprinkleranlage springt an, die Gäste flüchten. Nur die Band, die spielt unverdrossen weiter, legt noch einen Zahn zu, spielt sich im Kunstregen in einen wahren Rausch. Diese Band, das sind My Morning Jacket.

(ich konnte die Szene auf Youtube leider nur mir russ. Tonspur finden, da es jedoch um die Bilder und die Musik geht, ist das eher zweitrangig…)

 

„Okonokos“, die 2005 im legänderen Fillmore West aufgenommene und 2006 veröffentlichte erste Live-Werkschau des Quintetts aus Louisville/Kentucky, ist dieser Szene nicht ganz unähnlich. Die Band beginnt verhältnismäßig gemächlich mit „Wordless Chorus“ und „It Beat 4 U“, um dann mit dem großartigen „One Big Holiday“ (für mich einer der besten Rocksongs aller Zeiten, zu überprüfen im Video unten) die Zuschauer kopfüber in zwei Stunden großer Verneigung vor der Kunst, mit einfachen Mittel große, in Töne und Rock gegossenen Momente zu erschaffen. Setzt die Band in der ersten Konzerthälfte noch auf die Mischung aus knackiger Hit-an-Hit-Aneinandereihung und kurzer Verschnaufpausen für die Zuschauer und Zuhörer, wie in den Steel Guitar-Schunklern „Golden“ oder „Sooner“, geht der Fünfer im zweiten Teil zu ausuferenden Songs wie „Dondante“ (mit Saxofon-Solo!), „Steam Engine“ oder „Run Thru“ über, welche zusammen eine gute halbe Stunde in Anspruch nehmen, und spielt sich in einen wahren Rausch. Doch egal wie lang ein Song dieses Konzerts ist, es wird zu keinem Zeitpunkt langweilig oder zäh. „Okonokos“ als Ganzes ist unglaublich, rund, abgeklärt, stimmig und frisch geraten, wie ich es bei den 70ern zugewandtem Rock schon ewig nicht mehr erlebt habe. Und ich kann noch nicht einmal beschreiben, was genau die Magie ausmacht… Der stellenweise an einen energischen Neil Young erinnernde Falsetto-Gesang von Sänger Jim James? Die galanten Wechsel zwischen Southern Rots Blues, angejazzten Psychedelic Jams und unglaublich poppigen Refrains? Das dynamische Drumming? Das großartige Mastering? Alles! Hier wohnen Euphorie und Sehnsucht Tür an Tür, und Begrüßung und Abschied gleich gegenüber.

My Morning Jacket bieten mit 21 Songs in 123 Minuten einen Querschnitt durch ihr Schaffen von (damals) vier Alben. Man vermisst nichts. Ich selbst mag bei dieser Band ausschließlich die Live-Aufnahmen, da mich die Studioversionen aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund ins kleinster Weise in dem Maße mitreißen… Aber solange es Live-Alben wie „Okonokos“ gibt, habe ich auch keinen Grund, mir eines ihrer anderen Alben anzuhören. Das hier ist eine Machtdemonstration und die wohl beste (gitarrenlastige) Live-Platte seit Built to Spills „Live“ (2000).

(Die mir vorliegende – oben bereits erwähnte – erweiterte Variante wurde von enthusiastischen und technik-affinen MMJ-Fans um die auf der CD nicht enthaltenen Aufnahmen der DVD Deluxe Edition erweitert und ist somit satte 80 Minuten länger… Solltet ihr Interesse an dieser Variante von „Okonokos“ haben, so schreibt mir eine Mail – an evanelliott@gmx.de – und ich sage euch, woher ihr die „Extended Version“ bekommen könnt…)

 

Rock and Roll.

Ein Gedanke zu „Das Album der Woche

  1. […] Jacket für mich einer der besten Rocksongs aller Zeiten ist (und bleibt!), hatte ich ja bereits vor ein paar Jahren geschrieben. Allein der Aufbau dieses GitarreSchlagzeugBass gewordenen Monsters aus Kraft, […]

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